„Auf keinen Fall CDU oder FDP wählen!“

10. September 2012 6

Interview mit Manfred Kleine-Hartlage über seinen Abfall vom linken Glauben, politische Chancen des deutschen Konservatismus und die Bundestagswahl 2013

Sozialwissenschaftler und Autor Manfred Kleine-Hartlage – Bild: MKH

Gestern erschien das neue Buch des Berliner Sozialwissenschaftlers Manfred Kleine-Hartlage: Warum ich kein Linker mehr bin. Darin beschreibt der Autor, warum linkes Denken eine Sackgasse darstellt und wie es ihm trotz 40 Jahren Indoktrination gelang, sich zu befreien. Citizen Times Chefredakteur Felix Strüning hatte nach der Lekütre noch einige Fragen und Kritikpunkte, denen sich Kleine-Hartlage gerne stellte.

Herr Kleine-Hartlage, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie Ihren Abfall vom linken Glauben wie den ersten Biss eines Noch-Muslims in die Schweinefleisch-Bratwurst: Riesige Angst vor dem sprichwörtlichen Gottesblitz und angesichts dessen Ausbleibens Erleichterung und Wohlbehagen ob der neuen Perspektiven. War das wirklich ein solch singuläres Ereignis? Was war denn ihr erster „rechter Gedanke“?

Manfred Kleine-Hartlage: „Rechte Gedanken“ hatte ich schon immer, wie ich heute weiß, zum Beispiel ein positives Verhältnis zum eigenen Land, Geschichtsbewusstsein, eine Schwäche für das historisch Gewachsene, Freude an Logik und Ästhetik, nicht zuletzt an gutem Deutsch. Ich hätte nur weit von mir gewiesen, daran sei irgendetwas „rechts“.

Ich hatte lange Zeit geglaubt, links zu sein sei etwas prinzipiell Gutes, und nur gewisse Genossen würden es falsch interpretieren, weswegen man ihnen mit guten Argumenten auf die Sprünge helfen und sie von ihren „Fehlinterpretationen“ befreien müsse. Meine Einstellung entsprach ungefähr der jener Muslime, die – subjektiv durchaus aufrichtig – finden, die gewalttätigen und totalitären Züge des Islam seien gar nicht der „wahre“ Islam; der wahre Islam sei vielmehr ihr eigener, der dann vielleicht spiritueller, innerlicher und menschenfreundlicher ist, als der islamische Mainstream.

Erst wenn man die Linke – oder eben den Islam – als etwas Objektives sieht, als soziale Bewegung, und von seinen eigenen Wunschvorstellungen abstrahiert, kann man sinnvoll die Frage stellen: Will ich zu dieser Bewegung gehören oder nicht? Diese Frage in Bezug auf die Linke mit „Nein“ zu beantworten, ja, das war der erste „rechte Gedanke“, der mir auch als solcher bewusst war.

Gab es denn einen konkreten Anlass, ein auslösendes Ereignis?

Kleine-Hartlage: Der Anlass für dieses bewusste „Nein“ war – das mag jetzt für manche vielleicht merkwürdig klingen – im Jahr 2006 die sogenannte Bibel in gerechter Sprache, eine angebliche Übersetzung, in Wahrheit aber grundlegende Umdeutung und Um-Schreibung der Bibel, deren Text überall dort umgedichtet wurde, wo er nicht zu linker Ideologie passt. Also ungefähr so, wie in Orwells 1984 die Partei frühere Ausgaben ihrer eigenen Zeitungen umschreiben lässt, damit sie zur aktuellen Parteilinie passen. Eine solche politisch motivierte Manipulation an einem bis zu 3.000 Jahre alten Text, der die Grundlage unserer gesamten Kultur und Zivilisation ist, dieser völlige Mangel an Ehrfurcht, an Sinn für das Erhabene und Unverfügbare, auch an Sinn für Geschichte, für das „Woher“ – mit einem Wort: die unfassbare Barbarei hinter diesem Projekt, die aber ganz offensichtlich linker Denkweise entsprach, hat mich derart empört, dass ich unwillkürlich dachte: Wer vor so etwas nicht zurückschreckt, schreckt vor überhaupt nichts zurück! Der regiert auch mit Guillotine und Gulag.

