Tofu gewordene Anti-Moderne

11. Oktober 2012 2

Rezension zu Manfred Güllner (2012): Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?

Was bleibt, wenn die grüne Fassade fällt? – Bild: Cover des Buches (Ausschnitt) beim Herder-Verlag

forsa-Chef demaskiert die Grünen – die Wohlfühl-Partei für saturierte Bildungsbürger und Gesinnungsethiker

Wenn man einem bestimmten Jahrgangsfenster entstammt, dann trägt man einen unschätzbaren Vorteil in sich: Man hat einen ausgesprochen umfassenden Überblick über die Entwicklung der politischen Landschaft der letzten Jahrzehnte vor der Wende und die Zeit danach. Der Autor dieser Zeilen ist ein Mittsechziger Jahrgang des letzten Jahrhunderts und ging mithin noch aufs Gymnasium, als im Bonner Hofgarten die bis dahin größte Massendemonstration „gegen die atomare Bedrohung“ stattfand und die für die gerade im Entstehen befindliche Bewegung namens Die Grünen so etwas wie der ultimative Booster war.

Auch in unserer Schule waren die Anhänger der Ökos kräftig mit Werbematerial unterwegs und schafften es, mehrere Dutzend Mitschüler samt Lehrkräfte zu überzeugen, an der Demo teilzunehmen. Ich blieb natürlich daheim und nahm am Unterricht teil und das aus guten Gründen, wie ich fand. Das brachte mir seitens größerer Teile der Mitschülerschaft (und der Mitschülerinnenschaft, notabene, die auf der Seite der Ökos stets in der Überzahl waren) ungeahnte Intensitätslevel an Verachtung ein, womit ich aber ohnehin schon gelernt hatte umzugehen: Mit dem Berufswunsch Jetpilot war man sowieso so etwas wie ein Alien im Zoo.

Das nun vorliegende Buch von Manfred Güllner kann der Rezensent deshalb nur als großen Wurf bezeichnen. Nicht nur werden sämtliche Argumente und Vorbehalte, die auf meiner Seite schon von Anfang gegen die Ökopaxe existierten, voll und ganz bestätigt, es werden auch die einzelnen Aspekte und Strömungen, die die Partei der Grünen zu dem gemacht haben, was sie ist, einzeln beleuchtet und der fundierten Kritik unterzogen. Güllner steht hierfür nicht nur der fast unbegrenzte Fundus an statistischen Daten (und der damit verbundenen Fachkenntnis) seines Instituts zur Verfügung, sondern eben auch die oben schon angesprochene Lebenserfahrung, die den Blick auf die sich entwickelnde politische Landschaft der Bundesrepublik erleichtert.

Das nicht nur nach meiner Ansicht aussagekräftigste Beispiel für die vielen Themen, die die Grünen besetzt haben und bei denen sie entgegen der intuitiven Wahrnehmung alles andere als die Mehrheitsmeinung vertreten, ist das Thema Kernenergie. Güllner nimmt daher zunächst auch folgerichtig den Mythos aufs Korn, dies sei das Archethema der Grünen; als Ausdruck einer Massenbewegung. Hier ist es angezeigt, eine Klammer aufzumachen.

(Wenn man ein Buch durch die Augen eines Ingenieurs liest (so wie ich), dann ist es eine Wohltat, wenn man schon anhand der Verwendung von Fachvokabular erkennt, daß der Autor weiß, wovon er spricht. Bei Güllner ist das offenbar der Fall, da er sich hütet, den von den Ökos besetzten und ad nauseam benutzten – und komplett schwachsinnigen – Begriff Atomkraft zu benutzen. Jeder, der sich auch nur mit einem Minimum an Aufwand über das Thema informiert, weiß, daß bei dieser Form der Energiegewinnung Atom-Kerne gespalten werden, und eben nicht Atome. Für Ökos ist sowas natürlich Haarspalterei, da es für ignorante Demonstranten ausreicht, wenn „es irgendwie strahlt“ (O-Ton eines damaligen Mitschülers aus der oben erwähnten Geburtsphase der „Anti-Atomkraft“-Bewegung). Es ist aber falsch, und mithin ist es ein Beleg für die völlige Unkenntnis von 99,9 Prozent der „Atomkraft“-Gegner in Bezug auf das, wogegen sie da demonstrieren. Dieser Punkt allein reicht in meinen Augen schon aus, um das Gesamtdilemma der Ökos darzustellen. Aber es gibt ja noch mehr Ansatzpunkte. Klammer zu.)

