Alter Essig in neuem Schlauch

28. August 2012 1

3Sat-Debatte über Islam und westliche Werte bestätigt Frontlinie öffentlich-rechtlicher Political Correctness

Große Ankündigung der 3sat-Debatte – Bild: Screenshot von www.3sat.de

Hätten die hiesigen Apologeten der so genannten Religion des Friedens tatsächlich Recht, bräuchten wir über die Verträglichkeit des Islam mit den liberalen Gesellschaften des Westens und ihren verfassungsmäßig garantierten Menschenrechten keine weiteren Diskussionen mehr zu führen. Für die Glaubensrichtungen nichtmoslemischer Zuwanderer scheint dies ja auch nicht erforderlich zu sein. Doch das Thema Islam und Europa verschwindet einfach nicht vom Schirm und langweilt die Kenner der Materie längst bis zum Erbrechen. Denn Neues ist in der schon jahrelang geführten Diskussion nicht mehr zu erwarten. Will man also die Zuschauer noch einmal fesseln, könnte man es wenigstens mit einem neuen Format versuchen. Das dachte sich der – nach eigenem Bekunden – anglophile ZDF-Moderator Theo Koll, einem breiteren Publikum noch als Frontmann des Polit- und Enthüllungsmagazins Frontal 21 bestens bekannt.

Nach dem Vorbild britischer Universitätsdebatten stellte der Sender 3Sat dieses Mal die Frage zur Diskussion, ob der Islam zu unseren westlichen Werten passe. Dazu präsentierte Knoll gestern Abend  vor einem offenbar sorgfältig ausgesuchten Studiopublikum vier mehr oder weniger namhafte Vertreter der intellektuellen Zunft mit unterschiedlichen  Bezügen zum Islam. Als Contra-Kandidaten wirkten der inzwischen gut bekannte Islamkritiker und Politologe Hamed Abdel-Samad sowie der Vorsitzende der Giordano-Bruno-Stiftung, Dr. Michael Schmidt-Salomon. Auf der Gegenseite hatten sich Prof. Gesine Schwan, immerhin zweimalige Kandidatin für das Amt des Bundesspräsidenten sowie ein syrisch-österreichischer Iman, dessen Name Koll zunächst nicht aussprechen konnte, eingefunden.  Da vier Tage vor der Sendung ein Online-Forum mit Abstimmungsmöglichkeit vom Sender freigeschaltet worden war, erwähnte Knoll pflichtschuldigst auch das ziemlich eindeutige Resultat der vox pupuli, wies aber zugleich einschränkend darauf, dass die immerhin über 60 Prozent der Contra-Abstimmer nicht ganz ohne die Mobilisierung einschlägiger Internetforen zustande gekommen seien. Im Studio selbst, fiel die anfängliche Zuschauerabstimmung mit 43 Prozent Befürwortern und 25 Prozent Unentschiedenen deutlich politisch korrekter aus.

Damit war klar, dass die nun mit jeweils einem fünfminütigen Eingangsstatement der Podiumskandidaten startende Sendung kaum noch Überraschendes präsentieren würde. Artig referierte zunächst der Religionskritiker Schmidt-Salomon über die so genannten westlichen Werte, die zwar in Europa und Amerika entstanden, aber gleichwohl ein Besitz der ganzen Menschheit seien, von denen niemand ausgeschlossen werden dürfe. Keinesfalls fehlen durfte dann auch der unvermeidliche Hinweis, dass der Islam in seiner Hochzeit Wissenschaft und kritische Forschung zugelassen habe, während im christlichen Abendland damals noch die Lehre der Kirche dominierte. Politisch korrekt mahnte er zum Schluss seines vom Manuskript abgelesenen Briefings an, dass der Islam in Fragen der Menschenrechte allerdings noch einen Aufholbedarf habe.

Seine direkte Antipodin Gesine Schwan, die sich ausdrücklich als kirchennah bezeichnete, kritisierte in ihrem Eingangsstatement, dass die modernen Menschenrechte nicht gegen die Religionen entstanden seien, sondern vielmehr auf deren Grundlage. Eigenartig wirkte ihre Argumentation in Bezug auf den Islam. Falls dieser wirklich nicht mit den westlichen Werten kompatibel sei, müsse man doch konsequenterweise alle Moslems ausweisen. Da dies aber keine denkbare Alternative sei, wäre der Islam in jedem Fall im Sinne der leitenden Fragestellung mit den westlichen Werten vereinbar. Hier zeigte sich wieder einmal in selten reiner Form das Mantra der Appeaser, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ganz im Gegensatz zu seiner Vorrednerin wusste der dritte Kandidat in der Runde, der Politologe Hamed Abdel-Samad, wovon er sprach, wenn es um den Islam geht. Vorgestellt als Sohn eines ägyptischen Imans und Islam-Apostat, kam er in freier Rede schnell auf den Punkt. Nur eine politische Entmachtung des Islam könne seinen Anhängern überhaupt einen Platz in Europa sichern und den inneren Frieden wahren. Die multikulturellen Gesellschaften Europas verglich er mit einem Schiff, auf dem sich viele Religionsgemeinschaften und kulturelle Milieus auf dem Promenadendeck tummelten, während (noch) ein erfahrener Kapitän auf der Brücke steht. Der Islam aber möchte nicht auf dem Promenadendeck bleiben, seine Anhänger streben immer zur Brücke, wollten das Schiff selber steuern und das könne letztlich für alle Passagiere nicht gutgehen. Der Islam, so Abdel Samad weiter, wolle auch niemals, wie das offenbar viele Medien im Westen immer noch meinten, Teil einer nichtmoslemischen Gesellschaft sein und sich integrieren, da dies seinem Selbstverständnis als allumfassende Ordnung der Menschheit diametral widerspräche.

