Komplexe Fragen multikultureller Gesellschaften

30. Oktober 2012 1

Rezension zu Stephan Conermann (Hg.): Die multikulturelle Gesellschaft in der Sackgasse? Europäische, Amerikanische und asiatische Perspektiven

Wo funktioniert Multikulti? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Dieser aus einer Ringvorlesung an der Universität Bonn hervorgegangene Sammelband widmet sich den komplexen Fragen der multikulturellen Gesellschaft bewusst, ohne eine Einführung mit Theoriediskussion der übergeordneten Identitäts-, Alteritäts-, Multikulturalismus-, Integrations-, Migrations-, Postkolonialismus-, Hybriditäts-, Globalisierungs- oder Kritischen Weißseinsforschungs-Theorien. Herausgeber Stephan Conermann diskutiert stattdessen einleitend die wesentlichen sozialwissenschaftlichen Studien zu diesem Themenbereich, die seit dem Jahr 2003 von politischer Seite der Innenministerien in Sachverständigenräten und Islamkonferenzen jährlich erschienen sind, einschließlich des Nationalen Integrationsplans aus dem Jahr 2007 von Bundeskanzlerin Merkel und den sich anschließenden Ersten Fortschrittsbericht zum Nationalen Integrationsplan sowie der Studie Muslime in Deutschland von 2007.

Sieben Wissenschaftler nehmen Stellung zu Fragen der multikulturellen Gesellschaft in der BRD, den Niederlanden, USA und Kanada, Indien, Indonesien und der Türkei. Elif-Esra Şenel, Politologin, Islamwissenschaftlerin und Historikerin, widmet sich in ihrem beinahe hundert Seiten umfassenden Beitrag „Im Schatten der Einwanderungspolitik“ dem Einfluss der Bildungspolitik auf die Integration von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Şenel widmet sich ausgiebig der Entstehung der Integrationsforschung in der BRD und ihrer Entwicklung entlang den anglo-amerikanischen Vorbildern und diskutiert das unterschiedliche Verständnis dieses Begriffes anhand von vergleichenden Länderstudien. Der Schwerpunkt ihrer Studie liegt auf der Bildung als Mittel zur sozialen Integration von Migranten.

Zu kritisieren ist, bei allem Respekt für ihr Anliegen, dass Şenel weitgehend auf der Ebene der Behörden und staatlichen Institutionen bleibt, das ganze Problem aus der Perspektive einer, wenn schon nicht privilegierten, so doch arrivierten „Migrantin mit hohem Bildungsabschluss“ angeht, die sich an keiner Stelle ihrer Abhandlung der konkreten Erfahrung, Problematik und Sicht aus der Praxis von Lehrern und anderen Bildungsbegleitern im Umgang und Unterricht mit Jugendlichen widmet, sondern aus der theoretischen Perspektive den Themenkomplex von oben herunter angeht, sich zudem auf akademische (Aus-)Bildung beschränkt. Auf Seiten der Migranten bestehende, evtl. kultur- oder religionsspezifische Hemmnisse der Integration werden nicht angesprochen. Auch hier hätten sich diskussionswürdige Erkenntnisse zum Umgang mit und der Förderung von Bildung unter Migranten gewinnen lassen. Eindrucksvoll ist ihr Literaturverzeichnis, das nicht nur Gesetze, Erlasse und akademische Studien umfasst, sondern auch Presse und Internetquellen heranzieht.

Rosemarie Sackman, Privatdozentin und Fellow am Jean Monnet Centre for European Studies an der Universität Bremen, widmet sich „Mythos und Realität des niederländischen Multikulturalismus“, dessen Modell der Integration von Zuwanderern 20 Jahre lang Vielen in Deutschland als Vorbild galt. Die Attentate des 11. September 2001, zwei Morde an exponierten Islamkritikern, populistische Politik gegen den Islam und zahlreiche rassistische Gewalttaten haben die Politik der Toleranz in den Niederlanden heftig erschüttert. Sackman kommt zu dem Schluss, dass diese Integrationspolitik weniger auf Multikulturalismus als auf Gleichstellungspolitik zurückzuführen ist. Die Gleichstellung der Zuwanderer aufgrund von erwarteter Akkulturation und Integration wurde zu schnell in Form von konkreten Resultaten erwartet. Viele Erschütterungen, Entwicklungen und Reaktionen in den Niederlanden führt Sackman darauf zurück, dass es so aussähe, als ob die Politik sich auf die Integration der Zuwanderer konzentriert und die der Einheimischen vernachlässigt habe.

