Apologet besseren Wissens

9. September 2012 1

Rezension zu Manfred Kleine Hartlage: Warum ich kein Linker mehr bin

Linkes Denken führt zu nichts – Bild: Ariane Sept / pixelio.de

Sein erstes Mal war, wie es sich für einen Noch-Muslim anfühlen muss, wenn er erstmals in Schweinefleisch beißt: Es kostete ganz viel Mut, aber dann war es wunderbar! So beschreibt der Sozialwissenschaftler Manfred Kleine-Hartlage (Das Dschihadsystem) seinen Abfall vom Glauben an die linke Ideologie, seine Wendung von der Utopie hin zur Realität. Warum ich kein Linker mehr bin, ist nicht das erste autobiografische Buch von einem, der ins bürgerliche Lager wechselte. Wohl aber eines der intellektuell am überzeugendsten. Der Leser hat nicht so viel Spaß wie bei Jan Fleischhauer (Unter Linken) oder den bissigen Büchern Henryk M. Broders. Dafür ist nach gut 80 überschaubaren Seiten bereits alles Wichtige gesagt – denn Kleine-Hartlage versteht es wie kaum ein anderer, die Sachen auf den Punkt zu bringen.

Die Motivation für ein solches Buch sei zum einen, „geborenen Konservativen“ einen Einblick in das für sie unvorstellbare Innenleben eines Linken zu gewähren und zum anderen, um seinen Ex-Genossen den Weg aus dem linken Dilemma aufzuzeigen. 1 Denn er hoffe, so Kleine-Hartlage, dass das permanente Denktraining zur Verteidigung der linken Luftschlösser wie bei ihm auch bei anderen dazu führe, dass „man dann so klug [werde], daß man aufhören muss, links zu sein.“

Immerhin hat es auch bei Kleine-Hartlage 40 Lebensjahre gedauert, bis er politisch die Seiten wechselte. Verwunderlich sei dies jedoch nicht, so der Autor, denn junge Menschen würden von Natur aus „zum utopischen, das heißt linken Denken neigen, einfach deshalb, weil es ziemlich langwierig und anstrengend ist, auch nur bruchstückhaft zu erkennen, wie die Welt tatsächlich ist, aber ziemlich leicht, sich auszudenken, wie sie sein soll.“ Hinzu käme, dass linkes Denken intellektuell gesehen zwar ein Holzweg sei, bezüglich der Karriere aber oft der Königsweg. Denn in der Folge von 1968 hätten die Meinungsmultiplikatoren in Politik, Medien und Wissenschaft genau diesen „pubertären Utopismus konserviert und zur Ideologie ausgebaut.“

Auf der anderen Seite des politischen Lagers hingegen stehe ein Konservatismus, der unattraktiv, wenn nicht gar verkommen sei und dessen junge Vertreter sich allzu oft mehr für ihr Bankkonto als für wirkliche Werte interessierten:

Das Problem genuinen politischen Konservatismus ist, daß eine seiner Hauptstützen in normalen Zeiten der Typus des Bourgeois ist, der die gesellschaftlich dominanten Werte und Ideologien ungeachtet ihres Inhalts akzeptiert. […] In normalen Zeiten verleiht er Staat und Gesellschaft die notwendige Trägheit, an der der allzu hektische Veränderungswille der Linken sich totläuft. Wehe aber, die Linke selber definiert, was gesellschaftlich dominant ist: Dann fällt der Bourgeois als Widerlager aus, wird zum Anhängsel der Linken und adelt seine eigene Prinzipien- und Charakterlosigkeit als ‚Modernität‘“.

Diese Erklärung für das derzeitig zu beobachtende Versagen konservativen Gedankenguts insbesondere in der Regierungspolitik, ist eine der besonderen Perlen in Kleine-Hartlages Text, die bei flüchtiger Lektüre schnell überlesen werden könnte und durchaus des systematischen gedanklichen Ausbaus würdig wäre.

