Türken in Deutschland 2012

19. August 2012 5

Studie Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten – Teil 1: Sozioökonomische Fakten

Wie leben Türken in Deutschland? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Das Umfrageinstitut Info GmbH hat nun zum dritten Mal 1 die Studie Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten vorgelegt. Im Fokus stehen die ca. 2,7 Millionen hierzulande lebenden Menschen mit einem türkischen Migrationshintergrund, kurz Türken in Deutschland (TiD). 2 Der erste Teil der Studie widmet sich den sozioökonomischen Fakten der TiD, allerdings ohne den Vergleich zu Durchschnittswerten der deutschen Bevölkerung zu ziehen. Ohne dieses Bezugssystem sagen die Daten jedoch nicht viel aus. Deswegen werden die Ergebnisse hier ausführlich dokumentiert und – soweit möglich – mit den Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) in Relation gesetzt.

Der zweite Teil der Analyse widmet sich den türkischen Wertewelten in einer gesonderten Auswertung.

So leben Türken in Deutschland

Noch immer stellt sich die Situation so dar, dass fast drei Viertel der TiD in der Türkei geboren wurden. Über die Hälfte der Türken lebt schon seit über 20 Jahren hier. Dennoch verfügen 77 Prozent nicht über die deutsche Staatsbürgerschaft. Interessant: Bei den TiD über 50 Jahre haben erheblich mehr einen deutschen Pass (30%) als bei den beiden jüngeren Alterskohorten. Ebenso stellt sich das Verhältnis von Männern (27%) zu Frauen (20%) dar.

Ein genereller Vergleich der Altersstrukturen zur deutschen Durchschnittsbevölkerung lässt sich nur schwer ziehen, da die vorliegende Studie andere Alterskohorten gebildet hat, als beim für deutsche Statistiken verwendeten Mikrozensus üblich. Aber schon die Gegenüberstellung der verschiedenen Altersgruppen zeigt die den überproportional großen Anteil der Unter-30-Jährigen bei der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland (Abbildung 1). 3

Alterskohorten von Türken in Deutschland im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Allgemeine und berufliche Bildung

Nicht gut stehen die hier lebenden Türken beim Thema Bildung dar. Im Vergleich zur deutschen Bevölkerung schneiden sie bei der allgemeinen Schulbildung erheblich schlechter ab (vgl. Tabelle 1). Vorsichtig optimistisch stimmt lediglich die Entwicklung der Bildungssituation, denn der Anteil der TiD die die Hauptschule besuchten oder über gar keinen Schulabschluss verfügen, sinkt über die Alterskohorten hinweg. Sind es bei der Generation 50+ noch 71 Prozent, haben bei den 30- bis 49-Jährigen nur noch 54 Prozent keinen allgemeinbildenden Abschluss und bei den 15- bis 29-Jährigen sind es nur noch 45 Prozent.

Allgemeiner Bildungsabschluss TiD ⌀-DE
kein/niedriger Schulabschluss/Hauptschule 57 40,1
mittlerer Schulabschluss/Realschule 18 28,9
hoher Schulabschluss/Abitur 24 26,6
Tab. 1: Allgemeine Bildungsabschlüsse im Vergleich, Angaben in Prozent,  Daten für deutschen Durchschnitt: Destatis 4

Große Unterschiede werden auch bei den Berufsabschlüssen deutlich. Hier ist vor allem die Gruppe derjenigen gesellschaftlich relevant, die über keinerlei Berufsausbildung verfügen, weil bei dieser die Chance auf eine Abhängigkeit von Transferleistungen am höchsten ist. Studien haben darüber hinaus gezeigt, dass die Berufsausbildung für den Erwerbsstatus wichtiger ist, als die allgemeine Bildung. 5

Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Während im bundesdeutschen Durchschnitt 27 Prozent der Bevölkerung ohne eine berufliche Qualifizierung sind, betrifft dies bei den TiD 40 Prozent (vgl. Abbildung 2). 6 Außerdem tritt hier ein deutlicher Geschlechterunterschied zutage, auf dessen Erklärung im zweiten Teil der Auswertung zu den türkischen Wertewelten noch eingegangen wird.

Dass mit 54 Prozent der Anteil der 15- bis 29-jährigen TiD, die (noch) über keine Berufsausbildung verfügen relativ hoch ausfällt, ist einerseits typisch für diese Altersgruppe. Im bundesdeutschen Durchschnitt betrifft dies immerhin auch 41 Prozent. 7 Andererseits muss bedacht werden, dass die TiD in dieser Altersgruppe einen prozentual zu ihrer Gesamtmenge erheblich größeren Anteil stellen. Mit anderen Worten hat der erhöhte Mangel an einer Berufsausbildung umso größere gesellschaftliche Folgen.