Zuletzt kam dann auch der syrisch-österreichische Iman mit rumänischen Ingenieursdiplom, Tarafa Baghajati, zu Wort. Inzwischen konnte übrigens auch Koll seinen Namen korrekt wiedergeben. Der Moslem nutzte seine fünfminütige Sprechzeit, wie konnte es anders sein, zu einem Plädoyer für den Islam und zögerte auch nicht, seine Religion geradezu als Protagonistin der Menschenrechte zu präsentieren. Humanität und Solidarität mit Armen und Alten seien Grundwerte des Islam. Leider kam es keinem der Studiogäste später in den Sinn, ihn zu fragen, ob denn die hier wieder einmal gerühmte Solidarität der Moslems auch für Angehörige anderer Glaubensrichtungen oder gar für Agnostiker gelte?

Der nun folgende Teil der Sendung, in dem die Studiogäste, aber auch die Fernsehschauer online Fragen an die Podiumskandidaten stellen konnten, enttäuschte auf ganzer Linie. Ob dies das Ergebnis einer gezielten Auswahl der Fragesteller war oder daran lag, dass es sich überwiegend um ein Hochglanzpublikum handelte, das keinesfalls in der Öffentlichkeit durch islamophobe Kommentare anecken wollte, sei einmal dahin gestellt. Zunächst durften zwei zum Islam konvertierte Biodeutsche mit Baghajati darin einstimmen, dass Moslems als Minderheit hierzulande immer noch unterdrückt und geächtet würden. Das gestörte Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu den Anhängern des Islams sei daher ein wesentlicher Prüfstein der westlichen Grundwerte, um die es daher in Wahrheit gar nicht so gut stehe.

Einer offenbar politisch korrekten Fragestellerin wiederum missfiel offenbar Abdel-Samads Schiffsmetapher. Sie würde sich dabei stark an die Rede vom vollen Boot erinnert fühlen. Auch kritisierte sie dessen Warnung vor einer islamischen Machtergreifung mit dem Hinweis, dass es in Russland, China und den Vereinigten Staaten noch keine moslemischen Regierungen gebe. Abdel-Samad, vielleicht irritiert darüber, dass seine Schiffsmetapher so ganz anders gedeutet wurde, verzichte dann weise darauf, die Fragestellerin noch um 20 Jahre Geduld zu bieten.

Schon der Beifall zu den einzelnen Wortmeldungen ließ erwarten, dass die eigenartigerweise schon vor den zweiminütigen Schlussplädoyers der Diskutanten durchgeführte Endabstimmung zu keiner wesentlichen Änderung der Ausgangslage führen würde. Da half es auch nicht, dass Schmidt-Salomon, der an diesem Abend seltsam blass und artig wirkte, noch mit einigen einschlägigen Statistiken über die politischen Überzeugungen jünger Türken in Deutschland aufwartete. Von den 25 anfangs noch unentschlossenen Studiogästen, die sich nun entscheiden mussten, schlugen sich schließlich 14 auf die Seite der Islambefürworter. Damit geriet das Studioergebnis mit insgesamt 57 Pro-Abstimmern fast zum umgekehrten Spiegelbild der vorangegangenen Online-Abstimmung, die sich auch nach der Debatte nicht wirklich anders darstellte (Online-Abstimmung während der Sendung: Befürworter: 43,4%, Gegner: 56,6%).

Die Frontlinie der öffentlich-rechtlichen Political Correctness war damit wieder hergestellt. Ein Meilenstein einer neuen Debattenkultur war die Sendung jedenfalls nicht und Theo Koll als Moderator, der ab und an ein paar artige Kommentare äußern konnte, wohl kaum richtig besetzt. Der Zuschauer hatte den kritischen Journalisten, der acht Jahre lang in seiner Sendung Frontal 21 wöchentlich mit bissigen Kommentaren „heiße Eisen“ angepackt hatte, noch ganz anders in Erinnerung.

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