Schuld sind immer die Deutschen

28. November 2012 6

SVR beschuldigt deutsche Eltern der Segregation an Schulen und damit der Benachteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund

Was macht den Unterschied bei der Bildung? – Bild: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com / pixelio.de

Wer die Stichworte „Bildung“ und „Migranten“ zusammen in eine beliebige Suchmaschine eingibt, erhält sofort Hunderte Treffer zu Studien und Artikeln darüber, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland erheblich schlechtere Ergebnisse und Abschlüsse erzielen, als ihre einheimischen Klassenkameraden. Dies wirkt sich besonders dort problematisch aus, wo der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund besonders hoch ist, also vor allem Berlin und Bremen.

Gerne wird nun davon gesprochen, dass Migrantenkinder im deutschen Schulsystem benachteiligt würden. Ein Vorwurf, der noch genauer zu erörtern sein wird. Der selbsternannte und umstrittene Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) setzt dem Ganzen jetzt die Krone auf: In einem heute veröffentlichten Policy Brief wirft der SVR-Forschungsbereich deutschen Eltern vor, durch ihre Schulwahl die Segregation an Schulen aktiv zu fördern. „Dies führt von Anfang an zu ungleichen Lernchancen für Kinder mit Migrationshintergrund“, so die Pressemitteilung zur Studie.

Gut ein Fünftel der untersuchten 108 Grundschulen von vier Berliner Innenstadtbezirken hat einen Zuwandereranteil, der mehr als doppelt so hoch ist, wie der Anteil unter den 6- bis 12-Jährigen im dazugehörigen Schulbezirk. Soll heißen: Viele autochthone Deutsche und wahrscheinlich auch immer mehr gut situierte bzw. gut gebildete Eltern mit Migrationshintergrund schicken ihre Kinder ganz bewusst auf eine Grundschule außerhalb ihres Wohnbezirks, wo der Migrantenanteil nicht so hoch ist. Denn Eltern wissen, dass ein hoher Migrantenanteil unter den Schülern meist mit mangelhaften Lernmöglichkeiten und einem problembelasteten Umfeld verbunden ist. Nationale und internationale Schulleistungstests untermauern diese Einschätzung regelmäßig mit Fakten. „Gerade Eltern der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind, verschlechtern dadurch aber ungewollt die Bedingungen für die verbleibenden Kinder vor allem mit Migrationshintergrund“, behauptet Dr. Gunilla Fincke, Direktorin des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat.

Bestätigt wird dies aus Sicht des SVR dadurch, dass der Zuwandereranteil die am häufigsten nachgefragte Information  auf Online-Schulportraits ist, wie die Auswertung von mehr als 900.000 entsprechenden Zugriffen in Berlin und Sachsen ergab. Als berechtigten Grund für eine „rationale Schulwahl“ wollen die SVR-Forscher dies jedoch nicht anerkennen, sie sprechen deswegen einem Großteil der Eltern die entsprechenden Entscheidungskompetenzen ab. Laut SVR schaffen es in den Großstädten rund zehn Prozent der Eltern, dass ihre Kinder auf die bevorzugte Grundschule wechseln können. Ein großer Teil der Eltern wüsste von diesen Möglichkeiten aber gar nichts: dies gälte für 43 Prozent der Eltern ohne Migrationshintergrund und für 57 Prozent der Eltern mit türkischem Migrationshintergrund.

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Soweit die Ergebnisse des SVR und die wagemutigen Interpretationen der sogenannten Forscher. Wer die Studie des SVR liest, findet darin Angaben zu einem bis zu 75 Prozent erhöhten Ausländeranteil an den untersuchten Schulen, als im Einzugsgebiet der jeweiligen Bildungseinrichtung leben. Dies mit den oben angeführten zehn Prozent der Eltern zu begründen, die ihre Kinder auf Schulen in anderen Bezirken schicken, passt rechnerisch einfach nicht zusammen. Und wie so oft bei der gerne auch mal als Multikulti-Lobbyisten bezeichneten Organisation fällt jegliche Differenzierung des Migrationshintergrunds weg. Aber Schritt für Schritt:

  1. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigte bereits im Mai 2012, dass Migrantenkinder zwar weniger oft das Gymnasium besuchen, als Kinder der autochthonen Bevölkerung, dass dies aber nicht an einer irgendwie diskriminierenden Beurteilung durch die Lehrer läge. Stattdessen wären die Unterschiede durch soziale Schichtung und schlechtere schulische Leistungen zu erklären.
  2. Die 2009 veröffentlichte Studie Ungenutzte Potentiale des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigte, dass der Integrationserfolg von Migranten vor allem von ihrem Herkunftsland, respektive ihrer Kultur abhängt. Demnach waren Zuwanderer und ihre Nachfahren aus islamischen Ländern (insbesondere der Türkei) schlechter integriert und wiesen auch wesentlich schlechtere Bildungserfolge auf. Im Gegensatz dazu war etwa bei Migranten aus Vietnam bereits in der zweiten Generation der Anteil an Gymnasiasten höher, als der der Deutschen. Wer sich in Berlin ein wenig auskennt weiß, dass die Bezirke, wo hauptsächlich Zuwanderer aus dem asiatischen Raum leben, vom SVR nicht mit untersucht wurden. Es stellt sich die Frage warum nicht? Hätten diese Ergebnisse etwa dem ideologisch erwarteten Ergebnis widersprochen?
  3. Dass vor allem Kinder und Jugendliche aus dem muslimischen Kulturkreis Probleme im deutschen Schulsystem haben und dass dies vor allem auch mit den im Elternhaus vermittelten „konservativen“ Werten und Geschlechterrollen zu tun hat, ist nicht erst seit der Studie der Konrad Adenauer-Stiftung  (KAS) aus dem Jahr 2011 bekannt. Auch eine nachträgliche Betrachtung des letzten Bildungsvergleichs zwischen den Bundesländern bei der FAZ (hier nachzulesen) offenbarte die türkischen Migranten als Bildungsverlierer.

