Von Mitläufern und Massenmördern

10. Februar 2013 0

Rezension zu Christine Piper et al. (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus

Blick vom Rathausturm auf das bombardierte Dresden (1945) - Bild: Deutsche Fotothek / CC-Lizenz Wikipedia

Blick vom Rathausturm auf das bombardierte Dresden (1945) – Bild: Deutsche Fotothek / CC-Lizenz Wikipedia

Je länger ein historisches Ereignis zurückliegt, desto mehr bewegen sich Zeitzeugenberichte in Richtung Legende – oder aber, es ist bereits aus dem öffentlichen Gedächtnis entschwunden. In diesem Jahr erinnern wir uns an die „Machtübertragung“ an Reichskanzler Adolf Hitler und damit an die nationalsozialistische Bewegung zum 80. Mal. Wir wissen um die Verbrechen, welche im „guten Glauben“ an die Sache und „Volksgemeinschaft“ verübt wurden. Und wir erinnern uns an die Täter und Mitläufer, die Akteure, die auf verschiedenen gesellschaftlichen und beruflichen Ebenen ihren mehr oder weniger großen eigenen Anteil am „Erfolg“ des nationalsozialistischen Regimes hatten. Der Opfer würdig gedenken, heißt auch noch heute, die Täter namhaft machen.

Diesem Anliegen widmeten sich in Dresden unter Herausgeberschaft renommierter Historiker mehr als dreißig Autoren in ihren 42 Beiträgen im Sammelband Braune  Karrieren. Zwölf Komplexe zwischen der NSDAP und ihren Gliederungen sowie dem Stichwort Architektur differenzieren individuelle Schuld und den Beitrag zum Machterhalt jedes hier Vorgestellten. „Dresden war – mit dem Blick auf den 13. Februar 1945 – keineswegs nur eine ‚Stadt der Opfer’ – sie war auch eine bedeutende Gauhauptstadt im ‚Dritten Reich’, in der viel zu viele braune Akteure ihre ‚Arbeit’ verrichteten“, umreißen die Herausgeber des Bandes ihr Anliegen ganz klar im Vorwort.

Henry Schmidt bleibt in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden in steter Erinnerung, weil er als Gestapooffizier und Leiter des sogenannten Judenreferats für die „Vertreibung“ der jüdischen Bürger aus der Stadt sorgte und hier vor einem viertel Jahrhundert (1987) seine wenn auch späte, aber gerechte Verurteilung erlebte.

Als Sohn eines Sattlers und einer Strumpfnäherin 1912 in Chemnitz geboren, besuchte er nach der Volksschule eine Aufbauschule. Wegen seiner überdurchschnittlichen Leistungen wurde ihm für die letztere das Schulgeld erlassen. 1929 nahm er eine Lehre als Maurer auf, um später Baukaufmann oder Architekt zu werden. Vom Besuch der Berufsschule befreit und im Lehrbetrieb zu Büroarbeiten eingesetzt, war die Karriere in der Bauwirtschaft scheinbar gesichert.

Gleichfalls engagierte sich Schmidt politisch: 1929 trat der Jugendliche der Hitlerjugend bei, um im folgenden Jahr Mitglied der SA und NSDAP, danach der SS, zu werden. Die schlechte wirtschaftliche Situation lies seine weitgesteckten beruflichen Ziele scheitern. Arbeitslos. Nun setzte Henry Schmidt auf ein Fortkommen im neu etablierten Nationalsozialismus und lies sich als Hilfspolizist ausbilden. Er besuchte später einen Kriminalkommissarslehrgang an der Führerschule der Sicherheitspolizei und wurde mehrfach in der SS befördert, zuletzt 1943 zum Obersturmführer.

Nach der Okkupation Österreichs wurde Schmidt nach Klagenfurt versetzt, gehörte dort zur Spionageabwehr und zeichnete sich für den Aufbau der Registratur verantwortlich. Auf persönlichen Wunsch versetzte ihn 1942 der Dienstherr nach Dresden und er übernahm bei der Gestapo die Leitung der Abteilung II sowie gleichfalls die Zuständigkeit der Referate für Freimaurer, Emigranten und Juden, Wirtschaft sowie Presse.

So war er in Dresden die treibende Kraft für die Umsetzung der auf der „Wannseekonferenz“ beschlossenen radikalen Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung in Europa. 1942 lebten in Dresden noch etwa eintausend jüdische Mitbürger. Zu ihnen gehörte der Romanist Victor Klemperer, der in seinen aufsehenerregenden Tagebüchern die Zeit der gnadenlosen Verfolgung und namentlich das Walten des Gestapokommissars dokumentierte. Ab Juli 1942 begann der sogenannte Gesamtablaufplan. Henry Schmidt: „Er enthielt die Zeitplanung, also wann die Transporte stattfinden sollten, die zeitliche Planung, wann die Transportteilnehmer zu erscheinen hätten, wann abgefahren wird und darüber hinaus auch der ungefähre Zeitpunkt der Ankunft in Theresienstadt. Weiterhin erfolgte die Festlegung des Begleitkommandos der zu benutzenden Kraftfahrzeuge sowie der Wegstrecke.“

Ein nächster Schritt war die Einrichtung des „Judenlagers Hellerberg“ im September 1942, in dem „Arbeiter“ für die Zeiss Ikon AG, die Fabrik lag nur eine kurze Fußstrecke entfernt, untergebracht wurden. Am 27. Februar 1943 zum Polizeihaftlager erklärt, wurden hier jüdische Bürger aus Erfurt, Halle, Leipzig, Plauen und Chemnitz verlegt und eine Woche später überwachte Henry Schmidt die Deportation zum Güterbahnhof Dresden-Neustadt persönlich. Endstation: Auschwitz.

