„Im Islam wird es keine Reform geben“

16. September 2012 4

Citizen Times Interview mit der Menschenrechtsaktivistin Sabatina James

Menschenrechtlerin und Islamkritikerin Sabatina James – Bild Pattloch

Weil sie ihren Cousin nicht heiraten wollte, floh die gebürtige Pakistani Sabatina James nach Europa. Während ihr Vater mit einem islamischen Geistlichen ein Todesurteil über sie verhängte, baute James in Deutschland eine Organisation zum Schutz bedrohter Frauen auf. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit der Menschenrechtsaktivistin über Zwangsheirat, was man dagegen tun kann und wie sie sich selbst dazu motiviert, trotz Bedrohungen weiter zu machen (Auszug, volles Interview im gerade erschienenen Buch Der Islam und der Westen)

Citizen Times: Frau James, mit Ihrem Verein Sabatina e.V. helfen sie vor allem bedrohten Mädchen und Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis. Wir muss man sich einen solchen Fall ganz konkret vorstellen?

Sabatina James: Meist kontaktieren uns die Frauen über unsere Notfall-Email und beschreiben dort ihre Geschichte. Wir schauen dann, wo die Frauen wohnen und ob wir dort vor Ort helfen können. Wenn nicht, dann leiten wir sie an eine unserer Partnerorganisationen weiter. Generell ist es aber so, dass jeder Fall verschieden ist. Wenn beispielsweise Opfer von Zwangsheirat kommen, wo die Heirat unmittelbar bevorsteht, so wie wir es gerade in einem aktuellen Fall haben, wo eine junge Frau schon von zu Hause geflüchtet ist, dann suchen wir erst einmal eine Unterkunft und versorgen sie auch finanziell. In Zusammenarbeit mit dem Weißen Ring versuchen wir dann, ihr eine neue Identität zu verschaffen.

Die Frauen machen einen extrem großen Schritt, sie verlassen ihre Familie, also alles, was für sie Halt und Liebe bedeutet. Deswegen haben wir immer Mitarbeiter vor Ort, die die Frauen moralisch und psychisch betreuen, z.T. auch Therapeuten. Dann überlegen wir das weitere Vorgehen, welche Ausbildungen die Frauen haben, ob sie weiter zur Schule gehen müssen, wie wir bei der Jobsuche helfen können. Wir leisten also vor allem Hilfe für ein selbständiges Leben.

Wie lange dauert so eine Betreuung in der Regel?

James: In jedem Fall länger, als nur ein paar Wochen. Zu einigen jungen Frauen haben wir seit vier, fünf Jahren regelmäßig Kontakt. Es ist eine fortwährende Betreuung, denn die Frauen sind oft sehr jung und auch nicht sehr erfahren im selbstständigen Leben. Oftmals sind es ja die Väter und die Brüder, die zum Bespiel ganzen Behördengänge erledigen. Die Frauen sind also völlig alleine und wissen überhaupt nicht, was der nächste Schritt ist.

Manchmal ist es tatsächlich passiert, dass Frauen gesagt haben, sie gehen jetzt zurück zu ihrer Familie, weil sie das Leben in Einsamkeit und vor allem die Verfolgung nicht aushalten. Die Sehnsucht nach Familie ist sehr, sehr groß und das ist der Punkt, an dem die meisten Frauen zerbrechen.

Wenn die Frauen zu Ihnen kommen, findet dann auch ein Bruch mit der Herkunftskultur respektive dem Islam statt?

James: Bei einigen trifft das zu. Wir haben auch Frauen, die zu uns kommen, weil sie zum Christentum konvertiert sind. Viele haben dann panische Angst vor ihrer ehemaligen Glaubensgemeinschaft. Wir hatten hier eine junge Frau aus der Ahmadiyya Gemeinschaft, die brach den Kontakt zu anderen schon ab, wenn sie feststellte, dass sie Kontakte zu Ahmadiyyas haben. In einem anderen Fall war es so, dass die Tante der jungen Frau, die vor einer Zwangsehe geflohen war, in einer Behörde arbeitete und so die neue Adresse der Verfolgten rausfand. Das ist ein großes Problem: Ob bei der Bank oder beim Einwohnermeldeamt, die Mitglieder vieler muslimischer Gemeinden arbeiten überall und missbrauchen dann oft ihre Position, um der Familie einer Flüchtigen zu helfen. Sie sind immer loyaler zum Islam und der Ehre der Familie, als zu den verfolgten Frauen.

Es sind also nicht nur die Männer aus den Familien, die versuchen Ihr Ehrkonzept auf jedem denkbaren Weg wieder herzustellen…

James: Nein, auch die Frauen! Das war ihre Tante und die hat die Adresse der jungen Frau an ihre Familie weitergeleitet. Sie wurde dafür zum Glück entlassen…

Das ist ja etwas, was wir Westler nicht verstehen: Muslimische Großmütter und Mütter führen barbarische Traditionen wie etwa die Genitalverstümmelung von jungen Mädchen fort, obwohl sie selbst diese schrecklichen Erfahrungen machen mussten. Wie erklären Sie sich das Mitwirken der Frauen?

