Wenn radikaler Machtwille zum Selbstzweck wird

17. Dezember 2012 0

Rezension zu Gertrud Höhler: Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut

Man sieht nur die Handhaltung, aber jeder weiß, dass das Angela Merkel ist - immer in der Mitte, passend zum Zeitgeist - Bild: Armin Linnartz / Wikipedia

Man sieht nur die Handhaltung, aber jeder weiß, dass das Angela Merkel ist – immer in der Mitte, passend zum Zeitgeist – Bild: Armin Linnartz / Wikipedia

Zweifellos gehört sie zu den schärfsten Kritikerinnen der amtierten Bundeskanzlerin: die Literaturwissenschaftlerin und Unternehmensberaterin Gertrud Höhler. Das 2012 erschienene Buch Die Patin wirft aber nicht nur ein bezeichnendes Licht auf Merkel, sondern auch auf den Zustand der Demokratie in Deutschland: Was ist das für ein Volk, das es sich gefallen lässt, so regiert zu werden? Und was ist das für eine Partei, die Merkel ein sozialistisch anmutendes Wiederwahlergebnis von 97 Prozent beschert?

Wer sich Merkel also wie Höhler analytisch nähern will, sieht sich zunächst mit einem Dilemma konfrontiert. Nämlich dem, das es eigentlich gar nicht möglich ist. Die Autorin bezeichnet sie als „schwer lesbar“ und diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Das einzig Konstante der Kanzlerin sei gerade das Inkonstante und ihre Erfolgsformel laute „no commitment“, radikale Bindungslosigkeit: „Merkels Machtwille wird nicht gebremst durch irgendein Credo, wie es die Konkurrenten mit sich tragen; Merkels Machtwille IST ihr Credo. Kein Bekenntnis hindert sie.“ (Herv.i.O.)

Was unter „Normalbürgern“ als Schwäche gilt und eher weniger gut ankommt, münzt sie – und das ist wahrscheinlich eine wahrhafte Meisterleistung – in Stärke um: Die Distanz, die sie einnehme, gebe ihr die Fähigkeit, abzuwarten, kühl zu beobachten und im geeigneten Moment zuzuschlagen.

Dieses „Zuschlagen“ setzte nicht erst im Dezember 1999 ein, als sie mit ihrem legendären FAZ-Artikel entscheidend zur Entmachtung Kohls beitrug, sondern schon rund zehn Jahre früher. Vom Demokratischen Aufbruch gelangte sie in die CDU, weil sie instinktiv spürte, dass dort die Macht ist. Sie ließ sich Kohl vorstellen, um in seiner Nähe den „Mantel der Geschichte“ zu ergreifen. Höhler zitiert Erhard Neuber, der einmal sagte: „Sie hat die Macht, die andere zurückgelassen haben, einfach aufgehoben.“ Als die Stunde gekommen war, Kohl loszuwerden, hat sie das „Machtvakuum“ genutzt, um ihn zu beerben. Was ihr dabei zugutekam, war die Tatsache, dass sie, so Höhler, die „Beißhemmung der Männerwelt in der CDU“ nicht kannte, was nicht zuletzt auch mit dem konstatierten Werterelativismus zusammenhängt.

Lesen Sie das Diskussions-Papier von André Freudenberg zum Thema

So ist sie einen nach dem anderen losgeworden: mit Friedrich Merz habe sie auch „wertebewusstes intellektuelles Potential aus der Partei gedrängt“. Höhlers Beobachtung, dass die Schwächeren bleiben und die Starken gehen, ist sicher nicht unzutreffend.

Folgerichtig entstehe dann ein inhaltlicher Gemischtwarenladen, wo Produkte, die gut „gehen“, von anderen übernommen und durch herkömmliche ausgetauscht werden. Praktisch sehe das dann so aus, dass „Raubzüge“ ins Revier anderer Parteien unternommen werden, vor allem in das der Grünen und der SPD, mit einer vermeintlich modernen Familienpolitik, die die berufstätige Mutter und die staatliche Fremdbetreuung zum Normalfall erhebt. Auf diese Weise betreibe Merkel einen gnadenlosen Umbau von Staat und Gesellschaft, selbstverständlich in ihrem Sinne.

Höhlers Verdienst ist es, nicht nur eine Beschreibung geliefert zu haben, sondern auch die verheerenden Folgen beim Namen zu nennen: Sie rekurriert dabei auch auf den Schaden, der für die Demokratie entsteht: „Eine Quasi-Einheitspartei hat so am Ende des ersten Jahrzehnts in Schicksalsfragen mit Verfassungsrang immer öfter über alle Parteigrenzen hinweg für das Regierungskonzept entschieden.“ Höhler geht auch auf die wirtschaftlichen Folgen ein, insbesondere auf die Euro-Rettungspolitik und die sogenannte Energiewende: „Hier werden alle Faktoren von Merkels freibeuterischer Machtmentalität deutlich: Positionslosigkeit, Werterelativismus und autoritäre Anmaßung.“

Die Professorin ist ihrer Zeit voraus. Sie formuliert zweifellos radikal. Aber sie erhebt klar ihre Stimme für Werte wie Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, die, um mit Merkel zu sprechen, in der Tat „alternativlos“ sind.

Gertrud Höhler (2012): Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut, Zürich: Orell Füssli Verlag, 296 Seiten, 21,95 Euro. Kaufen bei Amazon.  

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