Gemäßigten Muslimen die Hand reichen

25. März 2013 12

Warum es Sinn macht, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, um der Hassideologie das Wasser abzugraben

Wie wörtlich leben Muslime den Islam? - Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de

Wie wörtlich leben Muslime den Islam? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Von nicht-linken Kreisen wird mein Buch teilweise dafür kritisiert, dass ich durchaus zwischen „Islam“ und „Islamismus“ unterscheide. Auch Felix Strüning geht in seiner CT-Rezension hierauf ein. Zur Frage nach der Notwendigkeit eines solchen Unterscheidens wird teils sehr polarisierend gestritten. Der Konflikt hierüber hat insbesondere verlagsintern zu heftigen Zerwürfnissen geführt, sodass mein Verleger Hansjoachim Bernt letztlich nicht mehr mit Geert Wilders zusammenarbeiten konnte (siehe auch CT-Interview).

Einige Beobachter mutmaßen: Ist lediglich die Angst vor juristischen Problemen der Grund dafür, warum der Verleger und ich zwischen „Islam“ und „Islamismus“ unterscheiden? Ist diese Unterscheidung eine opportunistische Reaktion auf straf-, zivil- oder beamtenrechtliche Risiken? Nun, es gibt über die juristischen Erwägungen hinaus noch einen weiteren Grund, warum ich nach wie vor durchaus zu einer begrifflichen Unterscheidung zwischen „Islam“ und „Islamismus“ tendiere. Zu diesem Zweck tätige ich im Folgenden ein paar simple sprachwissenschaftliche Ausführungen.

Viele Begriffe unterliegen im historischen Verlauf einem Bedeutungswandel. Die Bedeutung eines Wortes kann sich zum Beispiel „ausdehnen“ – dazu ein denkbar einfach gestricktes Beispiel: „Holland“ ist eigentlich die Bezeichnung für bestimmte Provinzen im äußersten Westen der Niederlande. Im historischen Verlauf hat es sich jedoch ergeben, dass der Begriff „Holland“ zum Synonym für die gesamten Niederlande wurde. Ebenso entwickelte sich „England“ zu einem Begriff, mit dem das gesamte Großbritannien oder sogar das gesamte Vereinigte Königreich bezeichnet wird. Ein weiteres Beispiel: Im Bereich der Taschentücher bezeichnete „Tempo“ ursprünglich nur ein bestimmtes Markenlabel, längst wird „Tempo“ jedoch für sämtlich Taschentücher als Bezeichnung benutzt. Eine ähnliche Ausdehnung hat im historischen Verlauf bekanntlich auch „Tesa“-Film erlebt.

So ist Sprache nun mal: lebendig, nicht statisch. Und so hat auch der Begriff „Islam“ eine erhebliche Ausdehnung erfahren. Zum „Islam“ fühlen sich heutzutage nicht nur diejenigen zugehörig, die den Koran im wortwörtlichen Sinne auslegen, so wie es Salafisten tun. Gemäß des heutigen Sprachgebrauchs fühlen sich dem „Islam“ auch solche Menschen zugehörig, die in lediglich geringem Ausmaß in islamisch-religiöse Rituale eingebunden sind. In besonders stark ausgeweitetem Sinne bezeichnet „Islam“ sogar schlichtweg einen bestimmten „Kulturraum“.

Wenn Geert Wilders den Islam als eine „Hassideologie“ bezeichnet, so orientiert sich der PVV-Chef offenbar an der „klassischen“ Bedeutung des Begriffs Islam. Und gemessen an genau dieser Bedeutung mag Wilders Recht haben mit seiner Einschätzung, dass der Islam eine Bedrohung für unsere westlichen Freiheiten darstellt und gar Parallelen zum Nationalsozialismus aufweist. Denn der gewaltsame Dschihadismus ist, hier hat auch Strüning in seiner Rezension meines Buches Recht,  eine begründbare Auslegung des Korans sowie der Prophetenbiografie Sunnah. Legt man also besagte „klassische“ Bedeutung des Begriffs Islam zugrunde, wie offenbar auch Herr Strüning es tut, erscheint eine gesonderte Unterscheidung zwischen „Islam“ und „Islamismus“ wahrlich abwegig.

