Deutsch-Türkische Werte 2012

19. August 2012 1

Studie Deutsch-Türkischen Lebens- und Wertewelten – Teil 2: Werte und Einstellungen

Welche Werte haben Türken in Deutschland? – Bild: Achim Lückemeyer / pixelio.de

Neben wichtigen sozioökonomischen Fakten über die hierzulande lebenden Türkischstämmigen, offenbart die aktuelle Studie der Info GmbH unter dem Titel Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten besorgniserregende Einstellungen der ca. 2,7 Millionen Türken in Deutschland (TiD). 1

Einstellungen zu Deutschland

Betrachtet man die Einstellungen der TiD gegenüber Deutschland und den Deutschen, so lässt sich zumindest im Hinblick auf den angegebenen Integrationswillen eine positive Entwicklung ablesen: Immerhin 75 Prozent (2010: 59%) wollen „unbedingt und ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören“. Für diese Teilhabe sind auch 78 Prozent (2010: 70%) bereit, sich „unbedingt und ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft [zu] integrieren“. Gleichzeitig finden es 95 Prozent der TiD wichtig, als Türken ihre Kultur in Deutschland zu bewahren. Auch denken 87 Prozent (2010: 83%), dass die Deutschen mehr Rücksichten auf die Besonderheiten der Türken nehmen müssten.

Islamisierung, Abgrenzung und Abwertung

Auf der anderen Seite stehen deutliche Separations- und Islamisierungstendenzen: Mit 62 Prozent sind anderthalb mal so viel TiD wie im Jahr 2010 der Meinung, dass sie am liebsten nur mit Türken zusammen sein wollen. Als Indikator geringer Integrationsmotivation kann auch der Anteil derer gelten, die Deutschland verlassen würden, wenn sie im Falle von Arbeitslosigkeit keine Transferleistungen erhalten würden. Er ist von 31 Prozent im Jahr 2010 deutlich auf 46 Prozent angestiegen (vgl. Abbildung 1).

Separationsneigungen bei Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Deutlich gestiegen ist auch der Wunsch nach mehr Moscheen (vgl. Abbildung 2). Fast die Hälfte der TiD hofft überdies, dass es in Deutschland bald eine muslimische Mehrheit gibt, vor zwei Jahren wollte dies noch ein Drittel. Auch hat sich die Zahl derer erhöht, die denkt, dass der Islam die einzig wahre Religion sei. Passend dazu fanden 45 Prozent die salafistische Koran-Verteilung im Sommer 2012 in Deutschland sehr gut oder eher gut. Mit 63 Prozent Befürwortung sticht hier die Gruppe der 15- bis 29-Jährigen besonders hervor.

Islamisierungsneigungen bei Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Leicht zugenommen hat ebenfalls die Abwertung anderer Lebensentwürfe: Als minderwertige Menschen werden verstärkt Atheisten empfunden, aber auch der Antisemitismus hat zugenommen (vgl. Abbildung 3). Minimal besser stehen derzeit lediglich Christen in der Achtung der TiD. Ungebrochen hoch ist dafür die Ablehnung von Schwulen und Lesben: Mehr als die Hälfte der Befragten denkt, dass Homosexualität eine Krankheit ist und 73 Prozent finden Homosexualität schlimm (2009: 69%).

Zu diesen besorgniserregenden Entwicklungen kommt hinsichtlich der Zukunft als verstärkender Faktor hinzu, dass unter den 15- bis 29-Jährigen die Ablehnung von Atheisten mit knapp 30 Prozent und der Wunsch nach mehr Moscheen mit fast 70 Prozent besonders hoch ausfällt.

Abwertung anderer Lebensentwürfe bzw. Religionen bei Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Generell sind 88 Prozent der TiD Muslime (Sunniten: 74%, Schiiten: 2%, Aleviten: 11%, Sufis: 1%). Drei Prozent gehören anderen Religionen an und sieben Prozent folgen keiner Religion. Auf einer elfstufigen Skala orten sich dabei die meisten als sehr religiös ein. Diese Tendenz hat sich seit 2009 verstärkt und betrifft Frauen mehr als Männer (vgl. Abbildung 4). Stärker religiös ist außerdem die Gruppe Über-50-Jährigen, zwischen den beiden jüngeren Altersgruppen finden sich jedoch keine nennenswerten Unterschiede.

Religiösität von Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Passend dazu gibt ein Drittel der Befragten (Männer: 30%, Frauen: 38%) an, die im Islam vorgeschriebenen fünf Gebete am Tag auszuführen. Nur 14 Prozent beten nie.