Die Amerikanistin und Literaturwissenschaftlerin Sabine Sielke stellt in ihrem Aufsatz „Different But Equal? Zur Politik des Multikulturalismus in den USA und Kanada“ die Frage nach der Gleichheit in Vielfalt, die von Beginn an kennzeichnend für die anglo-amerikanischen Gesellschaften war, die sich an den unterschiedlichen Hautfarben von unterworfener indigener Bevölkerung, den „First Nations“, und versklavten Einwanderungsgruppen abgearbeitet haben. Sie bezieht sich auf den berühmten Essay des kanadischen Politologen und Philosophen Charles Taylor „The Politics of Recognition“ von 1992, der formulierte: „that we all recognize the equal value of different cultures, that we not only let them survive, but acknowledge their worth.“ Anhand von kulturellem Material wie Filmen, beispielsweise Stanley Kramers „Guess Who Is Coming to Dinner“ von 1967, zeigt Sielke, dass gemischtrassige Eheschließungen in den USA, dem „home of the brave and the free“, bis zum Jahr 1967 in 16 Staaten offiziell verboten war. In dem Land, das die Menschenrechte der Vereinten Nationen 1948 nach der Erfahrung des Faschismus in Europa formuliert hat, haben Rassismus und Xenophobie Hochkonjunktur, sobald sich ökonomische Bedingungen und Arbeitsmarkt verschlechtern. Ihren Schluss bilden drei Thesen:

  • Laut These 1 bleibt die multikulturelle Gesellschaft eine produktive wie notwendige Utopie, die auf einer Vorstellung von Unterschieden ohne Hierarchie beruht. Solche Unterschiede können jedoch nur in der Gesellschaft von Gleichen Bedeutung haben.
  • These 2 lautet, dass in Anerkennung des utopischen Charakters der multikulturellen Gesellschaft ihre Krise eine produktive Chance beinhaltet, die genutzt werden sollte.
  • These 3 besagt, dass historisch gewachsene und bedingte Modelle multikultureller Politik nicht transkulturell übertragbar sind, sondern man die Krise der Multikultur gemäß der eigenen Vorgeschichte lösen muss – oder sich den Weg in eine Gesellschaft kultureller Anerkennung weiter verbauen kann. Implizit versteckt sich hier eine Kritik am Überstülpen auf bzw. kritikloser Übernahme anglo-amerikanischer Modelle für europäische Verhältnisse, die einer Art wissenschaftlich-kultureller Kolonialisierung gleichkommen.

Der Soziologe Rainer Geissler von der Universität Siegen fragt danach, ob „Multikulturalismus in Kanada – Modell für Deutschland?“ sein kann. Er kommt zu dem Schluss, dass das kanadische Modell des „ethnischen Mosaiks“ für Deutschland zwar eine utopische Vorstellung ist, man in Deutschland aber dennoch von Kanada lernen kann. Grundgedanke der kanadischen Einwanderungspolitik ist ein durchdachtes politisches Management, das in Deutschland noch fehlt (1). Es bedarf dazu jedoch einer Akzentverschiebung zu einer eindeutigen Bejahung von Einwanderung in Deutschland, um Zuwanderung in der BRD nicht primär als Bedrohung wahrzunehmen (2). Die Frage nach der Grenzlinie zwischen notwendiger Einheit und möglicher Verschiedenheit müsse dabei in einer Weise analysiert werden, die die Interessen von Minderheiten und Mehrheit gleichzeitig im Blick hat (3). Etwas naiv mutet hier Punkt (2) an, denn in Anbetracht der bemerkenswerten Größenunterschiede zwischen Deutschland und Kanada liegt es nahe, dass Zuwanderung in der dicht besiedelten, in weiten Teilen hoch industrialisierten BRD schneller als Bedrohung empfunden werden kann, als in diesem großen Land zwischen den USA und deren nördlichen Außenposten Alaska.

Heinz-Werner Wessler, Privatdozent für Indologie an der Universität Bonn, fragt „Ist Indiens Vielfalt unmodern? Zur Auslegung des viel zitierten Slogans von der „Einheit in Vielfalt“. Bei einem Land wie Indien kommt man um die Frage nach der Bedeutung von Religion nicht herum, die von Wessler in der Frage gestellt wird, inwieweit Religionskritik notwendig ist oder die Ressource Religion genutzt werden kann. Selbstverständlich kommt man dann auch nicht um die Gedanken von Mahatma Gandhi herum, die vor diesem Hintergrund entstanden sind. Gemäß der marktförmigen Imagewerbung der Tourismusindustrie „India is a world in herself – geographically distinct, culturally varied, an ancient civilization that has over the years interacted with virutally all the world´s races, creeds and ideologies, yet has preserved the unique flavour which underpins and unites the diversity that is India“ handelt es sich um eine traditionsgebundene Interkulturalität, die aus guten Gründen zahlreiche Säkularisten und Marxisten hervorgebracht hat und dennoch die Religion nicht ignorieren kann, da sie zu tief im Bewusstsein der Menschen verwurzelt ist.