Das war zunächst nur ein ganz subjektives Gefühl, das mich aber veranlasst hat, den objektiven Gehalt linker Ideologie unter die Lupe zu nehmen und dabei herauszufinden, dass das, was ich für „Fehlinterpretationen“ linker Ideologie gehalten hatte, in Wahrheit deren logische Konsequenz war.

Kurz nach Veröffentlichung des Dschihadsystems sagten Sie in einem früheren Interview hier bei Citizen Times, dass Sie sich schon vor dem 11. September 2001 mit dem Islam beschäftigten. Wie kommt es dann, dass Sie erst im Jahr 2006 das linke Lager verließen?

Kleine-Hartlage: Mit dem Islam hatte ich mich ab ungefähr 1999 zunächst aus sympathisierender Perspektive befasst, so wie sich ein deutscher Bildungsbürger eben für eine fremde Kultur interessiert. Nach dem 11. September wurde der Blick naturgemäß kritischer, aber da ich es damals noch nicht besser wusste, akzeptierte ich die Sicht Bassam Tibis, wonach der Islamismus ein politischer Missbrauch des Islam sei, den die Islamisten ganz falsch verstanden hätten. Dann las ich etwa 2003 den Koran und stellte fest, dass die Islamisten gar nichts falsch verstanden haben, sondern den Islam durchaus im Sinne des Erfinders interpretieren.

Das war für mich ein Grund, Islamkritiker zu werden, aber noch kein Grund, mich von der Linken abzuwenden, da man den Islam ja durchaus auch aus linker Perspektive kritisieren kann, wie es zum Beispiel Hartmut Krauss in Feindbild Islamkritik tut. Die islamophile Tendenz der Linken hielt ich damals noch für eine jener zahllosen „Fehlinterpretationen“ linker Ideologie, deren tatsächliche innere Folgerichtigkeit ich nicht wahrhaben wollte: Das linke Denken, also das Denken von der Utopie her, impliziert ein Unwert-Urteil über die bestehende Gesellschaft, so dass es nur logisch ist, alles zu unterstützen, was diese Gesellschaft zu zerstören verspricht, und wäre es der Islam. Das konnte ich aber, wie gesagt, erst später wahrnehmen.

Ihr Buch soll auch dazu beitragen, Ihren Ex-Genossen den Weg aus der Sackgasse des linken Denkens zu weisen. Ist dafür die Wahl eines Verlages aus dem sehr konservativen Spektrum nicht eher ungünstig?

Kleine-Hartlage: Ich bin stolz darauf, bei Antaios bzw. mit dem Dschihadsystem bei Resch verlegt zu werden. In einer besseren Gesellschaft als der der dort veröffentlichenden Autoren kann man kaum sein. Im Übrigen bin ich als Rechter bekannt, und wer meine Bücher aus diesem Grund nicht lesen will, täte es auch dann nicht, wenn sie in einem linken Verlag erschienen.

Dass Linke von der Utopie her denken, haben Sie eben erwähnt und auch im Buch ausführlich dargelegt. Dem wird wohl auch jeder zustimmen. Aber Sie behaupten auch, dass linkes Denken die Existenz einer zivilisierten Gesellschaft als Selbstverständlichkeit voraussetzt und deswegen nicht nach den dafür nötigen Bedingungen fragt. Ist es nicht vielmehr so, dass Linke unsere Gesellschaft gar nicht als Zivilisation erleben, sondern durch die „kapitalistische Repression“ der Arbeiter oder sonst wie „Benachteiligten“ als gesellschaftlichen Urzustand? Zivilisation im linken Denken kann doch nur Sozialismus bedeuten…

Kleine-Hartlage: Im marxistischen Denken ist die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft eine der permanenten dialektischen Höherentwicklung, wobei die kapitalistische Gesellschaftsformation als so weit fortgeschritten gedacht wird, dass sie aus sich heraus die Voraussetzungen für den Kommunismus hervorbringt. Der Kapitalismus ist aus marxistischer Sicht alles andere als ein „Urzustand“; als solcher gilt vielmehr ein primärer archaischer „Ur-Kommunismus“ – eine Gesellschaft ohne Eigentum, Herrschaft und Arbeitsteilung, erst recht ohne Geld – ein Zustand, zu dem die Menschheit, nun aber auf unvergleichlich erweiterter materieller Grundlage, wieder zurückkehren soll, und der dann einen Fortschritt ermöglichen soll, der nicht mehr, wie bisher, antagonistisch ist.

