Wiedereintritt Deutschlands in die Völkergemeinschaft

13. September 2012 0

Gereon Breuer gratuliert nachträglich zum 60. Jahrestag des Luxemburger Abkommens

Wegbereiter deutsch-israelischer Aussöhnung: David Ben-Gurion (ehem. Ministerpräsident Israels, links) und Konrad Adenauer (ehem. Bundeskanzler) – Bild Adenauer: Bundesarchiv, B 145 Bild-F078072-0004 / Katherine Young / CC-BY-SA

„Die Israelis sind Holzköpfe“, höre ich Johannes Gerster bei einer Fachtagung der Konrad Adenauer Stiftung zum 60. Jahrestag des Luxemburger Abkommens sagen. Habe ich ihn richtig verstanden? Der Mann ist schließlich seit mehreren Jahrzehnten mit Israel verbunden und war bereits 1957 das erste Mal dort, um im Kibbuz zu arbeiten. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sein Urteil hat also einiges Gewicht.

Aus eigener Erfahrung mit Israelis weiß ich, dass die „Holzköpfigkeit“ neben der „Nachtisch-zuerst-Mentalität“ viele Israelis auszeichnet. Belehren lassen sie sich ungern, erst recht nicht von europäischen Schreibtisch-Hengsten. Still freue ich mich, dass Herr Gerster mit der ausgeprägteren Israel-Erfahrung hier auf meiner Seite ist.

Als das erst später so benannte Luxemburger Abkommen zwischen den beiden jungen Republiken Deutschland und Israel 1952 ausgehandelt wurde, war auf beiden Seiten glücklicherweise das meiste Holz aus dem Weg geräumt worden, das den nüchternen Blick auf die Realität hätte verstellen können. Wesentlichen Anteil an diesem sicherlich historisch zu nennenden Beginn der Aussöhnung beider Völker hatte die gute Beziehung zwischen dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion.

Obwohl beide nicht nur ein Altersunterschied von zehn Jahren, sondern auch eine ganz unterschiedliche Sozialisation trennte, fanden sie den Weg aufeinander zu. Am Ende zahlte die Bundesrepublik Deutschland 3,5 Milliarden D-Mark innerhalb von zwölf Jahren als Wiedergutmachung. Das war eine immense Summe. Als Vergleichsgröße kann der damalige Bundeshaushalt in einem Umfang von lediglich 27 Milliarden D-Mark herangezogen werden.

Keinesfalls wollte Bundeskanzler Adenauer mit dem Abkommen die Schoah entschulden. Er war sich sicher, dass dies unmöglich sei. Jedoch sah er die historische Chance der Aussöhnung als für zu wichtig an, um nicht so früh wie möglich damit zu beginnen – auch gegen den massiven Widerstand in beiden Ländern. Zwar nahm die Bundesrepublik Deutschland erst im Jahr 1965 diplomatische Beziehungen mit Israel auf und Adenauer besuchte Israel erst, als er schon längst nicht mehr im Amt war. Hätte er aber nicht die erste Chance der Annäherung ergriffen, die Wunde der Schoah wäre wesentlich schlechter vernarbt, als sie es heute ist.

Der aktuelle Zustand der deutsch-israelischen Beziehungen sei bestimmt nicht ideal zu nennen, höre ich Herrn Gerster weiter sagen, aber beide Seiten könnten auf das Erreichte mit einigem Recht stolz sein. Da kann ich ihm nur zustimmen. Am 10. September 2012 jährte sich deshalb nicht nur einfach die Unterzeichnung eines Abkommens zum sechzigsten Mal. Es jährte sich mit ihm auch so etwas wie der Wiedereintritt Deutschlands in die Völkergemeinschaft.

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