Randständiges anschaulich: Atlas wirft die Welt ab

22. März 2013 0

Tanja Krienen rezensiert die Verfilmung von Ayn Rands „Der Streik“

Wer ist John Galt - Bild: Ausschnitt des Filmcovers, (C) EuroVideo

Wer ist John Galt – Bild: Ausschnitt des Filmcovers, (C) EuroVideo

Belletristik raubt oft die kostbare Zeit. Filme präsentieren das Ergebnis kompakter, zerfasern selten und bringen die Quintessenz meist auf den Punkt. Puristen mögen nölen, doch so ist es. Persönlich hält die Rezensentin es ähnlich: Charaktere über 850 Seiten zu entwickeln, ihnen irgendwelche schimärenhaft aufgepfropfte Eigenarten anzudichten oder ihr Innerstes bis zum unerträglich Spekulativen und artifiziell Aufgeblähten zu beleuchten (woran doch nur die Schwere des Autorenkopfes zu bemerken und ihm dringlich zu raten sei, dies nüchtern noch einmal zu lesen und zu redigieren, vor allem zu kürzen), gehört nicht zu sinnvollen Maßstäben. Auch als Konsument hält es die Rezensentin daher mit der Kurzform. Keine Zeitverschwendung läge beim Durchdenken großer philosophischer oder sich mit der Historie befassender Werke vor. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Ayn Rands Roman Atlas shrugged (Atlas wirft die Welt ab oder Wer ist John Galt?) kam endlich 2011 in die Kinos. Natürlich nicht bei uns. Hierzulande kann man ihn nur als DVD kaufen. Deutsche Zeitungen reagierten schon im Vorfeld des Erscheinens ausnahmslos mit Schaum vor dem Mund.

Nun kann man über die libertäre Szene ja durchaus gespaltener Meinung sein. Aber bekannter Weise ist sie nicht in sich geschlossen und besticht gerade durch eine gewisse Bandbreite in vielerlei Einzelfragen. Wie man auch immer dazu steht: In Zeiten eines allumfassend regulierenden, ökosozialistischen Staates, der sogar das Wetter bestimmen will (das hätte sich nicht einmal George Orwell vorstellen können), muss man ein Gegengewicht in die Schale werfen, so dass ein Ausgleich wenigstens in Aussicht kommt. In diesem Sinne das Folgende.

Rands ursprünglicher Buchstoff wird im Film gut umgesetzt, da er jedoch als Trilogie konzipiert ist, stellt der erste Teil im Grunde nur einen Einstieg in die Thematik dar. Vor allem wird die immer wiederkehrende Frage nicht gelöst: „Wer ist John Galt?“ Es scheint, als stecke er hinter dem Verschwinden zahlreichen unternehmerischer Stützen des Landes. Doch zu welchem Zweck? Welche Probleme hat das Land eigentlich?

Die Handlung spielt in naher Zukunft im Jahre 2016. Eine weltweite Ölkrise lähmt die Wirtschaft. Als übliche Maßnahmen wie Steuererhöhungen und Dirigismus allein nicht mehr greifen, werden die letzten verbliebenen Unternehmen in die Enge getrieben und verstaatlicht, zum Teil willfährigen „Treuhändern“ überschrieben. Dagny Taggart, Mitinhaberin (ihr Bruder ist ihr extrem zum Etatismus neigender Gegenspieler) der letzten funktionierenden Eisenbahn, ist die zentrale Figur – quasi Ayn Rands Alter Ego. Diese Eisenbahn benötigt zum Überleben eine technische Innovation, deren Hersteller jedoch von staatlicher Seite misstrauisch beäugt, bekämpft und fast zerschlagen wird.

Die bisher erschienenen Filmkritiken sind – wie schon erwähnt – rein politisch motiviert. Doch der Film besitzt zumindest eine mittlere Qualität und wurde deutlich straffer und erheblich weniger melodramatisch geschildert, als wir es beim üblichen TV-Film erleiden müssen. So pulsiert er durchaus Hollywood affin, will sagen: die Konturen der Figuren sind recht scharf, die Schauspieler agieren wie Schauspieler und nicht wie vom „Studio für subalternatives Laienspiel zwecks Förderung neuer Sehgewohnheiten“ finanziert, die Kameraeinstellungen sind optimal, der Schnitt flott usw. usw. Kurzum: der Film läuft gut.

Untypisch erscheint jedoch das Thema sowie die für einen Film manchmal unübliche, um nicht zu sagen umständliche Sprache. Ebenso wenig würde ein Streifen über inhaltliche Streitereien zwischen altgriechischen Philosophen erwärmen. Diese Textlastigkeit ist es, die den Film verlangsamt und etwas theoriehaft werden lässt. Doch wie sonst sollen ökonomische und machtpolitische Vorgänge ausgedrückt werden? Noch mehr „Action“, sagen die Freunde der extrem schnellen Bilder. Warum aber soll es nicht etwas anders gehen?

Schon der Einstieg ist durch eine Art Dokumentation der Probleme und mit entsprechenden Fernsehsequenzen flott inszeniert. Zudem springt spätestens in der zweiten Hälfte die klassische Film-Dramatik an, wenn der Staat in immer neuen Machtschleifen die Schlinge um jede unternehmerische Aktivität legt, die sogar den überlebenswichtigen Fortschritt der Menschheit verhindern will. Insofern geht selbst die Kritik an der filmischen Umsetzung ins Leere. Vermutlich haben sich die dargestellten Medienleute selbst zu gut wieder erkannt. Das soll besonders schmerzen – sagt man.

Schade ist allerdings, dass die deutschen Freunde der Freiheit nicht – wie etwa die US-amerikanische Tea-Party-Bewegung – den Film nutzen, um ihn sich gemeinsam anzusehen und anschließend darüber zu debattieren. Diese parallele bzw. Sub-Öffentlichkeit böte durchaus Gelegenheit, die Ansichten Ayn Rands und ihre Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse zu erörtern. Zumindest aber zu einem privaten Schnuppern der Materie soll hiermit vollends ermuntert werden, denn „unter dem Strich“ wurde das Ziel erreicht, einen schweren Stoff filmisch umzusetzen. Noch mehr, hält schwer.

DVD (2012): Die Atlas Trilogie: Wer ist John Galt? 97 Minuten, FSK: 6, mit Taylor Schilling, Paul Johansson, Michael O’Keefe. Kaufen bei Amazon.

Ayn Rand (2012 [1957]): Der Streik. München: Verlag Kai M. John, 1.260 Seiten, 39,90. Kaufen bei Amazon.

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