Welche Freiheit darf es denn sein?

3. August 2012 1

Rezension zu Ulrike Ackermann: Freiheitsindex Deutschland 2011 des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung

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Nicht erst seit George Orwells Anti-Utopie 1984 wissen wir, dass die Herrschaft über die Begriffe die Deutungshoheit im politisch-gesellschaftlichen Diskurs bedeutet. Nur wenn wir Worte für etwas haben, können wir es auch leben oder uns dafür einsetzen. So fehlt etwa im arabisch-türkischen Sprachraum ein der westlichen Freiheit vergleichbarer Begriff. Denn Freiheit ist im Islam immer von Gott gegeben und bedeutet im übertragenen Sinne, kein Sklave zu sein und deswegen frei, Allahs Weisungen zu folgen. Die Folgen dessen sind jeden Tag in den Zeitungen und in zunehmenden Maße auch in unseren Ländern zu beobachten.

In der westlichen Welt ist Freiheit hingegen sehr positiv konnotiert und steht zusammen mit den Werten Gleichheit und Gerechtigkeit an höchster Stelle der meisten Verfassungen. Folgerichtig ist der Kampf um das Verständnis von Freiheit umso härter. Wenn heutzutage sozialistische und linksextreme politische Kräfte versuchen, ihren Begriff von Freiheit als „Freiheit von sozialer Not“ durchzusetzen, ist nicht mehr viel übrig vom bürgerlichen Freiheitsverständnis. So forderte etwa Oskar Lafontaine 2007 auf dem Gründungsparteitag der Partei Die Linke eine „Freiheit durch Sozialismus“ und Sarah Wagenknechts gerade in aktualisierter Auflage erschienenes Buch ist mit Freiheit statt Kapitalismus betitelt. 1

Was aber bedeutet Freiheit für die Deutschen, fragte schon 2003 die Studie Der Wert der Freiheit vom Institut für Demoskopie (IfD) in Allensbach. In unregelmäßiger Folge erschienen seitdem mehrere Umfragen des IfD, z.T. auch als internationaler Vergleich oder etwa mit Bezug auf die FDP. Im Jahr 2011 schloss man sich dann mit dem John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung der Hochschule Heidelberg zusammen, um von nun an jährlich den Freiheitsindex Deutschland zu erstellen. Die Ergebnisse für 2011 wurden bei Citizen Times bereits ausführlich dokumentiert. Nun aber ist der Freiheitsindex Deutschland 2011 auch als Buch erschienen. Weil dort die Resultate in einem umfassenderen (historischen) Kontext diskutiert werden, sollen hier einige Themen nochmals aufgegriffen werden. Herausragend sind dabei die Beiträge von Thomas Petersen und Hans Jörg Schmidt.

Zum einen ging es bei der durch das IfD durchgeführten Umfrage darum, das Freiheitsverständnis an sich zu eruieren. Immerhin 24 Prozent der Befragten vertraten die oben thematisierte Sichtweise der Sozialisten, „Freiheit bedeutet, frei zu sein von sozialer Not, frei von Armut, Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit“ (Ost: 36%, West: 21%). Etwas weniger (21%, nahezu gleich in Ost und West) propagierten die am ehesten als libertär zu beschreibende Position, „Freiheit bedeutet, das tun zu können, was einem gefällt, dass man reisen kann, wohin man will, das [sic!] man leben kann, wie man möchte.“ Und immerhin 52 Prozent meinten, „Freiheit bedeutet, für sich selbst verantwortlich zu sein, sich frei für einen bestimmten Beruf zu entscheiden, für ein Land, eine Stadt, in der man leben möchte und sich für ein Ziel einsetzen zu können, das man erreichen möchte.“ Auch hier ist der Unterschied zwischen Ost (42%) und West (55%) deutlich zu sehen. Differenzen gibt es auch bei den Schulbildungsstufen: Libertäre sind überall gleich vertreten, aber der Anteil derjenigen, die Freiheit mit Selbstverantwortung assoziieren, nimmt mit steigender Bildung zu, die Vertreter der sozialistischen Freiheitsauslegung werden weniger.

