Moralischer Tiefpunkt

12. August 2012 2

Der Fall Nadja Drygalla wirft kein gutes Licht auf die deutsche Öffentlichkeit

Ein Ruderin, nein, nicht Nadja Drygalla persönlich – Bild: KDH

Mensch, da haben wir alle nochmal großes Glück gehabt! Fast wäre es der kruden Agentin Nadja Drygalla (wahrscheinlich ein Tarnname) gelungen, nach ihrem Ausscheiden mit dem Deutschland-Achter die Weltherrschaft an sich zu reißen. Schlimm, dass es in der Bundesrepublik immer noch möglich ist, dass eine 23jährige in die Ruder-Nationalmannschaft aufgenommen wird, obwohl ihr Freund mal in der NPD war.

Mit dem Fall Nadia Drygalla hat der Kampf gegen rechts eine neue Stufe erreicht. Da die tatsächlichen Rechtsextremisten offenbar schon so weit gesellschaftlich marginalisiert sind, dass es sich nicht mehr lohnt, auf sie einzuschlagen, widmet sich das tapfere Gutmenschentum nun dem Feld der Verwandten und Freunde potentieller Rechtsextremisten. In Zukunft wird sich jeder genau überlegen müssen, mit wem er in ein Boot steigt. Niemand ist mehr sicher – wer weiß schon, ob er in der Grundschule nicht mal neben jemandem gesessen hat, der heute an der Tankstelle arbeitet, wo Holger Apfel morgens seine Brötchen holt.

Neu am Fall Nadja Drygalla ist darüber hinaus, dass der Sportlerin im Grunde überhaupt nichts vorzuwerfen ist: keine zweifelhafte politische Aussage wie im Fall des CDU-Politikers Martin Hohmanns, keine Solidaritätserklärung wie im Fall des Brigadegenerals Reinhard Günzel, keine Autobahn-Apologie wie im Fall der Buchautorin Eva Hermann, kein „innerer Reichsparteitag“ wie im Fall der Fernsehmoderatorin Müller-Hohenstein. Nein, Nadja Drygalla wird ernsthaft vorgeworfen, sich in den Falschen verliebt zu haben.

Im Hinblick auf diese unmoralische Anklage überrascht, dass sich in den sogenannten Qualitätsmedien niemand fand, der sich davon distanzierte. Völlig unkritisch recherchierten die Angestellten pseudokonservativer Blätter wie Welt und der FAZ auf der linksextremen Seite Indymedia, auf der zwischen allerlei Bekennerschreiben militanter Gruppen der „Outing“-Artikel über Drygalla erschienen war. Die Welt zitierte ausgerechnet Petra Pau von der SED-Nachfolgepartei Die Linke, die Drygalla einen „strammen Hang ins Nazi-Milieu“ unterstellte. Zudem veröffentlichte die Zeitung ein Foto einer rechtsextremen Kundgebung, auf dem eine verpixelte Wasserstoffblondine zu sehen ist und suggerierte ohne jegliche Belege, es handele sich um die junge Ruderin.

Treppenwitzartig ist in solchen Fällen der Umstand, dass sich die Hexenjagd irgendwann gegen diejenigen richtet, die sie losgetreten haben. So müssen sich die Funktionäre des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) – die Drygalla die Abreise nahegelegt haben – nun dafür rechtfertigen, dass sie nicht viel früher gehandelt haben. Einige Eiferer fordern sogar schon eine bedenklich an Stasi-Methoden erinnernde Überprüfung olympischer Sportler auf ihre „politische Zuverlässigkeit“. Das einzig Gute am Fall Nadja Drygalla ist: Wenn der moralische Tiefpunkt erreicht ist, kann es eigentlich nur noch aufwärts gehen.

2 Comments »

  1. Gutartiges Geschwulst 13. August 2012 at 20:42 - Reply

    Eine junge Frau, wie Nadja Drygalla, ist wohl ausreichend hilflos, um die Beißreflexe unserer politisch-medialen Gesinnungs-Köter bis zur Tollwut zu steigern.
    Hier erhalten sie Heldenmut zum Sonderpreis; auch für kleine Blockwarte erschwinglich.

  2. Uranus 24. August 2012 at 13:24 - Reply

    Der moralische Tiefpunkt ist damit sicher noch nicht erreicht, denn auch der kann nicht so tief sein, daß es nicht immer noch ein bißchen tiefer ginge.

    Diejenigen, die heutzutage lautstark zum „K(r)ampf gegen Rechts“ aufrufen, kommen mir mittlerweile vor wie der Dieb, der selber in die Menschenmenge hineinruft:

    „Haltet den Dieb, da vorne rechts läuft er!“

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