Güllner zeigt anhand belastbarer Daten aus Umfragen der letzten Jahrzehnte, daß es schon immer für eine große Mehrheit der Bürger in erster Linie darauf ankam, dass das Licht angeht, wenn man auf den Schalter drückt, und zwar immer – auch dann, wenn es draußen kalt ist. Woher die Energie dafür kommt, ist von nachrangiger Priorität, solange sie auf wirtschaftlichem (und somit bezahlbarem) verläßlichem, sicherem und umweltverträglichem Wege produziert wird. Übrigens allesamt Argumente, die für die Kernenergie sprechen, nicht dagegen. Die Selbstdarstellung der Grünen, sie verträten mit ihrer radikal-quasireligiösen Ablehnung der „Atomkraft“ die Meinung der große Masse (wie es der grün angepinselte Bundesumweltminister a.D. Norbert Röttgen zu behaupten pflegte: „90 Prozent der Bevölkerung“), ist erkennbar falsch. Dass dies in der Öffentlichkeit – vor allem der medial geprägten – anders wahrgenommen wird, ist eines der entscheidenden Phänomene in Bezug auf die Grünen. Güllner führt dies anhand weiterer exemplarischer Themenbereiche aus.

Der politische Diskurs wird heute bekanntlich von Themen beherrscht, die ursprünglich reine „grüne““ Themen waren. Es drängt sich dem Beobachter der politischen Bühne allerdings der Eindruck auf, dass fast alle Parteien und Politiker dieselben Grundsätze in ihr Gebetbuch übernommen haben und sich darin bemühen, die Grünen sozusagen auf dem Grünstreifen zu überholen. (Dass das eine ausgesprochen schlechte Idee ist, wird weiter unten noch Erwähnung finden, da das Buch von Güllner hierauf explizit eingeht. Der oben schon erwähnte – und gescheiterte – Norbert Röttgen ist dafür nur eines von zahllosen Beispielen.) Diese Themenbereiche definiert Güllner zutreffend wie folgt:

  • Umwelt- und vor allem „Klima“-Schutz
  • Die Umdeutung des Fortschrittsbegriffs
  • Die Diskreditierung von Mobilität (und der damit verbundenen Chancen) durch Auto oder Flugzeug
  • Die Verteufelung von Großtechnologien
  • Das Lobpreisen von „Nachhaltigkeit“
  • Dezentralisierte, außerparlamentarische Partizipationsformen

Wie bereits erwähnt, ist die Kernenergie das Musterbeispiel für vieles, was mit dem Aufkommen der grünen Bewegung zusammenhängt und erklärt werden will. Wie schnell, wie blind und wie unüberlegt sich die Politik auch der großen Volksparteien auf „grüne““ Positionen begibt, war zuletzt im Frühjahr 2011 zu beobachten. Es wirft ein ausgesprochen schlechtes Bild auf die Führungseliten der Republik, dass eine Naturkatastrophe wie die von Fukushima als Begründung für die Abkehr von der Kernenergie herhalten musste. Dass es im Grunde kein einziges Argument aus der Fukushima-Katastrophe gibt, welches einen Stopp der Erzeugung von Kernenergie in Deutschland stützen würde, ist bekannt und soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Güllner betont jedoch richtigerweise, dass nicht nur das bloße Nachplappern von grünen Ideen (und seien sie noch so dämlich) symptomatisch für den derzeitigen politischen Mainstream ist, sondern auch die damit einhergehende völlige Ignoranz, Kenntnisfreiheit und abergläubische Verneinung von anderslautenden Fakten. Pech für die Realität. Dass die Bundeskanzlerin, die die grüne Energiewende ausrief, promovierte Physikerin ist, fügt der Schande noch Ironie hinzu.

Ein weiterer entscheidender Aspekt des grünen Phänomens ist der Umstand, dass es die Ökos von Anfang an vermocht haben, ihren Zielen einer „neuen Politik“ und damit sich selbst das Etikett „gut“ anzuheften. Diese moralische Selbstgerechtigkeit, die zur Manifestierung der gutmenschlichen Gesinnungsethik in Deutschland führte (man ist gegen etwas, weil das die „gute“, richtige Haltung ist, unabhängig von den Folgen dieser Haltung), machte es von Anfang an schwer, öffentlich eine gegenteilige Position zu beziehen.

