Deutschland den Deutschen?

30. Juli 2012 1

Rezension zu Thieme/von Bebenburg: Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario

Schmiererei: Nazis oder Ausländer raus? – Bil: KDH

Alle Menschen ohne deutschen Pass müssen die Bundesrepublik innerhalb eines Jahres verlassen. Der Müll verrottet in den Straßen, Paare werden getrennt, Kinder von ihren Eltern gerissen, Menschen sterben in Altenheimen wie die Fliegen. So klingt das fiktive und wahrhaft schreckliche Szenario der beide Redakteure der Frankfurter Rundschau, Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme. Es entstehen Parallelen zur NS-Diktatur – etwa wenn die guten Deutschen beginnen, Ausländer in ihren Wohnungen zu verstecken.

Schon der Einstieg gleicht mehr einem Endzeit-Roman als einer sozialkritischen Untersuchung. Ergänzt wird das Szenario durch Einschübe, die Bezüge zur bundesdeutschen Realität herstellen sollen – untermauert mit Interviews von Experten und Politikern wie Daniel Cohn-Bendit und Günther Wallraff. Sie sollen vor allem zeigen, wie abhängig die deutsche Gesellschaft von Zuwanderern ist: In Pflegeheimen hat jede sechste Pflegekraft einen Migrationshintergrund, ganze 35 Prozent der Beschäftigten in Reinigungsfirmen, bis zu drei Viertel aller Taxifahrer – aber auch bis 90 Prozent der Prostituierten in Großstädten.

Etwas befremdlich wirkt es jedoch, wenn Expertin Juanita Henning „Prostitutionsmigration“ als „Völkerverständigung von unten“ bezeichnet. In Abwandlung eines Prominentenzitats könnte man meinen, „der Deutsche schnackselt halt gern“ – und weil er in seiner Heimat nicht ausreichend Sex bekommt, wäre er auf billige Huren aus dem Ausland angewiesen. Da passt die Argumentation, Deutschland brauche Migranten, weil sie bereit seien, Arbeiten auszuführen, „die sonst niemand ausüben will“.

Spätestens ab der Hälfte des Buches stellt sich die Frage, ob die Autoren ernsthaft ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft verfassen wollten oder ob es sich in Wirklichkeit um eine versteckte Kritik von Zuwanderungsgegnern handelt. Denn selbst aus linker Sicht dürfte der Text an einigen Stellen Kopfschütteln hervorrufen. Formulierungen wie „Heimat ist der Ort, wo der Arbeitsvertrag unterschrieben worden ist“, bedienen vor allem die Interessen der Banken und Großindustrie und ignorieren, dass die meisten Menschen erst aufgrund finanzieller Not oder politischer Gewalt ihre Heimat verlassen.

Deutschland ohne Ausländer soll eine publizistische Antwort auf Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab darstellen – anders lässt sich der vielfache Hinweis auf das sozialdemokratische Enfant terrible nicht erklären. Das Manko des Buches ist jedoch, dass die Autoren die Argumente der Zuwanderungskritiker nicht ernst nehmen und sie deswegen auch nicht widerlegen. Beim Thema Sarrazin missachten sie, dass dieser die Ausweisung aller Ausländer überhaupt nicht fordert, sondern für eine selektive Zuwanderung plädiert und dies mit ökonomischen Gesichtspunkten begründet.

Die zentralen Fragen des Themas liegen eigentlich auf der Hand: Wie sähe die Bundesrepublik heute aus, hätte sie von Beginn an eine restriktive Zuwanderungspolitik verfolgt? Und: Welche Folgen hätte eine Reduzierung der Zuwanderung auf null? Doch sie bleiben bei von Bebenburg und Thieme unbeantwortet. Das Bestreben der Autoren ist es, den Deutschen zu vermitteln, wie wichtig und wünschenswert Zuwanderung nach Deutschland ist. Ob das gelingt, ist fraglich. Insbesondere die flammende Rechtfertigung der Prostitutionsmigration könnte dafür sorgen, dass der Text vor allem Zuwanderungsgegnern in die Hände spielt.

Bebenburg, Pitt von / Thieme, Matthias: Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario. München: Redline Verlag 2012, 272 Seiten, 19,99 Euro.

One Comment »

  1. K.R. 31. Juli 2012 at 01:02 - Reply

    Der Linksradikalismus führt den „Kampf
    gegen Rechts“ seit Jahrzehnten mit maßlos übertriebener polemischer Agitation. Das Ziel ist nicht nur die Verunglimpfung des politischen Gegners, der mundtot gemacht werden soll, sondern die absolute Deutungshoheit
    in den zentralen Fragen der politischen Agenda. Ältere Semester kennen die ganze Entwicklung: sie fing an den Universitäten an, ging in den Schulen und Medien weiter und hat im Verlauf der achtiger und neunziger Jahre über die Grünen die Parlamente erreicht. Die Sarrazin-Affäre ist der beste Beleg. Parolen und flotte, pseudointellektuelle Sprüche ersetzen Wissenschaftlichkeit
    wie Quellenstudium, Auswertung von statistischem Material, die Prüfung und Widerlegung der gegnerischen Thesen mit stichhaltigen Argumenten. Das ist ja auch nicht wichtig. Man nimmt sogar
    die eigene Lächerlichkeit in Kauf. Im Vergleich zum Bierernst des deutschen Stammtisches, als dessen Sprachrohr Sarrazin ihnen gilt, scheint sie irgendwie erfrischend zu sein. Hauptsache die Wirkung stimmt: die „konservative“ Kanzlerin selbst vollzieht die Ächtung
    des verhassten Gegners. Armes Deutschland!

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