Indymedia wird Linksunten

2. Januar 2013 1

Radikalisierungstendenzen auf linksextremen Internetseiten

Linksextreme Demonstration in Hamburg (2011) - Bild: KDH

Linksextreme Demonstration in Hamburg (2011) – Bild: KDH

Das Internetportal de.indymedia.org stellte über ein Jahrzehnt lang die erfolgreichste Seite des linksradikalen Spektrums in Deutschland dar. Doch damit ist nun offenbar Schluss. Der deutsche Ableger des weltweiten Indymedia-Netzwerkes entstand 2001 unter Beteiligung zahlreicher linker Gruppen wie etwa der Computergruppe aus dem Hamburger Internationalen Zentrum B5. Indymedia entwickelte sich rasch und genoss seitdem nicht nur die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes, sondern ebenso die zahlreicher Journalisten, die immer wieder Themen vom linksradikalen Nachrichtenportal aufgriffen und aus seinen Texten zitierten.

Wer die Aktivitäten auf der Seite verfolgte, konnte in den letzten Jahren allerdings einen deutlichen Rückgang erkennen – insbesondere seit Gründung des Portals linksunten.indymedia.org. Schon im Juli luden die Indymedia-Verantwortlichen zu einem bundesweiten Treffen in Hamburg ein, bei dem der Fortbestand des Portals zur Diskussion gestellt wurde. Laut einer aktuellen Erklärung gaben sich die Aktivisten eine Frist bis zum Frühjahr 2013. In diesem Zeitraum sollen neue Aktivisten gefunden und auf ein Neues Content-Management-System (CMS) umgestellt werden. Tatsächlich sind seitdem jedoch kaum Änderungen an der Seite festzustellen, sodass sie demnächst deaktiviert und/oder archiviert werden könnte.

Nutznießer wäre in diesem Fall das weitaus radikalere Projekt Linksunten. Schon im Mai 2008 riefen Aktivisten im Umfeld des Freiburger Autonomen Zentrums KTS zur Einrichtung einer weiteren Indymedia-Subdomäne auf, da ihnen die bis dato bestehende Seite zu wenig auf regionale Belange einging. Unter linksunten.indymedia.org sollte ein separates Portal linksradikaler Gruppen aus Südwestdeutschland entstehen. Tatsächlich nutzen jedoch von Beginn an auch nord- und ostdeutsche Aktivisten die Möglichkeit, Informationen auf Linksunten zu verbreiten. Offenbar empfanden sie das Reglement von de.indymedia.org (das unter anderem vorsieht, keine Demonstrationsaufrufe und kopierte Zeitungsartikel zu veröffentlichen) als zu strikt. Oder sie deuteten die Bezeichnung „linksunten“ schlichtweg falsch – nämlich politisch anstatt geographisch.

Linksunten erfreut sich seitdem immer größerer Beliebtheit unter linksextremistischen Internet-Nutzern. Im Vergleich mit de.indymedia.org fallen die Artikel erheblich drastischer aus. Ein aktueller Aufruf fordert etwa eine „Bewegung, die nicht nur für die Zerstörung der kapitalistischen Machtverhältnisse kämpft, sondern auch für den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft.“ 1 Ein anderer meint, man brauche einen „wirkungsvollen antifaschistischen Selbstschutz in den Stadtteilen und Städten“ um „den Kampf gegen jegliche Unterdrückungsverhältnisse mutig und selbstorganisiert in die eigenen Hände zu nehmen.“ 2

Ein Großteil der Artikel sind Bekennerschreiben nach politisch motivierten Anschlägen oder Outings politischer Gegner, im Rahmen derer private Daten veröffentlicht werden. Unter den Opfern befinden sich nicht ausschließlich Rechtsextreme, sondern teilweise auch Angehörige der Unionsparteien. Insgesamt sieht es so aus, als würde der Wechsel von de.indymedia.org zu Linksunten erheblich zur Radikalisierung der Szene beitragen.

Notes:

  1. Quelle: https://linksunten.indymedia.org/en/node/74437
  2. Quelle: https://linksunten.indymedia.org/en/node/74387

One Comment »

  1. zaphod 15. Januar 2013 at 21:01 - Reply

    Ich habe mich damals furchtbar über den NDR im Fall Drygalla aufgeregt.Dort konnte ein vermummter Linker über seine Denunziation dieser Ruderin,beziehungsweise ihres rechtsradikalen Freundes triumphal berichten.Das Autorenteam nannte sich „Kombinat Fortschritt“und schrieb bei Indymedia . In der Sendung „Zapp“ sah man die Handlungsweise der Linken sehr unkritisch;für ein angeblich Medien kritisches Format ein echtes Armutszeugnis.

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