Die Mär von zweierlei Nationalismus

22. Oktober 2012 0

Rezension zu Jost Hermand: Verlorene Illusionen. Eine Geschichte des deutschen Nationalismus

Was bleibt vom Nationalstaat?

„Was einmal vielen Bürgern als das Höchste erschien, nämlich der Stolz auf die eigene ‚Nation’, ist im Lauf der letzten Jahrzehnte zunehmend in Verruf geraten.“ Mit diesen Worten bewirbt der Verlag Jost Hermands neues Buch zur Geschichte des deutschen Nationalismus. Doch warum erschien den Bürgern der Nationalgedanke überhaupt als Höchstes? Und weshalb kam die Nation in Verruf? Fragen, zu deren Beantwortung der Autor die Spuren des Nationalgedankens in der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart verfolgt.

Um die Wende zum 19. Jahrhundert verlangte in den Ländern des alten Kontinents das aufstrebende und zunehmend aufgeklärte Bürgertum nach neuen Staatsformen. Die Herrschaft einer feudal-absolutistischen Monarchie war zum wirtschaftlichen Hemmschuh geworden und verhinderte durch die mittelalterliche Ständeordnung die ökonomische und technologische Entwicklung.

Heute, rund 200 Jahre später, sind wir im Zeitalter der Globalisierung angekommen. Nationale Befindlichkeiten scheinen im komplexen europäischen Gedanken aufgegangen zu sein und eine der weltweiten Herausforderungen besteht in der allumfassenden weiteren Vernetzung sämtlicher Gebiete des Erdballs. Der Begriff der Nation ist somit vorgeblich überflüssig geworden und manch einer behauptet, er hätte selbst ohne die Erfahrungen chauvinistischer oder faschistischer Übersteigerungen sein absehbares Ende gefunden.

In den hochindustrialisierten Staaten war dem Nationalgedanken schnell der Garaus gemacht, denn er hatte sich in der neoliberalen Tendenz ebenso überlebt wie einst der Feudalabsolutismus. Die schrittweisen und andauernden Enthistorisierungs- und Entgesellschaftungsprozesse in den Staaten gehen einher mit einem hohen Lebensstandard – „subjektorientiertes Wohlbefinden des Einzelnen“ steht im Mittelpunkt und „immer mehr Menschen in der sogenannten Ersten Welt haben demzufolge eine tiefgehende Abneigung gegen alles Staatliche entwickelt, das sie als Einschränkung ihres persönlichen Wirkungsdranges empfinden“, so Hermand.

Was uns heute nichts wert erscheint, dafür opferte mancher Patriot seinen Besitz, seine gesellschaftliche Stellung und sein Leben. Wie etwa Franz Hebenstreit von Streitenfeld, den Kaiser Franz II. in Wien öffentlich hinrichten ließ und „Französlinge“ zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilte. Bayerns republikanisch gesinnte Illuminaten wurden verfolgt und die bislang geduldeten Freimaurer schlossen unter dem politischen Druck ihre Logen. Vor und im Zug der Befreiungskriege schwoll der nationaldemokratische Gedanke an, wurde aber während der langwierigen Metternichschen Restaurationspolitik konsequent bis zu den Revolutionen von 1848/49 unterdrückt. Es dauerte weitere zwei Dezennien, bis das deutsche Bemühen um die nationalstaatliche Einheit, die im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen entflammt war, seinen Triumph 1871 im Spiegelsaal zu Versailles feierte.

Vorausgegangen war nach 1850 die erste industrielle Revolution in einzelnen Bundesstaaten: Dem gigantischen Entwicklungsschub in der Industrie folgten sprunghaft unter anderem die Zuwachsraten des Banken-, Verkehrs- und Nachrichtenwesens sowie im Bergbau und der universitären Wissenschaftslandschaft. Kunst und Literatur reagierten auf das neue Zeitalter. „Dass sich daraus politische Folgerungen ergeben würden, war geradezu unausweichlich. Denn durch diese sozioökonomischen Modernisierungsschübe […] wurde das Bürgertum auch in nationaler Hinsicht immer stärker zum Leitfaktor der gesellschaftlichen Entwicklung.“

So recht zufrieden will sich Jost Hermand mit der Reichsgründung aber nicht geben und misst die Erfolge von damals mit den Maßstäben von heute. Der Wissenschaftler führt an, dass demokratische und liberale Erwartungen wie die „rechtliche Gleichstellung in anderen westlichen Ländern“ nicht zustande gekommen seien und bezeichnet das Dreiklassenwahlrecht als reaktionär. Das Kaiserreich tituliert er als „autoritär überformtes Reich“ und als „kein vom Volke ausgehender Nationalstaat“, der die Verwirklichung politischer Zielvorgaben nicht auf einem demokratischen Wege erreichte. Seine Meinung begründet bzw. beweist der Autor dabei ebenso wenig, wie er die vorgebliche Vorbildwirkung des europäischen Auslandes herausarbeitet.

Unbestritten ist, das Deutschland mit seinem wirtschaftlichem Potential eigentlich als vierte Weltmacht neben England, Frankreich und Russland (die USA waren zu diesem Zeitpunkt in der gleichen Situation wie das Kaiserreich) gelten konnte. Doch Hermand verurteilt das damalige deutsche Hegemonialstreben. Offen lässt er jedoch eine Antwort, wie diese Kräftekonstellation anders hätte gelöst werden können, als mit Krieg.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die politische Landkarte Europas neu gestaltet. Hermand spricht jetzt von einem gerechtfertigten und ungerechtfertigten  Nationalismus. Dieser willkürlichen Unterscheidung fehlt allerdings jegliche logische Konsequenz, bezeichnet der Autor doch den Nationalismus der neu entstandenen Staaten als gerecht, während er den der anderen verdammt. Und das, obwohl Hermand selbst feststellt, dass sich die „Neuen“ im „Stolz auf die endlich errungene Eigenstaatlichkeit […] im Lauf der zwanziger Jahre zusehends in staatliche Gebilde verwandelten, in denen bewusst ‚völkisch’ auftretende Diktatoren die Herrschaft an sich rissen.“

Hermands Panorama und Deutung deutscher Geschichte entfaltet sich unter dem Gesichtspunkt der Nation in kurzen Abschnitten, in den historischen Zäsuren zwischen den „Auswirkungen der Französischen Revolution“ über „Bismarcks Reichsnation“ und den „Nationalistischen Tendenzen in der Berliner Republik nach 1990“. Der emeritierte Professor für Literatur- auch deutsche Kulturgeschichte, 1930 in Kassel geboren und seit 1958 in den USA lebend, erzählt holschnittartig wie eh und je. Wie schon in seinem Werk Der alte Traum vom neuen Reich. Völkische Utopien und Nationalsozialismus von 1988 kümmert er sich dabei weder um den Nachweis von Zitaten, noch um eine einzige Fußnote.

Jost Hermand (2012): Verlorene Illusionen. Eine Geschichte des deutschen Nationalismus. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 390 Seiten, zahlreiche farbige und schwarz- weiß Abbildungen, 34,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

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