Rote Flora gegen Gängeviertel

5. Dezember 2012 0

Rezension zu Stephanie de Vries: Der Kulturinvestor

Streitobjekt Rota Flora in Hamburg – Bild: KDH

Die Bild-Zeitung meint, Der Kulturinvestor sei das schlechteste Buch des Jahres. Allein das macht es lesenswert, hat sich doch die Bild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade einen Ruf als Forum ernstzunehmender Literaturkritiker erworben (dazu später mehr). Eigentlich hat das Erstlingswerk von Stephanie de Vries alles, was ein moderner Kriminalroman braucht: Drama, Sex, Gewalt und – nicht zuletzt – eine junge attraktive Autorin.­ Aber die gewöhnlichen Erfolgskriterien dürften sich in diesem Fall nicht eignen, denn es handelt sich nicht nur um Belletristik, sondern gleichermaßen um ein äußerst politisches Buch.

Es ist kein Geheimnis, dass die Autorin eine enge Vertraute des Hamburger Immobilienmaklers Klausmartin Kretschmer ist. Und es ist offensichtlich, dass es sich bei der Hauptfigur des Romans um ebendiesen Klausmartin Kretschmer handelt – selbst wenn die Autorin zu Beginn ihres Buches artig erklärt, alle Figuren und Begebenheiten wären „frei erfunden“.

Kretschmer wiederum ist seit 2001 Eigentümer des Rote Flora-Gebäudes im Hamburger Schanzenviertel, einer Hochburg militanter Autonomer. Dazu kam er wie die Jungfrau zum Kinde: Der Immobilienkaufmann hatte es ursprünglich gar nicht auf das baufällige Theater abgesehen. Aber als ihn die Vertreter des rot-grünen Senats fragten, was ihm der Spaß wert sei, schrieb er die (für das Millionenobjekt viel zu niedrige) Summe von 370.000 DM auf den Angebotszettel – einfach weil drei mal sieben seine „Lieblingszahl 21“ ergibt.

Erfahrungen mit Autonomen hatte Kretschmer bis dato keine, dafür aber eine Reihe falscher Vorstellungen, insbesondere was ihre Kooperationsbereitschaft anging. Die kulturelle „Samenbank“, die er sich erhofft hatte, entstand nicht. Stattdessen verweigern ihm die Aktivisten bis heute jeden Kontakt. Sie empfinden es als anmaßend, dass jemand (außer ihnen) Eigentum am Gebäude geltend macht.

Langfristig erwies sich der Verkauf für alle Beteiligten als suboptimal. Der Investor verzeichnet hohe finanzielle Verluste und möchte das Gebäude deswegen am besten so schnell wie möglich wieder loswerden (allerdings nicht ohne auf seine Kosten zu kommen). Die Autonomen interpretieren jede Äußerung des Eigentümers als versteckte Räumungsdrohung, was dem „Kulturinvestor“ nicht ganz ungelegen kommen dürfte: „Je mehr Ausschreitungen es rund um die Flora gibt, umso besser. Solange es so still bleibt wie bisher, habe ich kaum ein Druckmittel, um die Flora abzustoßen“, erklärt sein Roman-Alter-Ego.

Weil Kretschmer in der Lage ist, die Autonomen innerhalb weniger Tage gegen sich und die Stadt aufzubringen, zog der Senat im Jahr 2010 schon einen Rückkauf in Erwägung, aber die Gespräche verliefen im Sande. Über das Warum konnte bisher nur spekuliert werden, denn beide Seiten hielten sich bedeckt. Eine mögliche Erklärung liefert nun der Kulturinvestor in de Vries‘ Roman: Er wolle kein Geld von der Stadt, sondern ein geeignetes Tauschobjekt, eines wie das sogenannte Gängeviertel – knapp zehn, teilweise baufällige Gebäude in Hamburg-Mitte, deren Abriss 2010 von einer Gruppe Künstlern durch eine Besetzung verhindert wurde.

Für Kretschmer wäre dieser Tausch zweifellos ein großer Gewinn. Das Gängeviertel beherbergt im Gegensatz zur Roten Flora gemäßigte linke Gruppierungen, für die Kunst im Vordergrund steht und die deswegen langfristig vielleicht sogar mit dem Immobilienkaufmann zusammenarbeiten würden. Außerdem dürfte der Wert der Immobilien den des Flora-Gebäudes erheblich übersteigen.

Weil die Veröffentlichung des Romans also im Interesse Klausmartin Kretschmers liegt, wird an manchen Stellen des Buches nicht ganz klar, ob die Autorin ihren eigenen Gedanken freien Lauf lässt oder ob hier nicht der echte Kulturinvestor – eingebettet in einen Thriller aus Mord und Wollust – seine Forderungen an den Hamburger Senat unterbreitet. Und gerade dieses politisch-literarische Augenzwinkern macht de Vries Buch insgesamt durchaus interessant.

Aber wie versprochen noch ein Wort zu Bild-Zeitung: Selbstverständlich ist es legitim, Kritik an de Vries Debütroman zu üben. Besonders die vielen Ausflüge ins literarische Softporno-Genre sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber der Hauptkritikpunkt der Bild-Redakteure ist, dass die Autorin ihr Buch bei BookOnDemand veröffentlicht hat – woraus sie schließen, es sei so schlecht, dass sich dafür kein Verlag fände. Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht Unsinn: Zum einen findet man heute – bei entsprechender Zuzahlung – für alles und jeden einen Verlag. Zum zweiten sind die Tantiemen der großen Verlage für Jungautoren so gering, dass Anbieter wie BOD oder Epubli inzwischen eine echte Alternative darstellen. Vor allem aber gilt: Wer den Wert eines Buches am Verlag misst, sagt damit mehr über sich selbst aus, als über das Buch.

Stephanie de Vries (2012): Der Kulturinvestor. Berlin: Pro Business digital printing Deutschland GmbH (BookOnDemand), 280 Seiten, 12,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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