Wie wahr ist der Mohammed-Film?

2. Oktober 2012 5

Norbert G. Pressburg über die islamischen Quellen des umstrittenen Videos

Screenshot aus dem umstrittenen Mohammed-Video – inzwischen knapp 5 Mio. mal angesehen (Stand: 29. Sept. 2012)

Bei all der Empörung der muslimischen Welt über das als blasphemisch empfundene Mohammed-Video ist eines nicht ganz klar geworden: Hat die Art der Darstellung Anstoß erregt oder war es der Inhalt oder gar beides? Die Präsentation und Umsetzung ist nach einhelliger Meinung ziemlich stümperhaft. Wie sieht es aber mit dem Inhalt aus? Ist dieser blasphemisch, weil falsch oder verzerrend? Nach ebenfalls ziemlich einhelliger Meinung entsprechen die Szenen inhaltlich den traditionellen Vorlagen. Was aber sind diese?

Die Suche gestaltet sich sehr viel leichter als es scheint. Zwar gibt es eine unübersehbare Menge an Prophetenliteratur, sie speist sich aber zur Gänze aus einer einzigen Quelle: Die Prophetenbiografie des Ibn Ishaq (sprich: Is-chak). Diese, angeblich um das Jahr 720 entstanden, ist die älteste Prophetenbiografie die wir kennen. Auf ihr bauen alle anderen Lebensgeschichten auf, ob aus gläubiger oder ungläubiger Feder. Ishaqs Buch ist gleichsam die Mutter aller Prophetenbiografien und Grundlage der Sira (Lebensgeschichte des Propheten), auf der wiederum die Sunna (Prophetenüberlieferung) basiert, der eine ganze Glaubensrichtung folgt und deren prophetisches Vorbild großen Einfluss auf die Scharia hat. Deshalb ist nach dem Koran der Ishaq die wichtigste islamische Quelle.

5 statt 50 Gebete am Tag

Das Buch beginnt mit der Ahnenreihe des Propheten, die Ishaq über Abraham und Noah problemlos bis Adam zurückführt. Der erste Teil spielt in Mekka, wo der Prophet um seine Anerkennung kämpfen musste. Dies geschah durch göttliche Offenbarungen und Wunder am laufenden Band. Als sich jemanden über Mohammed lustig machte, weil er als Prophet Gottes nicht einmal sein verlaufenes Kamel finden könne, gab Allah unverzüglich den Standort des Kamels durch. Ebenfalls in diese Periode fällt die berühmte Himmelsreise, die der Prophet auf seinem geflügelten Pferd Buraq mit Menschengesicht unternahm und von der er selber berichtet:

Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der mir ähnlicher sah als Abraham. Moses war von rotbrauner Hautfarbe, hochgewachsen, dürr und hatte eine Hakennase. Jesus war von heller Hautfarbe, weder klein noch groß und hatte Flecken im Gesicht…“ (St.84).

Auf dem Rückweg vom 7. Himmel geht er zufällig an Moses vorbei, der fragt:

Wie viele Gebete sind Dir auferlegt worden?“ „50 jeden Tag“ „Das ist eine schwere Last…Geh zurück und bitte ihn diese Last zu erleichtern“

Mohammed tat wie ihm empfohlen und Allah ließ zehn Gebete nach. Wiederum bei Moses angelangt meinte dieser, das sei immer noch unzureichend und riet ihm nachzubessern. Dies wiederholte sich noch einmal, bis sich schließlich Gott und sein Prophet auf 5 Gebete täglich einigten.

„Ihr Brüder der Affen!“

Beherrschen den ersten Teil der Biografie Probleme und Wunder, dreht sich nach der Flucht des Propheten nach Medina alles um die Ergreifung der Macht und ihre Sicherung, einhergehend mit Raubzügen, Kriegen und Blutbädern. Die Feinde sind die „Heuchler“, bei Ishaq ein Synonym für all jene, die den Islam nicht annehmen wollen. Die schlimmsten davon sind die Juden. Anlässlich einer Rede an die Juden von Medina erfahren wir aus dem Prophetenmunde die korrekte Anrede: „Ihr Brüder der Affen!“ (St.177) Und: „Die Juden sind eine Nation von Lügnern…falsch, verlogen und bösartig“. Die Juden sind damit hinreichend definiert, das nächste Kapitel der Beziehungen kann aufgeschlagen werden:

Sodann begab sich der Prophet zum Markt von Medina und befahl Gräber auszuheben. Als dies geschehen war, wurden die [jüdischen, Anm. d. V.] Quraiza Gruppe um Gruppe zum Propheten geführt und in den Gräben enthauptet. Sechshundert bis siebenhundert Männer, einige behaupten es seien zwischen achthundert und neunhundert gewesen……“ (St.180)

