Ernst Nolte zum 90. Geburtstag

11. Januar 2013 0

Erinnerungen und Gedanken zwischen Historikerstreit und Weltbürgerkrieg

Wie kann man über Faschismus sinnvoll reden?  - Bild: imageworld24  / pixelio.de

Wie kann man über Faschismus sinnvoll reden? – Bild: imageworld24 / pixelio.de

In lockeren Formationen schweben Schneeflocken aus dem Berliner Himmel. Vor dem Logenhaus hält mitten auf der Fahrbahn ein Taxi. Ihm entsteigt ein unauffällig gekleideter  älterer Herr in Damenbegleitung. Fest stützt er sich auf dem Spazierstock, fest ist der Tritt. Als das eingehakte Paar kurz vor dem wuchtigen Eingangstor steht, öffnet eine bereitwillige Hand den Kommenden das Portal. Linkerhand findet am 8. Dezember 2012 das 21. Berliner Kolleg des Instituts für Staatspolitik unter dem Titel „Bildungskollaps. Ursachen und Folgen einer Kapitulation“ statt. Mit gut einhundert Besuchern ist der Saal gefüllt. Das Paar schreitet durch den Mittelgang und strebt Plätzen in den vorderen Reihen zu. Freundliches Kopfnicken begleitet ihren Weg. Ernst Nolte und Ehefrau nehmen Platz.

Der Lebensweg

Am 11. Januar 1923 wurde Ernst Nolte als Sohn eines katholischen Volksschullehrers in Witten an der Ruhr geboren. Wegen der Missbildung seiner linken Hand war das Kind und später auch der Jugendliche vom „Spiel“ der Nachbarkinder ausgeschlossen und schloss sich schnell in die Welt der Bücher und der Zeitungen ein. Er legte das Abitur ab und begann Philosophie, Germanistik und Altphilologie an den Universitäten Münster, Berlin und Freiburg im Breisgau zu studieren.

Nach dem Studienabschluss trat Nolte den Schuldienst in Gymnasien an. Neben dem Unterricht der Fächer Deutsch, Latein und Griechisch setzte er seine wissenschaftlichen Studien fort und promovierte 1952 an der Freiburger Universität über Selbstentfremdung und Dialektik im deutschen Idealismus und bei Marx bei Eugen Fink.

Nach intensiven zeithistorischen Forschungen veröffentlichte er 1963 sein erstes Buch. Der Faschismus in seiner Epoche wurde ein Jahr später als Habilitationsschrift angenommen und ein weiteres Jahr später wurde Nolte als ordentlicher Professor für Neuere Geschichte an die Universität Marburg berufen. Zwischen 1973 und 1991 wirkte der Historiker am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin mit gleichem Lehrauftrag.

Auf dem Weg zur wohlverdienten Eremittierung zog den etablierten Geschichtsdenker der Historikerstreit ins feuilletonistisch-öffentliche Rampenlicht. Auf den Artikel Ernst Noltes Vergangenheit, die nicht vergehen will in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Juni 1986 reagierte Jürgen Habermas in der Wochenzeitung Die Zeit publizistisch. Er löste damit den in die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Bundesrepublik eingegangenen politisch-ideologisch geführten Historikerstreit aus. Noltes Argumentation war nicht neu. Nolte erklärte zum wiederholten Mal, dass der „Archipel Gulag“ Vorrang vor „Auschwitz“ habe. Das heißt, der „Rassenmord“ der Nationalsozialisten sei nur aus Furcht vor dem älteren „Klassenmord“ der Bolschewiki entstanden. Diese These, den Massenmord an den Juden und die antisemitische Weltanschauung Hitlers deutete Nolte in seinem 1987 erschienenen Werk Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945 unter verschiedensten Aspekten. Die Einzigartigkeit des Holocausts stellte er damit keinesfalls in Frage.

Kritiker warfen Nolte vor, er verstünde den Antisemitismus der NS-Weltanschauung nur als eine Abwehrideologie gegenüber konkreter Bedrohung. Aber tatsächlich sei die antijüdische Hetze von Beginn an entscheidendes Wesensmerkmal der Ideologie und ihrer völkischen Vorläufer gewesen. Nolte erkläre außerdem nicht, weshalb für den italienischen Faschismus diese Aggressivität nicht gelte.