Zuwanderung und Heimatgefühl

Gefragt, warum sie überhaupt nach Deutschland gekommen sind, gaben nur drei Prozent der TiD ein Studium und 22 Prozent die Suche nach einem Arbeitsplatz an. Ein Drittel kam als Kind oder Jugendlicher mit den Eltern nach Deutschland und ganze 38 Prozent zogen zu, weil sie einen in Deutschland lebenden Partner ehelichten. Unterteilt man die Befragten nach Geschlechtern, ist es bei den Frauen sogar über die Hälfte, die durch Heiratsmigration hierher kam (vgl. Abb. 5).

Gründe für Zuwanderung von Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Während der Bildungsstand und die Abhängigkeit von Transferleistungen keine Tendenzen unterschiedlicher Zuwanderungsmotivation erkennen lassen, verändert sich die Zuwanderungsmotivation über die Altersgruppen hinweg deutlich. So stellt sich bei den heute 15- bis 29-Jährigen das Bild so da, dass gut die Hälfte als Kind oder Jugendlicher mit den Eltern zuwanderte, während die andere (knappe) Hälfte einen Partner in Deutschland heiratete. 2

Eher in der Türkei zu Hause fühlen sich 39 Prozent der TiD und dies auch relativ stabil über die Erhebungszeiträume (2009, 2010, 2012) der Vorgängerstudien hinweg. Abgenommen hat hingegen der Teil der TiD, die sich hier eher zu Hause fühlen, von 21 Prozent im Jahr 2009 auf 15 Prozent im Jahr 2012. Dafür wächst der Anteil derer, die sich in beiden Ländern gleichermaßen zu Hause fühlen. Der stärkste Unterschied ist hier bei der Staatsbürgerschaft zu erkennen: Von den TiD mit deutschem Pass fühlen sich 22 Prozent eher hier zu Hause und 28 Prozent in der Türkei. Bei den TiD ohne deutsche Staatsangehörigkeit empfinden gerade einmal zwölf Prozent Deutschland als Heimat und 42 Prozent geben der Türkei den Vorzug.

Konkrete Diskriminierungserfahrungen in Form von Beschimpfungen geben bis 29 Prozent an (2010: 42%), körperliche Angriffe aufgrund ihres türkischen Aussehens haben 16 Prozent erlebt (2010: 8%). Die Gruppe der 15- bis 29-Jährigen fühlt sich dabei besonders diskriminiert.

Rund die Hälfte der TiD will in Deutschland bleiben, ein über die Jahre geringfügig gewachsener Anteil überlegt die Rückkehr in die Türkei, konkret und zeitnah ist dies jedoch nur bei einem kleinen Prozentsatz. Hauptgrund für ein Rückkehrbedürfnis ist Heimatverbundenheit. Dementsprechend fällt die Wahrnehmung der Türkei gegenüber Deutschland vor allem bei touristischen und emotionalen Themen erheblich positiver aus. Deutlich höher als die deutsche, steht die türkische Regierung im Ansehen der TiD. Große Vorteile Deutschlands sehen Türkischstämmige lediglich bei der sozialen Absicherung, persönlicher Sicherheit, Gesetzgebung und persönlicher Freiheit.

Politik

Gefragt, welche Partei sie bei einer jetzt anstehenden Bundestagswahl sie wählen würden, wenn sie Wahlrecht hätten, gaben die TiD ein wenig überraschendes Bild ab. Größte Befürwortung finden SPD (39%) und Grüne (20%), anzunehmender Weise aufgrund ihrer zuwanderungsfreundlichen Politik. Die christlichen Unionsparteien finden hingegen bei gerade einmal zehn Prozent der TiD Zustimmung, obwohl sie für vergleichbar konservative Werte stehen, wie sie auch von Muslimen gelebt werden. Knapp ein Viertel der Befragten wäre dem Lager der Nichtwähler zuzuordnen. Bedeutsame Unterschiede hinsichtlich Geschlecht oder Alter lassen sich der Studie nicht entnehmen, auch die Veränderungen zum Erhebungszeitraum 2009 erscheinen – mit Ausnahme eines leicht geschrumpften Nichtwählerlagers – nicht ausschlaggebend (vgl. Abbildung 6).

Sonntagsfrage bei Türken in Deutschland – Grafik: Stresemann Stiftung / Citizen Times

Dürften die TiD in der Türkei wählen, würden sie zu einem der letzten Wahl aus 2011 relativ nahekommen. Die regierende islamistische Partei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan würde knapp die Hälfte der TiD-Stimmen bekommen, bei den TiD ohne deutsche Staatsbürgerschaft und den am wenigsten gebildeten am meisten. 3 Ein Viertel würde auch hier keine Partei wählen oder machte dazu keine Angabe.