Das Wort von der „zivilisierten Gesellschaft“, die von den Linken als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, habe ich im banalsten Sinne des „friedlichen Zusammenlebens“ verwendet, das sich nach linker Auffassung von selbst einstellen wird, wenn bisherige Strukturen – nicht nur der Kapitalismus –, die sie in der Tat als repressiv auffassen und überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt analysieren können, zerstört sind.

Anders gesagt: Die Linke macht jegliche gesellschaftliche Struktur, die mit einem Machtungleichgewicht verbunden ist – in der Konsequenz also faktisch jede Struktur überhaupt – dafür verantwortlich, dass die Erde kein Paradies ist. Die Frage, was solche Strukturen dafür leisten, dass die Gesellschaft nicht in die Barbarei zurückfällt, kann von einem solchen Ausgangspunkt her nicht gestellt werden, sie ist per ideologischem Machtwort axiomatisch wegdefiniert.

Eines Ihrer wichtigsten Argumente für das derzeitige Versagen des politischen Konservatismus ist, dass dieser sich auf den Bourgeois stützt, „der die gesellschaftlich dominanten Werte und Ideologien ungeachtet ihres Inhalts akzeptiert“. Nur dass diese Ideologie jetzt eben links ist. Können Sie das bitte ausführlicher erklären?

Kleine-Hartlage: Es gibt Menschen, zu deren Selbstverständnis es gehört, Stütze der Gesellschaft zu sein, ihre Werte zu verkörpern und die politische Mitte zu bilden. Es handelt sich dabei um einen Charaktertypus, nicht um Anhänger einer bestimmten Ideologie, von der sie überzeugt wären, und die sie auch dann verteidigen würden, wenn es gesellschaftlichen Gegenwind gibt.

Wenn nun die gesellschaftlichen Autoritäten eine linke Ideologie verbreiten, linke Wertvorstellungen propagieren und Dinge, die noch vor wenigen Jahren als links und sogar als linksextrem galten, als schlicht „modern“ verkaufen, dann werden solche Menschen sich dem nicht widersetzen, sondern Wert darauf legen, „die Zeichen der Zeit erkannt“ zu haben.

In normalen Zeiten würden solche Menschen sich konservativ nennen, und manche tun es sogar jetzt noch und halten sich zum Beispiel für konservativ, weil sie die CDU wählen. Ein solcher „Konservatismus“ ist nicht viel mehr, als ein freundlicheres Wort für „Konformismus“ und bedeutet so viel wie: da sein, wo die Machthaber sind. In Situationen wie heute, wo linke Ideologie gesellschaftlich dominant ist, trennt sich die Spreu vom Weizen und es stellt sich heraus, wer ein Überzeugungskonservativer ist, und wer nur ein opportunistischer Bourgeois.

Angesichts des anstehenden Wahljahrs 2013: Wie stehen denn dann die Chancen für den politischen Konservatismus? Bei wem soll der konservative Wähler sein Kreuz machen?

Kleine-Hartlage: Auf keinen Fall bei einer der im Bundestag vertretenen Parteien! Ich kann es nicht leiden, wenn man kleinen alternativen Rechtsparteien ihre in der gegenwärtigen Phase unvermeidlichen personellen und programmatischen Defizite vorrechnet, um damit zu begründen, dass man Parteien wie CDU oder FDP wählt, die uns bereits ankündigen, dass sie uns in Katastrophen führen werden. Eine wirkliche Chance werden diese kleinen rechten Parteien allerdings frühestens dann haben, wenn sie ihre sektiererische Zersplitterung überwinden und miteinander statt gegeneinander arbeiten. Dass dies noch nicht der Fall ist, ist aber kein Grund, der Wahl fernzubleiben oder gar die Etablierten zu wählen.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Liberalen, die mal wieder nicht besonders gut bei Ihnen wegkommen, assoziieren Sie diese doch einfach mit einem entfesselten Großkapital, das die Politik beherrsche. Ist das wirklich so einfach? Ist nicht gerade der Neoliberalismus die Bewegung, die eine starke Ordnungspolitik bei gleichzeitig möglichst geringer Bürokratisierung der Märkte fordert? Es scheint, als würden Sie hier noch einem alten, linken Argument  anhängen…