In den Jahren nach dem Höhepunkt des Historikerstreits wurde Ernst Nolte unter Historikern zunehmend isoliert. Im Jahr 2000 erhielt er den Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung. Angela Merkel lehnte es ab, die Laudatio auf ihn zu halten. Diese Aufgabe wurde vom Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Horst Möller, übernommen. Im November 2011 erhielt er den von der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung und der Wochenzeitung Junge Freiheit verliehenen Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis für Publizistik. Im folgenden Jahr konnte  Nolte „für sein umfangreiches wissenschaftliches und geschichtsphilosophisches Gesamtwerk“ den Historiker-Preis der Erich und Erna Kronauer-Stiftung entgegen nehmen.

Das „berühmte“ Buch

Im Bestseller Der Faschismus in seiner Epoche definierte Nolte Faschismus als Methode, die er selbst phänomenologisch nennt und philosophisch begründet und als „Antimarxismus“, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie beschreibt. Deren Anwendung sei von nahezu identischen und doch charakteristisch umgedeuteten Methoden gekennzeichnet. Er trachte nach dessen Vernichtung im Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie.

Nach der – an Max Weber angelehnten – typologischen Methode werden als allgemeine Merkmale des Faschismus Antimarxismus, Antiliberalismus, Nationalismus, Gewalt und Propaganda ermittelt, wobei Nolte selbst auf die Grenzen dieses Verfahrens verweist, da Rassismus oder Antisemitismus hier keine definitorische Rolle spielen. Letzterem komme in seiner phänomenologischen Erschließung der Vorgeschichte des Faschismus jedoch eine um so zentralere Stellung zu. Nolte fasst in seiner Faschismustheorie nicht nur den deutschen Nationalsozialismus und den italienischen Faschismus Mussolinis, sondern auch die „action française“, eine rechtsradikale französische Bewegung zusammen, deren Rassenantisemitismus unmittelbar auf die Weltanschauung Hitlers vorausweist. Damit war er der erste deutsche Historiker ohne marxistischen Hintergrund, der den Faschismusbegriff benutzte, nicht ohne die Ursprünge des europäischen Faschismus in der Tradition der (monarchistisch tradierten) französischen Gegenrevolution aufzudecken.

Die „unbekannten“ Schriften

Ernst Nolte schrieb eine Reihe von Büchern, die in die Wissenschaftsgeschichte eingingen. Sie sind Bestandteil jeder gut sortierten Privatbibliothek eines Bildungsbürgers oder eines historisch, besonders zeitgeschichtlich an der (europäisch zentrierten) politisch-ideologischen Entwicklung Interessierten. Am besten entdeckt der Leser den Geschichtsdenker Nolte jedoch wenn er sich in seine weniger bekannten Texte und Bücher vertieft und dessen konstruktiv-dialektischen Gedankenwege verfolgt. Diese sollte der Leser als intellektuelle Anregung verstehen und mit dem Autor gedanklich diskutieren. Was kann einem Wissenschaftler besseres passieren als das er immer wieder als Stichwortgeber oder geistiger Inspirator herangezogen wird?

Die frühe, kaum rezipierte Aufsatzsammlung Sinn und Widersinn der Demokratisierung in der Universität etwa setzt sich mit den unterschiedlichen Facetten der Hochschulreform auseinander und diskutiert in diesem Zusammenhang die Rolle und Bedeutung des Begriffes „Faschismus“ in der politisch-ideologischen Auseinandersetzung der jungen Generation, welche wir heute als die 68er bestimmen. Anlass war der Versuch der Philipps-Universität Marburg, an der Nolte zu diesem Zeitpunkt lehrte, ihr eine neue Satzung zu geben. Gefordert wurde je ein Anteil von zwanzig Prozent an Studenten und Assistenten am satzungsgebenden Senat. Praktisch bedeutete das ein Aufblähen der bedeutenden Gremien und die Minderung des Einflusses auf Forschung und Lehre der Lehrstuhlinhaber. „Es bedeutete aber vor allem, dass jeder Ordinarius, der sich gegen die Zahlen aussprach, von der lärmenden Propaganda  in den Ruf eines Reaktionärs gebracht wurde, welcher seine Privilegien gegen die notwendige ‚Demokratisierung’ der Universität verteidige.“ Der Versuch der Satzung eine neue Gestalt zu geben scheiterte zu diesem Zeitpunkt, trotz der Argumentation einiger Studentengruppen, die Gesellschaft stehe vor einen „Faschisierung“ der Gesellschaft.

