Tödliche Moralindustrie

8. August 2012 1

Rezension zu Jörg Schönbohm: Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter

Nichts hören, nichts sehen und bloß nichts sagen, typisch für den Gutmenschen – Bild: siepmannH / pixelio.de

Was haben Mülltrennung, Gender und Islamophobie gemeinsam? Sie entspringen alle einer Ideologie der Gleichheit oder besser, weil von oben durch Eliten durchgesetzt, der Gleichschaltung. Unter dem Label der politischen Korrektheit werden alle Unterschiede zwischen schwarz und weiß, Mann und Frau, reich und arm, gesund und behindert verleugnet. Doch es geht den politisch Korrekten leider nicht um wirkliche gesellschaftliche Veränderungen, denn sie setzen sich ein „für eine Bestrafung der Begünstigten statt für eine Verbesserung der Lage aller“, wie es Pascal Bruckner (Der Schuldkomplex) es ausdrückte. Dabei kreieren sie permanent eine Blase scheinbarer Gerechtigkeit, schreibt der konservative Denker und Politiker Jörg Schönbohm in seinem kleinen Bändchen über die Tugendwächter: „Sie wollen nicht die Lage des Menschen ändern, sondern den Menschen selbst – sie wollen eine Gesellschaft, die keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern mehr kennt, weil dieser ‚anerzogen‘ und nichts weiter als eine ‚Illusion‘ sei.“

Statt zu Verbesserungen führen „Betroffenheitsvirus“ und „Moralindustrie“ dazu, „daß wir unsere eigene Identität aufgeben“, so Schönbohm. „Schließlich könnte alles, was uns ausmacht und alles, worüber wir uns definieren, bei anderen Vorbehalte hervorrufen.“ Effektivstes Mittel dafür ist die Sprache, macht man sich mit ihr doch nicht wirklich die Finger dreckig und: „Wer nämlich über die Sprache bestimmt, der bestimmt auch über das Denken.“ Das hatte freilich schon George Orwell in seiner Anti-Utopie 1984 gründlich vorgedacht. Dort führte die herrschende Elite das sogenannte Neusprech ein, eine Sprache, die durch maximale Reduktion das Denken von Revolution und Aufbegehren vollständig unmöglich machen sollte, einfach weil es keine Worte dafür gab.

Ähnlich gehe man mittlerweile mit unseren Kindern um, argumentiert Schönbohm. Diese seien schließlich noch am leichtesten zu beeinflussen. Alles, was nicht ins Bild der politisch Korrekten passt, wird einfach aus dem Unterricht gestrichen. „Auf diese Weise wird aus unseren Schulbüchern alles ausgemerzt, was zum Nachdenken anregen könnte. Das traurige Resultat ist, daß die Sprachkenntnisse unserer Kinder verkümmern und ihr Wissen in zuvor bestimmte Bahnen gelenkt wird – Unwissenheit aus Vorurteil.“

Deutschland sei auf dem besten Weg in eine Planwirtschaft im tugendsamen Gutmenschen-Sinne, reüssiert der Autor. Doch wie schon Montesquieu festgestellt habe, könne es nur dort Freiheit geben, wo Konflikte sichtbar sind: „Denkfeigheit tritt an die Stelle freiheitlichen Bürgermuts.“ Was Schönbohm hier nur andeutet, ist jedoch die eigentliche (psychologische) Krux der Gutmenschen, dient doch das Verbot des Faktischen, also die sprachliche Verleugnung realer und natürlicher Unterschiede, der (zumindest vorübergehenden) Auflösung der permanenten kognitiven Dissonanz der Gutmenschen: Jeden Tag finden sie all jene Unterschiede bestätigt, die da eigentlich nicht sein dürften. Wahrscheinlich wirken viele von ihnen deswegen oft zu unglücklich. 1

Das dieser irrationalen Fluchtreaktion zugrundeliegende Hauptparadox der politisch Korrekten, klingt in Schönbohms kurzem Essay ebenfalls nur an. So ist es etwa bekannt, dass sich die Gutmenschen die Identifikation eines Menschen über seine Gruppenzugehörigkeiten verbitten, selbst aber eben jene benutzen, um den Ausgleich (angeblicher) Benachteiligungen zu rechtfertigen. Der größte Widerspruch der Gutmenschen liegt also darin, dass sie Unterschiede zwischen natürlichen Umständen und Lebensarten verleugnen, gleichzeitig aber die eigene Lebensweise als besser propagieren. Gleichheit von oben herab zu diktieren, ist aber ein Widerspruch in sich.

Jörg Schönbohm (2009): Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter. Waltrop/Leipzig: Manuscriptum, 63 Seiten, 7,95 Euro.

Notes:

  1. Vergleichbar wie den Gutmenschen geht es wahrscheinlich nur den gläubigen Muslimen. Im Koran wird ihnen die moralische, politische und wirtschaftliche Weltherrschaft versprochen, stattdessen finden sie sich in aller Regel am unteren Ende der Wirtschaftskette, politisch sind ihre Länder (noch) belanglos und moralisch ist der Islam eine barbarische Ideologie aus dem 7. Jahrhundert.

One Comment »

  1. K.R. 13. August 2012 at 13:24 - Reply

    Über die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge dieser Entwicklung im Denken und Bewußtsein der westllichen Zivilisationen ist schon früh (Nietzsche, Spengler) und auch ausreichend viel geschrieben wurden. Klar ist auch, dass die Durchsetzung jenes Gleichheitsideals (streng zu unterscheiden von der demokratischen Gleichheit vor dem Gesetz), das die Unterschiedlichkeit der Menschen verdammt, mit dem Werterelativismus und der von Linksliberalismus und Linksradikalismus gezielt betriebenen Dekonstruktion des bürgerlichen Wertekanons einhergegangen ist. Die psychologischen Folgen, insbesondere bei den schon im Kindergarten indoktrinierten Kinder, sind wie beschrieben desaströs. „Vielfalt“, aber nur im Sinne von eingeebneter Gleichwertigkeit, wird gepredigt, sich unterscheiden vom Anderen, gar „besser sein“, darf man aber nicht. Im Großen korrespondiert damit die EU mit ihren totalitären, undemokratischen Tendenzen.

    Immer wieder stellt sich die Frage, wie dieser Entwicklung geboten werden kann? Die Gründung von freiheitlichen Parteien, so schwierig sie angesichts der Gutmenschen-Macht in den Medien ist, ist ein Schritt. Der Mut, die eigene Meinung sagen – ja, unsere Verfassung gibt uns (noch) das Recht dazu! – und sie nicht in der vorgegebenen, Denkverbote und Tabus implizierenden Begrifflichkeit zu formulieren, eine wichtige Voraussetzung. Jeder weiß, wie schwierig das ist. Analysiert werden muß jedoch auch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, jener „Marsch durch die Institutionen“ zu jenen Schnittstellen der Macht, wo das Denken und die Begriffe, in denen es stattzufinden hat, produziert werden.

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