40 Jahre Kampf und keinen Schritt weiter

6. November 2012 0

Ein Abend mit Bezirks-Bürgermeister Heinz Buschkowsky und seinem Buch „Neukölln ist überall“

Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (rechts) mit Güner Balci – Bild: Michael Leh

Es ist eine dieser unscheinbaren Straßen im Süden Neuköllns, im Ortsteil Buckow. Sie endet am ehemaligen Grenzstreifen. In dieser Straße, im Haus seines Schwiegervaters, wohnt der berühmteste Bürgermeister Deutschlands, der Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky (64). Gelegentlich steht ein Streifenwagen vor der Tür. Von hier kann er auf die Skyline der nahegelegenen Gropiusstadt schauen, einem Neubaugebiet aus den 60iger Jahren. Hier erinnert er sich daran, wie er in seiner Kindheit auf den damals kahlen Feldern Kartoffelstoppeln eingesammelt hat, um sich sein erstes Geld zu verdienen, wenn er jeden Morgen von hier aus in dem Norden Neuköllns fährt, um seinen Amtssitz, das Neuköllner Rathaus zu erreichen.

Jetzt aber denkt er nicht an die Vergangenheit, jetzt redet er über die Gegenwart und die Zukunft. Mit rund 800 Zuhörern ist die Berliner Urania vollbesetzt. In Anlehnung an Buschkowskys Buchtitel Neukölln ist überall skandiert eine Gruppe junger Menschen vor der Urania Parolen wie „Rassismus ist überall“. „Die Wahrheit hat heftige Reaktionen hervorgerufen“, sagt drinnen Urania-Direktor Ulrich Bleyer bei der Begrüßung der Zuhörer

Auf die erste Frage seiner Gesprächspartnerin Güner Balci – was sich in Neukölln denn verändert habe – holt der kantige Bürgermeister etwas aus: „Wir sehen uns einer Konsumgesellschaft gegenüber gestellt, die scheinbar alle Wünsche erfüllen kann“, sagt er dann. So fragen ihn Grundschüler, die ihn in seinem Büro besuchen, was für ein Auto er fahren würde, ob er reich sei und überhaupt, was das für eine „Telefonzelle“ sei, die er da als Handy benutze. Als Buschkowsky selber in dem Alter war, wünschte er sich das Tonbandgerät TK 40 von Grundig. „Willst du etwas haben, musst du dafür arbeiten“, war die simple Losung seiner Eltern. Also arbeitete der junge Buschkowsky als Kartoffelsammler, Zeitungsjunge, Hilfsarbeiter in einer Fabrik und jobbte anschließend während seiner Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt nebenbei als Stadtführer.

Auch habe es die heutige Art der Gewalt in seiner Zeit nicht gegeben, was auf eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur zurückzuführen sei. Raufereien und Prügeleien habe es auch schon zu seiner Zeit gegeben, aber Tritte gegen den Kopf der am Boden liegenden Opfer würden eine klare Tötungsabsicht signalisieren und seien „doch etwas anderes“, sagt Buschkowsky.

Den zunehmenden Einfluss des Islams auf seinem Bezirk umschreibt Buschkowsky als einen schleichenden Umbau des bestehenden Wertegefüges. Vor kurzer Zeit hatte der Journalist Joachim Wagner in einem Artikel für Welt Online die zunehmende Zahl islamischer Zweitfrauen geschrieben. Er sitzt in einer der ersten Riehen und hört Buschkowsky nun besonders aufmerksam zu. Dieser sieht mittlerweile eine Renaissance von Dingen „die wir längst überwunden glaubten“. Über Jahrzehnte hätten sich die Frauen die rechtliche Gleichstellung erkämpft und damit einen kulturellen Fortschritt erreicht. „Einen Rückschritt zu Fred Feuerstein wollen wir nicht““, sagt Buschkowsky mit kräftiger Stimme. Das Publikum applaudiert.

So sah er auch im vergangenen Jahr die Eröffnung einer islamischen Boutique in seinem Bezirk skeptisch, an der Koran-Suren angebracht waren, die zur Unterwerfung der Frau mahnten. Wichtig sei die Botschaft, die von diesen Entwicklungen ausgeht, sagt Buschkowsky. Einwanderung solle der aufnehmenden Gesellschaft nützlich sein, wer einwandert soll die Grundprinzipien akzeptieren und sich an die Regeln halten. Die aufkommende Subkultur der Vielweiberei sei eben kein Teil unserer kulturellen Identität.

Auch kritisiert Buschkowsky eine „vordemokratische Gesellschaftsform“, in der die Pflege kranker Angehöriger höher bewertet werde, als die Schulpflicht der Kinder. Buschkowsky hat sich mittlerweile ein wenig in Rage geredet, er gestikuliert leidenschaftlich mit den Händen und spricht mit seinem Berliner Dialekt Sätze wie diesen: „Eine Gesellschaft braucht sich doch nicht wundern, wenn keiner einer Forderung nachkommt, die gar nicht gestellt wurde.“ Wieder starker Applaus.

Jetzt spricht er nicht mehr so leidenschaftlich, eher sachlich, denn jetzt referiert er über „seine Stadtteilmütter“. Sie dienen dazu, Familien für das gesellschaftliche Leben bereit zu machen, die bisher noch nicht daran teilgenommen haben. Bisher wurden rund 5.000 Familien von Stadtteilmüttern besucht. 10.000 bis 15.000 Kinder haben sie so erreicht und wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit Preisen wie den Metropolitan Award.

