Antisemitismus-Handbuch zum „Nachschlagen“

6. September 2012 0

Rezension zu Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart (Band 1-5)

Wie es immer wieder zur Judenfeindschaft kommt, erklärt das Antisemitismus-Handbuch nicht – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Seit 2008 erscheint in Jahresfrist das lange überfällige, inzwischen auf sieben Bände bzw. neun Teilbände konzipierte Handbuch des Antisemitismus. Das sozialwissenschaftlich orientierte  Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, das sich nicht nur mit Vorurteilen und Folgen des Antisemitismus beschäftigt, sondern auch Fremdenfeindlichkeit in seine Forschungen einbezieht, übernahm im Namen des ehemaligen langjährigen Leiters Wolfgang Benz die Herausgabe.

Der kürzlich erschienene umfangreiche fünfte Band vereint zwischen den Buchdeckeln etwa 320 Organisationen, Institutionen, Bewegungen, staatliche Behörden, informelle Zirkel und Nichtregierungsorganisationen – wie die vorangegangenen Bände gleichfalls – „in aller Welt in Geschichte und Gegenwart“, in deren Programm oder Praxis „Judenfeindschaft“ eine Rolle spielt. Alphabetisch eingeordnet sind ebenso „Vereinigungen, die sich die Bekämpfung dieser zum Ziel gesetzt haben.“

Ganze 137 Autoren, meist ungebundene, „freie“ Historiker und Geisteswissenschaftler, referieren über Ahnenerbe und Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Black Power Movement und B’nai Brith (beide USA), Hamas, Jobbik (Ungarn), Movimento Nationalista Revolutionario (Bolivien), Opus Dei, Radio Maryja (Polen), die Grauen Wölfe (Türkei) oder die historischen französischen Vereinigungen Action Francaise und Alliance Israelite Universelle. Bei aller Vielfalt spielt die Einfalt in den einzelnen Beiträgen und in der Gesamtkonzeption eine bedeutende Rolle.

Den Bänden Länder und Regionen sowie Personen sollte im dritten Band Begriffe, Theorien, Ideologien, so nahm der interessierte Leser an, die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand folgen. Ein Mangel, welcher seit Veröffentlichung der ersten Bände in den wenigen Rezensionen beklagt wurde, sollte nun endlich behoben werden. Aber der Begriff des Antisemitismus selbst erfährt keinen Eintrag, stattdessen sind die Erscheinungen des Judenhasses unter verschiedenen Aspekten auf eine Fülle unterschiedlicher Stichworte verteilt: Antijudaismus, Antizionismus, islamisierter, völkischer, linker Antisemitismus, etc. Ob diese Entscheidung, den allgemeingültigen Begriff Antisemitismus nicht im Gesamten und Detail zu determinieren, richtig und logisch war, muss in Zweifel gezogen werden. Denn er wurde und wird gegenwärtig sowie auch in Zukunft der Erläuterung und Erklärung bedürfen. Sicherheit in der Nutzung und Verwendung ist schon allein deshalb notwendig, weil Antisemitismus ein häufig umgangssprachlich, journalistisch, publizistisch und wissenschaftlich benutztes Wort im vergangenen Jahrhundert war, dessen praktische Umsetzung im Holocaust endete und bis heute im latent, weltweit vorhandenen, antijüdischen Vorbehalt erhalten blieb.

Um den Anspruch eines Handbuchs – Erklärungen zu liefern, Einschätzungen zu treffen und Tendenzen aufzuzeigen – im wahren Sinne zu verwirklichen, wäre ein chronologischer Abriss der Entwicklungsgeschichte antijüdischer Haltungen zu Beginn, gegebenenfalls als Einleitung des ersten Bandes, erforderlich gewesen. Er hätte den folgenden Ausführungen und Themen die notwendige Strukturierung, Orientierung im historischen Zeitraum, räumlicher Gliederung und seiner Wirkung innerhalb gesellschaftlicher Bedingungen und innenpolitische Bedeutung gegebenen. Rückblickend gesehen lag „gerade in seiner Unbestimmtheit zunächst die Stärke des Begriffs ‚Antisemitismus’ und damit seine politische Funktion. ‚Antisemitismus’ [in Frankreich und Deutschem Kaiserreich – Anmerkung des Rezensenten], soviel stand für die verschiedenen Anhängergruppen wie für die Gegner fest, meinte Feindschaft gegenüber Juden und Judentum, und zwar in einem von der traditionellen Judenfeindschaft, wie sie etwa gleichzeitig in Ost- und Südosteuropa noch anzutreffen war, durchaus unterschiedlichen Sinn.“ So etwa wird das Phänomen beschrieben in Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, und das schon vor Jahrzehnten.