Während bei der Frage danach, ob im Zweifel die Freiheit oder die Gleichheit zu bevorzugen sei, im Zeitverlauf seit 1996 keine klaren Entwicklungen sichtbar werden – beide Positionen finden wechselnd je 40-50 Prozent Zustimmung –, zeigt eine nur mittelbar auf die Freiheit gerichtete, aber essentielle Frage nach Selbstverantwortlichkeit sehr interessante Prozesse. Der Aussage „Jeder ist seines Glückes Schmied“, stimmten bis Anfang der 1970er fast zwei Drittel der Westdeutschen zu, der gegenteiligen Meinung „Die einen sind oben, die anderen unten“, hingegen nur ein Viertel bis ein Drittel der Befragten. In der Folge des 1968er-Wertewandels nahm die Zustimmung zur für Freiheit notwendigen Selbstverantwortung jedoch stark ab und pendelte sich bei 47 Prozent ein, während die passive Position, die der Gesellschaft alle Verantwortung überträgt, bis zu 37 Prozent Zustimmung erreichte (Abb. 1).

Als die Frage 1996 erstmals in den neuen Bundesländern gestellt wurde, meinte – wenig überraschend – über die Hälfte der Befragten, man könne an seiner persönlichen Stellung in der Gesellschaft nicht viel ändern. Nur 28 Prozent sagten hingegen, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Allerdings, und dies muss aus Sicht der Freiheitsforschung als positives Signal gelten, haben sich beide Positionen im Osten mittlerweile angeglichen (beide 42%). Ebenfalls positiv zu werten ist, dass die Befragten unter 30 Jahren – an denen sich immer zukünftige gesellschaftliche Trends ablesen lassen – 2011 erstmals wieder zu einem größeren Anteil der freiheitlichen Aussage „Jeder ist seines Glückes Schmied“ zustimmten. In Westdeutschland waren es 58 Prozent (53% der Über-30-Jährigen) und im Osten 56 Prozent (39% der Über-30-Jährigen).

Abb. 1: ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ – Quelle Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen, zuletzt Nr. 10077, August 2011, hier nach Ackermann (2012), Seite 35.

Neben diesem Verständnis von Freiheit an sich und der Einschätzung im Verhältnis zu anderen Werten, erfragte das IfD auch Aufgaben, die der Staat übernehmen sollte und stellte überrascht eine sehr hohe Staatsgläubigkeit fest. Diese scheinbaren Widersprüche erklärt Petersen zum Teil mit einem in der Umfrageforschung immer wieder thematisiertes Phänomen: Fragen, die in der Mediensprache gestellt werden, rufen ganz andere Antworten hervor, als persönlich formulierte. „Die Bevölkerung reagiert äußerst sensibel auf Signale der öffentlichen Meinung, vor allem auf Argumentationsmuster, die sie aus den Medien gelernt haben [sic!]“, so Petersen.

Auch thematisch scheint die medial vermittelte politische Korrektheit zu wirken: Für den Freiheitsindex Deutschland 2011 fragte das IfD danach, welche Aussagen verboten werden sollten und mit welchen man sich in der Öffentlichkeit den Mund verbrennen könne. Neben starken Übereinstimmungen von tatsächlichem und gefühltem Tabu bei Fragen etwa nach der Auschwitz-Lüge (hohe Zustimmung) oder der Übertreibung beim Klimawandel (niedrige Zustimmung), ergaben sich auch Bereiche mit großen Unterschieden zwischen Tabu und political correctness: Vor allem ist dies die Meinung „Es gibt zu viele Moslems in Deutschland“. Nur zwölf Prozent wollten eine solche Aussage verbieten lassen, aber 67 Prozent meinten, man könne sich selbst damit öffentlich diskreditieren. Die anderen Themen mit hoher gefühlter Intoleranz bei gleichzeitig geringer tatsächlicher Intoleranz bezogen sich auf Ausländer, die Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen, Entwicklungshilfe als Geldverschwendung und die Befürwortung von Atomkraft. Alles Themen, die der medial hegemonialen linken Ideologie widersprechen.

