Mehr als nur Fertilität

2. März 2013 0

Demos-Rezension zu Charles Teller, Assefa Hailemariam (ed.): The Demographic Transition and Development in Africa. The unique case of Ethiopia

Sonderfall Äthopien? - Bild: Kartenausschnitt von TUBS / Wikimedia Commons (CC-Lizenz)

Sonderfall Äthopien? – Bild: Kartenausschnitt von TUBS / Wikimedia Commons (CC-Lizenz)

Demografische Fragestellungen rücken in vielen afrikanischen Ländern zunehmend in den Fokus des Interesses. Nicht ohne Grund, denn der Großteil des weltweiten Bevölkerungswachstums findet in den Ländern südlich der Sahara statt und stellt die dortigen Regierungen vor immense Herausforderungen. Dank sinkender Geburtenraten und steigender Lebenserwartung stehen einige dieser Länder aber mittlerweile am Anfang des demografischen Übergangs, der die Aussicht auf eine demografische Dividende mit damit einhergehendem wirtschaftlichem Wachstumspotential mit sich bringt.

Am Bespiel Äthiopiens zeigen die beiden Autoren Charles Teller und Assefa Hailemariam in ihrem Buch The Demographic Transition and Development in Africa. The unique case of Ethiopia, wie mannigfaltig die demografischen Rahmenbedingungen innerhalb eines Landes sein können. Äthiopien ist nicht nur nach Nigeria das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, es konnte in den vergangenen Jahren auch Mütter-, Säuglings und Kindersterblichkeitsraten erfolgreich senken und damit die allgemeine Lebenserwartung erhöhen. Zudem sind die Geburtenraten von einem Durchschnittswert von sieben Kindern pro Frau in den 1970er Jahren auf derzeit 4,8 Kinder pro Frau abgefallen.

Diese Indikatoren weisen darauf hin, dass Äthiopien auf einem guten Weg ist, die Millennium-Entwicklungsziele für 2015 zumindest teilweise zu erreichen. Ganz anderes sieht es dagegen in Bezug auf die Alphabetisierungsrate und im Bereich Ernährungssicherheit aus. Hier rangiert das Land ganz hinten im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern. Dazu kommt eine der geringsten Verstädterungsraten der Welt und sehr große Land-Stadt-Unterschiede, wie zum Beispiel bei der Fertilität. So liegt die durchschnittliche Kinderzahl in ländlichen Regionen mit 5,5 Kindern pro Frau noch deutlich höher als in städtischen Regionen (2,6 Kinder pro Frau). In der Hauptstadt Addis Abeba ist sie mit 1,5 Kindern sogar unter das Reproduktionsniveau gerutscht – ein einmaliger Fall in der Region.

Der afrikanische Kontinent braucht eine den regionalen Gegebenheiten angepasste Bevölkerungswissenschaft und -politik. Das ist die zentrale These der Autoren. Bevölkerungsstruktur und -dynamik des Landes betrachten sie deshalb nicht als isolierte Handlungsfelder, sondern stellen sie in Zusammenhang mit den allgemeinen großen Herausforderungen des afrikanischen Kontinents. Dazu bedienen sie sich eines holistischen und interdisziplinären Forschungsansatzes, bei dem nicht allein die Schlüsselfaktoren der demografischen Entwicklung wie etwa Fertilität, Mortalität und Migration betrachtet werden. Stattdessen verknüpfen sie diese mit Aspekten wie Armut, Ernährungssicherheit, Klimawandel und politischer Instabilität. Mit diesem Mittel untersuchen sie, wie verschiedene Mikro- und Makrofaktoren auf den demografischen Übergang wirken.

In den vier inhaltlichen Hauptkapiteln des Buchs führen Aufsätze verschiedener Co-Autoren durch die Themenbereiche 1) demografischer Übergang und menschliche Entwicklung, 2) Gesundheit und Ernährung, 3) Bevölkerungsverteilung, Migration, Verstädterung und Arbeitskräfte sowie 4) Fallstudien zu Bevölkerungsdruck auf Ressourcen und Ernährungssicherheit. Alle Aufsätze zeichnen sich durch fundierte wissenschaftliche Analysen aus, die zusammen zu einem tiefgreifenden Verständnis des besonderen Kontexts in Äthiopien führen. Sie dokumentieren nicht nur verschiedene demografische Entwicklungen, sondern liefern auch Ansätze zur Risikominimierung von Bevölkerungswachstum wie etwa Migration und Arbeitsmobilität, späteres Heiratsalter und veränderte Lebensziele unter Jugendlichen.

In einem weiteren Teil werten sie die bisherigen bevölkerungspolitischen Ansätze und Programme der äthiopischen Regierung aus. Dabei bescheinigen die Autoren den Programmen insgesamt eine sinnvolle Ausrichtung, weisen aber auf die mangelhafte Umsetzung hin. Eines ihrer Hauptanliegen ist daher eine Wiederbelebung des politischen Engagements für Bevölkerungsfragen in Äthiopien. Dazu müssten wesentliche Institutionen, wie zum Beispiel der National Population Council, neu aufgesetzt werden.

Grundsätzlich kritisieren die Autoren die unzugängliche Datenlage in Äthiopien und anderen Entwicklungsländern. Sie selbst lösen das Problem, indem sie in ihren Analysen auf eine Vielzahl nationaler und internationaler Erhebungen zurückgreifen, aber auch Daten aus ihren eigenen Forschungsumfeldern mit einfließen lassen. Zudem sprechen sie sich stark für Verbesserungen bei der Datenerhebung aus, um so besser angepasste Ansätze in Bevölkerungsforschung und -politik etablieren zu können. Denn um die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung verschiedener Politikempfehlungen zu gewährleisten, so die Autoren, gäbe es einen elementaren Bedarf an konsistenten wissenschaftlichen Daten und fundierten Forschungserfahrungen.

Insgesamt bietet das Buch einen umfassenden Überblick über die demografische Entwicklung Äthiopiens mit all seinen Sonderfällen und Widersprüchen. Zugleich verknüpft es wissenschaftliche Analysen mit Politikempfehlungen, die sich nicht nur auf Äthiopien anwenden lassen. Erst im letzten Kapitel platziert, drohen diese allerdings unterzugehen und damit politische Entscheidungsträger gar nicht erst zu erreichen. Das ist schade, denn die enge Verknüpfung der beiden Hauptautoren wie auch aller Co-Autoren mit der äthiopischen Wissenschaftslandschaft trägt dazu bei, dass die Ergebnisse und Empfehlungen authentisch und den äthiopischen Bedürfnissen angepasst vermittelt werden.

Zuerst veröffentlicht im demos-Newsletter Nr. 149 vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 20.02.2013

Charles Teller, Assefa Hailemariam (ed.) (2011): The Demographic Transition and Development in Africa. The unique case of Ethiopia. Heidelberg: Springer, 359 Seiten, 150,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Leave A Response »