Gefahren des gewaltlosen Dschihad

27. Juni 2012 2

Dr. Thomas Tartsch über die Verbreitung des Islams mittels Missionierung und der schleichenden Anpassung des Rechts

Proteste gegen den umstrittenen salafistischen Islamprediger Pierre Vogel in Koblenz 2011 – Foto: Schängel (CCLizenz)

Unter dem Titel Deutsch-sein und Muslim-sein schließen sich in keinster Weise aus erschien kürzlich ein Kommentar von Daniel Garske in der Dattelner Morgenpost, einer Lokalzeitung in NRW. Von besonderem Interesse sind die darin gemachten Ausführungen zur islamischen Missionierung (Da`wah) als Form des Dschihad:

Der große Dschihad bezeichnet das Verbessern der eigenen Moral und das Wachsen der Spiritualität, und der mittelgroße Dschihad bedeutet die Verbreitung des Islams mittels Lehre, Bildung und Missionsarbeit. Der kleine Dschihad, die Verteidigung des Islams mit Waffengewalt, soll nur dann stattfinden, wenn keine andere Handlungsalternative mehr besteht.“

Dass die Unterscheidung in kleinen und einen großen Dschihad eher von akademischen Interesse ist und der gewaltsame Dschihad eine Konstante islamischer Historie seit dem 7. Jahrhundert darstellt, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So existieren kleiner und großer Dschihad nebeneinander, weil es nicht nur ein Entweder-Oder gibt. Historisch war der expansive kleine Dschihad immer wichtiger und wird unter anderem ausführlich in den Ahadith-Sammlungen der Prophetentradition (Sunnah) und den Ausarbeitungen islamischer Juristen behandelt, da die Regelungen zur Ausübung des gewaltsamen Dschihad als Teil des islamischen Kriegs-, Fremden- und Völkerrechts (Siyar) zur al-muʿāmalāt, dem rechtlich geregelten Bereich der Scharia, gezählt werden.

Der Dschihad selbst wird dabei von den Gelehrten nicht nur in kleinen und großen Dschihad unterteilt, sondern es existieren bis zu 13 Arten des Dschihad. So etwa Shaikh Muhammad al-Salih Al-Munajjid auf seiner Webseite Islam Question & Answer. Vielmehr verstellt diese Dichotomie und die Verengung des Begriffes Dschihad allein auf den gewaltsamen Dschihad, wie er vom Dschihadnetzwerk al Qaida ausgeübt wird oder von den Dschihadi Salafiten Anfang Mai in Solingen gegen Polizeibeamte ausgeübt wurde, den Blick auf die Realität.

Diese wird vielmehr von einer umfassenden Definition des kleinen Dschihad abgebildet, die ich in meinem aktuellen Buch Muhammads Erbe. Dschihad, Dhimmi, Tötungs- und Bekämpfungsvers angeführt habe:

Der kleine Dschihad ist jede mit Niyya getätigte gewaltlose oder gewaltsame äußerste Anstrengung auf dem Weg Allahs, um islamische Herrschaft und islamisches Herrschaftsgebiet auszuweiten und die Einführung des Gesetzes (Scharia) in seiner Gesamtheit im Dar(u) l-Harb und im Dar(u) l-Ahd voranzutreiben, langfristig das Dar(u) l-Harb und das Dar(u) l-Ahd in das Dar(u) l-Islam einzuverleiben oder die Geltung des gesamten Gesetzes im Dar(u) l-Islam zu restaurieren.“ (S.69)

Da hier nicht alle Begriffe geklärt werden können, soll es reichen, wenn Da´wah (Einladung zum Islam) als mit Niyya (frommer Absicht) ausgeübte Missionstätigkeit für den Islam definiert wird, was als eine Form des gewaltlos ausgeübten kleinen Dschihad charakterisiert werden kann. Da´wah gilt als Verpflichtung des islamischen Staatswesens und für den einzelnen Muslim als verdienstvolles Werk, welches seinem „Jenseitskonto“ gutgeschrieben wird, weil selbst der ritentreueste und vorbildlichste Muslim nicht sicher sein kann, nach dem Tod sofort ins Paradies zu gelangen.

