Weichgespülter Islam funktioniert nicht

8. Dezember 2012 2

Prof. Armin Geus rezensiert Mohanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion

Kann man den Islam federweich machen? – Bild: johnnyb / pixelio.de

Das Glaubensbekenntnis, tägliche Gebete, Fasten, Almosen und die Wallfahrt nach Mekka sind bekanntlich religiöse Pflichten aller gläubigen Moslems; sie werden daher die fünf Säulen des Islam genannt. Außerdem ist die moslemische Gemeinschaft verpflichtet, immer und überall für die Belange des Glaubens einzutreten, auch gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen:

Die, welche geglaubt haben und für die Religion Allahs ihr Vaterland verlassen und mit ihrem Vermögen und Leben für sie gekämpft haben, diese erhalten eine hohe Stufe der Glückseligkeit bei Allah, und nur diese werden glücklich sein.“ (Sure 9, Vers 20)

Strafe droht aber allen, denen Familie und Freunde, Hab und Gut, wichtiger sind als Allah, sein Gesandter und der Kampf für den Islam. Während dieser Kampf im Dschihad, im sogenannten Kleinen Einsatz nach wie vor als Heiliger Krieg mit Waffen ausgefochten wird, sind für den Großen Einsatz ein aufrichtiges Herz, die beständige Hingabe an Gott in Treue und Gehorsam sowie die öffentliche Verkündigung des Koran vonnöten.

Mouhanad Khorchide, seit zwei Jahren Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität in Münster, erfüllt seinen Großen Einsatz sozusagen von Amts wegen an vorderster Front, wohl wissend, dass es hierzulande und in den anderen Demokratien Westeuropas, den Gebieten des Vertrages nach moslemischer Sprachregelung, nicht ausreicht, die Trennung von Staat und Religion zähneknirschend zu akzeptieren. Deshalb fordert er in seinem Buch, in dem er die „Grundzüge einer modernen Religion“ formuliert, das fundamentalistische Verständnis des Korans durch eine humanistische Koranhermeneutik zu ersetzen.

Ähnlich den Theologen der Schule von Ankara erklärt er, dass der Koran keine „zeitlose Offenbarung“ ist, vielmehr habe sich die Rede Gottes „zu einer bestimmten Zeit an eine bestimmte Gruppe von Menschen“ gerichtet, und einer Sprache bedient, die allein des fehlenden Vokabulars wegen gegenwärtige Probleme gar nicht thematisieren konnte. Die Suren des Korans können also nur dann richtig verstanden werden, wenn man gleichzeitig den historisch bedingten Zustand der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse berücksichtigt. So gesehen ist auch die Scharia nicht der Ausdruck göttlichen Willens, sondern ein „menschliches Konstrukt“ aus gesetzlichen Normen, die der totalen Kontrolle aller Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens gewährleisten soll. Demütigende Sanktionen und brutale Körperstrafen widersprechen „unserem heutigen Verständnis von Menschenrechten“, fügt Khorchide hinzu.

Der Verfasser, in Saudi-Arabien aufgewachsen und einst selbst Imam in Wien, vermeidet es aus guten Gründen, den Propheten vor aller Welt als machtgierigen Despoten zu denunzieren, ersatzweise bietet er einen erweiterten „spirituellen Rahmen des Islam“ an, in dem „letztendlich die vom jeweiligen Gottesbild“ abhängige „Vertiefung der Beziehung des Menschen zu Gott“ entscheidend ist. Die „historische Kontextualisierung“ ist der Preis, den er dafür zahlt, dass Monotheismus, Unantastbarkeit der Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit und soziale Verantwortlichkeit nicht länger verhandelbar sind und in einem reformierten Islam als „universale und ahistorische Prinzipien“ anerkannt bleiben. Danach muss sich jeder Mensch entscheiden, ob seine Beziehung zu Allah „auf Gehorsam und Angst oder auf Liebe und Respekt“ beruht. Es besteht allerdings die Gefahr, dass der Mensch dabei in Gott ein fiktionales Gegenüber generiert, das zu einer geradezu „schizophrenen“ Glaubenspraxis führt. In ihr sucht er dann zu finden worauf er hofft, was er wünscht und wonach er sich sehnt. Der gläubige Mensch betet sich im Produkt seiner Phantasie selbst an, er flüchtet in dessen Obhut und verzichtet schließlich darauf, die Realität dieser Welt zu erkunden.

