Nur Papst oder auch Change-Manager?

14. März 2013 2

Prof. Dr. Walter Simon mit Gedanken und Empfehlungen für die römisch-katholische Kirche aus Sicht eines Managementexperten

Auch der Vatikan ist eine Art Großunternehmen und der Papst ein CEO - Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Auch der Vatikan ist eine Art Großunternehmen und der Papst ein CEO – Bild (Hintergrund): S. Hofschlaeger / pixelio.de

Von Franziskus I., dem neuen Papst, stammt das Zitat „wenn sich die Kirche nicht öffnet, nicht raus-geht, und sich nur um sich selbst schert, wird sie alt.“ Will sie den Alterungsprozess aufhalten, ist sie gut beraten, sich zu öffnen und neuen Ideen Zutritt zu gewähren. Dabei könnte sogar der Erfahrungsschatz der Wirtschaft nützlich sein.

Man kann die römisch-katholische Kirche mit einem global agierenden Konzern vergleichen. Der Papst ist eine Art Vorstandsvorsitzender und die Bischöfe und Pfarrer sind die für ein Marktgebiet zuständigen Geschäftsführer. Daneben besteht ein riesiges Konglomerat kircheneigener Organisationen wie Orden und Klöster, aber auch profitorientierte Handels-, Finanz-, Immobilien- und Reiseunternehmen, Krankenhäuser, Schulen, Banken und Verlage, die sich strategisch an den Vorgaben der vatikanischen Holding orientieren.

Hinzu kommen milliardenschwere Finanzbeteiligungen in der ganzen Welt. Im Vergleich zur katholischen Kirche sind Siemens und VW Mittelunternehmen. Diese Sichtweise mag auf gläubige Katholiken befremdlich wirken, aber sie ist legitim. Bei der katholischen Kirche handelt es sich um eine zielorientiert wirkende Großorganisation, die strategischer und personeller Führung bedarf, um ihren Organisationszweck zu erfüllen. Ob Kirche oder Unternehmen, beide brauchen den Erfolg für ihr Überleben. Der Erfolg von Konzernen drückt sich in Verkaufszahlen aus, bei Kirchen im Missionserfolg. Unternehmen befinden sich im Wettbewerb. Die katholische Kirche konkurriert mit anderen christlichen Glaubensrichtungen, nichtchristlichen Religionen und spirituellen Marktbeschickern. Dabei verliert sie immer mehr ihre Marktposition. Auch in Deutschland wenden sich katholische Kirchenkunden zunehmend von ihrem bisherigen Glaubenslieferanten ab. Sie erleben einen schlecht geführten Konzern mit einer unglaubwürdigen Corporate Compliance. Laut dpa wünschen sich 80 Prozent der Deutschen nachhaltige Reformen der katholischen Kirche.

Seelsorger oder Manager?

Vielleicht kann es anders gar nicht sein. Die Führung einer Gemeinde oder eines Bistums ist eine managementähnliche Aufgabe, welche die Tätigkeiten des Analysierens, Planens, Entscheidens, Organisierens, Kontrollierens und gekonnten Kommunizierens erfordert. Das alles haben die obersten Kirchenmanager nie gelernt. Theologisches Wissen reicht nicht, um ein Bistum oder eine Weltkirche zu leiten. Die BASF wird auch nicht von einem Chemiker und Siemens von keinem Elektriker geleitet, obwohl gewisse Fachkenntnisse den Führungserfolg fördern.

Kein Konzernmanager hätte die Zeit, ein Fachbuch zu schreiben, wenn er seine Führungsaufgabe ernst nimmt. Papst Benedikt XVI schrieb gleich sechs während seines Pontifikats. Er hätte sich besser mit der kirchlichen Organisation beschäftigen und sich seinen Führungsaufgaben widmen sollen und weniger mit theologischen Fragen, die unendlich oft abgehandelt wurden. Professoren gehören auf einen Lehrstuhl, aber nicht an die Schalthebel einer Konzernzentrale mit globaler Zuständigkeit.

