Konzert der Mächte

12. November 2012 0

Rezension zu Konrad Canis: Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902-1912

Soldaten bei der Mobilisierung 1914 – Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1994-022-19A / Tellgmann, Oscar / CC-BY-SA

Bücher mit Der Weg in den Abgrund zu betiteln, scheint eine regelrechte Modeerscheinung in der Historikergilde geworden zu sein: Karlheinz Weißmann wählte diesen Titel für seinen Propyläenband über das Dritte Reich (1995), John Röhl den Abschlussband seiner voluminösen Kaiser Wilhelm II.-Biographie (2008) und nun Konrad Canis.

Inzwischen rückt der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges heran. Was liegt also näher, als dass Konrad Canis (Jahrgang 1938), bis 2001 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Otto-von-Bismarck-Stiftung sowie Mitherausgeber der Neuen Friedrichsruher Ausgabe der Werke Bismarcks, den letzten Band seiner Außenpolitik-Trilogie auf den Weg bringt?

Erschienen waren in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten bereits die Bände Von Bismarck zur Weltpolitik. Deutsche Außenpolitik 1890-1902 und Bismarcks Außenpolitik 1870-1890. Aufstieg und Gefährdung. Wegweisend für Canis‘ Forschungen kann das Diktum Fritz Fischers (Griff nach der Weltmacht), des ehemals in SA-Diensten stehenden Historikers gelten, dass die Schuldfrage erst dann umfassend aufgeklärt werden könne, wenn alle bedeutsamen in- und ausländischen Archive der deutschen Historiographie zugänglich sind. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert vergangen.

Canis unterteilt sein Forschungsobjekt in acht Kapitel. In kurzweilige und themenbezogene Zeitabschnitte gegliedert, verfolgt der Historiker Deutschlands Weg und Ziel zwischen „Der Misserfolg der Freihandelspolitik 1902-1904“ über „Im Zeichen der fortschreitenden Isolation 1906-1908“ bis „Permanente Spannung im Osten 1913/14“ detailliert. Den Abschluss bilden „Ausblick und Rückblick: Juli 1914“. Vorzüglich wird der Band mit seinem Personen-, Quellen- und Literaturverzeichnis beendet.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges war nicht nur Ergebnis, sondern eine Zäsur und zugleich das Ende einer aufstrebenden mitteleuropäischen Hegemonialmacht, in der Deutschland nach Gleichberechtigung und Machtzuwachs inmitten der Rivalen England, Frankreich und Russland strebte (das Osmanische Reich war bereits einem inneren Zerfall ausgesetzt) – sowie das Moment, das letztlich den Vereinigten Staaten von Amerika den Aufstieg zur dominierenden Weltmacht ebnete.

In der Mitte des europäischen Kontinents herrschte über Jahrhunderte ein machtpolitisches Vakuum, da wegen der territorialen inneren deutschen Zersplitterung und der auswärtigen Interessenpolitik der damals häufig wechselnden dominanten europäischen Großmächte kein entscheidendes Kräftepotential aufgebaut werden konnte. Nach der militärischen Niederlage des französischen Kaiserreichs und mit der Reichsgründung 1871 im Spiegelsaal von Versailles setzte sich das kräftemäßig mittelständische  Hegemonialkönigtum Preußen gegenüber dem Nachbarkonkurrenten, den Habsburgern, mit der kleindeutschen Lösung der deutschen Frage durch.

Eine Unruhe setzte diplomatisches Gerangel gegenüber dem neugegründeten Reich in Szene. „Bismarck hingegen bemühte sich, das Reich saturiert, als Faktor des territorialen Status quo in Europa, als Element des Friedens zu präsentieren, um die Sicherheit des Reiches zu gewährleisten, die er gefährdet fand, wenn es geostrategisch in einer europäischen Mittellage mit offenen Grenzen nach allen Seiten, sich einer feindlichen Koalition Russlands und Frankreichs ausgesetzt hätte“, so Canis.

Die Jahrzehnte währende koloniale Enthaltsamkeit stieß zunehmend in interessierten Kreisen der Wirtschaft und der Öffentlichkeit auf Kritik. Hatte Russland dem unmittelbaren Nachbarn die Etablierung in Ostasien verwehrt, weigerte sich später England, dem wirtschaftlich, demographisch, technisch-technologisch sowie gleichermaßen kulturell und wissenschaftlich an seine Grenzen stoßenden Kaiserreich weltpolitische Gleichberechtigung zuzugestehen. In den ersten unerfahrenen kolonialen Vorstößen lag noch kein Weltmachtkonzept für die neuen exterritorialen Vorstellungen vor. Das änderte sich jedoch spätestens mit dem Baubeginn der Bagdad-Bahn. Gehör verschafften sich jetzt Machtambitionen im außenpolitischen Wirken des Reiches auf dem internationalen Parkett und in der themengebundenen Publizistik. Mit dem demonstrativen Auf- (Seekriegsflotte) und Ausbau (wachsende jährliche Rekrutierungen, umfassende Modernisierung der Artillerie und Entwicklung der Panzerfahrzeuge) der stetig wachsenden Militärmacht Deutschland, wurde auf die versagte Gleichberechtigung als neue Weltmacht reagiert. Doch die Hegemonialstaaten „versuchten es aus dem Konzert der Mächte, wie sie es prägten, schließlich auszugrenzen, wenn es den eigenen halbhegemonialen Rahmen zu behaupten oder womöglich auszuweiten suchte.“