Energisch wendet sich Khorchide gegen die unwürdigen Methoden der „Schwarzen Pädagogik“, die auch geringe Verstöße mit ewigen Höllenstrafen und dem Verlust des Paradieses bedroht. Nur wer sich bedingungslos dem göttlichen Willen unterwirft und den Anordnungen des Propheten folgt, darf hoffen, dereinst mit paradiesischen Freuden entlohnt zu werden. Ebenso geißelt Khorchide deren destruktiven Charakter und konfrontiert sie mit der absoluten Barmherzigkeit Gottes, zu der er sich selbst verpflichtet habe, damit am Tage des Gerichts auch sündig Gewordene nach einer „Phase der Transformation“ die Gemeinschaft mit Gott erlangen. „Die Hölle ist demnach kein Ort der Bestrafung  oder der Rache Gottes, sondern steht symbolisch für das Leid und die Qualen, die der Mensch im Laufe dieses Transformationsprozesses erlebt.“

Sichtbarster Ausdruck der göttlichen Liebe, betont der Autor, sei die Erschaffung jedes einzelnen Menschen. Das Argument, dass die Barmherzigkeit  die am häufigsten erwähnte Eigenschaft Allahs ist, überzeugt indes nicht, denn allein die Quantität eines ohnehin größtenteils formelhaft gebrauchten Begriffs ist mit den nicht weniger häufig  benutzten Bildern vom Vollzug sadistischer Strafen nicht vergleichbar. Unvoreingenommene Koranleser werden nach mehrfacher und umfänglicher Lektüre kaum übersehen können, dass die Barmherzigkeit des Allmächtigen als conditio sine qua non, das heißt ohne den rechten Glauben, gar nicht zu erlangen ist.

Der weichgespülte Islam Khorchides ist keine wissenschaftliche Sensation, wie es im Klappentext heißt, er hat weder etwas mit Wissenschaft zu tun, noch wird er Aufsehen erregen. Das Werk ist der rührende Versuch, das zeitgemäße Bedürfnis der jüngeren Generation nach kuscheliger Spiritualität zu bedienen. Die provozierenden Thesen, sollten sie denn erste Früchte tragen, könnten orthodoxe Glaubenswächter auf den Plan rufen und, wie im Falle seines Vorgängers, den Entzug der Lehrbefugnis nach sich ziehen. Die Feindschaft islamistischer Internetportale hat Khorchide bereits auf sich gezogen. Dass er im Jahr 2009 seine Dissertation über das autoritäre und undemokratische Weltbild in Österreich tätiger Islamlehrer verfasste, diese aber zunächst nicht veröffentlichte, um dem freiheitlich-konservativen Parteien keine Munition im Wahlkampf zu liefern, macht ihn darüber hinaus endgültig für beide Seiten unglaubwürdig.

Mohanad Khorchide (2012): Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Freiburg: Herder Verlag, 220 Seiten, 18,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Prof Dr. Armin Geus war von 1972 bis 2002 Professor für Geschichte der Biologie und Medizin. Kürzlich wurde eine Veröffentlichung von ihm zum Testfall für Wissenschafts- und Meinungsfreiheit in Deutschland. Zum Thema sind von ihm erschienen:

  • Armin Geus (2011): Die Krankheit des Propheten. Ein pathographischer Essay. Marburg an der Lahn: Basiliken-Presse, 219 Seiten, 36 Euro. Kaufen bei Amazon oder beim Verlag.
  • Armin Geus (2010): Allahs Schöpfung oder die Evolution des Lebens. Zur Abwehr des Islamischen Kreationismus. Marburg an der Lahn: Basiliken-Presse (Nebensachen und Seitenblicke: Heft 9), 32 Seiten.
  • Armin Geus, Stefan Etzel (Hrsg.) (2008): Gegen die feige Neutralität. Beiträge zur Islamkritik. Marburg an der Lahn: Basiliken-Presse, 276 Seiten,

2 Comments »

  1. cicero 10. Dezember 2012 at 20:39 - Reply

    In der Tat reicht es nicht, den Islam „weichzuspülen“. Es müsste schon eine echte Reform sein. Das bedeutet: (a) Aufzeigen, dass der Kern des Islam, sein Anfang, anders war, als es sich die islamische Orthodoxie vorstellt. Dafür gibt es gute Chancen, denn die Aufzeichnungen stammen alle aus der Zeit rund 200 Jahre nach der Zeit des Propheten. (b) Zweitens müsste man diese Reform natürlich implementieren, d.h. in die Köpfe von Otto-Normal-Muslim hinein bekommen. – Was (a) anbetrifft so ist Khorchide dieser Rezension zufolge nicht konsequent genug. Statt klar zu sagen, dass dies oder jenes eine spätere Legende ist, statt klar eine alternative Erzählung von Mohammed zu präsentieren, wird eben weichgespült und verschwiegen. Sofern er aber wie die Schule von Anakra vorgeht, hat er aber vielleicht doch etwas zu bieten? – Was (b) anbetrifft wird erst die Zukunft zeigen, was daraus wird, vermutlich aber leider nichts. Denn die einzige Triebkraft für eine Islamreform wäre der unbedingte Wahrheitswille eines tiefgläubigen Menschen, der begriffen hat, dass die Sache mit Mohammed vermutlich ganz anders war als gedacht. – Jenseits aller Theorie gilt: Khorchide sollte daran gemessen werden, inwieweit er seine Vorstellungen von Islam in die Moscheegemeinden hinein trägt und eine Reform tatsächlich umsetzt. In dem Maße, in dem er das schafft, verdient er Unterstützung. Wenn er aber nur in seinem Elfenbeinturm bleibt, und den Gutmenschen als ein Feigenblatt dient, dass der Islam auch reformiert sein könnte (Konjunktiv), dann ist er negativ zu bewerten.

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