Sprachkenntnisse, Kindergarten und Grundschule

Trotz der verhältnismäßig schlechten Deutschkenntnisse von gut zwei Dritteln der Befragten (siehe Teil 1), meinen über 90 Prozent, dass türkische Kinder bei der Einschulung gut Deutsch sprechen können müssten und befürworten deswegen einen verpflichtenden Kindergartenbesuch. Allerdings schicken nur zwei Drittel derjenigen Befragten, die ein Kind unter sechs Jahre im Haushalt haben (n= 197) ihr Kind auch regelmäßig in eine Kindertageseinrichtung. Außerdem bejahte an anderer Stelle in der Studie fast die Hälfte aller TiD die Frage, ob ein Kind zu Hause erzogen werden müsse. Dem durch die Bunderegierung geplanten Betreuungsgeld standen aufgrund des vermuteten Anstiegs der  Integrationsprobleme 56 Prozent der Befragten kritisch gegenüber. Nur 20 Prozent gaben an, ggfs. ein Betreuungsgeld für Kinder unter drei Jahren in Anspruch nehmen zu wollen.

Knapp 90 Prozent der TiD wollen, dass ihre Kinder parallel zur deutschen Sprache auch Türkisch können. Insgesamt denken fast zwei Drittel der TiD, dass die Vermittlung von Deutschkenntnissen sowohl von Staat als auch vom Elternhaus geleistet werden sollte. Gut drei Viertel stimmen einem gesonderten Deutschunterricht in der Grundschule zu, allerdings ist rund die Hälfte auch der Meinung, dass Lehrer des Türkischen mächtig sein sollten und anfangs sogar komplett türkischer Unterricht sinnvoll wäre. Letzteres hat seit der letzten Befragung stark zugenommen. Auch die Befürwortung von speziellen Türkenklassen oder -schulen hat zugenommen und findet Zustimmung bei 17 bzw. 15 Prozent.

Einstellungen zur Familie

In den meisten Studien zu Muslimen werden in Bezug auf die Familie sehr traditionelle Werte festgestellt, in bestimmten Ausprägungen gerne auch als gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen (GLMN). Die vorliegende Studie bestätigt diese Tendenzen weitestgehend. Nennenswerte Liberalisierungen lassen sich im Verhältnis zur Umfrage im Jahr 2010 nur bei der Akzeptanz der Berufstätigkeit von Frauen feststellen. Dennoch findet immer noch die Hälfte der Befragten, dass erwerbstätige Mütter ihre Kinder vernachlässigen und sie sich lieber um Kind und Haushalt kümmern sollten (2010 beide: 57%). Was die (voreheliche) Geschlechtertrennung und Jungfräulichkeit betrifft, lässt sich sogar eine leichte Verschärfung der Haltung ausmachen. Mit 28 Prozent ist auch die Zahl derer leicht gestiegen, die denken, dass Frauen in der Öffentlichkeit immer ein Kopftuch tragen sollten.

Zu diesen Einstellungen passt, dass der Anteil der TiD, der verheiratet ist und mit dem Partner auch in einem gemeinsamen Haushalt lebt, mit 68 Prozent sehr hoch ist. Ein Viertel der TiD ist ledig und lebt auch alleine, sechs Prozent sind geschieden und leben alleine. Nur zwei Prozent sind ledig und leben trotzdem mit einem Partner zusammen und ein Prozent tut dies nach der Scheidung. Rechnet man nun die verheirateten TiD raus, so ergibt sich, dass nicht einmal zehn Prozent der Unverheirateten und Geschiedenen mit einem Partner zusammen leben.

Vergleichbare Daten liegen für die Gesamtbevölkerung nicht vor. Es lassen sich lediglich einige Abschätzungen vornehmen. So waren im Jahr 2011 rund 40 Prozent der gut 40.000.000 Privathaushalte in Deutschland sogenannte Einzelhaushalte und die durchschnittliche Haushaltsgröße betrug demnach nur 2,02 Personen. 4

Notes:

  1. Befragt wurde eine repräsentative Stichprobe (n=1.011) ab 15 Jahren bei einer geschätzten Grundgesamtheit von zwei Millionen TiD.
  2. Ein Vergleich mit anderen Studien zu Muslimen in Deutschland lässt sich nur schwer ziehen, da dort bei der Frage nach der Zuwanderungsmotivation meist Mehrfachnennungen zulässig waren. Vgl. etwa Haug et al. (2009): Muslimisches Leben in Deutschland (herausgegeben von der Deutschen Islam Konferenz), S. 123. Online verfügbar unter http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/566008/publicationFile/31710/vollversion_studie_muslim_leben_deutschland_.pdf, abgerufen am 19.08.2012.
  3. Vgl. der Wikipedia-Artikel zur Parlamentswahl in der Türkei, online verfügbar unter http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Nationalversammlung_der_T%C3%BCrkei, abgerufen am 19.08.2012.
  4. Destatis (2012): Haushalte nach Haushaltsgröße, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/HaushalteFamilien/Tabellen/Haushaltsgroesse.html, abgerufen 17.08.2012. Außerdem die Spezialerhebung von Destatis (2012): Alleinlebende in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2011, online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2012/Alleinlebende/allein_pk.html?nn=50856, abgerufen am 19.08.2012.

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