Dies ist nur denjenigen garantiert, die mit Allah einen Vertrag geschlossen haben und ihr Leben und Gut im Dschihad einsetzen. Dafür werden sie im Diesseits mit der Kriegsbeute belohnt und beim Tod im Dschihad als šahīd (Märtyrer in der Bedeutung Blutzeuge) und „Märtyrer im Diesseits und Jenseits“ sofort ins Paradies einziehen. So Sure 9, Vers 111 u.a. im Koran.

Da´wah richtet sich im nichtislamischen Gebiet primär an angeblich „glaubensschwache“ Muslime, die sich bruchlos in die jeweilige Gemeinschaft der Muslime (Ummah) einfügen sollen und an Nichtmuslime, damit diese konvertieren. Ein Beispiel dafür stellen die derzeitigen Da´wah Aktivitäten des salafitischen Netzwerkes in Deutschland und Österreich dar, die nicht salafitische Muslime als Munafiqun (Heuchler) sehen, die nicht der „wahren Rechtleitung“ folgen, während ein Teil dieser Salafiten die Schiiten und die Sondergruppen der Aleviten und Ahmadiyya als Muschrikun (Beigeseller) bezeichnen, womit diese entprechend des sogenannten Schwertvers (Sure 9, Vers 5) durch den gewaltsamen Dschihad bekämpft werden dürfen.

Finanziert wird Da´wah unter anderem durch die Zakah (Läuterungsabgabe), die zu den Fünf Pfeilern des Islam (Arkan al-Islam al-Chamsa) der individuellen und nicht delegierbaren Ritenpraxis gehört (die in der al-ʿibādāt der Scharia geregelt wird), wobei die Zakah nicht für Nichtmuslime verwendet werden darf. Diese können über eine freiwillige Spende (Sadaqat) finanzielle Zuwendungen erhalten, da die Zakah dem Zusammenhalt und der Festigung der Solidarität der Muslime untereinander dienen soll, wobei die Abgabe der Zakah im Grundsatz eine religiöse Verpflichtung darstellt. Nichtmuslime – primär Juden und Christen – mussten als rechtlich und sozial mindergestellte Dhimmis für ihren „Schutzstatus“ unter islamischer Herrschaft jährlich den im Vergleich zur Zakah höheren Dschizya (Tribut) entrichten. So will es der Bekämpfungs- oder Kopfsteuervers (9, 29).

Nach Sure 9, Vers 60 erhalten folgende acht Gruppen Zuwendungen aus der Zakah:

Die Almosen sind nur für die Armen, die Bedürftigen, diejenigen, die damit beschäftigt sind, diejenigen, deren Herzen vertraut gemacht werden sollen, (den Loskauf von) Sklaven, die Verschuldeten, auf Allahs Weg und (für) den Sohn des Weges, als Verpflichtung von Allah. Allah ist Allwissend und Allweise.“ 1

Somit kann die Zakah verwendet werden für:

  1. Die Armen
  2. Die Bedürftigen
  3. Diejenigen, die die Zakah einsammeln
  4. Die Konvertiten
  5. Den Loskauf von Sklaven
  6. Die Schuldner
  7. Die Mudschahidun: Diejenigen, die den Dschihad als „äußerste Anstrengung auf dem Weg Allahs“ (al-dschihādu fī sabīl illāh) ausüben, da Dschihad nicht „Heiliger Krieg“ bedeutet
  8. Die Reisenden

Die Verwendung der Zakah für Konvertiten dient auch der im Westen fast unbekannte Strategie „Ta´leef al Qulub“, die auch der Mehrzahl der Muslime und Konvertiten nicht geläufig ist. Da die ungefähre Übersetzung „Versöhnung/in Einklang bringen/Aussöhnung der Herzen“ nicht viel weiterhilft, sollen zwei Beispiele verdeutlichen, was mit Ta´leef al Qulub gemeint ist:

  1. Konvertiten sollen größere finanzielle Zuwendungen aus der Zakah nach ihrer Konversion erhalten, was nach Ansicht islamischer Gelehrter eine „gute religiöse Praxis“ darstellt.
  2. Bestechung islamkritischer Stimmen und islamkritischer Berichterstatter in den Medien mit Zuwendungen aus der Zakah, bis diese aufhören, sich kritisch über den Islam zu äußern oder anfangen, sich nur noch positiv über den Islam zu äußern, was gezielt in den Medien platziert werden soll.

