Freiheitsindex Deutschland 2012

14. November 2012 1

Umfrage findet gesunkenes Vertrauen in die freie Marktwirtschaft, aber auch weniger Forderungen nach staatlichen Verboten

Was denken und fühlen die Deutschen über die Freiheit? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Die Wertschätzung der Freiheit in Deutschland hat im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen. Der vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung unter Leitung von Frau Prof. Dr. Ulrike Ackermann zum zweiten Mal ermittelte Freiheitsindex Deutschland stieg leicht auf einen Gesamtwert von -0,3. Im Vorjahr hatte er auf der Skala von -50 bis +50 noch bei -3 gelegen. Dennoch bleibt der Wert der Freiheit geringfügig im Hintertreffen zu konkurrierenden Werten wie Gleichheit oder Sicherheit. Erstmals fühlten sich die Ost­deutschen dabei subjektiv freier, als ihre westdeutschen Landsleute. Auch fällt auf, dass der 2011 konstatierte Ruf der Bevölkerung nach Verboten sich abgeschwächt hat. Allerdings ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Marktwirtschaft im letzten Jahr deutlich zu­rückgegangen.

Der Freiheitsindex Deutschland setzt sich zusammen aus einer repräsentativen Befragung der Bevölkerung (N=1.558) durch das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) und einer quantitativen Medieninhaltsanalyse überregi­onaler Printmedien durch das Institut für Publizistik der Universität Mainz. Ziel des Freiheitsindex Deutschland ist es, den Verstän­digungsprozess zwischen Individuum, Staat und Gesellschaft jährlich transparent zu machen und mit empirischem Material zu unterfüttern.

Teil 1: Was denken und fühlen die Deutschen?

Die aktuellen Zahlen aus der Umfrage zum Freiheitsindex 2012 bestätigen viele der im Vorjahr festgestellten Tendenzen (Citizen Times berichtete). Die abstrakte Wertschätzung der Freiheit, das subjektive Freiheitsempfinden und die Haltung zur Frage, ob jeder „seines Glückes Schmied“ sei, bewegen sich auf einem gegenüber 2011 unveränderten Niveau. So denkt etwa ein Großteil der Bevölkerung in Ost und West, dass man in Deutschland seine Meinung frei sagen kann und immerhin 46 Prozent würden sich im Zweifel für die Freiheit entscheiden, im Gegensatz zu 40 Prozent, die der Gleichheit den Vorzug geben würden. Neu ist, dass die Bewohner der Neuen Bundesländer sich subjektiv freier fühlen, als die Westdeutschen, weil deren Freiheitsgefühl in den letzten Jahren leicht sank.

Allerdings hat das Vertrauen der Deutschen in die Marktwirtschaft weiterhin deutlich abgenommen. Stimmten im Jahr 2003 noch 48 Prozent der Befragten der Aussage „Marktwirtschaft macht soziale Gerechtigkeit erst möglich“ zu, waren es 2012 nur noch 38 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil derer, die meinen, die Marktwirtschaft führe automatisch zu sozialer Ungerechtigkeit von 34 Prozent auf 46 Prozent. Betrachtet man Ost- und Westdeutschland getrennt, so waren sich in den neuen Bundesländern schon immer mehr Befragte sicher, dass freie Wirtschaft zu Ungerechtigkeit führt – angesichts der sozialistischen Prägung vieler Einwohner in der DDR ein wenig überraschender Befund. Doch auch im Westen hat sich das Verhältnis mittlerweile geändert (vgl. Abbildung 1).

Abb.: 1 – Quelle: Freiheitsindex 2012 / Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen, zuletzt 10097, September 2012 (Basis: Bevölkerung ab 16 Jahre)

Damit hat die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft eine ganz neue Dimension erreicht, so die Freiheitsforscher. Antikapitalistische Ressentiments nehmen zu, während die Überzeugung, dass diese Wirtschaftsform Grundlage für Freiheit und Wohlstand ist, verloren geht. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch auch, dass jeweils 43 Prozent der Meinung sind, dass Freiheit zu Wohlstand führt bzw. Wohlstand erst Freiheit ermöglicht.

Neben diesen Einstellungen zum Wirtschaftssystem wurde auch das Verhältnis zum Staat und der Gesellschaft beleuchtet. Zunächst ging es dabei um gewünschte staatliche Verbote. Hier zeigten sich im Verhältnis zum Vorjahr leicht freiheitlichere Tendenzen, wurden doch bei keinem Themengebiet mehr Verbote gefordert, bei einigen, wie z.B. harten Drogen, Klonen von Menschen, Filmen und Computerspielen mit Gewaltdarstellungen, hohe Spenden an Parteien oder Pornographie sogar deutlich weniger. Dennoch konstatiert Projektleiterin Ulrike Ackermann, auch im Hinblick auf die Ergebnisse zur Marktwirtschaft: „Die Ausweitung der Staatsaufgaben bleibt nach wie vor ausdrücklich erwünscht; klarer Favorit ist der ‚betreuende‘ und ‚kümmernde‘ Staat, der im Unterschied zum ‚liberalen‘ Staat als gerechter, wohlhabender, menschlicher und lebenswürdiger angesehen wird.“

