Konservative und die Judenfrage

9. Juli 2012 0

Rezension zu Henning Albrecht: Antiliberalismus und Antisemitismus

Altes Feindbild Jude – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Hermann Wagener (1815-1889) zählt zu den bedeutendsten und vor allem publizistisch aktiven (Sozial-)Konservativen im Königreich Preußen des 19. Jahrhunderts. Eine den wissenschaftlichen Standards genügende Biographie über ihn fehlt jedoch bisher ebenso wie die historische Darstellung parteipolitischer konservativer Entwicklung zwischen Vormärz und Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches bis auf den heutigen Tag. Nun hat sich Henning Albrecht in einer umfangreichen Dissertation der politisch unbequemen Persönlichkeit angenommen.

Über das Vierteljahrhundert hinweg begleitet der Autor den Lebensweg seines Protagonisten. Auf der Grundlage neuer Quellenfunde, der Auswertung stenographischer Berichte der jeweiligen Parlamente, denen Hermann Wagener angehörte und der privaten, zum Teil kriegsbedingt ausgedünnten oder vernichteten Nachlässen, welche sich aber durch frühere Editionen bruchstückhaft erhielten sowie vor allem durch gründliche Analyse gegenwärtig (fast) vergessener Zeitungen und Zeitschriften preußischer Sozialkonservativer, rekonstruiert der Autor die gebräuchliche Kombination von antiliberalen, antikapitalistischen und antisemitischen Gedankengutes, welches den Akteuren und ihrem Umfeld anhaftete. Zwischen diesen Spannungspolen bewertet Albrecht in seiner Dissertation Hermann Wageners politisches und publizistisches öffentliches Wirken. Als langjähriger Chefredakteur der stockkonservativen Kreuzzeitung, Herausgeber verschiedener, zum Teil massenwirksamer Blättchen, Kalender und des wenig erfolgreichen, mehrbändigen Staats- und Gesellschaftslexikons gab er Meinungen vor.

Zwischen der 1848er Revolution und kleindeutscher Reichsgründung spielte der preußische Landtags- und Reichstagsabgeordnete, zeitweilig Mitarbeiter und Berater Otto von Bismarcks sowie Vortragender Rat im preußischen Staatsministerium, eine nicht unbedeutende Rolle in der Innenpolitik. Charakterlich durchaus unausgeglichen und folglich wenig zimperlich bei Durchsetzung seiner Projekte (nachzulesen in der Biographie von Hans-Christoph Kraus über Ernst Ludwig von Gerlach), konnte ihn selbst der Reichskanzler 1873 nicht im Amt halten, nachdem bekannt geworden war, dass Hermann Wagener in Spekulationsgeschäfte bei der Gründung der Pommerschen Zentralbahn verwickelt war. Bis zu seinem Lebensende blieb er publizistisch aktiv und verfasste die bedeutende, 1878 anonym erschienene Schrift Die Lösung der sozialen Frage. Vom Standpunkt der Wirklichkeit und Praxis. Von einem praktischen Staatsmanne.

Mit dem Übergang vom ständisch-korporativen zum bürokratisch-konstitutionellen Staat, der adligen Privilegienordnung zur bürgerlichen Klassengesellschaft und der frühkapitalistisch-agrarischen zur kapitalistisch-industriellen Wirtschaftsordnung ging soziale Differenzierung einher, die den unaufhaltsamen Aufstieg des Bürgertums und ihrer Ideologie, der Aufklärung und des Liberalismus mit sich brachte. In Furcht um Machtpositionen stellten Konservative die sich ändernden politischen und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse von nun an dauernd in Frage. Obwohl Albrecht Konservative allgemein als Gegner politischen, sozioökonomischen oder religiösen Wandels bezeichnet, gesteht er ihnen zu, dass sich deren sozialer Flügel (meist) positiv zu technischen und industriellen Modernisierungen äußerte. Die Akkumulation des Kapitals, die schrankenlose Konkurrenz und das Finanzkapital, welches keine „ehrliche Arbeit“ leiste, waren wesentliches Ziel ihrer (Sozial-)Kritik.

Erst unter dem Druck einer tiefen politischen und parlamentarischen Krise der Konservativen Partei (1858) versuchte die jüngere Generation um Wagener und Moritz von Blanckenburg eine breitere Wählerbasis zu schaffen. Angesprochen sollten sich die „Opfer“ nivellierender Liberalisierungspolitik und des Modernisierungsprozesses fühlen und diesem Zweck diente die Gründung des Preußischen Volksvereins 1861. In dieser Phase des Übergangs begann der „moderne“ Antisemitismus den christlich bestimmten Antijudaismus sukzessive abzulösen. Er fand seinen Ausdruck im Vorwurf, konstatiert der Autor, die Juden hätten mit Unterstützung der kapitalismusfreundlichen liberalen Politik das soziale und wirtschaftliche Leben und somit die Stabilität der nationalen Volksgemeinschaft zerstört.

So wurde unter anderem im Preußischen Volksblatt gegen das verfassungsmäßige Recht der Religionsfreiheit und des Gleichheitsgrundsatzes im Hinblick auf die „Judenfrage“ argumentiert. Anfang 1860 wurde auch in der Wochenschrift Berliner Revue das Thema aufgegriffen. Ersichtlich ist in beiden Publikationen und als exemplarisch für andere Publizistik zu kennzeichnen, die instrumentelle Verwendung des negativen Judenbildes gegen die Liberalen. Später sollte dies zur Grundlage werden für das judenfeindliche Klima des Kaiserreichs, welches in der Forderung gipfelte, sich „von den Juden zu emanzipieren“. Diese politisch-instrumentelle Gleichsetzung von Liberalismus und Judentum, judenfeindliche Stereotype inbegriffen, ist gleichfalls im von Wagener und ab 1861 vom dissidenten Linkshegelianer Bruno Bauer herausgegebene Staats- und Gesellschaftslexikon (1859-1867) anzutreffen.

Diese Anfangserscheinungen des modernen Antisemitismus definiert Albrecht als zyklisch, da zeitgeschichtlich in der konservativ-preußischen Großmachtpolitik die Bedeutung des äußeren Feindes „die Konstruktion des inneren Feindes“ ersetzte und sieht darin den vorwiegend instrumentellen Charakter des sozialkonservativen Antisemitismus bestätigt. In diesem Sinne betrachtet der Historiker die antijüdische Haltung der (Sozial-)Konservativen im analysierten Zeitraum nicht als grundlegend für deren Weltanschauung. Er lässt aber keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass die Grundlegung des rassistischen Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich hier vorgenommen wurde.

Henning Albrecht (2010): Antiliberalismus und Antisemitismus. Hermann Wagener und die preußischen Sozialkonservativen 1855-1873; Paderborn/München/Wien/Zürich: Otto-von-Bismarck-Stiftung (Wissenschaftliche Reihe, Band 12), 596 Seiten, 85 Euro.

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