Die Zukunft der Arbeit funktioniert (fast) wie immer

5. Januar 2013 0

Gisela Berger rezensiert Walter Simon: Abschied von der Normalarbeit. Berufswelt und Arbeitsplatz im Umbruch

Ändern sich die grundlegenden Prinzipien unserer Arbeit? - Bild: Lupo  / pixelio.de

Ändern sich die grundlegenden Prinzipien unserer Arbeit? – Bild: Lupo / pixelio.de

Prof. Dr. Walter Simon gilt in Deutschland als  Vor- und Querdenker für modernes Management. Aus seiner „Rezepteküche“ stammen vielfältige Anleitungen zur Mitarbeiterführung, zur strategischen Planung, zum Qualitäts- und Innovations- und Zukunftsmanagement.  Sein neues Buch Das Ender der Normalarbeit – Berufs- und Arbeitswelt im Umbruch  versteht sich eher als Navigationsbrevier in die Zukunft der Arbeitswelt und als Signalgeber, mit dem der Autor vor unheilvollen gesellschaftlichen Entwicklungen warnen will.

Droht das Ende der Normalarbeit? Ja, meint Simon. Es drohe kein abruptes Ende, wohl aber ein allmähliches Siechtum. Unter Normalarbeit versteht er ein tarifvertraglich geregeltes, unbefristetes und  sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Nur noch 60 Prozent der Deutschen genießen das Privileg eines Nine-to-five-Jobs mit Urlaub und Arbeitsrechtsschutz. Es gibt Arbeit in Hülle und Fülle, aber immer weniger bezahlbare. An die Stelle des Normalarbeitsverhältnisses treten prekäre Arbeitsangebote in Form von Leih- und Teilzeitarbeit, Niedriglohn- und Minijobs. Sie höhlen immer mehr das Normalarbeitsverhältnis aus. Nach dem Wirtschaftswunder droht nun ein blaues Wunder, so der Autor.

Prof. Simon beschreibt zunächst ausführlich die Veränderungen im Beschäftigungssystem und beleuchtet hierbei die Wirkungen der Demografie auf das Arbeitsplatzangebot. Er sieht in der Zunahme freiberuflicher Existenzgründungen in die „Freiheit der Unsicherheit“ einen ernst zu nehmenden Hinweis auf ein knapper werdendes Arbeitsplatzangebot. Menschen wollten ihr Selbstwertgefühl wahren und versuchen, der Arbeitslosigkeit durch eine freiberufliche Tätigkeit oder Unternehmensgründung zu entgehen. Selbständigkeit ist für Simon wohl eher Schicksal als Chance.

Die Klagen über einen angeblichen  Fachkräftemangel hält er hingegen für eine interessensgeleitete Phantomdiskussion der Arbeitgeberverbände. Das belegt er anhand der Entlohnung für Fachkräfte  und statistischer Daten aus dem Arbeitsmarkt. Wenn Fachkräfte tatsächlich ein so knappes Gut wären, wie behauptet, müssten nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage die Tariflöhne steigen. Das aber ist nicht der Fall. Außerdem, bei vier Millionen (gemeldeten und nicht gemeldeten) Arbeitslosen und einer Million unbesetzter Arbeitsstellen dürfte es eigentlich keinen  Fachkräftemangel geben.

Tritt die Dienstleistungswirtschaft an die Stelle der Industrie? Nein, sagt Prof. Simon. Zwar sind mittlerweile mehr als zwei Drittel der Beschäftigten dienstleistend tätig, aber es ist die Industrie, die Dienstleistungen einkauft und als produzierender Dienstleister Service verkauft. Die Industrie nährt viele Dienstleistungsbranchen, vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie.  Wer, wenn nicht die Industrie, erwirtschaftet die Werte des Wirtschaftskreislaufes substanziell und elementar? Dort, wo die Industrie wächst, wachsen auch die Service-Arbeitsplätze. Industrie und Dienstleistung stehen in einem komplementären Verhältnis. Sie bieten eine auf den Kunden zugeschnittene Problemlösung.