Im Zusammenhang mit den Wurzeln der Grünen – hier den gesellschaftlichen Gruppierungen und politischen Ecken, aus denen die Gründergeneration kam – nennt Güllner denn auch frappierende Gemeinsamkeiten in Bezug auf Symbolik, Duktus, Kulte und Strategie. Wie die Grünen, die sich ausgeprägter und ausgeklügelter Symbol- und Fahnenkulte bedienen, haben auch ältere Vorläuferbewegungen der Grünen sich solcher Mittel bedient. Güllner nennt zahlreiche, hier seien nur (vor allem wegen der daraus zu ziehenden politischen Implikationen) die besonders unangenehmen genannt: Die kommunistischen Bünde und die völkische Bewegung. Güllner hütet sich natürlich, hier direkte Linien zu ziehen, aber zwischen den Zeilen wird deutlich, dass große Kreise des Führungspersonals der Grünen aus der totalitären Ecke kommen. Gestalten wie Trittin und Kretschmann kommen aus der Kaderschule des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), womit eigentlich alles gesagt ist. Das ist in Deutschland aber bekanntlich keine Sünde (rot ist ja immer irgendwie gut).

Viel schlimmer sind Wurzeln in der braunen Ecke, und darum hüten sich Autoren in Deutschland auch geflissentlich, hier tiefer zu graben. Auch Güllner hält sich hier bedauerlicherweise zurück. Vielleicht die einzige Schwäche seiner ansonsten hervorragenden historischen Darstellung der grünen Anfänge. (Ich empfehle hierzu weiterführende Literatur: Robert Zubrin: Merchants of Despair, New York/London, 2012. Dort erfährt man zum Beispiel, wer August Haußleiter war, einer der Mitbegründer der Grünen und deren erster Sprecher. Bei Wikipedia findet man nichts diesbezügliches – was nicht weiter verwundert.)

Gesonderte Erwähnung finden weiterhin die überaus großen Gemeinsamkeiten in der Programmatik von Grünen und der Evangelischen Kirche. Inwieweit auch hier der Grünstreifen-Effekt (mitlaufen, mitplappern und überholen) der entscheidende Faktor war (etwa im Vergleich zur originär vorhandenen ähnlichen Zielen), kann natürlich im Buch von Güllner nicht en detail betrachtet werden, es würde den Rahmen schlicht sprengen. Aber auch bei den Protestanten ist zumindest zu unterstellen, dass sich viele die Öko-Agenda in den Kirchenjahr-Kalender kopiert haben, um dem massenhaften Exodus der Gemeindemitglieder entgegenzuwirken. Hat nicht geklappt, wenn auch aus anderen Gründen, als bei den großen Volksparteien, die sich grüne Medizin zur Therapie machten. Aber wer mal eine der unerträglichen Absonderungen von Margot „wir-beten-mit-den-Taliban“-Käßmann gelesen oder gehört hat, weiß, wie recht Güllner hat.

Die beiden großen Volksparteien jedenfalls haben beide das gleiche Schicksal erlitten, sobald und seitdem sie sich entweder mit den Grünen verkoalitioniert oder gar versucht haben, grüne Themen zu übernehmen und dem Wähler als eigenes politisches Ziel zu verticken: Die Wählerschaft lief ihnen in hellen Scharen davon, und zwar aus zwei Gründen, die Güllner erneut prägnant und glasklar mit seinen forsa-gestützten Zahlen belegt: Erstens wählen diejenigen, die es schon immer so ein bisschen mit den Ökos hatten (vornehmlich aus den akademisch gebildeten Schichten) dann lieber gleich das Original. Und zweitens bleiben diejenigen, die zur „klassischen Wählerschicht“ der Volksparteien gehören (Arbeiter, Angestellte, Mittelständler) und ihre Sinne noch beisammen haben, der Wahlurne fern und pfeifen auf die beiden alten Tanten SPD und CDU.

Dies wiederum hat ebenfalls zwei fatale Konsequenzen: Erstens steigt bei sinkender Wahlbeteiligung der Stimmenanteil der Grünen, die ihre Klientel immer bestens mobilisieren und motivieren konnten. Zweitens sind Regierungen ohne die Grünen so gut wie nicht mehr machbar. Die derzeitige Konstellation auf Bundesebene ist da sozusagen ein auslaufendes Modell. (Lediglich eine immerhin wahrscheinliche große Koalition wäre ein Ausweg. Bei der dürften sich die Partner dann aber im Grün-Sein gegenseitig den Rang abzulaufen versuchen.)