Es begann der Einbruch der Politik, „das heißt die Anziehungskraft und die Auswirkung der neuen Fächer Politologie und Soziologie mit ihren vorwiegend marxistischen Implikationen“, in das Hochschulwesen und damit der Marsch durch die Institutionen.

Im Allgemeinen wird wenig wahrgenommen, dass Marxismus und Industrielle Revolution als Bestandteil einer Trilogie konzipiert ist. Zuerst erschien 1963 Der Faschismus in seiner Epoche, das Ernst Nolte als Geschichtswissenschaftler national und international bekannt machte. Elf Jahre später folgte der Mittelteil Deutschland und der Kalte Krieg, um 1983 schließlich mit dem Marxismus den eigentlichen Auftaktband vorzulegen:

Wenn ihr innerer Zusammenhang mit einem Satz umrissen werden soll, so ist es eine Geschichte der Entstehung, des Praktischwerdens und des Scheiterns der großen modernen Ideologien. Was ‚Ideologie‘ ist und worin ihr Verhältnis zur gesellschaftlichen ‚Wirklichkeit‘ anthropologisch begründet ist, braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber die Grundannahme besteht darin, dass die Deutungen der Welt und des Menschen, die als solche so alt sind wie die Menschheit selbst, mit der fundamentalen Wandlung der Lebensverhältnisse durch die Industrielle Revolution eine neue Qualität annahmen, indem die Geschichte statt Gottes oder des Kosmos zum Mittelpunkt wurde. Von nun an konnten sie zu einem entscheidenden Faktor von Bewegungen und Staaten werden, welche die vollständige ‚Veränderung der Welt‘ und die eigene ‚Weltherrschaft‘ als Ziele proklamierten.“

Der intellektuelle Nachklang

Selbst ein viertel Jahrhundert konnte der Erinnerung an den Historikerstreit nichts anhaben. Unter dieser Jubiläums-Voraussetzung versuchte Mathias Brodkorb, Landtagsabgeordneter, derzeit Kultusminister der SPD in Mecklenburg-Vorpommern und bis zur Übernahme des Amtes im vorletzten Jahr verantwortlicher Herausgeber der Webseite Endstation rechts, die Streiter von damals an einen Tisch zu bringen. Ernst Nolte gab bereitwillig ein Interview für den von Brodkorb herausgegebenen Sammelband Singuläres Auschwitz?, der andere Kombattatant, Professor Jürgen Habermas, verweigerte sich strikt dem Ansinnen.

Mathias Brodkorb ist gleichfalls ein objektiv sezierendes Rezensionsessay über Noltes Buch Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus im Jahrbuch Extremismus & Demokratie (2010) zu verdanken. Und dieses Jahrbuch druckte in jeder seiner letzten Ausgaben eine Buchbesprechung von Nolte. Ansonsten sind Nolte seit dem Historikerstreit schrittweise die publizistische Öffentlichkeit ebenso wie die wissenschaftlichen Publikationsmöglichkeiten in Deutschland entzogen worden. Etwas anders verhielten sich französische, besonders italienische Zeitungen und Zeitschriften. Die Fülle an Aufsätzen versammelte der hierzulande Verfemte im Band Italienische Schriften. Europa- Geschichtsdenken- Islam und Islamismus. Aufsätze und Interviews aus den Jahren 1997-2008. Damit wurde ein bislang in deutscher Sprache nicht zugänglicher Teil des Werkes von Nolte publik. Den Abschluss und den wohl persönlichsten Höhepunkt des Bandes bildet der auf Wunsch des Pariser Verlages Laffont, der 2008 einige seiner Werke in Neuausgaben verlegte, entstandene Umriss einer intellektuellen Biographie.

