Denkanstöße zu einem besinnungslosen Land

18. November 2012 1

Rezension zu Thorsten Hinz: Der Weizsäcker-Komplex. Eine politische Archäologie

Richard von Weizsäcker (links), damals noch Berliner Bürgermeister, mit US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Checkpoint Charlie (Berlin) am 11. Juni 1982

„Die Heuchelei, die Weizsäcker vorlebte: das Vortäuschen einer Haltung, Überzeugung, Identität beziehungsweise eine Teilidentität, die nicht dem Selbst entspringt, ist indes zum Kennzeichen eines besinnungslosen Landes geworden, das im erheuchelten sein authentisches Selbst erkennen will.“ So liest sich das vernichtende Fazit von Thorsten Hinz, dem es in seinem neuen, seit geraumer Zeit erwarteten Text sehr gut gelingt, die zahlreichen Facetten der Familiengeschichte der Weizsäcker-Dynastie im vergangenen Jahrhundert mit der Geschichte des selbstzerstörerisch-tragischen Schicksals Deutschlands darzustellen.

Für den Rezensenten bietet das vorliegende Buch eine Fülle an Möglichkeiten, es unter verschiedenen ereignisgeschichtlichen und somit rationalen Aspekten zu präsentieren. Dazu zählen die Offenlegung der stets unselbstständigen bundesdeutschen Politikunfähigkeit und damit die Einrichtung nationaler Existenzunfähigkeit, die Bereitwilligkeit zur Preisgabe kultureller und ethnischer Selbstbestimmung und das fast widerstandslose Aufgehen des wirtschaftlich potenten Landes im Herzen des Kontinents im unkontrollierten und fremdbestimmten Europa. Denn den Vereinigten Staaten ist an der Uneinigkeit in der europäischen Gemeinschaft durchaus gelegen, ja, sie wird geradezu protegiert, unter der Fuchtel der Brüssler Bürokraten.

Bekannt wurde Thorsten Hinz, Jahrgang 1962, als Redakteur und mittlerweile freier Mitarbeiter der konservativen Wochenzeitung Junge Freiheit, gelegentlich auch unter dem inzwischen populären Pseudonym Doris Neujahr. Er studierte Germanistik in Leipzig, schrieb seine Diplomarbeit über Heinrich Böll und schätzt die Schriften der politischen Philosophin Hannah Arendt. Für andere Periodika schreibt er unter den Themenschwerpunkten deutsche Geschichte, Vergangenheitsbewältigung und nationale Identität. Für sein Schaffen wurde der Publizist 2004 mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis geehrt.

Hinz’ Buch entstand in einem kurzen Zeitraum, in dem zwei gewählte Bundespräsidenten aus unterschiedlichen Gründen von ihrem Amt zurücktraten. In diesem Zusammenhang stand die Frage im Raum, ob dieses Land überhaupt noch des personifizierten Staatssymboles bedarf. Plausibel meint der Autor, dass, wer das Staatsoberhaupt in Zweifel ziehe, gleichzeitig das (deutsche) Volk zur Disposition stelle. Denn der Staat ist an Tradition, Ordnung und Gesetz gebunden, sonst sei „sogar der physische Weiterbestand des Volkes aufs Spiel gesetzt.“ An dieser Diskussion beteiligte sich Richard von Weizsäcker, der in seiner Amtszeit zwischen 1984 und 1994 als ideales Staatsoberhaupt galt, leider nicht. Eine Tatsache, die für Thorsten Hinz’ Fragestellungen Anlass sind: Hat sich heute der staatliche Geist, den Weizsäcker repräsentierte, historisch überlebt? War seine Präsidentschaft nur ein ästhetischer Illusionstrick? Und vor allem: Was sagt das über den Staat, an dessen Spitze er ein Jahrzehnt lang stand?

Zur Beantwortung der aufbrechenden Fragestellungen wählte der Autor die Form des Essays. Die Herangehensweise erlaubt Möglichkeiten von Zuspitzung, Spekulation und freier Assoziation. Dabei greift er auf das veröffentlichte Schrifttum über die Familie sowie die biographischen und politischen Bekenntnisse des Altbundespräsidenten zurück. Stets im Blick behält der Essayist nationale und internationale Konstellationen, vermittelt zwischen Möglichkeiten und Machbarem. Nicht unberücksichtigt bleiben darf, dass sich Hinz als früherer DDR-Bürger vom Bewunderer Weizsäckers zum kritischen Betrachter wandelte, denn ihn irritierte zunehmend die unpräzise, moralisierende und unterschwellig hochmütige Art von dessen Weltbetrachtung. Eine Fülle an Beiträgen in der Jungen Freiheit legt davon beredtes Zeugnis ab.

Richard von Weizsäcker entstammt einer bedeutenden württembergischen Beamtenfamilie, welche unter ihrem König um die vorvergangene Jahrhundertwende nicht nur Hofprediger oder Professor wurden, sondern auch Minister und Ministerpräsident. Sie verhielten sich dem Monarchen gegenüber loyal und schöpften ihr Selbstwertgefühl aus den eigenen Leistungen und Talenten. Die Verleihung des erblichen Adelsdiploms 1911 war offensichtliches Resultat der Aristokratisierung einer bürgerlichen Existenz und zeitgemäß. Richards Vater Ernst von Weizsäcker (1882 bis 1951) diente erst in der Kaiserlichen Marine und ging nach dem Ersten Weltkrieg als „Ungelernter/-studierter“ in die Außenpolitik.