Die meisten Menschen, die sich in Deutschland als dem „Islam“ zugehörig bezeichnen, orientieren sich jedoch keineswegs an dieser „klassischen“ Begriffsbedeutung. Sie legen ein neuartiges Begriffsverständnis zugrunde. Und warum sollte man ihnen dieses zum Vorwurf machen? Als mein Freund neulich kurz nach Venlo fuhr und hinterher sagte, er sei in „Holland“ gewesen, habe ich ihm schließlich auch keinen belehrenden Vortrag darüber gemacht, dass Venlo überhaupt nicht im klassischen „Holland“ liegt, sondern „nur“ in den Niederlanden. Auch in meinem Buch schreibe ich im Zusammenhang mit Fortuyn und Wilders von „Holland“, auch wenn es aus sprachlich-„altkluger“ Sicht eigentlich die Niederlande sind, die ich meine.

Ich gestehe Geert Wilders durchaus zu, sein klassisches Begriffsverständnis in seinen Reden und Publikationen anzuwenden und den Islam somit als eine Hassideologie ebenfalls wie den Nationalsozialismus zu verurteilen. Ich selbst habe mich jedoch bewusst dafür entschieden, diejenige Bedeutung des Worts „Islams“ zugrunde zu legen, die sich gesellschaftlich entwickelt hat. Als Bezeichnung für das Streben nach gewalttätigem Dschihadismus wähle ich den Begriff „Islamismus“.

Diese Differenzierung ist als sprachliches Entgegenkommen in Richtung der „gemäßigten“ Muslime in Deutschland zu verstehen, welche ich für den Kampf gegen den gewaltsamen Dschihadismus gewinnen möchte. Diese gemäßigten Muslime, die sich subjektiv dem „Islam“ zugehörig fühlen, würde man unnötig vor den Kopf stoßen, wenn man darauf besteht, das Wort „Islam“ ausschließlich in „klassischen Sinne“, also als Bezeichnung für eine Hassideologie zu benutzen.

Sicher muss und darf Appeasement gegenüber den Muslimen in Deutschland nicht zu weit gehen, das stelle ich auch in meinem Buch ganz deutlich klar. Doch gemäßigten Muslimen mit leichten Zugeständnissen auf begrifflicher Ebene die Hand zu reichen, kann hoch wertvoll sein. Denn diese gemäßigten Muslime, die ich vor Augen habe und die es zahlreich in Deutschland gibt, lehnen einen gewaltsamen Dschihad ab und haben insofern viele Gemeinsamkeiten mit mir. Angesichts dieser großen gesinnungsmäßigen Übereinstimmung wäre es grob „dumm“, aufgrund von Penetranz auf der sprachlichen Ebene das Potenzial an Dialog- und Kooperationsbereitschaft zu gefährden.

Religion ist ihrem Grundwesen nach ritualisierte Angstbewältigung. Wir werden die Sehnsucht vieler Menschen nach Haltfindung in ihrer Religion nicht innerhalb weniger Generationen auslöschen können. Auch in westlichen Ländern haben sich die Menschen erst sehr allmählich, über viele Generationen hinweg, von ihrer Religion, dem Christentum, in dem Sinne entfernt, dass sie sich zwar noch als „Christen“ bezeichnen, diese Religion jedoch als Handlungsanweisung nicht mehr allzu wichtig nehmen. Genauso kommt den liberalen Muslimen als leibhaftige Vorbilder die wichtige Funktion zu, ihre orthodoxeren Glaubensbrüder aus dem Würgegriff eines tyrannisch polit-religiösen Systems zu befreien, ohne sich komplett verloren und unmoralisch zu fühlen.

Weil folglich die „liberalen“ Muslime als wichtiger Stützpunkt im Kampf gegen die orthodoxe Hassideologie dienen können, sollten humanistisch-säkulare Bewegungen gerade diese „liberalen“ Muslime nicht verstoßen. Lieber verzichte ich darauf, das Wort „Islam“ mit „Islamismus“ gleichzusetzen, als dass ich diese (im Kampf für unsere Demokratie strategisch wichtige) Bevölkerungsgruppe durch begriffliche Beharrlichkeiten verprelle. Meines Erachtens hat dieses weniger mit „Weichspülerei“ zu tun als mit diplomatisch gebotener Empathie.