Unter dem Stichwort „Theorien des Antisemitismus“ (Band 3) – der logischerweise unter dem Titel und Inhalt „Theorien über den Antisemitismus“ hätte aufgeführt werden müssen, denn eine geschlossene Theorie des Antisemitismus existiert nicht, bestenfalls Ressentiments –, wird mit einem konfusen historischen Einstieg um 1800 begonnen. So formuliert unter anderem Autor Klaus Holz völlig aus Zusammenhang und Zeitbezug gerissen: „Vor allem aufgeklärte Juden verteidigten sich sowohl gegen die Forderung völliger Assimilation als auch gegen die – Germanomanie – (Ascher).“

Zu klären sind also zwei Sachaussagen: 1) Was bedeutet Germanomanie? Und 2) Wer war Ascher? Als publizistischer Begriff fand „Germanomanie“, der in seinem Hauptanliegen gegen die französische Besetzung gerichtet war und sich deutschnational gab, nach den napoleonischen Eroberungen deutscher Gebiete einige Verbreitung. Ein gleichnamiges Pamphlet verfasste 1815 der jüdische Berliner Buchhändler und Schriftsteller Saul Ascher (1767 bis 1822), der hier als Persönlichkeit und mit seiner Schrift überbewertet wird. „Seiner Meinung nach weitete sich deren fanatische Ablehnung über das Französische hinaus jedoch auf alles Fremdartige aus, das von Deutschlands Boden entfernt werden müsse, womit die Ablehnung sich auch gegen Juden richtete“, konstatiert Werner Bergmann unter „Germanomanie“. Diese Schrift sei „in die Geschichte des Antisemitismus eingegangen“. Weshalb, bleibt offen, weil in seinem Beitrag kein Hinweis, weder auf den konkreten Inhalt der Flugschrift noch sie auslösende publizistische, politische oder sonstige Anlässe aufgeführt werden.

Die zeitgenössischen Zusammenhänge sind erkennbar, wenn man auf die Hinweisliteratur blickt und die Angaben kombiniert. Zum Beispiel sind dort auch die von Peter Hacks editierten Vier Flugschriften aufgeführt. Sie enthalten unter anderem das bereits 1808 von Friedrich Ludwig Jahn veröffentlichte Deutsches Volkstum.  Dessen Text war „zugleich eine Kampfansage an die ständisch-feudale Ordnung wie an die französische Besetzung“, schreibt Werner Bergmann, Beiträger über den vielseitigen Jahn. Am Artikelende resümiert er, das Jahn keinem ausgesprochenen Judenhass oder Frühantisemitismus anhing, wenngleich er auch kein „Freund der Juden“ war. Das pauschale Urteil ohne Inhalte im Beitrag über „Germanomanie“, der antisemitische Stoßrichtung unterstellt wird, widerspricht im zweiten Band Personen der Einschätzung eines der dort Genannten. Und das sich gegenseitig Ausschließende entspringt der Feder des gleichen Beiträgers.

Das die Verquickung antisemitischer Sachverhalte und die gleichzeitige Vorstellung anderer Ereignisse eine Gratwanderung darstellen, erweist sich zum Beispiel in der Einbeziehung des Barmat- Skandals (Band 4) als äußerst problematisch. Tatsache ist, dass kriminelles Handeln und aktive Bestechung durch jüdische Unternehmer führende Sozialdemokraten Berlins in die Schlagzeilen brachten und den Skandal auflösten. Empörend ist, dass in dem Artikel zwar die antisemitische Ausschlachtung des Vergehens in den Vordergrund geschoben wird – Julius Barmat wanderte nach der Haftverbüßung nach Belgien aus, wo er wegen guter Kontakte zur Sozialdemokratie mit „dubiosen Geschäften zu Geld kam, bis er 1936 auch hier wegen Betrugs verhaftet wurde“ –, jedoch „versäumt“ der Autor Björn Weigel, die kriminellen Handlungen im Rechtsstaat Weimarer Republik zu verurteilen.

