Wie wird ein Volk zu Hilters Helfern?

23. Januar 2013 0

Rezension zu Ralf Georg Reuth: Goebbels. Eine Biographie

Goebbels bei - Bild: Bundesarchiv, Bild 102-17049 / CC-BY-SA

Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels (1934) – Bild: Bundesarchiv, Bild 102-17049 / CC-BY-SA

In der ersten Auflage seiner Goebbels-Biographie fragte Ralf Georg Reuth seine Leser zum Auftakt des Vorwortes rhetorisch: „Weshalb ausgerechnet ein Buch über Joseph Goebbels?“ Er rechtfertigte die Auseinandersetzung mit dem nicht zu entkräftenden Argument, die letzte Lebensbeschreibung liege bereits fast drei Jahrzehnte zurück. Zumal der damalige Autor Helmut Heiber „gemessen an dem heute zur Verfügung stehenden Material, auf eine eher bescheidene Quellenbasis“ zurückgreifen konnte. Reuth verweist außerdem auf die divergierenden Interpretationen, die im vergangenen Zeitraum in Aufsätzen und Lebensabrissen über den ehemaligen Minister für Propaganda und Volksaufklärung erschienen waren: Die Aussagen variierten erheblich zwischen dem plakativen „Dämon der Diktatur“ (Werner Stephan) und Goebbels als rationaler Propaganda-Macher (Viktor Reimann).

Reuth hingegen erkannte in seinem 1990 erstmals erschienenen Buch Goebbels „eitle Selbstbespieglung und autosuggestive Lügenhaftigkeit“ durch die Lektüre des erst zum Teil erschlossenen schriftlichen Nachlasses und war der grundlegenden Überzeugung, dass der Antisemitismus seines Protagonisten nicht allein mit Opportunismus erklärbar sei und dessen Rollen während der Stennes-Revolte, den Strasser-Krisen, des „Röhm-Putsches“ und den letzten Tagen im Bunker der Reichskanzlei sich objektiv anders darstellen, als sie der Tagebuchschreiber der Nachwelt hinterlassen wollte.

Zwei Dezennien später legt Reuth nun eine vollkommen überarbeitete Neufassung der Biographie vor. Geblieben sind die Struktur mit ihren Kapitelüberschriften und die Gesamtseitenzahl. Was sich offensichtlich änderte, sind der Umfang der einzelnen Abschnitte, der komprimierte Anmerkungsapparat sowie die stark veränderten Quellen- und Personenverzeichnisse. Grundlage der Überarbeitung sind die seit 2008 vorliegende, jedoch nicht kommentierte Tagebuchgesamtausgabe von Goebbels, die inzwischen zusammengeführten Aktenbestände im Bundesarchiv, viele Schriften und Zeitungsaufsätze sowie die erstmals in diesem Zusammenhang systematisch durchgesehenen zahlreichen Gerichtsverfahren. Auch die über einen langen Zeitraum verschollen geglaubten politischen Aufzeichnungen Horst Wessels konnte der Autor in der Jagiellonen-Bibliothek im polnischen Krakau für die Neufassung einsehen. Kritisch indessen interpretiert Reuth die kürzlich erschienene Goebbels-Biographie des Londoner Sozialhistorikers Peter Longerich, weil dieser mehr deute – einhergehend mit einer unzureichenden quellenkritischen Distanz zu den Tagebüchern –, als sich mit seinem Gegenstand auseinanderzusetzen. Entstanden sei eine Mischung aus Lebensweg, allgemeiner Geschichte des Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung der Propaganda.