James: Die Frauen machen deswegen mit, weil sie oft von ihren Männern und der Familie abhängig sind. Sie wissen, wenn sie ihre Tochter zur Selbstständigkeit erziehen, werden sie von ihrer Gemeinschaft abgelehnt. Und die Gemeinschaft erwartet, dass die Töchter gemäß der islamischen Traditionen erzogen werden. Bei mir war das auch so: Mein Vater war ganz human, bis er den Druck der pakistanischen Gemeinschaft spürte. Da kommen die Leute und sagen, sie hätten die Tochter mit dem und dem gesehen und dann wird geredet und derjenige gemobbt, der seine Tochter sozusagen nicht erziehen kann. Der ausgeübte Druck, auch auf die Mütter, ist das Problem. Denn selbst wenn man den Druck der Verwandten überwindet, dann gibt es immer noch die Bekannten und selbst dann noch die Gemeinschaft der Gläubigen, also die Umma. Mit anderen Worten: Sie können nie entfliehen.

Und es ist in der islamischen Gesellschaft eben so, dass nicht der Mensch, das Individuum, sondern die Gemeinschaft zählt. Was die Gruppe sagt, das ist das wichtige.

Welche Rolle spielen dabei die islamischen Organisationen und Verbände in Deutschland, deren Funktionäre angeblich durch die entsprechenden Viertel in Berlin gehen und die Muslime ermahnen?

James: Wir betreuen da etwa eine junge Frau aus Berlin, die von ihrem Mann geschlagen wurde. Sie ging daraufhin zu einer islamischen Vereinigung vor Ort und bat um Hilfe. Dort sagte man ihr aber nur, dass sie selbst daran schuld sei. Nach außen hin geben die Gemeinden oft etwas ganz anderes vor, als das, was innen passiert. Das habe ich übrigens so auch in Wien erlebt.

Nun dürften die meisten Frauen, denen Zwangsheirat und Schlimmeres droht, eher verängstigt sein. Wie haben Sie es als Betroffene geschafft, sich nicht nur selbst zu retten, sondern auch anderen Frauen zu helfen?

James: Meine Motivation kommt für mich ganz klar aus meinem Glauben an Jesus. Es hat mir den Weg zur Freiheit gezeigt und ich zeige ihn anderen.

Ist das eine Botschaft, die sie den jungen Frauen, die zu Ihnen kommen, weitergeben?

James: Die meisten Opfer, die zu uns kommen, schätzen es, dass ich an Gott glaube, dass ich Werte habe und mir gewisse Dinge heilig sind. Was die meisten Muslime abschreckt sind die Leute, denen gar nichts mehr heilig ist, die über Gott spotten…

Lesen Sie das ganze Interview im neuen Buch der Stresemann Stiftung:

Felix Strüning (Hg.): Der Islam im Westen. 140 Seiten, 9,90 Euro. Jetzt kaufen!

4 Comments »

  1. cicero 22. September 2012 at 14:53 - Reply

    Was man hier wie anderswo lesen kann: Die fliehenden Frauen wollen zwar mit dem Patriarchat etc. brechen, mit dem Islam aber nicht. Sie bringen beides nicht in Zusammenhang, jedenfalls viele nicht. Entscheidend ist hier die Einsicht: Ob das logisch oder unlogisch ist, ist zunächst einmal völlig EGAL! Denn wichtig ist zunächst ALLEIN, dass sie auf diese Weise kompatibel zu westlichen Werten werden, auch wenn sie sich weiterhin als Muslime verstehen.
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    Sabatina James sagt auch, dass sie die Frauen besser erreicht, wenn sie ihnen klar macht, dass ihre islamische Gläubigkeit „an sich“ durchaus willkommen ist.
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    Genau für diese Muslime muss es ein Angebot von Islamkritikern geben. Für Muslime, die islamisch sein wollen, aber Patriarchat etc. ablehnen. Und ich sage noch einmal: Ob das letztlich logisch oder unlogisch ist, ist völlig EGAL und genauso unbedeutend wie die von den Piusbrüdern gestellte Frage, ob die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vom rechten Weg abgewichen ist. Denn ob die katholische Kirche „echt katholisch“ ist oder nicht, ist aus politischer Sicht völlig EGAL, solange sie nur kompatibel zu westlichen Werten ist.
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    Und da habe ich eben von der Seite der Islamkritik bis jetzt zu wenig gehört, wie das ins islamkritische Weltbild einzubauen ist. Da müssen Islamkritiker nacharbeiten. Es gibt den kompatiblen Islam, ganz ohne Zweifel, auch wenn er nur ein Samenkorn ist. Er zeigt sich bei diesen fliehenden Frauen, aber auch akademisch bei einzelnen Vordenkern. Man sollte das Samenkorn begießen, statt es zu zertreten.
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    Warum Frau James meint, dass der Islam nicht reformierbar sei, geht aus dem Interviewabschnitt nicht hervor. Vermutlich stellt sie sich eine Reform als ein Umdenken in Pakistan innerhalb von 5-10 Jahren vor. Das wird es natürlich nicht geben. Aber was es geben kann ist ein Wachsen der Reform-Kerne, die es zweifelsohne gibt, und ein Zurückdrängen der Traditionalisten, betrieben durch westliche Politik. Dazu müsste die westliche Politik sich aber aufgeklärt statt „gutmenschlich“ orientieren, und aufhören, mit Traditionalisten und Islamisten zu paktieren.

  2. . 30. November 2012 at 22:07 - Reply

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