Nach der Zerstörung Dresdens floh der Gestapokommissar nach Teplice und von dort nach Chemnitz. Mehrere Ortswechsel und verschiedene berufliche Orientierungen vereitelten seine rechzeitige Enttarnung. Seine Arbeitsleistungen und hohe Einsatzbereitschaft honorierten die Arbeitgeber mit Auszeichnungen, unter anderem „Aktivist der sozialistischen Arbeit“. 1977 ging er in Rente.

Am 9. April 1986 verhaftet, wurde Henry Schmidt im folgenden Jahr in Dresden vor Gericht gestellt. Staatsanwalt Horst Busse beschreibt sein Auftreten als „peinlich korrekt gekleidet, ohne äußere Anzeichen von Erregung, erhebt er sich wohlerzogen. Stets weiß er sich in wohlgesetzten Worten auszudrücken. Aber selbst bei den ungeheuerlichsten Schuldvorwürfen die ihn treffen, zeigt er keinerlei Gemütsbewegung.“ Das Urteil zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe wurde am 29. September 1997 verkündet, Schmidts Berufung vom Obersten Gericht der DDR als unbegründet ebenso verworfen, wie ein fünf Jahre später eingereichtes Gnadengesuch. Wegen schwerer Erkrankung erfolgte 1996 eine Haftaussetzung und kurze Zeit später starb er in einem Pflegeheim.

Im  März 1943 wurde Hermann Voss (1884 bis 1969) als Nachfolger des Ende vergangenen Jahres verstorbenen Hans Posse zum Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie Dresden berufen und zugleich mit der Führung des „Sonderauftrags für Linz“ betraut. Voss avancierte damit zum wichtigsten Kunstbeschaffer Hitlers, der im österreichischen Linz ein öffentliches Kunstmuseum von europäischem Rang zu errichten plante. Der inzwischen fast 60-Jährige hatte eine klassische Museumslaufbahn hinter sich. Mit der neuen Aufgabe verband sich die Vorbereitung von Entscheidungen über die Verwendung von (geraubten) Kunstsammlungen und Kunstwerken.

Entgegen der Beteuerungen nach 1945 erwarb Voss während des „Dritten Reiches“ wissentlich beschlagnahmten und zwangsverkauften Kunstbesitz. Er hatte diesen Weg nicht notgedrungen eingeschlagen, sondern aktiv vorangetrieben. Nachdem er das Kriegsende unbeschadet überstanden hatte, siedelte er im Juli 1945 nach Wiesbaden über. Dort wurde der Kunst- und Museumsexperte festgenommen und von der amerikanischen Untersuchungseinheit für Kunstraub verhört. Allerdings scheiterte der gehegte Versuch der Kunstschutzoffiziere den „Sonderauftrag Linz“ als verbrecherische Organisation vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal einstufen zu lassen – mangels Beweisen.

Hermann Voss wurde für seine Tätigkeit nicht juristisch belangt. Er war weder Mitlied der Partei noch stand er deren Ideologie nahe. Aber Voss nutzte die Machtstrukturen und profitierte von ihnen. In letzter Konsequenz trieb er jedoch die Enteignung jüdischen Besitzes voran.

Jegliche totalitäre Bewegung oder Regime verdankt die Aufrechterhaltung und Festigung der Macht der Denunziation. Davon war neben den Gläubigen beider christlicher Bekenntnisse auch die Gemeinschaft der Bibelforscher (heute: Zeugen Jehovas) während der Naziherrschaft betroffen. Abhilfe versprach Hans Müller, seine Eltern ertrugen wie er und seine Geschwister Verfolgung und Verurteilung. Er hatte einen guten Leumund in der Glaubensgemeinschaft. Etwa Mitte der dreißiger Jahre wurde er jedoch Informant der Gestapo. Die Gründe für seine Entscheidung liegen im Dunklen, denn die Spur des 1909 in Pirna Geborenen verliert sich nach 1941 als Wehrpflichtiger in den weiten Räumen der Ostfront. Erwiesen ist jedoch, dass aufgrund seiner Angaben die Gestapo konspirative Zirkel sowie die Leitung der Bibelforscher verhaftete. Die Folge: Todesstrafen, Konzentrationslager, Gefängnis und Zuchthaus. Hans Müller zerstörte Lebensentwürfe, die Zukunft von Familien und manchen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen.

Vorbild und Ideengeber für die Dresdner Ausarbeitung über die persönlich ins faschistische Regime Verstrickte war das von Hermann G. Abmayr im Jahr 2000 herausgegebene Buch Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer zum Massenmörder. In 38 Kapiteln untersuchten damals 30 Autoren die Lebenswege von 45 Personen, die in den zwölf Jahren brauner Herrschaft ihr Engagement der menschenverachtenden Diktatur widmeten. Nach dem ersten Bekenntnis zur verbrecherischen Ideologie rechtfertigten sie sich mit dem Satz: „Wir haben nur unsere Pflicht getan für Volk und Vaterland.“ Befehlsempfänger oder Schreibtischtäter – die Rechtfertigungen ähneln sich nicht nur in Stuttgart oder Dresden.

Christine Piper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.) (2012): Braune  Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Dresden: Sandstein Verlag, 319 Seiten, 19,80 Euro. Kaufen bei Amazon.

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