Politischer Riese und schlaue Zwerge

9. Oktober 2012 0

Rezension zu Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biografie

Bundeskanzler Helmut Kohl 1987 – Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA

Biografische Würdigungen noch lebender Persönlichkeiten sind gewöhnlich nicht unproblematisch, da die politischen Emotionen und Frontstellungen, von denen sie geformt wurden oder die sie selber prägten, längst noch nicht transformiert oder gar verschwunden sind und somit das „sine ira et studio“ des Historikers erschweren. Eine Biografie des Reichskanzlers Otto v. Bismarck hätte im Jahre 1905, anderthalb Dekaden nach seiner Entlassung gewiss anders ausgesehen als 1945, nach dem Untergang des von ihm gezimmerten Deutschen Reiches. Jahrzehntelang von der unmittelbaren Nachwelt als politischer Gigant gefeiert, fielen die Bewertungen des „Eisernen Kanzlers“ in Adenauers Weststaat dann allmählich nüchterner aus. Die 1866/71 gegen Europa erzwungene deutsche Einheit unter preußischer Führung erscheint inzwischen sogar in einer deutlich nach links gerückten bundesrepublikanischen Historiografie als politischer Irrweg und der Kulturkämpfer und Sozialistenhasser beinahe als eine der Verhängnisgestalten der deutschen Geschichte.

Könnte es nun mit Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit und brachialen Protagonisten einer europäischen Staatenunion genau andersherum verlaufen? Erst von der Alsterpresse und dem Großteil der intellektuellen Elite jahrzehntelang fast unisono als Provinzpolitiker aus der Pfalz geschmäht, bei dem man vor allem den rhetorischen Glanz und die weltökonomische Aura seines Amtsvorgängers Helmut Schmidt vermisste, avancierte der viermalige Kanzler und geniale Wahlkämpfer nach einem glatten Fehlstart schließlich zum gefeierten Star der internationalen Politik, auch wenn dies in Deutschland zunächst kaum wahrgenommen wurde.

Fiel seine innenpolitische Bilanz nach 16 Jahren Kanzlerschaft eher durchwachsen aus, da wichtige Reformen unterblieben, so scheint man doch inzwischen an seiner Rolle als maßgeblicher Konstrukteur des europäischen Hauses kaum noch vorbei zu kommen. US-Präsident Bill Clinton nannte ihn sogar den wichtigsten Politiker Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und nur wenige Staatschefs der zivilisierten Welt haben sich bis zu seiner Abwahl 1998 nicht bemüht, beim Kanzler der Einheit zur Audienz vorgelassen zu werden. Doch genau auf diesem erst spät errichteten Denkmalssockel möchte sein neuester Biograf Hans Peter Schwarz den schwarzen Riesen mit dem unstillbaren Bedürfnis nach tränenseligen Geschichtsinszenierungen jetzt nicht mehr stehen lassen. Bis zu dieser Pointe ist es allerdings ein langer, mehr als 900 Seiten langer Weg.

Ausführlich beschreibt der Bonner Emeritus für Politik und Zeitgeschichte zunächst den raschen, beinahe kometenhaften Aufstieg des politischen Kraftpaketes aus dem industriell geprägten Ludwigshafen zum jüngsten Ministerpräsidenten der Republik. Dabei widmet der Verfasser einer zweibändigen glänzenden Adenauerbiografie viel Raum und Akribie auf die frühen Prägungen durch Weltkrieg und Nationalsozialismus, aus denen der Parteinovize Kohl bis in seine späten Jahre die Vision und Verpflichtung zu einem politisch vereinten Europa als dauerhafter Garant des Friedens auf dem alten Kontinent herleitete.

Die Einbettung der deutschen Einheit in den europäischen Prozess war für ihn nicht nur eine Parole und die neue Ordnung des alten Kontinents unter forcierter Einbindung der meisten ehemaligen Sowjetsatelliten fraglos eine politische Großtat. So sieht es jedenfalls Hans Peter Schwarz, der das 25-jährige Wirken seines Protagonisten auf der Bonner Bühne kenntnisreich zu erzählen weiß, manchmal detailverliebt, aber immer wieder mit lesenswerten Biogrammen von Weggefährten und Gegnern vermischt.