Immer wieder unterbricht der Bezirksbürgermeister seine Erzählung durch das Vorlesen von einzelnen Textpassagen aus seinem Buch. Mit einem halben Dutzend Schnipseln ist sein Exemplar präpariert, „ich hätte sie mal beschriften sollen“, scherzt er, nachdem er einige Sekunden nach der passenden Textstelle gesucht hat. Ganz aufmerksam scheint er sein Buch aber nicht gelesen zu haben. So behauptete er etwa Ende September in der TV-Sendung bei Maischberger, das Wort „asozial“ kein einziges Mal benutzt zu haben. Doch schon auf Seite 51 umschreibt er damit, was das Jobcenter als „komplexe Profillage“ bezeichnet: „Überschuldung, Suchtprobleme, asoziales Verhalten.“ Und auch beim Bericht über seinen Besuch im englischen Glasgow fällt das Wort (S. 184).

Vieles, was Buschkowsky nun in seinem Buch aufgeschrieben hat, war bereits aus seinem Mund zu hören. So beispielsweise die Erfolge um das Albert-Schweitzer-Gymnasium und die Rolle der Stadtteilmütter. Was neu ist und was ihn von den bisherigen Büchern unterscheidet, ist, dass er seine eigenen Einschätzungen mit Aussagen von Funktionsträgern unterstreicht, die ihn in seiner Sicht unterstützen. So kommen Schulleiter, Sozialarbeiter oder Polizisten zu Wort, die wohl sonst kein Forum gefunden hätten.

In der Bildungspolitik mahnt Buschkowsky unter Berufung auf eine Erzieherin an, müsste man sich ein wenig aus dem Ausland abschauen: So dürften sich z.B. dänische Brennpunktschulen ihre Lehrer an den Universitäten aussuchen. Ein großer Teil der Lehrerschaft der Rütli-Schule sei aber unfreiwillig meist aus den östlichen Bezirken Berlins an die Nord-Neuköllner Problemschule gekommen. „Warum sollte nicht auch ein Pflichtpraktikum während des Studiums an einer Brennpunktschule möglich sein“, fragt er in das Publikum hinein.

Das sind Schulen, an denen 90 Prozent der Schülerschaft von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit ist – also von Transferleistungen leben. Schüler, die in Familien aufwachsen, in denen der Vater nicht mit beruflichen Erfolgen oder Misserfolgen nach Hause kommt. „Diese Entwicklung ist keine fruchtbringende“, sagt er mit erboster Stimme und weist darauf hin, dass es in Neukölln auch eine Schule mit 100 Prozent Lernmittelbefreiung gebe. Dabei seien solche Schulen, die er auch „Abschiebestationen“ nennt, ebenso im Nachbarbezirk Kreuzberg allgegenwärtig, auch wenn das der Kreuzberger Bezirksbürgermeister nicht glaube. Überhaupt nennt er seinen Kollegen Schulz (Grüne) nie beim Namen, weder in seinem Buch, noch an diesem Abend.

Um gegen diesen Trend anzukämpfen fordert Buschkowsky die Einführung der Ganztagsschule und zwar „richtige Ganztagsschulen“ und keine „Schummel-Ganztagsschulen mit angeschlossenem Hort“, sondern mit ganztägiger Betreuung bis 16 Uhr.

Die Zahl der „unterbelichteten“ oder erziehungsunfähigen Eltern nähme in Deutschland zu. Dafür spricht die steigende Zahl an Mitteln, die in den vergangenen Jahren vom Bezirk für Hilfe zur Erziehung (HzE), bereitgestellt werden mussten. Diese Reparatur eines kaputten Systems sei teurer, als vorher die Strukturen in den Griff zu bekommen. So führt er auch ein weiteres altbekanntes Beispiel an: Als das am Hermannplatz ansässige Albert-Schweitzer-Gymnasium kurz vor der Schließung stand, entschied sich der Bezirk zu einem gewagten Versuch. An einem deutschen Gymnasium wurden Förderkurse Deutsch eingeführt, Coachs vom Deutsch-Türkischen-Zentrum wurden verpflichtet und schließlich wurde der Schulleiter ausgetauscht gegen einen, der tschechische Schüler zum deutschen Abitur geführt hat. „Was mit Tschechen geht, muss mit Neuköllnern auch gehen“, war die Losung.

Innerhalb der nächsten vier Jahre versechsfachte sich die Zahl der Abiturienten, die Noten liegen mittlerweile im Berliner Durchschnitt. Alle Maßnahmen würden den Bezirk jährlich 220.000 Euro zusätzlich kosten. „Das ist der Wert von fünf Knastplätzen. Die Gesellschaft hat also die Wahl“, erklärt Buschkowsky. Das Publikum hört ihm noch immer gebannt zu.

Integration fällt nicht vom Himmel

Für Buschkowsky ist es wichtig, woher Einwanderer kommen, welchem Kulturkreis sie angehören und ob sie bestehende Werte akzeptieren. „Mir ist egal welchen Glauben Menschen haben, solange sie nicht dasselbe von mir verlangen.“ – Wie es zum Buchtitel Neukölln ist überall gekommen ist, will Balci abschließend wissen. Buschkowsky erzählt von den Runden mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, die verkündet habe, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Einwanderungsstaaten wie Kanada uns um unsere Integrationserfolge beneiden würden. Neukölln sei eben ein Sonderfall, erklärt Buschkowsky ironisch die Auffassungen der Integrationsbeauftragten. Hunderte von Zuschriften erreichten das Büro des Bezirksbürgermeisters, weshalb das Buch auch Neukölln ist näher, als du denkst hätte heißen können; dies sei aber zu sehr als Drohung aufgenommen worden.

Heinz Buschkowsky (2012): Neukölln ist überall. Berlin: Ullstein Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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