Insofern war er eine Fehlbesetzung für den „Heiligen Stuhl“. Die elementaren Grundfunktionen eines Spitzenleaders, die Lokomotion und die Kohäsion, hat er wenig erfolgreich wahrgenommen. Es gab keine Vorwärtsbewegung und der Zusammenhalt bröckelt. Ohne Kohäsion kann es keine Lokomotion geben. Überhaupt scheint es, als stände er außerhalb seiner Zeit. Wer 30 Jahre nach Beginn des PC-Zeitalters seine Texte noch immer von Hand schreibt, ist nicht und wird nicht mehr im digitalen Zeitalter ankommen. Kein professional arbeitender Personalberater hätte den Kardinal Ratzinger ernsthaft für den „Heiligen Stuhl“ empfohlen.

Gefährliche Taubheit

Der Weltkonzern katholische Kirche hat mit Franziskus I. einen neuen „Chief Executive Officer“ (CEO) bekommen. Jetzt ist der passende Zeitpunkt für die überfällige organisatorische und strategische Zäsur der Gesamtorganisation gekommen, so wie bei der Deutschen Bank beim Abgang Ackermanns.

Ein Grundproblem ist hierbei zu berücksichtigen. Die Herren, die den neuen Pontifex Maximus wählten und über die Zukunft der katholischen Kirche bestimmen, sind durchschnittlich 72 Jahre alt. Sie werden sich nur schwer von der Schwerkraft der Vergangenheit lösen können. Die Gläubigen, die vom Alter her das größte Interesse an der Zukunft der Kirche haben, sind leider nicht beteiligt.

Der globale Kirchenkonzern braucht das, was man den strategischen Fit nennt. Damit ist die Berücksichtigung und Einfügung in gesellschaftliche Gegebenheiten gemeint, um diese zu nutzen oder zu verändern. Um das zu leisten, bedarf es eines „strategischen Radars“. Dieses empfängt wichtige Signale aus dem Umfeld und schlägt Alarm, wenn diese stärker werden. Kardinäle, wie Meissner oder Bischöfe wie Mixta, eignen sich wenig als Radarsensoren. Sie verdanken ihren Aufstieg ihren Mentoren und Ordensfreunden. Radarsignale in Form von Negativbotschaften, für die letztendlich das vatikanische Hauptquartier verantwortlich ist, könnten alte Weggefährten brüskieren und Seilschaften destabilisieren. Da man selbst als Konformist in das Priesterseminar eingestiegen ist und sich dieses Verhalten im Laufe des Berufslebens als erfolgreich erwies, bleibt man sich treu. Wer aber strategische Signale zwecks Kursbestimmung empfangen will, sollte das Radar in Richtung „Wir sind Kirche“ oder „Initiative Kirche von unten“ ausrichten.

Die katholische Kirche muss sich häuten. Hier liegt die große Chance des neuen Papstes, sich als historischer Weichensteller zu profilieren. Man stelle sich vor, er beherzigt die Erkenntnis des Innovationsmanagements „Wer Regeln bricht, gewinnt“. Dazu bedarf es aber eines pragmatischen und experimentierfreudigen Pionierpapstes. Dieser kann gewinnen, wenn er den Mut zum Paradigmenwechsel hat. Ein solcher Paradigmen-Pionierpapst gleicht jenen ersten Siedlern des Wilden Westens, die den Aufbruch hin zu neuen Ufern wagten. Die Normalsiedler, hier der gesamte Klerus und die Kurie, werden folgen, wenn das Terrain sicher erscheint. In diesen auf Anpassung, Gehorsam, Mehrfachvergewisserung und Unterwürfigkeit getrimmten Gruppen wird es nur wenig Verweigerer geben, zumal es vom Kirchenvolk her, nur Zustimmung erfahren würde.

Die katholische Kirche braucht Change-Management

Der neue katholische „Vorstandsvorsitzende“ ist gut beraten, ein globales Change-Management einleiten, wenn er seine Kirche zukunftsfähig machen will. Selbst, wenn alles so bleiben soll wie es ist, muss sich vieles verändern. Die katholische Kirche muss ihre Anpassungsgeschwindigkeit an das Veränderungstempo des Umfeldes anpassen. Viel wäre gewonnen, wenn es gelänge, solche Infrastrukturen und ein Klima zu schaffen, die Veränderungen begünstigen, in denen neue Ideen und Konzepte entstehen können. Das Ziel muss es sein, Strukturen zu schaffen, die den Wandel auslösen und vielleicht sogar Regeln für die Regeländerungen zu entwickeln. Drei zentrale Steuerungselemente stehen dem Papst zur Verfügung: Kultur, Organisation und Strategie.