Allerdings ist aus ihrem Mund zu erfahren, dass sie durchaus mit ihrem Schicksal einverstanden waren. Als nämlich ein weiterer Feind Gottes, Huyayy ibn Akhtab, herangebracht wurde, sprach er zum Propheten und an die Menge gewandt: „O ihr Menschen! Gegen diesen Befehl Gottes ist nichts einzuwenden. Er hat den Kindern Israels eine Schrift, ein Verhängnis und ein Gemetzel offenbart.“

Währenddessen plauderte die Prophetengattin Aischa mit einem kleinen, gleichaltrigen Mädchen der Quraiza, als deren Name aufgerufen wurde. „Was ist los?“, wollte Aischa wissen und das Mädchen antwortete, sie würde jetzt enthauptet werden. „Nie werde ich ihre gute Laune und ihre Fröhlichkeit vergessen, obwohl sie wusste, dass sie getötet werden sollte“, rief Aischa aus.

Juden umzubringen gerät so fast zu einer gottgefälligen Tat. Im Prinzip haben diese auch nichts dagegen, weil ja gleichsam nur eine Prophezeiung erfüllt wird, so lautet die Botschaft des Ibn Ishaq an eine gläubige Nachwelt, die seine Schilderungen als beispielhaft auffassen wird. Die arabische Rhetorik gegenüber Israel quillt bis heute über von versteckten oder offenen Verweisen auf die Schilderungen des Ishaq…

Geschichte oder Geschichten?

Die Kernaussage des Buches lautet: Alles, was dem Islam nützt, ist gut und rechtens. Alles, was dem Islam schadet, verdient Verdammnis und Strafe. Ishaq vermittelt und veranschaulicht dies durch Episoden aus dem angeblichen Leben des Propheten. Ungläubige Forscher halten die Mohammed-Biografie des Ibn Ishaq inzwischen nicht mehr für Tatsachenberichte, sondern eine Heilsgeschichte. Für die meisten Muslime sind die Erzählungen des Ishaq hingegen direkte Anleitung um sich im Sinne des Propheten zu verhalten und können in ihrer Bedeutung daher kaum überschätzt werden.

Allerdings wirft das Buch auch gewisse Probleme auf. Wie soll man Menschen des 21.Jahrhunderts die Wunder erklären? Was soll man auf Judenhass und Massenexekutionen in der Prophetenbiografie des Ibn Ishaq antworten? Wie kann man sich über Srebrenica empören, aber gleichzeitig genau dasselbe Vorgehen im eigenen Verhaltenskodex führen?

Keine Blutbäder im Westen

Interessanterweise fehlen bei westlichen Mohammed-Biografen die Wunderorgien genauso wie die Blutbäder teilweise oder ganz. Aber kann man sich der Problematik entledigen, indem man einfach unglaubwürdige, peinliche oder abstoßende Episoden verschweigt, obwohl sie integraler Bestandteil der originalen Prophetenbiografie sind?

Ibn Ishaqs Das Leben des Propheten ist Pflichtlektüre für jeden an der Thematik Interessierten. Für den, der das Buch gelesen hat, stellt sich aber nicht mehr die Frage, ob das Video verboten werden sollte. Denn wenn man schon von Verboten redet, dann wohl eher dieses Buch.

Ibn Ishaq: Das Leben des Propheten, Spohr Publishers, Nicosia 2008

Lesenswerte Ergänzungen:

  • Hans Jansen (2008): Mohammed, eine Biografie, Verlag C.H.Beck, München. CT-Rezension
  • Tilmann Nagel (2010): Mohammed. Zwanzig Kapitel über den Propheten der Muslime. München: Oldenbourg: CT-Rezension

5 Comments »

  1. peter 4. Oktober 2012 at 07:40 - Reply

    auf dieser Seite : http://www.youtube.com/watch?v=MAiOEV0v2RM

    wurde der Trailer 16.458.853 mal angesehen ! ! !

  2. cicero 28. November 2012 at 01:36 - Reply

    Zu Ibn Ishaq: Dieses Buch ist mindestens ebenso wichtig wie der Koran, denn im Koran steht über Mohammed und Mekka praktisch nichts drin! Nur Koran und Ibn Ishaq zusammen machen den Islam aus. Sehr gute Literatur wird oben genannt: Hans Jansen: Mohammed. Ibn Ishaq ist die älteste Quelle, aus der wir von Mohammed hören. Geschrieben aber höchstwahrscheinlich erst im 9. Jahrhundert, also rund 150-200 Jahre nach Mohammed. Sollte es einen historischen Kern geben, ist dieser massiv von Legenden überwuchert. Immerhin: Da Ibn Ishaq nicht als Offenbarungsbuch gilt, darf man auch als Muslim historisch-kritisch rangehen (was nicht heißt, dass dieses Vorgehen diversen Radikalen nicht doch missfällt).

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