Zerrissen im Dienste Deutschlands

12. Dezember 2012 0

Rezension zu Shulamit Volkov: Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867-1922

Briefmarke der Deutschen Post von 1953 - Bild: gemeinfrei

Briefmarke der Deutschen Post von 1953 – Bild: gemeinfrei

Es ist schon bemerkenswert, wenn ein Verlag innerhalb von nur drei Jahren zwei biographische Skizzen über Walther Rathenau (1867-1922) publiziert, die nicht unterschiedlicher hätten ausfallen können. Bei einem vergleichbaren Seitenumfang vermitteln allein schon die Schutzumschläge offensichtlich unterschiedliche Herangehensweisen: Lothar Galls Buch aus dem Jahre 2009 zeigt einen agilen Mittfünfziger, der soeben in eleganter Aufmachung dynamisch eine breite Straße quert. Statisch, kalt und wohl herablassend blickend, erscheint hingegen der Vorgestellte auf Shulamit Volkovs Buchcover. Während Gall seinen Protagonisten in das „Portrait einer Epoche“ differenziert fügt, betont Frau Volkov in ihrem biographischen Abriss „Ein jüdisches Leben (und den latenten Antisemitismus) in Deutschland“. Und so sind dann auch beide Persönlichkeitsreflektionen aufgrund der unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen leider nicht komplementär zu lesen.

„Immer wurden seine Erfolge ignoriert“, stellt Biografin Volkov unvermittelt inmitten der Ausführungen fest. Kann man dieser Aussage guten Gewissens folgen? Jain! Verfolgen wir den Lebenslauf Walther Rathenaus, entdecken wir einen innerlich „zerrissenen“ Menschen, hin und her schwankend zwischen dem Aufrechterhalten des äußerlichen Scheins und den familiär erwarteten, großbürgerlichen Verhaltensmustern als Konzernerbe.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts beteiligten sich die Vorfahren Rathenaus energisch an der wirtschaftlichen Entwicklung Preußens und des späteren Deutschen Kaiserreichs. Ihren Spuren folgt die Autorin, kommentiert historische nationale Zusammenhänge, verweist auf gesellschaftliche Entwicklungen im Berliner Milieu und behält die europäischen Beziehungen der Großmächte England und Frankreich im politisch dominierten Blick.

Den Gipfel des Erfolges erklomm Rathenaus Vater Emil, Gründer und langjähriger Direktor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG). In seine Spuren versucht der Sohn zu treten. Obwohl die Hochschulreife und der Studienabschluss mit mäßigem Abschluss zu verzeichnen sind, verfügt Rathenau über breitgefächerte intellektuelle, schriftstellerische und künstlerische Anlagen. Er probiert sich aus und wählt mit dem Einstieg ins Berufsleben die Publizistik als seine ihm gemäße Kommunikationsform mit dem Leser, den Freunden und Bekannten, den Mächtigen im Land.

Jahrzehntelang ringt Walther um die Anerkennung, die Liebe seines Vaters, fühlt sich bis zu dessen Tod unglücklich über ihr persönliches Verhältnis. Die Achtung und Verehrung die er ihm entgegenbringt, wird nicht so erwidert, wie er es sich wünscht. Hinzu kommen seine Selbstzweifel über die jüdische Herkunft und der Umgang mit diesem Sachverhalt. Er kann nicht entfliehen, sich nur der (Berliner) Jüdischen Gemeinde verweigern, will sich nicht mit der christlichen Taufe an die Mehrheitsgesellschaft anbiedern, aber seine Meinungen, seine Überzeugungen kundtun und hofft nicht vergebens auf Resonanz. Denn mit seinen Schriften, die noch heute sehr lesens- und überlegenswert sind, wird er durch aus wahrgenommen.

Neben dem beruflichen Erfolg als Unternehmer und Schriftsteller kann Walther Rathenau auch auf dem politischen Gebiet seine Dienste Deutschland mehr oder weniger erfolgreich zur Verfügung stellen. In leitender Funktion baut er die Kriegsrohstoffabteilung zu Beginn des Ersten Weltkrieges auf, verlässt sie aber nach kurzer Zeit. Er beteiligt sich an den Debatten über den Kriegsverlauf, deutsche Handlungen, Optionen und Ziele im Zusammenhang mit den alliierten Weltkriegsgegnern. Nach der Novemberrevolution und dem Sturz der Monarchie führt Rathenau einige Delegationen zu Reparationsgesprächen an, die ihm klar machen, in welcher komplizierten Lage sich sein Staat, das deutsche Volk, welches er Zeit seines Lebens verehrte, befindet. Im Januar 1922 übernimmt er wieder ein Staatsamt, indem Rathenau seine  Berufung zum Außenminister annimmt. Doch ihm sind nur wenige Monate vergönnt, bis ihn das Attentat rechtsradikaler Kreise das Leben kostet.

Die Menschen um Rathenau waren stets ebenso „zerrissen“: Die einen achteten ihn wegen seines Bemühens um die Gleichberechtigung Deutschlands in den Reparationsverhandlungen – die anderen verachten den Außenminister als Erfüllungsgehilfen der (westlichen) Siegermächte.

Volkovs an sich interessante Ausführungen bleiben leider immer wieder vage in Formulierungen und Wertungen. Denn oftmals wäre ein konsequentes Durchdenken der Aussagen erforderlich, dem sich die Historikerin entzieht. So bleiben leider manche begonnene Gedankenketten unausgeführt und nicht bis zum Ende verfolgt.

Shulamit Volkov (2012): Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867-1922. München: C.H. Beck, 250 Seiten, 22,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

Siehe auch die Rezension zu: Alexandra Gerstner (2008): Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus.

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