Die wichtigste Aufgabe eines Change-Managements ist die Neuausrichtung der Organisationskultur des katholischen Globalkonzerns. Sie ist der Humus, auf dem das Neue gedeiht oder verkümmert. Eine gute Organisationskultur wirkt integrierend, koordinierend, identifizierend und motivierend. Gemeinsame Werte und Normen, ein Wir-Gefühl und Sinn erleichtern die Führung der weltweiten Religionskonzerns. Darum sollte der neue Papst der Verbesserung der Unternehmenskultur sein besonderes Augenmerk widmen. Eine kommunikative, kooperative und innovative Organisationskultur ist Voraussetzung für ein kirchliches Change-Management, zugleich aber auch dessen Ergebnis.

Es ist egal, aus welcher Ecke dieser Welt der neue Papst kommt. Wichtig sind allein seine Strategiekompetenz, seine Innovationsbereitschaft und damit sein Pionierprofil. Das neue Oberhaupt muss zur „transformierenden“ Führung fähig sein. Damit ist eine Art der Führung gemeint, die auf dem Sinnstreben der Menschen aufbaut und sinnstiftende Visionen erzeugt. Nur so kann sich der Papst zur Identifikationsfigur machen. Identifikation ist die Voraussetzung, um Gefolgschaft zu erzeugen.

Als Religionsleader soll er Lust und Freude an der Arbeit und der Mitgliedschaft in der Großorganisation Kirche erzeugen. Pillen- und Präservativverbote, Frauen- und Sexualfeindlichkeit schaffen das Gegenteil und erzeugen Demotivation.

Best practise nutzen

Wenn die ganze Welt in Bewegung ist, muss sich auch die Kirche bewegen. Wie wäre es, wenn sie es mit einer Art Benchmark versucht. Das ist eine Managementtechnik, bei der sich ein Unternehmen mit anderen Organisationen vergleicht, um die „best practise“ zu ermitteln und für die eigene Organisation zu nutzen. Die Managementwissenschaft liefert eine große Fülle an Erkenntnissen, die sich als Denkmodelle für die katholische Kirche eignen. So weiß man längst um den Nutzen von Diversität im Arbeitsleben, insbesondere was das Mitwirken von Frauen angeht. Priesterinnen wären eine Bereicherung des Priesterstandes. Neue Ideen und ungeahnte Lösungswege könnten sich ergeben. Die evangelische Kirche wäre wegen ihrer langen Erfahrung mit Pfarrerinnen ein geeigneter Benchmark-Partner.

Die notwendigen Veränderungen setzen die exakte Analyse der sozialen und kirchlichen Realität voraus. Davon ausgehend wird formuliert, wer man als Kirche des 21. Jahrhunderts grundsätzlich ist und was man langfristig will. Das Geschäftsfeld ist also zu definieren. Will man Glaubenslieferant, Seelsorger, Samariter, Erzieher, Dienstleister, Unternehmen oder alles zugleich sein? Wer sind die Zielgruppen? Junge, Alte, Ungläubige, Andersgläubige? Wer nicht weiß, wohin er will, darf sich über den Stillstand nicht wundern.

Um Ziele zu erreichen, muss die katholische Kirche ihre Stärken und Schwächen kennen, die Chancen und Risiken erkennen, um sich in der Großarena Gesellschaft entsprechend zu positionieren. Im strategischen Management nutzt man hierzu ein Vier-Felder-Tableau, die sogenannte sich SWOT-Analyse (Strenghts, Weaknesses, Opportunities und Threats). Schon allein das Nachdenken über diese Aspekte könnte die Fesseln der römisch-katholischen Tradition lockern.