Äußerst wohlwollend fällt vor allem das Porträt Gerhard Stoltenbergs aus, des norddeutschen Kontrapunktes zum Pfälzer, den allein seine unverbrüchliche Loyalität von parteiinternen Machtspielchen abgehalten hat. Sachkundig, brillant und mit dem Vorzug einer vorzüglichen akademischen Laufbahn bis hin zur Habilitation wäre der langjährige Finanzminister der Wenderegierung, so lässt es Schwarz wiederholt durchblicken, eine durchaus interessante Alternative zum Europäer aus Oggersheim gewesen. Ob mit einem Kanzler Stoltenberg der Weg in die währungspolitische Katastrophe des frühen 21. Jahrhunderts hätte vermieden werden können, bleibt immerhin ein spannendes Gedankenspiel.

Kohl war dagegen stets ein europäischer Überzeugungstäter, der kein Gespür für jene komplexe ökonomische Mechanismen besaß oder besitzen wollte, die inzwischen, kaum anderthalb Dekaden nach dem ernüchternden Ende seiner Kanzlerschaft, die Baustelle des europäischen Hauses zum Einsturz bringen könnten. Wie groß auch immer seine Verdienste bei der deutschen Einheit in nur 329 Tagen gewesen sein mögen, die schon zuvor mit Francois Mitterrand und Jacques Delors beschlossene Wirtschafts-und Währungsunion war ein gewagtes politisches Experiment, ja nach den Worten Nicolas Sarkozy ein Abenteuer, das seine Initiatoren aus Motiven, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, gegen den Rat fast aller Fachleute in Szene setzten.

Gleichwohl sieht Schwarz seinen Protogonisten für den Fall des Scheiterns der europäischen Gemeinschaftswährung, anders als noch in einem Text von 1998, nicht in der Rolle einer europäischen Verhängnisgestalt – dieses Verdikt möchte er lieber für Francois Mitterrand reservieren – wohl aber als Verführten. Der im innersten Kern idealistische Europäer Kohl wurde vom damaligen Staatspräsidenten Frankreichs, einem erwiesenen Feind des vereinigten Deutschlands, und dessen Kollegen aus den so genannten Weichwährungsländern überredet, ja sogar massiv unter Druck gesetzt, die DM zu europäisieren und damit das „Geldwesen der Völker zum Gegenstand eines verfrühten Großexperimentes  zu machen“. Kohl, der sein Europäertum immer wieder freigiebig mit dem Scheckbuch zu bekräftigen pflegte, knickte zum Entsetzen der Bundesbank auch in der Währungsfrage schließlich ein. Es ist ein Vorzug der vorliegenden Biografie, dass sie diese für Kohl und Deutschland keineswegs günstige Phase der deutsch-französischen Beziehungen klar und unmissverständlich herausgearbeitet hat.

Zwar verdiene es Kohl gleichwohl, so Schwarz, als politischer Riese in Erinnerung gehalten zu werden, doch manchmal werden Riesen eben bei der Errichtung ihrer gewaltigen Bauwerke von schlauköpfigen Zwergen (Mitterrand und Delors) hinters Licht geführt. Auf kaum eine Geschichte scheint diese Metapher besser anwendbar zu sein, als auf den handstreichartigen Entschluss der verschworenen drei Politiker zur Wirtschafts- und Währungsunion. Auf die damals bereits von Frankreich und den Südstaaten versprochene Fiskalunion wartet Angela Merkel allerdings noch heute.

Es kann nicht Aufgabe einer wissenschaftlichen Biografie sein, Spekulationen über die Zukunft des Euros und der Europäischen Union anzustellen. Seine Zweifel, ob denn beides tatsächlich so eng miteinander verknüpft sein muss, lässt Schwarz allerdings deutlich durchblicken. Festzuhalten bleibt, dass der von Kohl so kräftig angeschobene europäische Express erst einmal abrupt zum Stehen gekommen ist. Ob er jemals wieder anfahren wird, steht in den Sternen. Fraglos habe der Altbundeskanzler, so sein Biograf, Gutes gewollt und auch viel Gutes bewirkt. Doch auf der europäischen Bühne könnte der blinde Idealismus des schöpferischen Riesen Helmut Kohl noch ein dröhnendes Scheitern zur Folge haben. Die Gräben im europäischen Haus sind aufgerissen und vertiefen sich jeden Tag. Das Gute gewollt, aber vielleicht sein Gegenteil bewirkt zu haben, ist fraglos das Schicksal tragischer Gestalten. Als solche sieht ihn jedenfalls sein Biograf Hans-Peter Schwarz.

Hans Peter Schwarz (2012): Helmut Kohl. Eine politische Biografie, München: DVA, 1056 Seiten, 34,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

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