Das antiextremistische Kompendium

13. Februar 2013 0

Helene Scharl rezensiert Uwe Backes, Alexander Gallus und Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D): 24. Jahrgang 2012

Aufkleber der linksextremen "Antifa" in Berlin - Bild: Felix Strüning

Aufkleber der linksextremen „Antifa“ in Berlin – Bild: Felix Strüning

Seit 1990 erscheint in schöner Regelmäßigkeit das von Uwe Backes, Alexander Gallus und Eckhard Jesse herausgegebene Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E&D). Dem wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift gehören renommierte Wissenschaftler wie Klaus von Beyme und Herfried Münkler an. Während die Redaktionsassistenz von Zeit zu Zeit wechselt, der Umfang im Verlauf des Erscheinens stetig stieg, blieben die Rubriken immer dieselben. Auch der seit November 2012 vorliegende 24. Band (CT-Rezension zum Band 23) folgt dem typischen Schema: Analysen, Daten, Dokumente, Dossiers und Literatur. Letztere wird unterteilt in „Kontrovers besprochen“, „Rezensionsessay“, „Wieder gelesen“ über „Haupt- und Kurzbesprechungen“ bis zur „Kommentierten Bibliographie“. Ein umfangreiches Register beschließt das Jahrbuch.

Beiträger sind neben etablierten Fachwissenschaftlern auch Doktoranten und Publizisten, die mehr oder weniger ins Umfeld des Veldensteiner Kreis zur Erforschung von Extremismus und Demokratie gehören, einer dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung nahestehende Diskussionsrunde von Zeithistorikern, Politik- und Sozialwissenschaftlern.

Die Texte spiegeln Zeitgeschichte wider, deren Themen sich aus den jeweiligen politischen Verwerfungen der demokratischen Gesellschaft ableiten. Sie haben stets den Vorteil für sich, nicht ideologischen Prämissen zu folgen, sondern Daten und Fakten so zu werten, wie es sich wissenschaftlich geziemt und sind zudem gesellschaftlich wichtigen Schwerpunkten gewidmet.

Neben der Betrachtung des Rechtsextremismus kommen gleichfalls linkslastige Parteien und Gruppen ins Visier sowie neuerdings der fundamentalistische islamische Extremismus. Zu letzterem veröffentlicht Kai Hirschmann, in Essen stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik, eine facettenreiche Sammelrezension. Hierin plädiert der Autor für einen starken Staat, der auf seinem Territorium die gesellschaftlichen Beziehungen reguliert und vor allem das Ordnungsmanagement gewährleistet. Leistet er das nicht, droht die Gefahr der sozialen Fragmentierung und damit die dauernde Herausbildung von Parallelstrukturen. Solche Entwicklungen sieht Hirschmann heute politisch bestimmend, insbesondere durch die islamischen Oppositionsbewegungen, die ihren radikalen Gegenentwurf zur herrschenden Ordnung sowohl in den Herkunftsländern praktizieren, als auch hierher exportierten. Ergänzend referiert Katharina Senge über die Anfang 2012 vom Bundesinnenministerium veröffentlichte Studie Lebenswelten junger Muslime in Deutschland.

Unter der bezeichnenden Überschrift „Eine solide Einführung in den Linksextremismus mit Schwächen“ rezensiert Tom Mannewitz (Chemnitz) eine Publikation von Harald Bergsdorf und Rudolf van Hüllen. Er urteilt: „Die ausführliche Beleuchtung der Szene in Deutschland und ihre Grundlagen gleicht die fehlende Feindbild-, Ursachen- und Gefahrenanalyse sowie das ambitionierte Kapitel über Die Linke aus.“ Einem hohen Wissenschaftsanspruch genügten die Ausführungen nicht, tröstlich sei lediglich, dass das Buch sich in das Sortiment der Ratgeber für hilflose Eltern und Pädagogen ausgezeichnet einreihe.

Uwe Backes, Alexander Gallus und Eckhard Jesse (Hrsg.) (2012): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D): 24. Jahrgang 2012. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 534 Seiten, 54 Euro. Kaufen bei Amazon.

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