Kleine-Hartlage: Also zunächst:  Ich habe nicht gesagt, dass das Großkapital schlechthin die Politik beherrscht, sondern dass die sogenannten bürgerlichen Parteien bereit sind, zugunsten von Kapitalinteressen ihren eigenen Parteiinteressen zuwiderzuhandeln, dass sie dadurch als Parteien des Großkapitals erkennbar sind, und dass die Marxisten in diesem Punkt recht haben. Ich habe diese These an der Einwanderungspolitik konkretisiert.

Der Neoliberalismus ist in seiner einflussreichsten Variante der Versuch, die Gedankenmodelle neoklassischer Ökonomen zum gesellschaftlichen Leitbild zu erheben. Er orientiert sich, wie die Linke, an einer Utopie, in seinem Fall an der Utopie der von allen Hemmnissen befreiten Marktgesellschaft. Zu diesen Hemmnissen gehören zum Beispiel nationale Grenzen, weil sie Migration erschweren und damit die effiziente Allokation der Ware „Arbeitskraft“ behindern. Aber nicht nur dies, sondern im Prinzip jeder politische Eingriff in den Ablauf von Marktprozessen gehört zu diesen Hemmnissen. Dies impliziert, dass es so etwas wie Politik im engeren Sinne eigentlich nicht mehr geben soll, und eine Institution wie die EU, in der immer größere Bereiche, die bisher politisch geregelt wurden, vertraglich festgeschrieben und damit der Disposition demokratisch legitimierter Politik entzogen werden, ist allein aufgrund dieses Konstruktionsprinzips das Leitbild dessen, was man sich vom neoliberalen Standpunkt unter der Staatlichkeit der Zukunft vorstellt. Souverän ist dann nicht mehr das Volk, nicht einmal eine Regierung, sondern die in Verträge gemeißelte Ideologie der Bewegungsfreiheit von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskraft.

Ordnungspolitik ist dies nicht mehr, wohl aber ein starker Ordnungsrahmen, der aber gerade deshalb nichts mehr mit Demokratie zu tun hat. Selbstverständlich ist mir klar, dass Neoliberale wenig erbaut sind, wenn diese EU etwa den vielzitierten Krümmungsgrad von Salatgurken festlegt, und gewiss ist dies eine Konzession an linke Bevormundungsideologien. Im Kampf gegen den Nationalstaat benötigt man nun einmal die Unterstützung der Linken. Bezeichnend ist aber, dass diese Konzession überhaupt gemacht wird, dass also das Projekt EU von so überragender Bedeutung ist, dass man seinetwegen lieber Abstriche an den eigenen Prinzipien in Kauf nimmt, als die Kompetenzen bei den Nationalstaaten zu belassen. Die Bürokratisierung ist aber nicht nur eine Konzession an die Linken, sondern ein Beispiel für die unbeabsichtigten Folgewirkungen, die sich notwendig einstellen, wenn man sich an einer Utopie orientiert:

Nehmen wir die Bankenkrise, eine Folge nicht nur, aber auch der Deregulierung der Finanzmärkte; die zwangsläufige Konsequenz ist nun der Ruf nach mehr Regulierung und Kontrolle, oder kurz: nach mehr Bürokratie. Ein völlig freier Markt, dessen notwendige Bedingungen und Grenzen nicht reflektiert werden, wird – gerade wenn er globalisiert wird – immer dazu neigen, Katastrophen zu verursachen, zu deren Verhinderung oder Reparatur dann Bürokratie erforderlich ist.