Man sollte auch nicht vergessen zu erwähnen, dass in der Außenpolitik zu dieser Zeit nicht das eigentlich zuständige Auswärtige Amt federführend war, sondern Kaiser Wilhelm II., der nie parlamentarischen Kontrollinstanzen rechenschaftspflichtig war, bestimmte. Während die bürgerlichen Parteien, dem Zeitgeist entsprechend dem Sozialdarwinismus, der Hegelschen Machtstaatpolitik verpflichtet und dem Aufkommen völkischer Ideen (sie und der Einfluss des Alldeutschen Verbandes sollten nicht überbewertet werden) keineswegs abhold, ihre Kritik an der Außenpolitik begrenzt hielten, betrieb die erstarkende Sozialdemokratie ungehemmt Fundamentalopposition. Vom Ziel einer gewaltsamen Revolution zum Sturz des Kapitalismus abgekommen, hielten sie den Weg der Reform für gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse jetzt für möglich.

Canis‘ Fazit: „Deutschlands Stellung in der Mächtekonstellation von 1914 hatte sich gegenüber der eingangs untersuchten von 1902 völlig gewandelt. Damals befand sich das Reich einer nur zum Teil gebundenen Gruppe von rivalisierenden Großmächten gegenüber. Inzwischen hatte sich diese Gruppe zu einem festeren Gefüge verdichtet.“ Schnell war das Kaiserreich zum Hauptkonkurrenten in Europa und an den Meerengen aufgestiegen. Faktisch blieb es, da Österreich- Ungarn gegen die Balkanstaaten gebunden war, gegen Frankreich im Osten und Russland im Osten auf sich allein gestellt. Mit kriegerischem Einstieg und Reaktion wurde das fragile Mächtegleichgewicht zerstört und setzte dem rasanten Aufstieg und der puren Existenz des Deutschen Kaiserreiches ein Ende.

„Nach vorherrschender Auffassung wird Deutschland die Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg zugeschrieben. Auf breiter Quellengrundlage, vor allem mit ungedruckten Akten- und Nachlassbeständen, begründet jedoch der Autor, dass die Zwänge, denen Deutschland ausgesetzt blieb, größer waren als die Möglichkeiten“, bewirbt der Verlag das Buch. Die Darstellung ist ereignisgeschichtlich angelegt und operiert mit strukturellen Gesichtspunkten, wenn es um die Erklärung außenpolitischer Erscheinungen geht. Herangezogen wurden vom Wissenschaftler die umfangreichen Editionen zur Außenpolitik der damals agierenden Kontrahenten Belgien, Frankreich, Großbritannien, Österreich- Ungarn und Russland. Weiterhin sind veröffentlichte Briefe, Tagebücher und Memoiren von Politikern und Diplomaten einbezogen worden. Die in großem Umfang ungedruckten Aktenbestände aus Berliner, Dresdner, Münchner und Wiener Archiven sowie zahlreiche Nachlässe wurden gesichtet und ausgewertet. Umfangreiche Protokolle der Reichstagsdebatten, Aufsätze Reden, repräsentative Zeitungen und Zeitschriften fanden ebenso Eingang in die Darstellung, wie selbständige Schriften von Historikern, Intellektuellen, Politikern und Publizisten.

Wer sich sachkundig über die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts informieren möchte, sollte zu diesem Buch greifen. Es bildet die detaillierte Grundlage für geschichtliches Verständnis der Weimarer Republik, der nationalsozialistischen Diktatur und den deutschen, europäischen wie globalen Entwicklungen auf allen Gebieten des ökonomisch bestimmten menschlichen Zusammenlebens. Die Canis‘sche Trilogie in all ihren Facetten verdient nicht nur für Studierende, sondern gleichfalls für geschichtlich interessierte Laien zur empfohlenen Standardliteratur zu gehören.

Konrad Canis (2011): Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902-1912. Paderborn/München/Wien/Zürich: Verlag Ferdinand Schöningh, 719 Seiten, 88 Euro. Kaufen bei Amazon.

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