Reuth selbst hingegen wolle bewusst verzichten auf „die in der Zeitgeschichtsschreibung inzwischen gängigen moralischen Wertungen.“ Seine umfangreiche Neubearbeitung der Goebbels-Biographie bietet eine lesens- und beachtenswerte Mischung aus Persönlichem und Politischen des Menschen, Politikers, Propagandisten und Intriganten vor:

In seiner Person verbanden sich ein sozial motivierter und aus Minderwertigkeitskomplexen gespeister abgrundtiefer Hass, ein aus katholischer Herkunft resultierendes unbeirrbares Glaubensbedürfnis und eine beachtliche intellektuelle Schärfe und wohl einer einzigartigen Waffe im Dienste der Massenbeeinflussung.“

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Mit dem körperlichen Gebrechen und seinem bisherigen Leben hadernd, zog sich Goebbels nach erfolgter germanistischer Promotion (1921) und vergeblichen Anstrengungen um gutes berufliches Fortkommen ins elterliche Haus zurück. Auf der Suche nach einer Persönlichkeit, welche ihm und der „gedemütigten“ Nation den Weg weisen könnte, wurde er mit Adolf Hitler fündig. Im Tagebuch vom 13. März 1924 notierte er, dass er sich mit ihm und der nationalsozialistischen Bewegung auseinandersetze, weil sie sich „mit allen schwierigen Problemen des Abendlandes“ auseinandersetze. Einen ersten Schritt in die politische Neuausrichtung (zu diesem Zeitpunkt war der junge Goebbels sozialistischen Ideen gegenüber nicht abgeneigt) unternahm er, indem er ein halbes Jahr später am Gründungskongress der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands, einer Nachfolgeorganisation der verbotenen NSDAP, teilnahm.

Kurz darauf war er Mitbegründer der Ortsgruppe der Partei, profilierte sich als Redner und wurde journalistisch tätig. Goebbels programmatische Parteivorstellungen wichen zum Teil erheblich von Hitlers ab, der es aber stets verstand, ihn für seine Zwecke und Interessen, auch gegen dessen zeitweiligen Mentor Gregor Strasser, zu instrumentalisieren. Der „Führer“ ernannte als Vertrauensbeweis seinen Gewährsmann Joseph Goebbels Ende Oktober 1926 zum Gauleiter des desolaten, zerstrittenen und einflusslosen, aber wichtigen Landesverbandes Berlin-Brandenburg.

Als der neu ernannte Funktionär aus dem provinziellen Elberfeld in der Reichhauptstadt eintraf, begab er sich in eine dynamische agierende, verlockend glänzende Großstadt, in der trotz wirtschaftlichem Aufschwungs soziale Gegensätze aufeinanderprallten: prahlerischer Reichtum und bittere Armut. Wie er hier erfolgreich wirken könne, erkannte der Gauleiter schnell und bekundete es in seinem Buch Kampf um Berlin (München 1934) kurzweg: „Berlin braucht seine Sensation wie der Fisch das Wasser. Diese Stadt lebt davon, und jede politische Propaganda wird ihr Ziel verfehlen, die das nicht erkannt hat.“ Dabei setzte er neben Kundgebungen auf gewaltsame Auseinandersetzungen mit ideologischen Feinden, SPD und KPD und deren Formationen; sowie persönliche Beleidigungen Verwaltungsbeamter der Landes- und Reichshauptstadt. Beredt legen eine Fülle von Prozessakten vom Auftreten Zeugnis ab. Seine Kontroverse fand oft im jüdischen Vizepräsidenten der Berliner Polizei, Bernhard Weiß, ihr Ziel. Als Leiter der politischen Polizei veranlasste Weiß ein Parteiverbot der NSDAP. Seitdem verhöhnte ihn Goebbels in Reden und Schriften mit dem Spitznamen „Isidor“. Und obwohl er vor seinem Wechsel nach Berlin kein „Radauantisemit“ sein wollte, bezeichnete der Gauleiter Juden als „Volksfeine“ und „Bazillen“, die ihr „Gastrecht“ nutzen, um das deutsche Volk mit Betrug und Korruption auszubeuten. Mit dem Verlassen der der Heimat verlor der Propagandist die vorhandenen Rudimente „(klein-) bürgerlicher“ Anständigkeit schnell.