Und was die Migrationsfreiheit angeht, so erleben wir jetzt schon die Anfänge des totalitären Polizeistaates, der erforderlich sein wird, um das mutwillig geschaffene Chaos multiethnischer Gesellschaften zu bändigen. Mit der liberalen Utopie verhält es sich im Prinzip nicht anders als mit der kommunistischen, die auch zuerst das Absterben des Staates postulierte, um schließlich die größte Geheimpolizei der Welt zu schaffen:

Wer die Ordnungsstrukturen, die die Gesellschaft zusammenhalten, zerstört, oder, wie die Neoliberalen das nennen würden, dereguliert, wird immer wieder, und zwar durch Probleme, Krisen und Katastrophen, im Nachhinein davon überrascht werden, was diese Strukturen geleistet hatten, und dann ebenso regelmäßig gezwungen sein, diese Leistungen durch obrigkeitliche bürokratische Kontrolle mehr schlecht als recht zu ersetzen, um der Probleme Herr zu werden, die er gar nicht erst bekommen hätte, wenn er nicht an die Machbarkeit einer Utopie geglaubt hätte.

Und nun fragen Sie, ob ich damit „noch einem alten, linken Argument“ anhänge. Wenn Sie Worte „noch“ und „alt“ streichen: Klar doch!

Es sollte sich von selbst verstehen, dass die Frage nicht lauten kann, ob ein Argument links oder rechts, sondern ob es richtig oder falsch ist, und ich werde ganz bestimmt nicht die Torheit der Linken nachäffen, die ein Argument schon dann für falsch halten, wenn man ihm das Etikett „rechts“ aufkleben kann. Meine Neigung zu Herrschaftskritik und Kapitalismuskritik sind nicht etwa diejenigen Teile meiner früheren linken Ideologie, die ich noch nicht hinreichend hinterfragt hätte und deren Revision daher noch anstünde. Sondern es sind diejenigen, die meine rechte Fundamentalkritik überstanden haben und durch sie sogar noch um zahllose Argumente bereichert worden sind.

Ich habe vorhin gesagt, was an mir schon immer rechts war. Nun sollte ich hinzufügen, was an mir immer noch links ist: das Misstrauen gegen die Herrschenden, der Wille, gegen diese Herrschenden Partei für das Volk zu ergreifen, und nicht zuletzt das verteufelte Talent und die daraus resultierende Neigung, die kleinen und kleinlichen Interessen zu durchschauen und zu benennen, die sich so oft hinter großen Worten verbergen.

Manfred Kleine-Hartlage (2012): Warum ich kein Linker mehr bin. Schnellroda: Edition Antaios, 96 Seiten, 8,50 Euro.

6 Comments »

  1. TOBIAS RÜGER 10. September 2012 at 11:27 - Reply

    Ich denke, es ist ganz grundsätzlich die Frage, ob Begriffe wie »Links« und »Rechts« noch zeitgemäß sind. Gerade geistert die Einschätzung der Ardorno-Preisträgerin in spe, Butler, die libanesische Hisballah sei teil der »weltweiten linken Bewegung« durch’s Land. So wird der Dekonstruktivismus gewissermaßen selbst dekonstruiert — Begriffe verschieben sich schleichend, bis sie schlussendlich in’s Gegenteil verkehrt scheinen. Und so ist es auch mit der Idee der Multikulturellen Gesellschaft: Von den inneren Feinden der westlichen Zivilisation als Schwächung gewünscht, von den äußeren Feinden hingegen als Periode des Übergangs in neue Herrschaftsformen verwandelt. Wir brauchen mehr Denker wie Kleine-Hartlage in der Öffentlichkeit, um die intellektuell mittelmäßigen Deutungsmustern, die die Welt in ›Ausbeuter‹ und ›Ausgebeutete‹ teilen, zu überwinden.

  2. Meyer 11. September 2012 at 18:44 - Reply

    Vielen Dank für die Veröffentlichung dieses Interviews. Daß ein liberales Medium Kritik an dem, was wir als „Liberal“ bezeichnen selbst kritisch beleuchtet, ist nur richtig. Aber die Antworten von Herrn Kleine-Hartlage sind sehr aufschlußreich und argumentatitv schlüssig.