Ob jemand eine solche Empathie zu strategisch-diplomatischen Zwecken einsetzen möchte, bleibt freilich eine individuelle Entscheidung. Ich kann und werde für meine Vorgehensweise weiter werben, doch verbieten möchte ich Herrn Wilders und anderen die Gleichsetzung von „Islam“ und „Islamismus“ keineswegs. Denn es gibt wahrlich zahlreiche Stellen im Koran, welche sich wiederum zu einem Gesamtbild fügen, welche eine solche Gleichsetzung im Sinne der Meinungsfreiheit als gerechtfertigt erscheinen lässt.

Fazit: Jeder hat das Recht, „Islam“ und „Islamismus“ gleichzusetzen. Aber jeder hat ebenso das Recht, aus Gründen diplomatischer Strategie auf die Ausübung dieses Rechts zu verzichten.

Daniel Krause (2013): Als Linker gegen Islamismus. Ein schwuler Lehrer zeigt Courage. Radolfzell: HJB-Fakten, 176 Seiten, 12,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

Lesen Sie auch das CT-Interview mit Dr. Daniel Krause sowie eine Studie über die tatsächlichen Werte und Einstellungen der Türken in Deutschland.

12 Comments »

  1. Agnostix 25. März 2013 at 13:52 - Reply

    Fazit: Jeder hat das Recht, „Islam“ und „Islamismus“ gleichzusetzen. Aber jeder hat ebenso das Recht, aus Gründen diplomatischer Strategie auf die Ausübung dieses Rechts zu verzichten.

    Hat dann auch jeder das Recht, freilich nur aus „diplomatischer Strategie“, zwischen dem *guten* Nationalsozialismus, praktiziert von der Kioskfrau am Eck, die keine Menschen in die Gaskammer schicken will und dem *bösen* Nationalsozialismus zu unterscheiden?

    Oder anders: Ist der gute *Islam* gleichzusetzen mit dem *guten* Nationalsozialismus?

  2. sirius 26. März 2013 at 11:25 - Reply

    1.)Es geht um Wahrheit und freie Rede. Wenn die in Deutschland nichts gilt,dann ist es das Problem Deutschlands und der Entwicklung von Demokratie.(in den USA Kampf um den First Amendment.Siehe Spencer/)

    2)Da hätte ich dann doch die Frage: Welche „gemässigten“ Muslime distanzieren sich von diesen Taten???Es gibt Muslime die glauben drann und welche die nicht so ganz drann glauben……

    3.)Wenn man da unterscheiden würde, zwischen Islam und Islamismus, müsste dann immer klar sein das der Massenmörder, Hetzer,Versklaver und Kindersexpropagandist Mohammed und sein Umfeld,die ein anti-europäisches und anti-zivilistatorisches Projekt,Namens Ummah-Scharia-Sklavismus erzeugt haben, ebenfalls Vertreter des Islamismus sind.

    https://vimeo.com/album/2275079/video/61036278

    4.) Die Trennung von Staat und Religion wurzelt in der Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Führung(katholisch) und der Zwei-Reiche Lehre(protestantisch).
    Selbst der strikte Laizismus fusst im heterodoxen Christentum franz. Provinienz.Es gibt Errungenschaften die sind mit einer Kultur verknüpft und nicht beliebig.
    5.) Jeglicher Kulturrelativismus ist abzulehnen.

  3. sirius 26. März 2013 at 11:31 - Reply

    -Und dann müsste man die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus auch an der Uni implementiert werden. Also alles was mit Dschihad verknüpft ist, muss offensiv von jedem Dozenten abgelehnt und verurteilt werden.“Korrigierter Koran“.Die guten Nazis und die böse Rassenlehre???
    -Islam ist immer Islam-Apartheid. Auch das ist ein weiteres Problem

