Kritische Aneignung, nicht dogmatisches Nachbeten

1. November 2012 0

Rezension zu Caspar von Schrenck-Notzing (2011): Konservative Publizistik. Texte aus den Jahren 1961 bis 2008

Cover der von Caspar von Schrenck-Notzing herausgegebenen Zeitschrift Criticon – Bild: FKBF

„Es fehlte aber nicht nur die Dynamik, sondern auch der gebotene Grad an Realismus“, stellte Caspar von Schrenck-Notzing Mitte der siebziger Jahre fest, als eine „Tendenzwende“ möglich schien. Nüchtern resümierte einer der herausragenden publizistischen Köpfe des deutschen Nachkriegskonservativismus, dass mit den Erschrockenen, Bekehrten und denen, welche es schon immer gewusst hatten, keine ausreichende Grundlage für politische Veränderungen in der Bundesrepublik vorhanden war.

Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing (1927 bis 2009) war der Begründer der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF). Deren Mitarbeiter Patrick Neuhaus hat nun einen Sammelband mit mehr als 80 Beiträgen des konservativen Vordenkers herausgegeben: Essays, Vortragstexte, Kommentare und ein Interview dokumentieren die Vielfältigkeit der Interessengebiete des Intellektuellen. So dient etwa eine Fülle an Portraits herausragender Konservativer dem Leitsatz: „Nicht dogmatisches Nachbeten, sondern kritische Aneignung führt zur Rückholung der Väter, eine Rückholung, die für das Selbstbewusstsein einer geistigen Richtung unerlässlich ist.“ Weitere Themen Schrenck-Notzings sind Konservativismus, Medieneinflüsse, öffentliche Meinung, Zensur, die „Deutsche Frage“ und Identität. Eine erstmals zusammengestellte Bibliographie der Schriften des rührigen Publizisten beschließt die repräsentative Textauswahl.

Fachkundig eingeleitet wird das Kompendium durch den Historiker Karlheinz Weißmann, der in seinem Schriftstellerportrait vor allem die politischen Anliegen, realen Sehnsüchte und Ziele Schrenck-Notzings ins Visier nimmt. Weißmann würdigt so nicht nur das Schaffen einer Persönlichkeit, sondern erfüllt auch den zu Lebzeiten geäußerten Wunsch des Förderstiftungsbegründers nach einem herausgeberischen Nachruf.

Der Lebensentwurf Schrenck-Notzings glich gelebter Tradition, denn der Erzkonservative entstammte einem altehrwürdigen Ratsherrngeschlecht Münchens. Nach einem Studium der Geschichte und Soziologie machte er 1961 mit der ersten Buchveröffentlichung Hundert Jahre Indien auf sich aufmerksam. Als Autor von Charakterwäsche (1965) und der Zukunftsmacher (1971) sowie Herausgeber verschiedener Sammelbände wie Deutsche Identität (1982, gemeinsam mit Armin Mohler) oder Lexikon des Konservativismus (1996) und der Zeitschrift Criticon bemühte er sich über Jahrzehnte hinweg, Weggefährten bei der Stange zu halten und neue Mitstreiter zu gewinnen.

Gleichgesinnten machte es Schrenck- Notzing allerdings jederzeit schwer, ihm zu folgen, ihn zu verstehen. Seine Texte sind weder programmatischer Natur, noch tragfähige zeithistorische Einschätzungen. Der Autor setzte darauf, „dass aus seinen Analysen …. fast zwangsläufig die richtigen Folgerungen gezogen werden mussten.“ An diesem äußerst wesentlichen Gesichtspunkt scheint die allgemeine parteipolitisch-konservative und historische Schwäche auf: Das wirkungsvolle Unvermögen, Zeitanalysen anhand von vergleichenden und wichtigen Kriterien zu verfassen und „volksnahe“ Zukunftsentwürfe zu gestalten. Alle plappern über die „Linken“ und die unsäglichen „Liberalen“, aber kein ernstzunehmender konservativer Autor schreibt über Missstände, in denen Namen und Adressen vorkommen. Es zeugt von der steten Unfähigkeit, das konservative Anliegen einem breiten Bevölkerungskreis nahe zu bringen. Doch damals wie heute sehnen sich die Menschen, die Werktätigen in diesem „zivilisierten“ Land nach der Bewahrung von Werten, Normen und Regeln, nach Ordnung, Sicherheit, Disziplin und Respekt!

„Theorie verstand Schrenck-Notzing eher im Sinn des ursprünglichen griechischen theoria, also ‚Anschauung’, nicht als geschlossenes Welterklärungsmodell, eher als einen Versuch, sich der tradierten wie der modernen Erkenntnis zu bedienen, um ein sachgerechtes Verständnis der Wirklichkeit zu ermöglichen“, so Weißmanns Urteil zu dieser Problematik. Das ist freilich bedauerlich für dieses reiche Land und seine alte arbeitsame eingeborene Bevölkerung, dass ihre altehrwürdigen Theoretiker aller Couleur keinen potenten intellektuellen Nachwuchs zeugten. Denn mittlerweile quaken selbst die Unken US-amerikanisch.

Caspar von Schrenck-Notzing (2011): Konservative Publizistik. Texte aus den Jahren 1961 bis 2008. Ausgewählt und herausgegeben von Patrick Neuhaus; Mit einer Einleitung von Karlheinz Weißmannn, Berlin: Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung, 480 Seiten, 35 Euro. Kaufen bei Amazon

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