Durch seine „Erfolge“ um Einfluss in Berlin wurde er im April 1930 Reichspropagandaleiter. Damit war Joseph Goebbels für die politische Ausrichtung in der Partei, ihre Wahlkämpfe und Großveranstaltungen, zuständig. Die Presse war ihm versagt, denn hier dominierte sein lebenslanger Rivale um Einflussnahme: Alfred Rosenberg blieb Schriftleiter des Völkischen Beobachters und stieg 1934 sogar als installiertes Konkurrenzunternehmen zum Reichminister für Volksaufklärung und Propaganda zum „Beauftragten des Führers für die weltanschauliche Überwachung der NSDAP“ auf. Beider Kampf um die Deutungshoheit in der Partei oder kulturellen Fragen füllt eigene Bände.

Nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 zu Ministerehren gelangt, schuf sich Goebbels sein eigenes politisches und kulturelles Imperium durch Gleichschaltung von Vereinen und Institutionen. Kurz nach der Amtsübernahme, schon am 24. April 1933, verlieh ihm seine Heimatstadt die Ehrenbürgerschaft. Im Festvortrag bescheinigte Schulleiter Harring dem besten Abiturienten des Jahrgangs 1917, dass dieser eine „Zierde dieser Schule“ und „Stolz dieser Stadt“ ist. Den Grund sah der Direktor darin, dass der „Herr Reichsminister“ einen Entwicklungsweg genommen habe, „den ich den wahrhaft humanistischen nennen möchte.“ Den Dank der Ehrenbürgerschaft nahmen auf einer Großkundgebung die Einwohner der Stadt Reydt auf dem überfüllten „Adolf- Hitler- Platz“ entgegen.

Privat hatte Joseph Goebbels vor seiner Ehe mit Magda, geschiedene Quandt, einige flüchtige, zum Teil auch feste Liebschaften. An der Eheschließung im Dezember 1931 nahm Hitler persönlich als Trauzeuge teil. Nachdem Goebbels Minister geworden war, leistete sich das Ehepaar einen üppigen Lebensstil. Der von Speer umgebauten Dienstwohnung folgten ein Seegrundstück auf der Insel Schwanenwerder und später ein Landhaus. Sechs Kinder wurden während der Ehe geboren. Auf Amouren ließen sich beide Partner ein.

Mit Kriegsbeginn installierte Reichsminister Goebbels zur wirksamen täglichen Steuerung der Medien Treffen im Propagandaministerium, die „Ministerkonferenz“, an der die Leiter der politischen Abteilungen des Hauses, Vertreter anderer Dienstellen und der Wehrmacht teilnahmen. Anschließend folgte die „Tagesparolen-Konferenz“, die Reichspressechef Otto Dietrich leitete und schließlich die Reichspressekonferenz, in der die Berliner Vertreter der Inlandspresse mit Themen und Interpretationen vertraut gemacht wurden. Die Provinzpresse erhielt die Weisungen über „Presse-Rundschreiben“ oder als „Vertrauliche Informationen“. Um die Intelligenz im In- und Ausland zu erreichen, gab Goebbels zudem die Wochenzeitung Das Reich heraus, ein recht erfolgreiches Ansinnen, denn bis 1944 stieg die Auflage auf 1,4 Millionen Exemplare.

Mit allen genannten und ungenannten Mitteln erreichte der umtriebige Reichspropagandaminister die Menschen und spornte sie mit der Parole über den „totalen Krieg“ zu „übermenschlichen Leistungen“ an. Die Schlacht um Berlin begann am Morgen des 16. April 1945. Sie endete mit der vollständigen militärischen Niederlage, der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945. Diesen Zeitpunkt erlebten Joseph und Magda Goebbels allerdings nicht mehr. Ihnen schien das Leben nach dem Selbstmord Hitlers nichts mehr wert. Selbst die Existenz ihrer Kinder löschten sie aus.

Ralf Georg Reuth (2012): Goebbels. Eine Biographie. München- Zürich: Piper Verlag, 747 Seiten, 26,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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