Als letztes sei hier ein Aspekt erwähnt, den auch Güllner in lobenswerter Detailtiefe darstellt (der breiten Datenbasis der Demoskopie sei’s gedankt), nämlich die Beleuchtung der Klientel, aus deren Kreisen die Grünen ihre Wählerstimmen rekrutieren – und zwar von Anfang an. Es sind die Kinder (und deren inzwischen erwachsene Eltern und Großeltern) der wohlstandsverwöhnten Nachkriegsgeneration, die, bestens versorgt, ernährt und gebildet, keinerlei Not oder auch nur Einschränkungen zu verkraften hatten und die sich dem postmaterialistischen Malthusianismus zuwenden konnten, der in den Köpfen der Weltverbesserer am grünen Tisch entstand. Diese saturierten Bildungsbürger, die vor allem in den Medien, im akademischen und pädagogischen Betrieb und in den höheren Beamtenpositionen zu finden sind (wo letztere dann grüne Projekte administrativ zum Leben verhelfen) stellen nur eine Minderheit der Bevölkerung dar, glauben aber, den Willen der Mehrheit umzusetzen.

Güllner listet zahllose Beispiele auf, bei denen auf lokaler und auf Bundesebene zum Teil grotesk schwachsinnige Projekte umgesetzt wurden (Fahrradstraßen, Wassersparen, Mülltrennung, Dosenpfand etc. pp.), die die Mehrheit des Volkes garantiert nicht wollte. Wenn dann mal die fehlende Mehrheit allzu offensichtlich wird – wie das etwa bei Stuttgart 21 der Fall war – dann schrecken die Ökos auch nicht davor zurück, bei Volksabstimmungen das Quorum herabzusetzen, um mit weniger Stimmen dann doch noch ihr gewünschtes Ergebnis zu erreichen. In Stuttgart ist das begrüßenswerter Weise gescheitert.

Die Partei der Besserverdienenden und Gebildeten – wer dabei noch an die FDP denkt, der ist im wahrsten Wortsinne von gestern. Die Grünen sind es, deren Anti-Fortschritts-Habitus und zukunftsfeindliche Haltung sich ganz exzellent aus warmen und sicheren Beamtenstuben einnehmen lässt. Verzicht predigen ist für Ökos einfach – wenn es denn andere betrifft. Als wäre es dafür inszeniert worden, gab es unlängst in einigen Medien passend zu Güllners Buchveröffentlichung einen PR-Termin der Grünen, bei dem Trittin und Konsorten ein paar erbärmliche Elektroautos vorstellten – und um die Ecke parkten die dicken Dienstlimousinen. Noch passender hätten die Ökos ihre Heuchelei nicht darstellen können. Aber es hat sie noch nicht einmal gestört. Warum auch? Sie sind ja die Guten.

Manfred Güllner (2012): Die Grünen: Höhenflug oder Absturz? Freiburg: Herder Verlag, 180 Seiten, 16,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

2 Comments »

  1. cicero 18. Oktober 2012 at 13:18 - Reply

    Darf ich eine kürzere Analyse der Grünen versuchen? Los geht’s: Grüne (und Linke überhaupt) versprechen ihren Wählern: Etwas Utopisches. Etwas, was eigentlich gar nicht geht. Wer auf diesen Zug aufspringt, macht die Vorturner des Utopismus natürlich nur noch stärker. Wer den Utopisten hingegen in die Parade fährt und sagt: „Das geht doch gar nicht!“, der durchkreuzt die Glaubwürdigkeit der Utopisten. Allerdings: Er hat das „Sentiment-Problem“: Die heile Welt vorzugaukeln ist gefühlsmäßig immer leichter, als eine bittere Pille auch gefühlsmäßig (!) glaubwürdig an den Mann zu bringen. Ende der Analyse. War das gut?

  2. ich 26. Oktober 2012 at 23:14 - Reply

    Nett. Vielem würde ich zustimmen. Ein paar Anmerkungen:

    Trittin war niemals beim KBW, sondern beim KB. Wenn man – völlig korrekt – darauf verweist, daß etliche linksextreme Unterstützer von Diktaturen und Massenmord bei den Grünen ihren Unterschlupf fanden, sollte man sich allerdings fragen, wer daran ein Interesse hatte. Und wer hatte ein Interesse daran, daß diese so schön und völlig unkritisiert(!) Karriere machen konnten ? 😉

    Zu @cicero: Staats- und Medienapparat versuchen ja nun wirklich alles, um die „bittere Pille“ den Wählern und Sympathisanten der Grünen zu ersparen. Bei nahezu allen Leib- und Magenthemen („Energiewende“, Masseneinwanderung, Privatschulen,etc.) wird die Umsetzung so organisiert, daß Selbstbetrug/Heuchelei gewahrt bleiben. Auch daran muß jemand (außerhalb der Grünen) ein Interesse haben.

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