Der Südostasienkundler Tilman Schiel, Universität Passau, betitelt seinen Beitrag provokativ mit „Einheit in der Vielfalt – Einheit in Einfalt? Über den Umgang mit kultureller Vielfalt in der indonesischen Politik“. Ohne Umschweife kommt er auf das Staatswappen Indonesiens zu sprechen, in dem der aus der indischen Mythologie stammende Adler Garuda auf seiner Brust das auf fünf Säulen bestehende Staatsprinzip der indonesischen Nation trägt, die auch Grundlage der Verfassung sind. Garuda hält ein Spruchband in den Klauen, auf dem in Sanskrit „Einheit in der Vielfalt“ steht. Schiel analysiert die sich aus extrem unterschiedlichen Schichten und Völkern zusammensetzende Nation (Wildbeuter bis Großstädter), in der sich beispielsweise die indigenen Bewohner des auf fragwürdige Weise zu Indonesien gekommenen West-Papua bis heute nicht zu Indonesien gehörig fühlen, weil sie sprachlich und kulturell kaum etwas mit Indonesien zu tun haben. Dort leben bis heute Stammesvölker, die weder zu den fünf anerkannten Religionen (Islam, Protestantismus, Katholizismus, Buddhismus und Hinduismus) gehören, noch Atheisten sind, beispielsweise die Dayak und Kopfjäger, offiziell als „primitive Hinterwäldler“ etikettiert, denen gegenüber die ansonsten verpönte Missionierung als „zivilisatorische Notwendigkeit“ erforderlich ist. Schiel diskutiert kritisch, ob die Transmigration zwischen den Inselstaaten Indonesiens zur Befreiung aus der Isolation führt. Eher scheint es so zu sein, dass die verkehrsmäßige Erschließung des indonesischen Archipels abseits von Bali sich gut touristisch vermarkten lässt und, laut einer US-amerikanischen Ethnologin, deshalb heute von einer „showcase culture“, einer „Vitrinenkultur“, gesprochen werden kann, die mit kultureller Anerkennung der Bevölkerung wenig zu tun hat. Den islamistischen Terrorismus in Indonesien interpretiert Schiel als ein „Aufbäumen gegen die politischen Bedeutungsverluste des strikten Islam“, dem sich inzwischen organisierte säkulare Gruppen entgegenstellen.

Bekim Agai, Postdoktorand der Universität Halle-Wittenberg, schließt mit der Frage: „Wieviel Multikulturalismus verträgt der türkische Nationalstaat? – Zur Funktion von Nation, Religion und nationaler Kultur im türkischen Nationalismus“ diesen Sammelband. Agai skizziert grob die Entwicklungen der Vorstellungen von Nation, Religion und Kultur vom Osmanischen Reich bis in die Gegenwart. Aufgrund der Frage kritischer türkischer Autoren, ob die kurzfristige Liberalisierung der Türkei diese mittelfristig nicht überfordert, destabilisiert und für Europäer unattraktiv macht, stellt er die Sozialverträglichkeit des Pluralismus in der Türkei in Frage. Er fordert ein Eintauschen des lokalen Nationalismus zugunsten einer umfassenderen Idee von vorgestellter Gemeinschaft wie der EU im Sinne einer „nachkemalistischen Republik“.

Stephan Conermann (Hg.) 2009): Die multikulturelle Gesellschaft in der Sackgasse? Europäische, Amerikanische und asiatische Perspektiven. Bonner Asienstudien Bd. 3, Berlin: EB-Verlag Dr. Brandt, 34,80 Euro.

Zuerst erschienen in: Auskunft – ZS für Bibliothek, Archiv und Information 30 (2010), Nr. 3/4.

One Comment »

  1. Stefan Wehmeier 31. Oktober 2012 at 11:43 - Reply

    Dummheit und Weisheit

    Was unterscheidet den kurzsichtigen Dummen vom weitsichtigen Weisen?

    Der Dumme glaubt, die Welt des Menschen sei „Gott gewollt“ und will „Gott spielen“, d. h. einen unverdienten Gewinn („Frucht vom Baum der Erkenntnis“) auf Kosten der Mehrarbeit anderer erzielen, damit er in den Himmel der wenigen Zinsgewinner kommt, um nicht in der Hölle der vielen Zinsverlierer zu landen. Nimmt man dem Dummen diese Hoffnung, sieht er darin einen „Verlust“, denn eine dritte Möglichkeit ist in „dieser Welt“ nicht vorgesehen.

    (NHC II,2,113) Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

    Der Weise kommt gar nicht erst auf den Gedanken, die Welt wäre „Gott gewollt“, und erkennt in dem Verzicht auf Machtausübung einen unendlichen Gewinn.

    „Wer reich geworden ist, möge herrschen; und wer Macht hat, möge darauf verzichten.“

    Jesus von Nazareth (NHC II,2,81)

    „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.

    Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist.“

    Silvio Gesell (Vorwort zur 3. Auflage der NWO)

    In diesem Sinne: http://www.juengstes-gericht.net

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