Die Beispiele nichtkompatibler fachlicher Aussagen, sachlich konkreter Zusammenhänge und historischer (Fehl-)Einschätzungen lassen sich fortsetzen. Unter dem Begriff „Verjudung“schreibt Björn Weigel dem französischen Adligen Henri-Roger Gougenot des Mousseaux für sein 1869 erschienenes Buch Der Jude, das Judentum und die Verjudung der christlichen Völker einen weitreichenden Einfluss zu. Hinterfragen wir diese Aussage: Weder erklärte, früh wirkende Antisemiten wie Housten Stewart Chamberlain,  Ludwig Schemann oder Theodor Fritsch noch der 1936 im nationalsozialistischen Deutschland herausgegebene Bild-Text-Band von Theodor Pugel verweisen in ihren Schriften auf den Franzosen. Marginal wird Gougenot des Mousseaux erst wieder von Leon Poliakov in dessen Geschichte über den Antisemitismus erwähnt. Selbst in neueren Arbeiten über das nationale Verhältnis zwischen Katholizismus und Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich findet der engagierte Katholik keineoder nur am Rande Beachtung: „Seine Weltverschwörungsthese gegen Freimaurer und Juden, die den Triumph des Papsttums nicht ertrügen, aber auch sein Antitalmudismus bestimmten die Marschrichtung des wachsenden Antisemitismus und deuteten seinen Besitzwechsel vom Sozialismus zum Katholizismus an.“

Was Weigel in seinem Personenportrait über Gougenot des Mousseaux  „vergisst“ (?) zu erwähnen, ist die Tatsache, dass seine Schrift ins Deutsche, wenn auch in gekürzter Fassung, übertragen wurde. Kein geringerer als der spätere „Chefideologe des Dritten Reiches“, Alfred Rosenberg, übersetzte den Text zu Beginn seines Aufenthaltes in München.

Die bisher erschienen Teile des Handbuches folgen in ihrer inhaltlichen Gestaltung dem Muster der Aneinanderreihung von Namen, Daten und Fakten, ohne dass diese eine Wertung oder Kommentierung erfahren, geschweige denn in historische Zusammenhänge oder in ihrem sachlichem Verhältnis eingeordnet werden. Im Allgemeinen sind die Stichwortbeiträge als oberflächlich, auch durch die Querverbindungen zu bereits erschienen Bänden, inbegriffen Wiederholungen, einzuschätzen und weisen in der inneren Geschlossenheit widersprüchliche Aussagen auf.

Auffallend ist die deutschfeindliche Grundtendenz, welche wenig hilfreich ist, um antisemitische Vorbehalte zu erklären. Sie stellen, grob formuliert, nur eine Umkehrung der Aufgabenstellung dar. Aufzudecken waren die Spielarten antisemitischer Ressentiments. Im Umkehrschluss werden alle intellektuellen Äußerungen, die nicht unbedingt Feindschaft gegen das Judentum beinhalten, ohne Differenzierung gegen sie gewandt und mit dem nicht immer zutreffenden Stigma des (deutschen) Nationalismus gekennzeichnet. Vaterlandsliebe heißt auch, sich über die Zustände der eigenen Gesellschaft Gedanken machen und nach Ursachen für Missstände zu suchen. Warum dafür in vielen Gesellschaftsordnungen, Staaten, vornehmlich auf dem europäischen Kontinent, oft die jüdische Gemeinschaft und ihr Glauben haftbar geworden sind, beantwortet dieses Handbuch nicht.

Herausgeber Wolfgang Benz, seine Mitarbeiter und Beiträger besetzten mit dem Handbuch des Antisemitismus einen überaus wichtigen Titel, der sowohl in der Wissenschaftswelt als auch für Multiplikatoren des öffentlichen Lebens und den historisch interessierten Laien von hohem Wertgehalt sind, aber nicht die anzulegenden Kriterien erfüllt. Wissenschaftlern, welche in Zukunft ein ähnliches Projekt zur Aufklärung über den Antisemitismus und seine Folgen auf den Weg bringen wollen, wird es deshalb vorbehalten bleiben, ein inhaltlich intellektuell durchdrungenes wissenschaftliches Standardwerk zu schaffen.

Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart:

  • Band 1: Länder und Regionen. München 2008: Saur Verlag, 443 Seiten;
  • Band 2: Personen, Band 2/1und 2/2. Berlin 2009: Verlag de Gruyter, 934 Seiten;
  • Band 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. Berlin 2010: Verlag de Gruyter, 388 Seiten;
  • Band 4: Ereignisse, Dekrete, Kontoversen. Berlin 2011: Verlag de Gruyter, 492 Seiten;
  • Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. Berlin 2012: Verlag de Gruyter, 682 Seiten.

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