Die (vorerst) letzte Kontroverse

Zuletzt entspann sich ein Disput um die Späten Reflexionen in der Sezession und eine Besprechung in der Jungen Freiheit (JF). 1 In der JF schrieb Thorsten Hinz:

Mit seinem Buch ‚Späte Reflexionen’ setzt der Historiker Ernst Nolte den Schlusspunkt unter sein Lebenswerk und kreist um sein altes großes Geschichtsthema, den Weltbürgerkrieg. Der Titel verspricht eine lockere, assoziative und subjektive Schreibweise. Das heißt nicht, dass sich Nolte einen milden Rückblick auf seine Gegner und die mit ihnen geschlagenen Schlachten gestatten würde. Im Gegenteil, er nutzt die freie Form, um alte Fragestellungen aufzunehmen, zuzuspitzen und auf ihre Aktualität hinzuweisen. Gewöhnlich bezieht Noltes Prosa ihre suggestive Kraft aus der abwägenden Argumentation. Die ‚Reflexionen‘ hingegen sind eindeutig bis zur sprachlichen und politischen Rücksichtslosigkeit. Das kann Stoff bieten für handfeste Skandalisierungen – oder für eine anspruchsvolle Lektüre. Die erfordert eine gewisse Vertrautheit mit der Begriffs- und Gedankenwelt des Autors. Ist diese Voraussetzung erfüllt, dann eröffnet sie Ausblicke auf geschichts- und geisteswissenschaftliche Kontroversen von morgen.“

Benutzte Literatur

1. Schriften von Ernst Nolte

  • Backes, Uwe/ Gallus, Alexander/ Jesse, Eckhard: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 24. Jahrgang 2012; S. 378 Buchbesprechung zu Timothy Snyder, Bloodlands; 23. Jahrgang 2011; S. 346 Buchbesprechung zu Maurizio Bach/ Stefan Breuer, Faschismus als Bewegung und Regime
  • Sinn und Widersinn der Demokratisierung in der Universität; Sammlung Rombach; Freiburg im Breisgau 1968
  • Deutschland und der kalte Krieg; München und Zürich 1974
  • Marxismus und Industrielle Revolution. Werke zur Geschichte der modernen Ideologien, Band 1; Stuttgart 1983
  • Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert. Von Max Weber bis Hans Jonas; Berlin, Frankfurt/ Main 1991
  • Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus; Berlin, Frankfurt/ Main 1993
  • Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus; Berlin 2009
  • Späte Reflexionen. Über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts. Über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts; Wien und Leipzig 2011
  • Italienische Schriften. Europa- Geschichtsdenken- Islam und Islamismus. Aufsätze und Interviews aus den Jahren 1997-2008; Berlin 2011
  • Am Ende eines Lebenswerkes. Letzte Reden 2011/12; Reihe Kaplaken, Band 31; Schnellroda 2012

2. Sekundärliteratur

  • Brodkorb, Mathias: Ernst Nolte, Die dritte radikale Widerstandsbewegung; in: Backes, Uwe/ Gallus, Alexander/ Jesse, Eckhard: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 22. Jahrgang 2010; S. 298ff.
  • Brodkorb, Mathias (Hrsg.): Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre „Historikerstreit“; Banzkow 2011
  • Ernst Nolte – der „Mann von morgen?“. Briefwechsel zwischen Thorsten Hinz und Siegfried Gerlich; in: Sezession 45, Dezember 2011; S. 26-29
  • Gerlich, Siegfried: Ernst Nolte – Späte Ambivalenzen; in: Sezession 45, Dezember 2011; S. 22-25
  • Gerlich, Siegfried: Hamburg, den 19. Januar 2012 (Schreiben an Herausgeber Götz Kubitschek wegen Nolte- Debatte); in: Sezession 46, Februar 2012, S.39
  • Gerlich, Siegfried: im Gespräch mit Ernst Nolte. Einblick in ein Gesamtwerk; Schnellroda 2005
  • Gerlich, Siegfried: Ernst Nolte. Portrait eines Geschichtsdenkers; Schnellroda 2009
  • Hinz, Thorsten: Keine Altersmilde gegenüber der „mentalen Weltherrschaft“; in: Junge Freiheit 42/11 vom 14. Oktober 2011
  • Scheil, Stefan: Eine Lanze für Ernst Nolte; in: Sezession 46, Februar 2012, S.36-38
  • Waldenstein, Thor von: Nolte, Nexus und Nasenring; in Sezession 47, April 2012; S. 42-44

Notes:

  1. Beiträge in der Sekundärliteratur aufgeführt.

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