Zur Rolle der Frauen in der zukünftigen Arbeitswelt meint der Autor, dass sie sich als starkes Geschlecht profilieren werden. Er ist davon überzeugt, dass es zu einer Quotenregelung bei der Besetzung von Managerpositionen kommt. Zugleich wendet er sich gegen alle Formen feministischer Mythenbildung, die in der Behauptung gipfeln, dass Frauen die besseren Führungskräfte seien. Die geschlechtervergleichende Führungsforschung habe schließlich festgestellt, dass es zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften keinen signifikanten Unterschied gibt.  Die Pointierung der  Quotenfrage lenkt seiner Meinung nach von der viel wichtigeren Frage der gerechten Entlohnung für Frauen ab.

Unter der Überschrift „Gewerkschaften: Ohnmacht statt Gegenmacht“ prognostiziert Simon, selbst seit 44 Jahren Mitglied von ver.di den deutschen  Arbeitnehmerorganisationen eine Zukunft, die der des Verbandes der Kriegsopfer, Behinderten und Sozialrentner entspricht. Das Ende der Industriegesellschaft ist auch das Ende der Industriegewerkschaften.  Nur im Bereich der Polizei, des Beamtentums und der Lehrerschaft werde es weiterhin nennenswerte Interessenvertretungen geben.

Eine Geburtenrate von nur 1,4 Kindern pro Frau zwingt zum Nachdenken über die zukünftige Rolle der Senioren in der Arbeitswelt, denn die Sterberate übersteigt die Geburtenrate. Das Erwerbspotenzial wird von heute 40 Millionen bis 2040 auf 32 Millionen sinken. So sehr die Re-Integration von Senioren in die Arbeitswelt unter dem Begriff best-agers zu begrüßen wäre, so sehr ist zu befürchten, dass die Wirtschaft stärker auf die Möglichkeiten der globalen Arbeitsteilung und Produktivitätssteigerungen zurückgreift. Auch muss kritisch gefragt werden, ob unsere Senioren über aktuelle Qualifikationsprofile vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie verfügen und wie schnell sie sich neues Wissen und Können aneignen können.

Sehr ausführlich behandelt Simon das Thema Zukunft der Mitarbeiterführung. Hier kommt er zu dem Schluss, dass man auch noch in 25 Jahren auf freundliche und schlecht gelaunte, ruhige und cholerische, gerechte und ungerechte, ehrliche und verlogene Chefs, auf Karrieristen, Schleimer und Steigbügelhalter treffen werde. Die Gesamtheit von Unternehmern und Managern stellt für ihn eine repräsentative Teilmenge der gesamtgesellschaftlichen Persönlichkeitsstruktur dar. Zwar verändern sich die Wertesysteme, nicht aber die Grundstruktur der Persönlichkeit. Die subjektive Komponente spielt insbesondere bei Klein- und Mittelunternehmen eine nicht zu unterschätzende Rolle. So drückt die Persönlichkeit des Unternehmers oder Geschäftsführers vielen Klein- und Mittelunternehmen einen Stempel auf, zumal sich viele nachgeordnete Führungskräfte an ihren Vorgesetzten orientieren.

Auf der Basis  einer ausführlichen Analyse der weltweit vorliegenden Motivationsstudien kommt Simon zu dem Schluss, dass diese das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Information und Kommunikation, Lob und Anerkennung, Zielvereinbarung, Übertragung von Verantwortung, echtes Interesse am Mitarbeiter, Verständnis und Fürsorge, das waren die Motivatoren von gestern, es sind die von heute und sicherlich auch noch die von morgen. Wenn dann noch die Wörter bitte, danke, prima und ein freundliches Lächeln hinzukommen, ist der Motivation Genüge getan. Simons abschließendes Diktum: Das Problem ist nicht die fehlende Motivation der Mitarbeiter, sondern die De-Motivation durch Führungskräfte.

Walter Simon (2012): Abschied von der Normalarbeit. Berufswelt und Arbeitsplatz im Umbruch. Auerbach: Verlag Wissenschaftliche Scripten, 270 Seiten, 24,50 Euro. Kaufen bei Amazon.

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