Folgte man der Argumentation der SVR-Forscher, sollten deutsche Eltern all diese Fakten ignorieren und ihre Kinder trotzdem auf Grundschulen geben, die mit den genannten Problemen behaftet sind. Und dies nur, um der Ideologie des Multikulturalismus Rechnung zu tragen.

Dass deutsche und zunehmend auch bessersituierte Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder auf besser gelegene und gestellte Schulen schicken oder gar aus den Problemvierteln wegziehen, ist absolut rational und verständlich. Ihnen Segregation vorzuwerfen, ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung. Und den Kindern jetzt auch noch die katastrophalen Konsequenzen der gescheiterten Multikulti-Ideologie aufzubürden, ist mehr als dreist. Stattdessen sollte insbesondere der SVR sich überlegen, wo die von ihm bzw. seinem ehemaligen Vorsitzenden Klaus J. Bade stark beeinflusste Einwanderungspolitik schiefgelaufen ist.

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Nachtrag (29.11.2012): Heute wurde vom Abgeordnetenhaus Berlin eine parlamentarische Anfrage veröffentlicht (Drucksache 17/11070), die zahlreiche Statistiken zu Schülern deutscher und nicht nichtdeutscher Herkunftssprache enthält. Nur ein kurzer Hinweis aus dem Zahlensalat: Den mittleren Schulabschluss (MSA) bestanden in den letzten Jahren durchschnittlich 13 Prozent der Schüler Berlins nicht. Dies betraf 10% deutscher Herkunftssprache, 27% türkischer Herkunftssprache und 23% anderer Herkunftssprache (siehe S. 2).

An anderen Stellen wird leider nicht entsprechend nach den verschiedenen nichtdeutschen Herkunftssprachen unterschieden. So lassen sich leider keine Schlüsse für ein besseres Bildungsprogramm ziehen.

6 Comments »

  1. Richard Weis 29. November 2012 at 10:27 - Reply

    Eine Position für die Herr Sarrazin massiv angefeindet und der rechten Gesinnung bezichtigt wurde.

  2. Manni 29. November 2012 at 17:46 - Reply

    Bleibt die Frage, was diese „Forscher“ selbst so alles für Begriffe in die Suchmaschine eingeben, wenn es um die Bedürfnisse ihrer eigenen Plagen geht.

  3. Tuvia Deuczman 29. November 2012 at 19:37 - Reply

    Richtig, Herr Weis, Sarrazin hat aber noch ein weiteres Tabu gebrochen: die Ausdiffernzierung der Migranten nach Herkunftskultur. Das vor allem hat den beispiellosen Hass seiner Widersacher angefacht. Und in gewisser Wiese muss das m.E. auch bei diesem Artikel hier richtiggestellt werden. Bildungsorietierte Eltern nehmen ihre Kinder nicht aus Schulen, an denen fleißige Vietnamesen, Kanadier, Inder usw. unterrichtet werden. Die große Beliebtheit der jüdischen und internationalen Schulen belegt, dass der statistische Wert »Migrationshintergrund« keinesfalls eine ausreichende Erklärung liefern kann. Grund für die Unattraktivität der staatlichen Schulen in den sog. Problembezirken ist, dass dort die Regeln des Miteinander, die nicht zuletzt eine Einübung republikanischer bzw. demokratischer Werte sein sollen, nicht durchgesetzt werden. Schlägereien, völkisch und religiöses motiviertes Mobbing von Deutschen durch Türken und Araber, offen dargestellte Verachtung des europäischen Bildungskanons usw. usf. Hier wäre das Lehrpersonal gefordert – das aber offenbar den Anforderungen neben dem Unterrichten eben auch Ordnung durchzusetzen nicht mehr gerecht werden kann. Diese Zustände sind der Politik seit langem bekannt, die Nicht-Behebung der Misstände muss demnach gewollt sein.

    • Felix Strüning 29. November 2012 at 23:07 - Reply

      Genau um diese Differenzierung der Herkunftskultur ging es bei der Kommentierung der Studie. Denn diese unterblieb schon bei der Auswahl der zu untersuchenden Bezirke. Deswegen dürfte man nicht von Schulen mit hohem „Migrantenanteil“ sprechen, sondern müsste von Schulen bzw. Bezirken reden, die einen hohen Anteil an Migranten aus dem muslimischen Kulturkreis haben.

  4. Tiberias 4. Dezember 2012 at 12:17 - Reply

    „Diese Zustände sind der Politik seit langem bekannt, die Nicht-Behebung der Misstände muss demnach gewollt sein.“

    @Tuvia Deuczman 29. November 2012 at 19:37
    ——
    Schon vor 39 Jahren haben die SPIEGEL Journalisten die heutige Realität in der Ausgabe 31 vorgestellt. Der Artikel liest sich wie Prophezeiungen die sich „Silbe für Silbe“ seit einigen Jahren erfüllen.

    Schon 1973 lagen alle, wirklich alle heutigen Probleme mit dem Multikulti offen zutage. Nur die Polizei wurde damals noch nicht angespuckt und verprügelt. Und alles war selbstverständlich noch eine Nummer kleiner!

    DER SPIEGEL 31/1973 Aus der Zeit als der SPIEGEL noch nicht Multikulti-freundlich den heute üblichen politkorrekten Stuss verbreitete, brachte er harte Tatsachen statt Ideologie. ……

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41955159.htmlj

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