Die Ausführungen sollen eines verdeutlichen. Wenn man über Dschihad spricht, darf man nicht nur den gewaltsamen Dschihad im Blickfeld haben, sondern muss ebenso alle Formen des gewaltlosen Dschihad wie Da´wah im Auge behalten, da diese Formen – je nach Ausrichtung der Da´wah ausübenden Gruppierung – auch der Etablierung des gesamten Gesetzes (Scharia) in einer nichtmuslimischen Gesellschaft dienen.

Das Endziel besteht damit in der Errichtung einer Nomokratie, die die im säkularen Staat bestehende Trennung von weltlicher und religiöser Sphäre überwinden soll, um das von Allah gewollte politische und sozio-ethische Gefüge der „besten Gemeinschaft, die das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet“ (3:110) zu verwirklichen. Dadurch werden persönliche und staatliche Sphäre einem religiösen Begründungszusammenhang unterworfen, der in der Scharia als eine die ganze Existenz überformende Handlungsanweisung und Grundlage einer ganzheitlichen Lebensweise (Dīn) seinen Ausdruck findet, da die Scharia in ihrer Gesamtheit als das von Allah den Muslimen auferlegte und durch Koran und Sunnah übergebende Gesetz definiert werden kann.

Aufgabe des säkularen und wertepluralistisch ausgerichteten Staates muss es also sein, jede Religion in einer Minderheitenposition zu belassen und denjenigen religiösen Gruppen wirksam zu begegnen, die aus dem allgemein gewährten Freiheitsrechten politische Forderungen ableiten, um diesen Staat langfristig abzuschaffen.

Eine nichtislamische Gesellschaft wird dabei nicht erst mit der Einführung der immer angeführten Körperstrafen des islamischen Strafrechts schariatisiert, sondern schon mit der Geltung von Achlaq, der islamischen Moral und Sittlichkeit, die im rechtlichen Teil der Scharia geregelt wird, was primär die rigide Geschlechtertrennung, die Verweisung der Frau in den privaten Raum und das Gebot der Verhüllung vom Hijab bis zum Niqab betrifft, die die sozio-ethischen Grundlagen einer schariatisch ausgerichteten Gesellschaft bilden.

Thomas Tartsch (2011): Muhammads Erbe. Dschihad, Dhimmi, Tötungs- und Bekämpfungsvers. Recklinghausen: Gehenna Buchverlag, 116 Seiten, 7,90 Euro. 

Notes:

  1. Zitiert nach der Übersetzung von Bubenheim/Elyas. In: Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD).

2 Comments »

  1. gold account 5. Juli 2012 at 00:05 - Reply

    [32] Nach Nagel (2008), S.943f ist die Quelle für 5:32 die aus dem Judentum stammende Mischna Sanhedrin, IV,5; Das Tötungsverbot aus 5:32 schützt damit nur die Mitglieder der eigenen, „gläubigen“ (islamischen) Solidargemeinschaft vor Übergriffen von ihresgleichen. Die Ahndung solcher Straftaten unter Muslimen sind, wie die Hudud Delikte (Grenzdelikte), Teil des schariaitschen Strafrechts. Das Wort Hadd (Pl. Hudud) bezeichnet in der islamischen Rechtswissenschaft eine von Allah absolut angedrohte Strafe wegen der Verletzung einer von Allah verordneten Grenze des Zusammenlebens der Muslime. Das Strafausmaß ist von Allah selbst als Gesetzgeber bestimmt und gilt somit als ewig und unveränderlich. In dieser Kategorie von Straftaten sind bei vollständiger Erfüllung des Straftatbestandes weder Begnadigung noch mildernde Umstände zulässig.

Leave A Response »