  4. sirius 26. März 2013 at 22:39 - Reply

    Und was mir auch noch eingefallen ist in diesem Zusammenhang ist die Ausbildung des Dschihadsystems.Dies kann kriegerisch erfolgen oder friedlich.Letztlich ist es eine Art Mafia-Klientelismus der extrem wuchert und wo man reinkommt aber nicht mehr rauskommt(nur noch als Leiche).Dieses Sozialverhalten funktioniert in einer Geldökonomie wie auch ohne Geldökonomie.
    ——————–
    Mir als Neokonservativen ist klar, dass Religion eine anthropologische Konstante ist. Die Sphäre des religiösen,des mythischen ist immer existent.(einerlei ob real oder irreal,rational oder irrational,wahr oder falsch).In der Krise steuert das darunterliegende Kultursubstrat wieder direkt und unvermittelt.Deshalb konnte der Mohammedanismus sich auch immer wieder erholen,dort wo er und sein Kultursubstrat nicht abgeschafft und durch eine andere Religion/Mythos ersetzt wurde.
    Dort wo die Kultur zersetzt wurde(durch Relativismus oder direkte Zerstörung) tritt die „Stärkere“/Lebendigere in Erscheinung(Vakuumfüllung).In Kombination mit Migration verheerend.

    http://www.youtube.com/watch?v=VCOATypshlY

    http://www.youtube.com/watch?v=ag0Df9fQeYw

    http://www.youtube.com/watch?v=3WDmRAASuKc

  5. Rudolf Stein 30. März 2013 at 15:45 - Reply

    Für mich ist der Begriff Islamismus Neusprech, der das Ziel hat, aus dem Islam all das auszusondern, was für Muslime in Ländern, in denen sie nicht die politisch Bestimmenden sind, opportun ist, zu verschweigen. Ich habe noch von keinem einzigen Muslim gehört, dass er dafür ist, das Grundgesetz und die dem GG adäquaten gesellschaftlichen Regeln beizubehalten, sollte es eines Tages einen muslimisch dominierten deutschen Staat geben. Es ist nicht logisch, nicht zu erwarten, dass im Falle eines muslimisch dominierten deutschen Staates genau jener aus Religion, staatlicher Macht und Scharia bestehender Islamismus realisiert würde, wie das in den Ländern der Fall ist, wo der Islam vorherrschend ist. Daher ist die Ausgrenzung des Begriffs Islamismus aus der Debatte und seine Verortung bei den Wahabiten ein Kunstgriff, um die Definition des Islam als eine Religion des Friedens zu retten – zu retten angesichts dessen, was Muslime innerhalb und außerhalb dieses Landes im Namen ihrer Religion tun. Dieser Kunstgriff geht so weit, dass man in Zweifel zieht, ob Saudi Arabien überhaupt muslimisch sei. Der Begriff „Gemäßigter Muslim“ dürfte für diesen ehrabschneidend sein, denn er implementiert, dass er Abstriche macht am Koran und den Vorbildwirkungen seines Propheten. Genauso gut könnte man ihn als „50%-Muslim“ oder „Zweidrittel-Muslim“ bezeichnen, was er empört abstreiten würde.

  6. u.jierchhoff 2. April 2013 at 19:46 - Reply

    Bitte:
    Deutsch.
    Und richtig.
    Nicht „Sinn machen“ sondern, sinnvoll sein, sinn haben, nützlich sein, zweckdienlich sein, Sinn und Zweck von…
    Der sinngebende Faktot ist im Deutschen grundsätzlich der Mensch und nicht die Sache.

  7. Friedrich 12. August 2013 at 01:27 - Reply

    Wenn der Autor schreibt, dass er die nicht gewalttätigen, gemäßigten Moslems für den Kampf gegen den Islamismus gewinnen will, hat er nicht verstanden, dass nicht die moslemischen Fundamentalisten oder Terroristen das Problem sind, sondern der Islam als solcher. Ob die Ziele des Islams friedlich oder mit Gewalt verfolgt werden, ist letztlich nur eine Frage der Wahl der Mittel. Damit will ich nicht abstreiten, dass es viele Moslems gibt, die ihren Glauben nicht so ernst nehmen. Letztlich sind es aber viel zu viele, die sich einen Gottesstaat wünschen und sich damit radikal gegen unsere Vorstellung von einem Staat wenden, dies gerade auch unter jungen Muslimen, wie Umfragen zeigen. Indem man zwischen Islam und Islamismus unterscheidet, schiebt man das eigentliche Problem auf die lange Bank. Das wird sich erweisen, wenn die moslemische Bevölkerung in Westeuropa wahlentscheidenden Einfluss gewonnen haben wird und sich durch Forderungen in den Parlamenten artikulieren wird.

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