Erwerbstätigkeitund Einkommen

Schaut man nun auf die aktuelle Erwerbstätigkeit der Befragten, so zeigt sich ein Bild, das in Einklang mit den bereits berichteten Ergebnissen zur allgemeinen und beruflichen Bildung steht. Nur 47 Prozent der TiD geben an, voll oder teilweise erwerbstätig zu sein (vgl. Abbildung 3). Im Vergleich dazu sind in der gesamten in Deutschland wohnhaften Bevölkerung ab 15 Jahren 58 Prozent erwerbstätig. Auffallend hoch sind die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen TiD: Von den türkischstämmigen Frauen geben nur 39 Prozent an, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, im deutschen Durchschnitt tut dies ziemlich genau die Hälfte. 8

Erwerbstätigkeit von Türken in Deutschland, gesamt und nach Geschlecht – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Wie der erheblich schlechtere Bildungsstand der TiD vor allem in Bezug auf berufliche Qualifikationen und die geringere Erwerbstätigkeit es bereits annehmen lassen, liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen bei den hier lebenden Türken deutlich niedriger, als in der gesamten Bevölkerung (vgl. Abbildung 4). 9 Auch hier lassen sich aufgrund der abweichenden Einteilung der vorliegenden Studie zur Darstellung des Statistischen Bundesamts nur bedingt Vergleiche ziehen. Interessant ist aber vor allem, dass der Anteil der Haushalte mit einem sehr niedrigen Einkommen bei den TiD sogar etwas geringer ist, als im deutschen Durchschnitt.

Haushaltseinkommen im Vergleich – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Über 70 Prozent der TiD-Haushalte haben zwischen 1.000 und 3.000 Euro monatlich zur Verfügung, aber weniger als ein Zehntel hat ein Haushaltseinkommen von mehr als 3.000 Euro im Monat. Dies dürfte vor allem auch dadurch begründet sein, dass wie oben gezeigt in türkischen Familien die Frauen seltener zum Haushaltseinkommen beitragen. Auch frühere Studien haben auf dieses Dilemma hingewiesen. 10

Zu den unterschiedlichen Haushaltsnettoeinkommen kommt nun noch hinzu, dass TiD-Haushalte mit durchschnittlich 3,6 Mitgliedern tendenziell größer sind, als der BRD-Durchschnitt (2,0). Leider zeigt die vorliegende Studie nicht, ob wie im deutschen Durchschnitt mit wachsender Haushaltsgröße auch das durchschnittliche Haushaltseinkommen zunimmt. Generell ist aber anzunehmen, dass das bereits geringere Haushaltseinkommen durch eine größere Anzahl an Mitgliedern geteilt werden muss.

Während über drei Viertel der in Deutschland lebenden Bevölkerung alleine oder zu zweit lebt, betrifft dies bei den TiD nicht einmal ein Drittel. Je ein Viertel der hier lebenden Türken wohnt sogar in einem Haushalt mit vier bzw. fünf und mehr Personen. In ganz Deutschland sind das nur zwölf Prozent der Bevölkerung (vgl. Abbildung 5). 11

Verteilung der Haushaltgrößen von Türken in Deutschland im Vergleich zum deutschen Durchschnitt – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Zuletzt soll noch ein Blick auf die Deutschkenntnisse der TiD geworfen werden, da diese maßgeblich für die Teilnahme an der Gesellschaft im Allgemeinen und am Erwerbsleben im Besonderen sind. Wie schon im Jahr 2010 mussten auch dieses Jahr zwei Drittel der Interviews überwiegend auf Türkisch durchgeführt werden. 12 Mehr als zwei Drittel der TiD geben passend dazu an, besser Türkisch als Deutsch zu sprechen, was sich mit der Einschätzung der Interviewer deckt. Frauen betrifft dies etwas stärker (74% Selbsteinschätzung, 70% Interviewereinschätzung) als Männer, jüngere TiD sprechen erwartungsgemäß erheblich besser Deutsch, als ältere.

Besonders viele TiD haben Sprachschwierigkeiten bei amtlichen Formularen (63%) und Behördengängen (47%), die wenigsten Verständigungsprobleme treten mit deutschen Nachbarn (31%) und beim Einkauf in deutschen Geschäften (22%) auf. Eine maßgebliche Veränderung seit der Befragung vor zwei Jahren lässt sich den Ergebnissen nicht ablesen. Mit Ausnahme des Einkaufens geben immer mehr Frauen als Männer Sprachschwierigkeiten bei den verschiedenen Interaktionen mit der Aufnahmegesellschaft an, die deutsche Staatsbürgerschaft und ein Bleibewille in Deutschland scheinen sich positiv auf das Erlernen der Sprache auszuwirken. Dass Empfänger von Transferleistungen in allen Bereichen vermehrt Verständigungsprobleme haben, dürfte sich vorwiegend durch die anzunehmende geringere allgemeine Bildung erklären.

