Die verlorene Ehre der Bettina Wulff

21. September 2012 1

Rezension zu Bettina Wulff: Jenseits des Protokolls

Ex-First-Lady Bettina Wulff (Ausschnitt des Buchcovers) – Bild: riva Verlag

Sieben Monate ist es her, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat und mit seiner Frau Bettina aus dem Licht des öffentlichen Interesses verschwand. Nun meldet sie sich aus dem medialen Exil zurück. Mit ihrem Buch Jenseits des Protokolls will die Ex-First-Lady aufräumen, klarstellen und für ihre Ansichten kämpfen. Spannung kommt dabei selten auf, dafür sind ihre Themen einfach zu langweilig. Der gelegentliche Blick auf die politischen Vorgänge hinter der Bühne befriedigt höchstens das voyeuristische Interesse des Boulevard-Lesers, den man sonst mit der Gala beim Friseur antrifft. So etwa, wenn Wulff beschreibt, wie sich ihr Mann mit ihr beriet, ob er den berühmt-berüchtigten Satz „Der Islam ist inzwischen auch ein Teil Deutschlands“ sagen soll. Oder wenn es um die stürmischen Entwicklungen vor dem Rücktritt des Bundespräsidenten geht. Insgesamt wird aber auch diesen Szenen zu wenig Raum geboten – auf Kosten der Unterhaltsamkeit.

Leander besitzt ein iPad, er liest regelmäßig Zeitung und weiß, was die Medien über seine Mutter und seinen Stiefvater, den ehemaligen Bundespräsidenten, schreiben: „Mama, habt ihr gelogen?“ Mit einer solch kitschigen Szene aus dem Nähkästchen irgend eines Ghostwriters beginnt Wulff ihr Buch und versucht den Leser mit auf eine Zeitreise durch ihr gemeinsames Leben mit dem späteren Bundespräsidenten zu nehmen. Nie sei es ihr darauf angekommen, Männer mit Macht und Einfluss kennenzulernen, auch luxusverliebt sei sie nicht. Ihr erster Freund war ein einfacher Rettungsschwimmer – allerdings wohnte der auf der Ferieninsel Sylt. Ihr zweiter Freund, Leanders Vater, sei der Betreiber eines örtlichen Fitness-Center gewesen. Bei ihm habe sie als Studentin gearbeitet und sich so ein wenig dazu verdient.

Den damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff lernte sie bei einer Reise nach Südafrika kennen. An dieser Stelle des Buchs hat sie bereits mit einigen Gerüchten aufgeräumt und beginnt nun ihren kleinlichen Richtigstellungsfeldzug gegen die Medien. So gab es nach einigen geheimen Treffen in Bettina Wulffs Wohnung ein erstes in der Öffentlichkeit des lokalen Italieners. Der Wirt oder ein Gast steckten die Info, dass der Ministerpräsident, der gerade dabei war sich zu scheiden, mit einer Blondine gesichtet wurde, der Bild-Hannover. Andere Medien berichteten, die beiden hätten bereits einige Tage gemeinsam auf Mallorca verbracht. Falsch, wie Wulff nicht aufhört zu betonen. Zwar erwirkten die beiden eine Gegendarstellung, im Internet sei der Artikel jedoch weiterhin abrufbar.

Fortan muss sich die Autorin an eine neue Rolle gewöhnen, neben dem Ministerpräsidenten und damit im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Eine Rolle, der sie nur allzu oft gerne entfliehen will. Wie gerne wäre sie wieder das Mädchen, das mit 12 Jahren vom Pferd fiel und seither einen gebürtigen Abstand von Pferden hält. In ihrer neuen Rolle als Präsidentengattin findet sich Wulff dann schon gar nicht mehr zu recht. Vorbei sind die Zeiten ruhiger Badeurlaube, denn ständig stehen die Beamten des BKA am Strand und passen auf, dass der Bundespräsident „nicht untergeht“. Und im Hotel sitzen sie im Nachbarzimmer und hören mit, was das Präsidentenpaar so alles tut – oder eben auch nicht. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie sich mit Freundinnen und den Kindern auf dem Spielplatz trifft und darüber spricht, wonach ihr Sinn steht. Stattdessen stehen Meetings mit der US-First-Lady Michelle Obama auf dem Programm, vom Bundespräsidialamt mitsamt Gesprächsfaden und Themenvorgaben genau durchgeplant. Abends geht es dann zurück in das Wohnhaus des Bundespräsidenten, wo bei Käse und Wein die Bundeskanzlerin mit den Wulff-Kindern scherzt. Die Coolness, die die Kanzlerin ausstrahlt, sei bewundernswert gewesen, so Wulff.

Für sie aber stünden ihre Kinder immer im Vordergrund, weshalb sie auch gegenüber anderen Eltern nicht müßig wird zu betonen, sie sei zunächst Mutter und erst danach First-Lady. Ihre Kinder seien es auch gewesen, die sie darin hinderten, das in der Boulevardpresse heiß diskutierte Tattoo, es schmückt natürlich auch das Buchcover, fertig zu stellen. Und nein, es habe keine Bedeutung.

„Eine gesunde Skepsis gegenüber der Presse zu haben und vielleicht auch gegenüber denen, die für sie arbeiten, ist vielleicht ganz gut. Denn manchmal spuken in den Köpfen von Journalisten die abenteuerlichsten und schönsten Gedichte herum“, stellt Wulff am Ende ihrer 200-seitigen Selbstdarstellung wenig überraschend fest. Doch mit ihrem Buch hat sie nun selbst dazu beigetragen, dass ihre Geschichte weitererzählt wird. Ihre und die ihres Mannes, bezüglich dessen sie einen erstaunlich emotionalen Exhibitionismus an den Tag legt. Wie fremdbestimmt er sei; wie sehr er seine eigenen Interessen und Bedürfnisse zurückstellen würde.

Vorbei sind wohl die Zeiten, in denen die Gattinnen von großen Politikern noch etwas von Bedeutung zu sagen hatten. Vorbei die Zeiten, in denen etwa Loki Schmidt von schwierigen politischen Entscheidungen ihres Ehemannes und Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu erzählen wusste, ob dies nun der Nato-Doppelbeschluss war oder der Befehl zur Stürmung des von palästinensischen Terroristen entführten Flugzeugs Landshut. Es steht schlecht um unsere Politiker-Klasse, wenn ihr Leben nur noch Banalitäten und Trivialitäten hergibt. Echte Staatsmänner und ihre Frauen mit Profil werden wir heutzutage wohl lange suchen müssen.

Bettina Wulff (2012): Jenseits des Protokolls. München: riva Verlag, 224 Seiten, 19,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

One Comment »

  1. Rainer Lang 21. September 2012 at 19:30 - Reply

    gar nicht auf das Thema eingehen, denn selbst die üblicherweise blinden bundesdeutschenMedien haben überrraschend früh begriffen, dass die Klagen der geldgierigen Wulffin eine billige Marketingkampagne sind. Dementsprechend erzielt das ‚Buch‘ auch keine überragenden Umsätze. Betina Wulff: Ignorieren, ignoriene und nochmals ignorieren!

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