Natürlich buchstabiert auch Kleine-Hartlage noch einmal durch, dass bei linker Politik immer das Gegenteil von der versprochenen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herauskommt. Denn bisher endete noch jedes linke bis sozialistische Volksexperiment im Totalitarismus mit Zwang, Elitenherrschaft, Korruption und Mord. Je leidenschaftlicher die Akteure und je utopischer die Ziele dabei waren, desto grausamer das Ergebnis. Aber auch das einsichtige Einlenken vom Revoluzzer zum Reformer, selbst wenn ernst gemeint, habe nur Methoden und Tempo der Linken verändert, nicht aber die Ziele, meint der Autor. Ja, man könne sogar sagen, die heutige Linke sei gefährlicher: „Auf diese Weise verschwindet die immanente Destruktivität utopistischer Ideologie zwar aus der offiziellen Theorie, nicht aber aus der politischen Praxis. In gewissem Sinne wird sie sogar um so zerstörerischer, gerade weil man die Utopie aus der offiziellen Doktrin entfernt und damit der Kritik entrückt hat.“

Dies wiederum führe dazu, dass linke Mitläufer zwar irgendwie wüssten, dass sie von einer Utopie aus denken, dass dies aber in Form einer Selbstverständlichkeit 2  stattfinde. Dadurch käme der Gedanke, dass andere Menschen anders denken könnten, gar nicht erst auf. „Folglich projizieren sie ihre eigene Denkweise auf ihre Kritiker und unterstellen ihnen, ebenfalls einer Utopie zu folgen, nur eben einer anderen und aus ihrer Sicht negativen.“ Wer dann Multikulti ablehne, müsse also von der gegenteiligen Utopie ausgehen, dem rassisch reinen Volkskörper, usw. usw.

Die Frage danach, warum die Linke so erfolgreich mit ihren verqueren Ideen ist, erklärt sich für Kleine-Hartlage in dem linken Zirkelschluss, dass intelligent sei, wer mit der linken „Wahrheit“ übereinstimme, Wahrheit werde nur noch mit Ideologie referenziert. Durch Teilhabe an ihrem geistigen Prestige köderten die linken Eliten das Fußvolk, während Andersdenkende mit Sanktionen bedacht oder z.B. im Fall der Wissenschaft von allen öffentlichen Fördertöpfen ferngehalten würden.

Ähnlichem Zweck diene die Erfindung des Gutmenschentums, denn letztlich habe jeder Mensch das Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein. Doch während der Bürgerliche wisse, dass das Gut-Sein große persönliche Anstrengung bedeute, mache es sich die Linke da bedeutend einfacher: „Linke Moral ist der Glaube, man sei ein guter Mensch, wenn man diese oder jene politische Ansicht hat, das heißt, wenn man eine linke Ideologie vertritt, weil diese Ideologie mit dem Anspruch daherkommt, das schlechthin Gute zu wollen.“ Der psychologische Handel sei dabei bestechend einfach: Wer glaubt, der gehört zu den Guten. Diese religiöse Verbrämung führe schließlich dazu, dass die Ideologie die Stelle des Gewissens einnimmt. Und dies wiederum bewirke, dass linke Gläubige vor allem angstgesteuert seien – weshalb Methoden wie die berüchtigte Nazi-Keule so gut funktionierten: Argumente spielten keine Rolle mehr, Abweichler würden denunziert und schon wäre die Gedankenblockade beim Kopf des Linken perfektioniert.

Doch diese Gleichschaltung des einfachen Mannes, insbesondere aber der Medien und der Wissenschaft, sei äußerst gefährlich, „weil eine Gesellschaft, die über keinen funktionierenden Mechanismus zur Verständigung über Wahrheit verfügt, zwangsläufig in Anhänger konkurrierender Weltanschauungen zerfallen muß, die bereits in Ermangelung einer gemeinsamen Tatsachengrundlage einander mit Argumenten nicht mehr erreichen können.“ Und während diese Fragmentierung des Volks zur Bevölkerung, der politischen Gemeinschaft zur Gesellschaft dadurch und durch die permanente Zuwanderung uns völlig fremder Kulturen wie der des Islams fortschreite, zeigten die immer härteren Strafen, die für die Abweichung von der offiziellen Meinung gälten, dass wir auf dem direkten Weg in einen neuen Totalitarismus seien.

