Legenden der Linken

16. Juli 2012 0

Rezension zu Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre

Aufkleber der linksextremen Antifa in Erfurt – Bild: Felix Strüning

Es handele sich keinesfalls um eine Abrechnung, erklärt Gunnar Hinck gleich zu Beginn seines Buches. Das stimmt. Denn aus Sicht der militanten Linken ist die Arbeit des Politikwissenschaftlers weitaus schlimmer. Er möchte der unkritischen Verherrlichung des „roten Jahrzehnts“ (1967-1977) eine sachliche Betrachtung entgegensetzen, die Motive und Hintergründe der Protagonisten erhellt. Dafür hat er in den Jahren 2008 bis 2011 zahlreiche Zeitzeugeninterviews geführt, deren aussagekräftigste Passagen er sinnvoll in seinen Text einflechtet.

Der Autor prangert die Solidarisierung mit menschenverachtenden Diktaturen, die Anwendung von Gewalt sowie eine klammheimliche Freude über den RAF-Terror an. Er beginnt jedoch mit einer Dekonstruktion des Mythos der 68er. Entgegen verbreiteter Annahmen habe die Aufarbeitung der NS-Zeit bereits Ende der fünfziger Jahre begonnen, also unmittelbar nach der Entnazifizierung durch die Alliierten, und nicht erst mit der Studentenbewegung. Bei dieser habe es sich auch nicht um eine Auflehnung gegen die Eltern gehandelt, denn die wenigsten Aktivisten waren Kinder von Eltern, die sich mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätten. Tatsächlich stammten die Protagonisten der militanten Linken häufig aus zerrütteten Familienverhältnissen.

Die Bewegung sei nicht Auslöser des gesellschaftlichen Wandels gewesen, sondern lediglich auf der Welle des Wandels geritten, so der Autor. Hatte die damalige SPD-Gesundheitsministerin Käte Strobl nicht erheblich größeren Einfluss auf die sexuelle Revolution, als Kommunennackedei Uschi Obermaier? Hinck zumindest bejaht diese Frage. Und er beklagt er die unnötige Radikalisierung der Bewegung: „Ausgerechnet in einer Phase, in der alte Feindbilder erodieren und der Staat seine – auch personelle – Wandlungsfähigkeit zeigte, verbreitete sich antagonistisches und radikales Denken bei den jüngeren Generationen.“

Ein Großteil des Buches befasst sich jedoch mit der Gegenwart. Hinck kritisiert ehemalige Linksterroristen wie Ralf Reinders, deren Reflexionsbereitschaft „gegen null“ gehe. Aber auch bei bekannteren Persönlichkeiten nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund. So vergleicht er das Verhalten Joschka Fischers schon mal mit dem „kalabrischer Mafiosi“ und zweifelt im Stil Vroniplags die Legitimität des Doktortitels Götz Alys an. Aly komme in seiner Dissertation mit insgesamt 73 Fußnoten aus, „und so verzichtet er der Einfachheit halber auf ihre Nummerierung.“

Über das „Rote Jahrzehnt“ ist viel Unkritisches, Einseitiges und Unseriöses geschrieben worden. Gunnar Hinck übt scharfe Kritik, ohne dabei einseitig oder unseriös zu wirken. An einigen Stellen zeigt er durchaus Sympathien für die Anliegen der radikalen Linken, stellt seine Standpunkte unmissverständlich klar und prangert auch staatliches Fehlverhalten an – etwa die Haftbedingungen der RAF-Mitglieder, die er aus heutiger Sicht als nicht vertretbar einschätzt. Dem Autor gelingt es, politische Geschichte so zu vermitteln, dass man am Ende traurig ist, alle 427 Seiten schon gelesen zu haben. Deswegen soll er an dieser Stelle das letzte Wort haben:

Fasst man die Kontinuitäten und die tatsächlichen Motive zusammen, ist der Schluss zwingend, dass sich die federführenden Linksradikalen für das angeblich-historische Subjekt, die Arbeiter, in Wirklichkeit nie ernsthaft interessiert haben.“

Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre. Hamburg: Rotbuch Verlag 2012, 464 Seiten, 19,95 Euro.

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