Ein fast vergessener Mahner

22. Februar 2013 0

Rezension zu Klaus Kempter: Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland

Wie es immer wieder zur Judenfeindschaft kommt, erklärt das Antisemitismus-Handbuch nicht - Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de

Wann ist die passende Zeit für das gedenken aller Opfer? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Er öffnete am 10. Oktober 1974 in der Giesebrechtstraße (Berlin-Charlottenburg) das Fenster und stürzte sich auf die Straße. Der Auschwitzüberlebende und autodidaktische Historiker Joseph Wulf beging Suizid, weil er befürchtete, „dass die Juden nicht mehr als besondere Gruppe mit einer sehr spezifischen Verfolgungserfahrung wahrgenommen werden würden und das singuläre Verbrechen an den Juden aufgrund der allgemeinen Aussöhnungsstimmung in einer unspezifischen Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkrieges verschwinden würde.“

Der vom persönlichen Schicksal und Überlebenskampf lebenslang schwer gezeichnete Mann wird 1912 in Chemnitz geboren, wächst in Krakau auf und lässt sich dort zum Rabbiner an der Jüdischen Hochschule ausbilden. Die Deportation nach Auschwitz überlebt er und flieht nach vier Jahren Haft auf dem Todesmarsch. Zunächst in Polen geblieben, engagiert sich Wulf für die Auswertung aufgefundener Dokumente über jüdisches Leben und Sterben in Polen. 1947 emigriert er über Paris, um sich fünf Jahre später in Berlin niederzulassen.

Anfangs wirkt Joseph Wulf als Mitarbeiter der Bundeszentrale für Heimatdienst (heute: Bundeszentrale für politische Bildung) und informiert in diesen Rahmen als einer der ersten Betroffenen die bundesdeutsche Öffentlichkeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus. So stört er etwa empfindlich das Ansinnen, ehemalige Diplomaten Anfang der fünfziger Jahre wieder im Auswärtigen Amt unterzubringen. Durch seinen Zugriff auf Aktenbestände aus dem Dritten Reich entstehen zahlreiche Dokumentationsbände. Sie werden zwar zur Kenntnis genommen, aber bringen den Außenseiter nicht den erhofften Erfolg und Aufsehen. Sein stets gepflegter Status eines Staatenlosen behindert sein Anliegen ebenso, wie die vollkommen anders gelagerten Erfahrungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Hinzu kommt, dass er seine  Mission, an historischer Aufklärung mitzuwirken, ohne wissenschaftliche Erfahrung und Ausbildung betreibt. So sind Konflikte mit Geschichts- und Politikwissenschaftlern wegen seines fordernden Anspruchs absehbar.

Seit 1965 versucht Wulf die Villa der Wannseekonferenz als ein Dokumentationszentrum einzurichten und dem Verein zur Erforschung des Nationalsozialismus zur Nutzung zu übergeben – ein lange umstrittener Plan. Erst 1988 wird die Villa unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zur Nutzung als Gedenkstätte rekonstruiert und 1992 als Haus der Wannseekonferenz eröffnet.

Aus vielen persönlichen Kontakten die Joseph Wulf sucht, entwickelten sich nie bewährte Freundschaften. Nach seinem Freitod ist der vorherrschende Tenor der für Rundfunk- und Fernsehsendungen interviewten Weggefährten und Bekannten, dass er zwar als leidgeprüfter und gezeichneter Mann in der BRD kein Gehör fand, beständig zurückgestoßen wurde und wohl deshalb nur noch den Ausweg im Freitod sah. „Wulf sah seine Arbeit nicht so sehr als Teil der geschichtswissenschaftlichen Diskussion, sondern in erster Linie als Versuch, die Öffentlichkeit über die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuklären“, konstatiert nun Biograph Klaus Kempter. Doch um 1968 stehen für die Geschichtspolitik im modernen Deutschland ganz andere Themen im Fokus der politischen Publizistik: Unter anderem die Reformen an den Universitäten, der Ausbau des Sozialstaates, die Liberalisierung der Lebensstile, die neue deutsche „Ostpolitik“ und der gewaltsame Kampf militanter marxistischer Sekten gegen den Staat als die von Joseph Wulf eingeforderte „Vergangenheitsbewältigung“.

Mehrere Versuche in den sechziger Jahren Anschluss an die intellektuelle Elite zu finden, bleiben erfolglos. In näheren Kontakt mit Karl Jaspers, Golo Mann und Marcel Reich-Ranicki (O-Ton: Was ich machte, interessierte nicht, für ihn existierte keine Literatur) zu treten, scheiterten. Desgleichen war das Verhältnis mit Ernst Jünger gekennzeichnet: mehr Wunsch als Realität. So ordnet Wulf den Schriftsteller zwar während der Weimarer Republik als weit rechts stehend ein und vermutet in ihm den geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus, aber ihm imponiert die konsequente Abkehr vom Regime. Nach einigen Treffen mit Jünger ist Wulf am regen geistigen Austausch interessiert, dem dieser aber reserviert begegnet. Der entstehende Briefwechsel stellt „ein kurioses Dokument der intellektuellen Zeitgeschichte dar, waren die beiden doch in fast allen angesprochenen Fragen unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Ansicht“, so Kempter.

Klaus Kempter legt mit seiner Studie erstmals einen umfassenden Lebensbericht über Joseph Wulf vor. Die Materialgrundlage fand der Historiker im Nachlass des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland in Heidelberg sowie einigen anderen Dokumentationssammlungen. Der Text spürt dem Schicksal eines (fast) vergessenen Mahners und Protagonisten nach, der zu einer Zeit Opfergedenken einforderte, als die Bevölkerung noch kein offenes Ohr für „fremdes“ Leid hatte. Wulf in seine Zeit zu stellen und die Facetten seines Scheiterns offen zu legen, ist das deutliche Verdienst des Autors.

Klaus Kempter (2013): Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland. Göttingen: Schriftenreihe des Simon-Dubnow-Institutes (Band 18), 422 Seiten, 64,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Leave A Response »