Der Wechsel gelang ihm, weil die SPD nach dem Sturz der Monarchie Reformierungen im Amt anstoßen wollte und die bisher üblichen Voraussetzungen – adlige Herkunft, großes Vermögen, Hochschulausbildung und gute gesellschaftliche Verbindungen – aufhob. Ernst von Weizsäcker gelang während der Weimarer Republik eine schrittweise Karriere, doch der Machtwechsel 1933 überraschte ihn. Er zeigte sich anfangs von Hitler und Göring beeindruckt, so wie viele andere auch. „Um dem Entschluss Weizsäckers und seiner Kollegen gerecht zu werden, der von Hitler geführten Regierung ihre Sachkompetenz zur Verfügung zu stellen, muss man die politische Gesamtsituation betrachten. Für Angehörige des Auswärtigen Amtes war die außenpolitische Lage entscheidend. Deutschland war von Gleichberechtigung und Souveränität noch immer weit entfernt“, erläutert Hinz. Zunehmend sorgte sich von Weizsäcker um den Friedenserhalt und individuell wünschte er sich, in eine höhere Position zu erlangen, „die sowohl den Ehrgeiz befriedigte und ihm bessere Wirkungsmöglichkeiten verschaffte.“

Vom neu ernannten Außenminister Joachim von Ribbentrop am 5. März 1938 zu einem zweistündigen Gespräch empfangen, nahm er dessen Angebot an, Staatssekretär und damit höchster Beamter im Auswärtigen Amt zu werden. Für seine Tätigkeit saß Ernst von Weizsäcker zwischen November 1947 und April 1949 im Nürnberger Nachfolgeprozess auf der Anklagebank. Sohn Richard gehörte als Hilfsverteidiger zum Team um Verteidiger Hellmut Becker. „Weizsäcker sah sich einem Gegner gegenüber, der entschlossen war, ihn zu vernichten. Nur war es lebensfremd festzustellen, das Weizsäcker innerhalb eines Systems wirkte, dessen Grundlage der Dispens von üblichen Moralbegriffen war, und ihm dann vorzuwerfen, dass er diese nicht als Argument gegen das System vorbrachte.“

Ernst von Weizsäcker war kein aktiver, sondern passiver Widerstandskämpfer gegen das Regime, indem er Informationen an die „Feindmächte“ über Mittelmänner weitergab. Ihm war am Frieden gelegen und er versuchte für Deutschland andere Regelungen, als die bedingungslose Kapitulation zu erwirken. Vergebens, wie Hinz resümiert, und nicht ohne gravierende Fehleinschätzungen der potentiellen „Partner“. Die Gefängnisverurteilung unter dem zeitgeschichtlichen Rahmen war folgerichtig. Diese Schmach der Erniedrigung des Vaters begleitete Richard sein Leben lang.

Relativ spät stieg Richard von Weizsäcker in den bundesdeutschen Politikbetrieb ein und gelangte, auch hier seinem Vater-Vorbild folgend, zu hohem Amt. Zentraler Bezugspunkt der Hinz‘schen Betrachtungen bildet die Rede Weizsäckers, die er anlässlich des 40. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und damit Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa hielt. Nicht ohne weiters von der Hand zu weisen ist sein Verweis, dass er den Auftakt des „Historikerstreites“ um Ernst Nolte und drei Jahre später mit seinem Auftreten auf dem Historikertag im Oktober 1988 das Schlusswort zu diesem sprach.

Mit dem Titelgebenden Weizsäcker-Komplex verbindet Hinz mehrere Bedeutungsebenen. Er meint damit einerseits die Geschichte einer elitären Familie, welche deutsche Geschichte mitschrieb, das Abtrennen deren kritikwürdigen Selbstbildes von der konsequent kalkulierten Außendarstellung, um andererseits auf das politisch-historische Paradigma hinzuweisen, das notwendig wird, um die „allgemeine und wahnhafte Verwirrung (in der Geschichtspolitik) zu verstehen.“ Die Archäologie des Untertitels vermittelt das schichtenweise Abtragen von Ereignis und Einordnung, These und Gegenthese sowie Bekenntnis und Rechtfertigung des Getanen und Unterlassenen.

Logisch und konsequent denkt der Autor bis zum möglichen Endpunkt in dem dreizehn Kapitel umfassenden Essay. Fertige, abschließende Antworten zur allgemeingültigen Standpunktbestimmung des Lesers hinterlässt Hinz allerdings nicht. Es sind tiefschürfende Denkanstöße zur konservativen Analyse der Vergangenheit und Gegenwart, welche Möglichkeiten der künftigen Umgestaltung unseres Gemeinwesens anregen. Welche Schlussfolgerungen der politisch denkende Leser zieht, ist ihm selbst überlassen, das Buch jedenfalls ein wertvoller Denkanstoß. Wer diesem folgen will, sei auf die Publikationen Das verlorene Land. Aufsätze zur deutschen Geschichtspolitik und Die Psychologie der Niederlage. Über die deutsche Mentalität hingewiesen, die beide ebenfalls in der Edition JF erschienen sind.

Thorsten Hinz (2012): Der Weizsäcker-Komplex. Eine politische Archäologie. Berlin: Edition JF, 353 Seiten, 24,80 Euro. Kaufen bei Amazon.

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