In Anknüpfung daran stellt Thomas Petersen vom IfD die Frage, „ob und wie sich ehemals staatliche Autorität und staatlicher Zwang in selbst­geschaffene Normen und Regeln einer Gesellschaft verwandeln.“ Schwerpunkt des Freiheitsindex 2012 war herauszufinden, ob engmaschige staatliche Vorschriften und Kontrollen oder die gegenseitige soziale Kontrolle der Bürger untereinander eine Gesellschaft stabiler macht. „Die erhobenen Daten geben uns Hinweise dafür, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einer starken Freiheitsorientierung des Einzelnen und der Festigkeit, mit der er die Einhaltung sozialer Normen fordert. Je höher die Freiheitsorientierung, desto klarer und ausgeprägter sind die moralischen Überzeugungen“, so Petersen.

Während in Ostdeutschland nur gut ein Viertel und in Westdeutschland gut ein Drittel denkt, dass es völlig klare Maßstäbe für Gut und Böse gibt, sind Befragte, die sich in ihrem Leben frei oder sehr frei fühlen, signifikant mehr davon überzeugt (35% zu 30% der Befragten, die sich eher unfrei fühlen). Diejenigen, für die Maßstäbe von Gut und Böse immer abhänging von der jeweiligen Situation sind, unterscheiden sich hingegen nicht in ihrem Freiheitsgefühl (46% subjektiv Freie, zu 48% Unfreie).

Hinzu kommt, dass Befragte mit mehr Freiheitsgefühl glauben, mehr darauf zu achten, was richtig und was falsch ist. Noch deutlicher wird dieser Unterschied bei der Forderung nach Durchsetzung von Gesetzen: 26 Prozent der sich sehr frei Fühlenden wollen dies, aber nur 14 Prozent der sich eher unfrei Fühlenden. Keinen Unterschied macht das Freiheitsgefühl hingegen bei gesellschaftlichen Tabus, also Fragen danach, was man auf keinen Fall tun darf.

Im Freiheitsindex Deutschland des Vorjahres wurden zur Feststellung gesellschaftlicher Tabus die Unterschiede zwischen gefühltem Tabu („damit kann man sich den Mund verbrennen“) und tatsächlichem Tabu („das darf man nicht sagen“) gemessen. Besonders groß waren die Abstände bei Themen, die als „politisch unkorrekt“ oder gar „rechts“ gelten (Muslime, Entwicklungshilfe, Ausländer, Atomkraft etc.). Ulrike Ackermann erklärte das damals im Citizen Times Interview mit „Differenzen zwischen öffentlichem und privatem Sprachgebrauch“.

In diesem Jahr wurden gesellschaftliche Tabus offensichtlich anders erfasst: Die Befragten konnten auf einer Skala von 1 („darf man auf keinen Fall tun“) bis 10 („ist auf jeden Fall in Ordnung“) verschiedene Themen bewerten. In Abbildung 2 sind nur diejenigen dargestellt, die angaben, man dürfe das Genannte auf gar keinen Fall tun. Auffallend ist, dass ein gesellschaftlich eher unbedeutender bzw. ungefährlicher Punkt die größte Zustimmung erhält: 77 Prozent meinen, man dürfe auf keinen Fall seinen Müll irgendwo in der Natur abladen. Bei wirklich problematischen Fragen, ob man z.B. Jungen aus religiösen Gründen beschneiden darf, entscheidet sich nicht einmal die Hälfte der Befragten für ein klares Tabu. Fast ebenso viele (45%) meinen, man dürfe keine Witze über Religionen machen und 60 Prozent denken, dass man Ausländer nicht beleidigen darf. Abtreibung (25%) und Homosexualität (25%) stehen auch bei einem nicht zu unterschätzenden Anteil schlecht im Kurs.

Abb.: 2 – Quelle: Freiheitsindex 2012 / Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 10097, September 2012 (Basis: Bevölkerung ab 16 Jahre)

Teil 2: Was denken die Journalisten?

In der quantitativen Medienanalyse wurden insgesamt 2.086 Artikel aus den überregionalen Tageszeitungen FAZ, SZ und Welt sowie aus dem Spiegel erfasst. Untersucht wurden alle Artikel, die sich erkennbar mit Freiheit beschäftigten oder allgemeine gesellschaftliche Themen betrafen aus den Ressorts Politik, Wirtschaft und Feuilleton.

Ähnlich wie schon im Vorjahr, wurden wichtige gesellschaftliche Aufgaben bzw. Herausforderungen vor allem dem Staat zugeschrieben (79%), nur 9 Prozent der Beiträge meinten explizit, dass diese Aufgaben nicht durch den Staat gelöst werden müssten. Am meisten wurden dem Staat die Aufgaben übertragen, dass es mit der Wirtschaft vorangeht, die Außenpolitik sowie eine unabhängige Justiz.