„Der Gedanke, dass das im Grundgesetz verankerte Prinzip der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch für abseitige Meinungen, für Tabubrüche und moralisch vielleicht schwer erträgliche Positionen gilt, liegt vielen Menschen offensichtlich fern“, schlussfolgert Petersen. „Es lässt sich darüber hinaus zeigen, dass es weniger vom Ausmaß der Radikalität einer Äußerung abhängt, ob jemand der Ansicht ist, sie solle verboten werden, als vielmehr davon, wie weit sie von der eigenen Überzeugung entfernt ist.“

Insgesamt erscheinen die Umfrageergebnisse des Freiheitsindex also widersprüchlich. Zum einen wird die Freiheit als Wert hoch geschätzt und zumindest in den neuen Bundesländern war immer die relative Mehrheit von der für Freiheit notwendigen Selbstverantwortlichkeit überzeugt. Zum anderen fordern die Deutschen in steigendem Maße staatliche Verbote und Fürsorge und erleben große gesellschaftliche Tabus bei der Meinungsäußerung. Am besten wird dieses Paradoxon wohl noch von Hans Jörg Schmidt in seinem Beitrag 2 Wie lässt sich Freiheit messen? zusammengefasst: 3 „Freiheit in Deutschland erscheint somit mehr als Lebensgefühl denn als Lebenswirklichkeit.“

Es bleibt zu bemerken, wie schade es ist, dass Herausgeberin Ulrike Ackermann selbst nur eine kurze Einleitung zu dem Band beigesteuert hat. Dies ist insbesondere deswegen bedauernswert, weil Ackermann ein Freiheitsverständnis hat, das durch gesellschaftliche Verantwortung und Bewusstsein für die historischen Entwicklungen, die Freiheit erst ermöglichenden gekennzeichnet ist. Ihre kurze Geschichte des Liberalismus (Eros der Freiheit) hat dies mehr als verdeutlicht und entsprechenden Widerspruch bei linksliberalen Kreisen hervorgerufen.

Generell ist der vorliegende Band schon jetzt breiter aufgestellt, als der Freiheitsindex Deutschland, dessen Ergebnisse ohnehin auch einzeln publiziert werden. Insofern erschiene es angebracht, die Publikation in den folgenden Jahren unter dem Arbeitstitel Jahrbuch für Freiheitsforschung und methodisch noch vielfältiger fortzusetzen. Man kann nur hoffen, dass das John Stuart Mill Institut dafür entsprechende Mittel bekommt, denn es mangelt in Sachen Freiheit an fundierter wissenschaftlicher Arbeit hierzulande.

Ulrike Ackermann (2012): Freiheitsindex Deutschland 2011 des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung. Frankfurt am Main: Humanities Online, 172 Seiten, 19,80 Euro.

Notes:

  1. Es handelt sich hierbei übrigens um ein typisches Argumentationsmuster der Linken, bei dem einfach Gegensatzpaare vertauscht werden: dem Kapitalismus wird nicht Sozialismus sondern Freiheit gegenüber gestellt oder bspw. dem Kollektiv(ismus) der Egoismus anstelle des Individualismus. In der Folge werden Kollektiv und Altruismus sowie Individualismus und Egoismus gleichgesetzt, was natürlich fatale Folgen für das Denken haben muss.
  2. Der Artikel leistet eine überzeugende Einführung in die quantitative und qualitative Freiheitsforschung anhand internationaler Studien zur wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Freiheit.
  3. In Bezug auf die vergleichbaren Erkenntnisse des Wertemonitors der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit.

One Comment »

  1. Rainer Lang 3. August 2012 at 10:36 - Reply

    „Der Aussage „Jeder ist seines Glückes Schmied“, stimmten bis Anfang der 1970er fast zwei Drittel der Westdeutschen zu […] In der Folge des 1968er-Wertewandels nahm die Zustimmung zur für Freiheit notwendigen Selbstverantwortung jedoch stark ab“

    es muss allerdings daran erinnert werden, das eben Anfang der 1970er das Wirtschaftswunder vorbei war, Stagflation und Arbeitslosigkeit blühten und junge Menschen erstmalig seit langer Zeit Probleme hatten, eine Lehrstelle bzw. Hohschulabsolventen eine Anstellung zu finden.

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