    Als Liberaler kann man aber durchaus einen Ausweg aus der tiefen und zutreffenden Liberalismuskritik finden. Man schaue sich den Namensgeber der Stresemann-Stiftung an und vergleiche sein unausgesprochenen politischen Strukturvoraussetzungen mit den heutiger Liberaler. Man wird schnell feststellen, daß selbst die Selbstverständlichkeiten eines sozialdemokratischen Friedrich Ebert heute als rechtsextremistisch beurteilt würden.
    Weder Ebert noch Stresemann hätten die Axt an jene Bedingungen gelegt, welcjhe bürgerliche Freiheiten oder gar sozialdemokratische Vorstellungen überhaupt erst ermöglichen. Diese Rahmenbedingungen sind es aber, die von moderen Liberalen bewußt zerstört werden. Herr Kleine-Hartlage sprach von den Grundstrukuren, deren Zerstörung große Katastrophen nach sich ziehen.

    Freiheit, als Kernbegriff des klassischen Liberalismus, kann gar nicht ohne ein gesteigertes Maß an Verantwortlichkeit einhergehen. Nicht nur für sich, sondern auch für seine Umgebung, für genau jene existenziellen Grundstrukturen. War ein Wilhelm Tell nun liberal? Gewiß nicht. er war freiheitlich. Und für mich ist die Freiheitlichkeit der Begriff, der weiß daß die Freiheit nur durch die Opferbereitschaft seines Lebens, seiner Gesundheit und seines Vermögens entstehen und gehalten werden kann. Basis der Freiheit ist die Wehrhaftigkeit und wiederum derer notwendigen Voraussetzungen.

    Wem von den heutigen „Liberalen“ ist das bewußt, was die Eckpfeiler der Wehrhaftigkeit seit Menschgedenken sind? Niemand. Und deswegen verstehe ich die Abneigung gegen das, was sich selbst seit 50 Jahren als „liberal“ bezeichnet. Dieser Liberalismus hängt davon ab, daß andere ihn überthaupt erst ermöglichen. Liberalismus ist nur die Schokoladenseite der Medaille, die Freiheit heißt. Liberalismus ist ein Selbstzerstörungssystem.

    Freiheitlichkeit impliziert gerade diese notwendigen Voraussetzungen zum Selbsterhalt. Diese Voraussetzungen sind alt, ja zeitlos, also: konservativ. sie sind die andere Seite der Medaille. Die „rechte“.

    • Felix Strüning 13. September 2012 at 21:12 - Reply

      Hallo Herr Meyer,

      ich habe Ihren Kommentar gerade aus dem Spam-Ordner gefischt, deswegen die späte Freischaltung. Und vielen, vielen Dank für diese klaren Worte, die ich voll und ganz unterschreiben kann!

      Herzliche Grüße
      Felix Strüning

  3. Carsten Neumann 10. Oktober 2012 at 21:52 - Reply

    Manfred Kleine-Hartlage erinnert an diverse Alt-Achtundsechziger, die – wie etwa Horst Mahler – von „links“ nach „rechts“ gewandert sind. Wie bei allen politischen „Konvertiten“ nimmt bei Kleine-Hartlage das Abarbeiten an seiner früheren politischen Position einen breiten Raum ein. Selbstverständlich ist Kleine-Hartlage – anders als Mahler – nicht kriminell oder terroristisch; was aber vergleichbar ist, ist seine durchgehend gleichbleibende anti-liberale Haltung trotz aller politischen Wandlungen im Übrigen. Kleine-Hartlage macht zwar deutlich, dass er den Liberalismus als geistige Grundlage des Staates und der Gesellschaft ablehnt. Was bei ihm aber diffus bleibt, sind seine Vorstellungen, wie sich denn eine „konservative“ oder „rechte“ Verfasstheit von derjenigen des liberalen deutschen Grundgesetzes unterscheiden soll. Kleine-Hartlage kommt über die Ablehnung liberaler Theorie-Ansätze, die er mit dem Kommunismus auf eine Stufe stellt, nicht hinaus. Er vermag jedoch nicht, ein schlüssiges Gegenmodell dessen, was er als konservativ versteht, zu entwickeln.

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