Auch bei dem sogenannten Verbotsframe gab es keinen Unterschied zu 2011. Dabei werden Artikel untersucht, in denen es um das Verhältnis von Verbot vs. Freiheit/Selbstbestimmung geht. In 314 Texten (15%) war dies Thema, in 65 Prozent der Fälle überwogen diskutierte Verbote, nur bei 22 Prozent dominierte der Freiheitsgedanke. Wie der Verbotsframe in verschiedenen Politikfeldern wirkt, ist Tabelle 1 zu entnehmen. Wurde in den untersuchten Zeitungsartikeln über Gesetze berichtet (N=241), ging es fast immer (81%) um Verbote bzw. Verschärfungen. Nur in 12 Prozent der Fälle wurde über Lockerungen bzw. die Aufhebung von Verboten berichtet.

Tabelle 1: Verbotsframe nach Thema in Medienberichterstattung

Thema Verbot dominiert % ambivalent % Freiheit dominiert %
Steuern und Sozialabgaben, n=22 77 14 9
Wirtschaft, n=77 63 25 13
Staatsverschuldung, Finanzkrise, n=27 74 19 7
Innere Sicherheit, politischer (Links- u. Rechts-)Extremismus, n=45 67 24 9
Zustand von Staat und Politik, sozialer Zustand des Gemeinwesens, n=39 69 13 18
Menschenverursachte Risiken, Katastrophen und Unglücke, n=27 52 30 19
Sonstige Themen, n=82 65 22 13
Summe, n=314 66 22 13

In insgesamt 310 Artikeln kamen der Begriff Freiheit und seine Synonyme (z.B. liberal) direkt vor, das entspricht 15 Prozent (2011: 12%). Dabei wurde nun erstmalig untersucht, mit welcher Bedeutung die Freiheitsbegriffe aufgeladen waren. In Abbildung 3 wird dieses medial vermittelte Freiheitsverständnis der Journalisten bzw. zitierten Personen ins Verhältnis mit der gleichen Kategorisierung bei der Bevölkerungsbefragung des letzten Freiheitsindexes gesetzt.

Abb.: 3 – Quelle: Freiheitsindex 2011 (links) und 2012 (rechts)

Fazit: Der gesamte Freiheitsindex

Um eine Gesamtaussage über den Stand der Freiheit treffen zu können, wird für den Freiheitsindex Deutschland ein Score gebildet, der Werte zwischen -50 und +50 annehmen kann. Positive Zahlen bedeuten ein Übergewicht der Freiheit.

Die dahinter stehende Annahme ist, dass wenn die Hälfte der Befragten der Freiheit zustimmt (z.B. der Aussage „Jeder ist seines Glückes Schmied“) und die andere Hälfte der Befragten der gegenteiligen Meinung wäre, dann wäre ein neutraler Nullpunkt erreicht. Um nun klare Ergebnisse zu erzielen, werden für jede gewertete Aussage die Unentschiedenen herausgerechnet (gewichtete Prozent). Der Mittelwert aus Zustimmung und Ablehnung ergibt den Abstand zum theoretischen Mittelpunkt.

Anschließend wird aus den drei Teilindexen „gesellschaftlicher Stellenwert der Freiheit“, „subjektiv empfundene Freiheit“ und dem in der Medienanalyse erkenntlichen Stellenwert der Freiheit ein Gesamtscore gebildet.

Wie der in Tabelle 2 dargestellte Vergleich mit dem Vorjahr zeigt, begründet sich der Unterschied vor allem durch die leicht besseren Werte in der Medienanalyse.

Tabelle 2: Teilindexe und Gesamtscore des Freiheitsindex 2011 und 2012

Teilindex Aussage/Item

Zustimmung

Score

Ø-Score

2011

2012

2011

2012

2011

2012

Gesellschaftlicher Stellenwert der Freiheit Jeder ist seines Glückes Schmied

61%

56%

+11

+6

Freiheit vor Gleichheit

52%

53%

+2

+3

Keine staatlichen Verbote gefordert

58%

63%

+8

+13

+7

+8

Subjektiv empfundene Freiheit Politische Meinung kann frei geäußert werden

70%

72%

+20

+22

Fühlen sich persönlich sehr frei

42%

40%

-8

-10

+6

+6

Stellenwert der Freiheit in Medien Perspektive der Freiheit dominiert über Zwang

45%

56%

-5

+6

Perspektive der Freiheit dominiert über Gleichheit

16%

16%

-34

-34

Perspektive der Freiheit dominiert über Verbot

24%

33%

-26

-17

-22

-15

Freiheitsindex

-3

-0,3

One Comment »

  1. Reiner Schöne 30. August 2014 at 11:27 - Reply

    Dazu nur Eines. Das Motto: Leben und Leben lassen, ist inzwischen in Deutschland verboten. Jeder will alles haben, wenn es nicht klappt ist der Andere Schuld, nicht er selbst. Neid der bis in den Hass geht, das bestimmt in der heutigen Zeit Deutschland.

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