„Entweder unbestimmt oder fremdbestimmt“

13. Dezember 2012 0

Interview mit Wolfgang Fenske über die neue Bibliothek des Konservatismus in Berlin

Wolfgang Fenske - Leiter der Bibliothek des Konservatismus - Bild: FKBF

Wolfgang Fenske – Leiter der Bibliothek des Konservatismus – Bild: FKBF

Vor einigen Tagen öffnete in der Nähe des Berliner Bahnhofs Zoo die Bibliothek des Konservatismus ihre Pforten für den Publikumsverkehr. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit dem Bibliotheksleiter Wolfgang Fenske über die neue Einrichtung, nicht-ideologisches Gedankengut in akademischen Kreisen und die Aufgabe, konservatives Gedankengut zu erklären und für die Politik fruchtbar zu machen.

Herr Fenske, warum bedurfte es gerade einer Bibliothek des Konservatismus? Sind Bibliotheken nicht gerade ein Ort ideologischer Neutralität?

Wolfgang Fenske: Bibliotheken stellen ja zunächst einmal nur Material zur Verfügung, in unserem Falle vor allem Bücher, Zeitschriften und ausgewählte Archivalien. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit Wissenschaft bzw. Volksbildung. Entscheidend ist, was Sie daraus machen!

Wir haben uns zur Aufgabe gesetzt, unseren Nutzern das gesamte geistesgeschichtliche Gebiet des Konservatismus zu erschließen. Sie können das, was Sie bei uns erfahren, wissenschaftlich oder politisch einsetzen, Argumente für oder gegen konservatives Denken sammeln. Wir unterziehen unsere Nutzer keiner Gesinnungskontrolle. Aber natürlich ist es unser Anliegen, konservativem Denken im akademischen, kulturellen und politischen Leben wieder zu mehr Gehör und Geltung zu verhelfen. Dazu machen wir das Ganze letztlich.

Ein Versuch, die von vielen prognostizierte Vorherrschaft linker Ideologie im gesamten Wissenschaftsbetrieb aufzubrechen?

Fenske: Wer in der Wissenschaft tätig ist, will an die großen Fleischtöpfe und dabei ist es ganz gleich, ob es sich um Fördergelder oder Publikationsmöglichkeiten handelt. Dieses Streben macht Wissenschaftler oft stromlinienförmig, angepasst.

Nur ein Beispiel: Kein Geisteswissenschaftler könnte es sich heute erlauben, öffentlich die Berechtigung von Gender Studies in Frage zu stellen, denn er weiß, dass er seiner Reputation damit schaden würde. Also schweigt er, denkt sich vielleicht seinen Teil und bleibt in Forschung und Lehre sicherheitshalber auf der politisch korrekten Seite. Wir sind also schon weiter, als Ihre Frage es unterstellt: Der Wissenschaftsbetrieb muss gar nicht mehr „beherrscht“ werden, weil die Selbstkonditionierung der Wissenschaft bereits weithin vollzogen ist.

Gibt es keine anderen Entwicklungen?

Fenske: Es gibt natürlich immer Gelehrte, die es sich erlauben können, gegen den Strom zu schwimmen. Entweder, weil sie und ihre Forschung finanziell abgesichert sind oder weil ihre Reputation so hoch ist, dass sie schlicht unangreifbar sind. Das ist aber die Ausnahme.

Was unterscheidet nun die Bibliothek des Konservatismus inhaltlich von anderen, bspw. der Staatsbibliothek oder den  Universitäts-Bibliotheken Berlins?

Fenske: Wir sind eine Spezial- und Forschungsbibliothek mit einem ganz klar abgegrenzten Bestandsprofil. Zu unseren Sammelschwerpunkten gehören die Schriften der Gegenrevolution nach 1789, die konservativen Autoren und Periodika des 19. und 20. Jahrhunderts sowie der Gegenwart.

Im 20. Jahrhundert stellt die Konservative Revolution noch einmal einen besonderen Sammelschwerpunkt dar. Daneben gilt natürlich der wissenschaftlichen Fachliteratur zum Konservatismus ein besonderes Augenmerk.

Bekommt man einen Großteil davon nicht auch über die großen Bibliotheken, notfalls auch über die Fernleihe?

Fenske: Einen Großteil bestimmt, aber sicher nicht alles. Aber das ist auch nicht der Punkt. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass sich viele inhaltliche, thematische und historische Bezüge erst am Regal herstellen lassen: Vor Augen die konservativen Denker einer bestimmten Epoche, im Rücken die Werke zur deutschen Nationalgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen, ihren offenen oder nur unbefriedigend gelösten Fragen, flankiert von Grundlagenwerken zum sachgerechten Verstehen historischer oder philosophischer Zusammenhänge. Wer sich in diesen Kosmos begibt, dem erschließen sich inmitten der Regale völlig neue Zusammenhänge. Das kann keine Großbibliothek und keine Fernleihe leisten.

Was jemand vor z.T. mehreren Hundert Jahren über Konservatismus gesagt hat, klingt vielleicht nicht besonders aktuell. Wie wollen die Bibliothek und ihr Träger, die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) denn konservatives Gedankengut zugänglich und – vielleicht noch wichtiger – fruchtbar für aktuelle Diskussionen machen?