Zum Ende des Buches hin stößt dann schließlich doch einmal etwas auf, schert doch Kleine-Hartlage Marxismus und Liberalismus als „Ideologien […] utopischer Natur“ einfach über einen Kamm. Doch der Unterschied zwischen beiden Weltsichten könnte nicht gegensätzlicher sein, widersprechen sich doch ihre Menschenbilder – abhängiges Glied einer Kette vs. selbstverantwortliches und selbtbestimmtes Individuum – grundsätzlich. Wirkliche Argumente für die angebliche Gleichheit beider kann der Autor auch nicht ins Feld führen und beschränkt sich auf den kurzen Hinweis der institutionellen Verbindung von Großkonzernen mit linken bis linksextremen Organisationen im „Kampf gegen Rechts“ sowie mit Parteien als „Sachverwalter der Interessen des Großkapitals.“

Doch ob nun die Wirtschaft die Politik vor den Karren gespannt hat oder ob es doch eher andersherum ist, wie es die streng libertäre Position sieht, hat mit dem Liberalismus erst einmal nichts zu tun. Denn wie Wolfgang Kersting es einmal treffend auf den Punkt brachte, bedeutet die liberale Ordnung „institutionalisiertes Menschenrecht und basiert auf dem Zusammenspiel der institutionellen Sphären des freien Marktes, der Herrschaft des Gesetzes, einer gewaltenteiligen Verfassung, der demokratischen Herrschaftsausübung und der offenen Gesellschaft.“ Für den (wirklichen) Liberalismus muss es immer darum gehen, die Vorteile des freien Wettbewerbs und des demokratischen Meinungsbildungsprozess zu kombinieren. Denn nur das garantiert größtmögliche Freiheit.

An dieser Stelle wird vielleicht auch klar, warum sich Kleine-Hartlage durchweg als „Rechten“ bezeichnet, während der Leser die vielleicht eher an „Bürgerlicher“ denkt. Denn der Autor grenzt sich damit nicht nur von der Linken ab, sondern eben auch vom Liberalismus. Und dieser gehört nun einmal genauso wie der Konservatismus zum bürgerlichen Lager in der Politik.

Manfred Kleine-Hartlage (2012): Warum ich kein Linker mehr bin. Schnellroda: Edition Antaios, 96 Seiten, 8,50 Euro.

Notes:

  1. Die Wahl eines sehr konservativen Verlages, der im linken Spektrum der „Neuen Rechten“ bzw. dem Rechtsextremismus zugeordnet wird, mag für letzteren Zweck allerdings etwas ungünstig erscheinen.
  2. Den Gedanken „kultureller Selbstverständlichkeiten“ hat Kleine-Hartlage in seinem sehr zu empfehlenden Buch Das Dschihadsystem ausführlich beleuchtet.

One Comment »

  1. Manfred Kleine-Hartlage 9. September 2012 at 20:52 - Reply

    Ich habe mich daran gewöhnt, dass Liberale ebenso wie Linke und Muslime – man verzeihe den Vergleich – ein Problem damit haben, die objektiven Implikationen ihrer Ideologie zu akzeptieren, nach dem Motto: Mein Liberalismus ist aber ganz anders. Macht nichts, ich kann Euch trotzdem gut leiden.

    Vertieft habe ich den Zusammenhang von linker und liberaler Ideologie in diesem Artikel

    http://korrektheiten.com/2010/10/16/mein-neues-buch-die-liquidierung-der-zivilisation/

    (einem Auszug aus dem Manuskript zu meinem nächsten Buch unter dem Arbeitstitel „Die Liquidierung der Zivilisation“ an dessen Vollendung ich mit Hochdruck arbeite, und von dem ich hoffe, es noch in diesem Jahr veröffentlichen zu können)

    und den Gegensatz von subjektiver Liberalität und Liberalismus im objektiven Sinne einer politischen Bewegung und eines ideologischen Konzepts in diesem:

    http://korrektheiten.com/2010/11/11/zur-dialektik-des-liberalismus/

Leave A Response »