Der Veränderungsprozess muss von oben nach unten und gleichzeitig von unten nach oben verlaufen. Aber Veränderungen, die nach katholischer Führungspraxis top-down angeordnet werden, sind weniger wirksam als solche, die im Gegenstromverfahren entstehen. Zentralisierte Strategieentscheidungen aus dem Petersdom reduzieren die Qualität und Akzeptanz der kirchlichen Zukunftsentscheidungen. Zumindest das untere und mittlere Klerikalmanagement ist in den Wandelsprozess einzubeziehen. Strategien werden nicht verkündet, sondern erarbeitet. Das setzt ein Verständnis von Projektarbeit einerseits und hierarchiefreiem Teamwork andererseits voraus. Hier hinkt die katholische Kirche gut ein Jahrhundert hinter der Evolution anderer Organisationen hinterher.

Ein gut geführter Change-Management-Prozess mündet in Visionen. Das sind gedachte Zukunftsbilder, doch nicht utopisch, sondern irgendwann realisierbar. Sie sollen im Sinne von „I have a dream“ Menschen emotional für Veränderungen stimulieren. Nicht der Klerus verändert die Welt. Soziale Bewegungen sind die Exekutoren der Geschichte. Aus den Visionen ergeben sich weitergehende Ziele, die in Leitbildern, Programmen oder Aktionsplänen ihren Ausdruck finden. Es ist höchste Zeit, den Schaltplan der katholischen Kirche im Sinne dieses Bekenntnisses des neuen Papstes neu zu schreiben: „Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kirche, die sich beim Rausgehen auf die Straße Verletzungen zuzieht und einer Kirche, die erkrankt, weil sie sich nur mit sich selbst beschäftigt, dann würde ich die erste Option wählen.“

Prof. Dr. Walter Simon ist gebürtiger Hamburger und gelernter Drogist. Nach der Lehre fuhr er zunächst  zur See. Anschließend studierte er  an der Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg, später an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie an der Sophia-Universität in Tokio Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit den Abschlüssen Dipl.-Volkswirt und Dipl.-Soziologe. 1979 promovierte er zum Dr. rer. pol. Er lehrte an der State University of Wisconsin, der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden und der Steinbeis-University Berlin. Gegenwärtig betreibt er die Business Online University.

2 Comments »

  1. Gutartiges Geschwulst 15. März 2013 at 23:44 - Reply

    Auch wenn mir dieser Beitrag recht gut gefällt, erscheinen mir einige Aspekte unstimmig.

    „Theologisches Wissen reicht nicht, um ein Bistum oder eine Weltkirche zu leiten. Die BASF wird auch nicht von einem Chemiker und Siemens von keinem Elektriker geleitet, … “

    Natürlich nicht! Anders jedoch, als ein Industrie-Manager, dessen Erfolg nicht einmal dadurch beeinträchtigt wird, dass er bestenfalls über das Charisma einer Tapetenleiste verfügt (wer Ackermann, Piech und Artgenossen jemals in einer Pressekonferenz erlebt hat wird mir zustimmen), ist der Papst auf seine Ausstrahlung angewiesen, was der Artkel nicht berücksichtigt!

    „Laut dpa wünschen sich 80 Prozent der Deutschen nachhaltige Reformen der katholischen Kirche.“

    Und weiter? Der deutsche Anteil am weltweiten Katholizismus beträgt kaum 2 Prozent, verkörpert durch eine überalterte Gläubigenschar, die natürlicherweise einer rasanten Verdunstung unterliegt.
    Wer also, sollte sich in den nächsten Jahren noch darum scheren, was sich 80 Prozent der Deutschen wünschen, zumal von diesen ohnehin nur der kleinere Teil katholisch ist?
    Egal, ein Unternehmen, welches über 1000 Jahre vor Wal-Mart, General Motors, Credit Suisse u.s.w. existierte, bei milliardenfacher Mitgliederschaft, hat vermutlich nicht alles falsch gemacht.

  2. Lisje Türelüre aus der Klappergasse 20. März 2013 at 01:16 - Reply

    Ich vermute mal, Herr Prof.Dr. Simon ist nicht katholisch.
    Die Kirche ist gestiftet von Jesus Christus.
    Sie gehört ihm.
    Ein Papst kann daher keinen Pradigmenwechsel vollziehen.

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