Fenske: Es war unserem Stifter, Caspar von Schrenck-Notzing, immer ein besonderes Anliegen, dass seine Bibliothek nicht nur verwahrt, sondern auch wissenschaftlich, publizistisch und politisch wirksam wird. Für uns bedeutet das, Strategien zu erarbeiten, um potentielle Nutzer an unsere Bestände heranzuführen.

Vieles ist dabei denkbar. So werden wir im kommenden Jahr vermehrt zu öffentlichen Veranstaltungen einladen, unsere Internetpräsenz ausbauen und eine Schriftenreihe mit den Erträgen unserer Bibliothek herausgeben.

Die Vernetzung mit im weitesten Sinne konservativen regionalen und überregionalen Initiativen hat bereits begonnen – nehmen Sie etwa unsere Kooperation mit der Stiftung Ja zum Leben bei der Gründung des Sonderbestands Lebensrecht, der ersten Lebensrechtsbibliothek in Deutschland überhaupt. Diese Arbeiten werden wir Zug um Zug vorantreiben. Dass das bei einem 3-Mann-Betrieb nicht alles von heute auf morgen geht, versteht sich.

Der von Ihnen erwähnte Caspar von Schrenck-Notzing, mittlerweile verstorbener Stifter der FKBF und einer der herausragenden publizistischen Köpfe des deutschen Nachkriegskonservativismus, schrieb einmal: „Nicht dogmatisches Nachbeten, sondern kritische Aneignung führt zur Rückholung der Väter, eine Rückholung, die für das Selbstbewusstsein einer geistigen Richtung unerlässlich ist.“ Wie gedenken Bibliothek und Förderstiftung diesem Leitsatz gerecht zu werden?

Fenske: In der Tat ist die kritische Aneignung immer das leitende Interesse einer wissenschaftlichen Bibliothek. Es geht ja nicht darum, dass unsere Nutzer sich mit all dem identifizieren sollen, was in unserer Bibliothek an konservativer Literatur bereitgestellt wird. Das wäre auch absurd, denn die Positionen widersprechen sich zum Teil diametral und haben mit heutigen Fragestellungen oft nur noch wenig gemein.

Nein, es geht darum, überhaupt erst einmal das Material – gewissermaßen das „kulturelle Gedächtnis“ des Konservatismus – zur Verfügung zu stellen, das dann kritisch rückgeholt und angeeignet werden kann. Doch schon daran haperte es ja bislang in Deutschland – anders etwa als in den USA, wo es conservative libraries seit langem gibt. Doch ich sagte es bereits: Entscheidend ist, was Sie daraus machen!

Dieter Stein bemerkte in seinem Kommentar zur Bibliotheks-Eröffnung in der Jungen Freiheit: „Der Begriff des Konservativen ist unbesetzt.“ Als Leiter einer Bibliothek des Konservatismus müssten Sie diesbezüglich konkrete Vorstellungen haben. Was also ist Ihre persönliche Definition von konservativ?

Fenske: Ein ausländischer Journalist, der kürzlich bei uns zu Besuch war, berichtete, dass seine Ankündigung, die Bibliothek des Konservatismus zu besuchen, im Kollegenkreis auf Befremden gestoßen sei. Wir haben lange darüber gesprochen, warum das so ist, und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der Begriff des Konservatismus in Deutschland entweder unbestimmt oder fremdbestimmt ist. Unbestimmt, weil viele überhaupt nicht mehr wissen, was sie damit verbinden sollen, und fremdbestimmt, weil dieser Begriff wie wohl kein zweiter als abschätzige Kampfvokabel in der politischen Auseinandersetzung verwendet wird. Gegen beides anzugehen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Bibliothek.

Wenn man mich nach einer Definition fragt, antworte ich gern mit Arthur Moeller van den Bruck. Der sagte, „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“. Mir ist wichtig, mit dem Missverständnis aufzuräumen, dass der Konservative um jeden Preis „bewahren“ wolle. Armin Mohler hat das mal etwas verächtlich einen „Gärtnerkonservatismus“ genannt, der hegt und pflegt, was nun einmal gewachsen ist.

Doch wenn Sie sich umschauen, kommen Sie schnell zu dem Schluss, dass das Bewahrenswerte oft gar nicht vorfindlich ist, sondern erst einmal geschaffen werden muss. Dem konservierenden Moment geht also ein kreatives voraus oder doch parallel. Durch einen solch kreativen Ansatz kommen dann noch ganz andere Fragen ins Spiel, bis hin zu künstlerischen und ästhetischen. Darum gehören auch sie zum breiten Spektrum konservativer Literatur hinzu, und der Suchende wird auch dazu in unserer Bibliothek fündig.

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wolfgang-fenske2-fkbfDr. Wolfgang Fenske war nach dem Studium der evangelischen Theologie in Oberursel, Berlin und Jena zunächst Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Dort Promotion über den jungkonservativen Theologen Karl Bernhard Ritter (1890-1968). Nach Vikariat in Berlin und Pfarramt in Niedersachsen seit September 2011 hauptamtlich Leiter der Bibliothek des Konservatismus.

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