Notes:

  1. Für die wesentlichen Ergebnisse vom Befragungsjahr 2010 siehe Strüning (2011): Türkische Wertewelten in Deutschland. In: Citizen Times (22.03.2011), online verfügbar unter http://www.citizentimes.eu/2011/03/22/turkische-wertewelten-in-deutschland/, abgerufen am 19.08.2012.
  2. Befragt wurde eine repräsentative Stichprobe (n=1.011) ab 15 Jahren bei einer geschätzten Grundgesamtheit von zwei Millionen TiD.
  3. Daten für deutschen Durchschnitt im Jahr 2010 eigene Berechnung nach Destatis (2012): Bevölkerung nach Altersgruppen, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/Tabellen/AltersgruppenFamilienstand.html, abgerufen 17.08.2012.
  4. Destatis (2012): Bevölkerung nach Bildungsabschluss in Deutschland ab 15 Jahren im Jahr 2011, fehlende Prozent: noch in schulischer Ausbildung/keine Angabe, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Bildungsstand/Tabellen/Bildungsabschluss.html, abgerufen am 17.08.2012.
  5. Vgl. Kreienbrink/Stichs (2012): Die Situation von Muslimen am Arbeitsmarkt. Empirische Grundlagen auf Basis der Daten der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ (MLD). Online verfügbar unter http://www.deutsche-islam-konferenz.de/SharedDocs/Anlagen/DE/DIK/Downloads/Sonstiges/vortrag-kreienbrink-muslime-arbeitsmarkt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/vortrag-kreienbrink-muslime-arbeitsmarkt.pdf, abgerufen am 19.08.2012.
  6. Daten für deutschen Durchschnitt: Destatis (2012): Bevölkerung nach Bildungsabschluss in Deutschland ab 15 Jahren im Jahr 2011, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Bildungsstand/Tabellen/Bildungsabschluss.html, abgerufen am 17.08.2012.
  7. Eigene Berechnung nach Daten von Destatis (2012): Bevölkerung 2010 nach Bildungsabschluss und Altersgruppen in Deutschland, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Bildungsstand/Tabellen/BildungsabschlussAlterBB.html, abgerufen am 17.08.2012.
  8. Daten für deutschen Durchschnitt im Jahr 2011 eigene Berechnung für Bevölkerung am 15 Jahre, nach Destatis (2012): Arbeitskräfteerhebung. Bevölkerung, Erwerbstätige, Erwerbslose, Erwerbspersonen, Nichterwerbspersonen, online verfügbar unter https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabelleErgebnis/12211-0001, abgerufen am 18.08.2012.
  9. Daten für TiD nach Abzug der Haushalte ohne Angabe zum Einkommen (15%) gewichtet; Daten für deutschen Durchschnitt im Jahr 2010 eigene Berechnung nach Destatis (2012): Wirtschaftsrechnungen. Laufende Wirtschaftsrechnungen. Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte (Fachserie 15, Reihe 1), S. 12. Online Verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/EinkommenKonsumLebensbedingungen/LfdWirtschaftsrechnungen/EinnahmenAusgabenprivaterHaushalte2150100107004.pdf?__blob=publicationFile, abgerufen am 18.08.2012.
  10. Vgl. Schönenbach (2012): Intrinsische Hindernisse des islamischen Finanzwesens (Diskussionspapier der Stresemann Stiftung), online verfügbar unter http://www.stresemann-stiftung.de/2012/07/24/diskussions-papier-islamic-finance-in-deutschland/, abgerufen 19.08.2012.
  11. Daten für deutschen Durchschnitt im Jahr 2010 eigene Berechnung (gerundet) nach Destatis (2012): Wirtschaftsrechnungen. Laufende Wirtschaftsrechnungen. Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte (Fachserie 15, Reihe 1), S. 12. Online Verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/EinkommenKonsumLebensbedingungen/LfdWirtschaftsrechnungen/EinnahmenAusgabenprivaterHaushalte2150100107004.pdf?__blob=publicationFile, abgerufen am 18.08.2012.
  12. Vgl. Pressemitteilung zur Studie der Info GmbH, online verfügbar unter: http://www.infogmbh.de/wertewelten/Wertewelten-2012-Pressemitteilung.pdf, abgerufen am 19.08.2012.

5 Comments »

  1. Johannes Thiedig 21. August 2012 at 11:48 - Reply

    „bei den 15- bis 29-Jährigen sind es nur noch 45 Prozent.“

    Im Klartext: Die Hälfte der jungen Türken hat keinen Schulabschluss.
    Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland viele Hauptschüler schon keinen Job bekommen, kann man sich ja ausmalen, dass hier nicht wirklich von einem positiven Nutzen für den Sozialstaat gesprochen werden kann.

    • Felix Strüning 21. August 2012 at 14:07 - Reply

      Nicht ganz korrekt: 45% dieser Altersgruppe hat keinen Abschluss und/oder war auf der Hauptschule

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