Herr Huismann und das Winnetou-Syndrom

26. Juni 2012 1

Rezension zu Wilfried Huismann: Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda

Der Panda, Wahrzeichen der umstrittenen Umweltschutzorganisation WWF – Bild: Helga Gross / pixelio.de

Wenn jemand schon vor Erscheinen Ärger mit dem Subjekt seines Buches bekommt, wenn eine mächtige Organisation Druck auf Buchhändler und Verlage ausübt, wenn sogar Amazon (zeitweise) einknickt(e) und ein solchermaßen stigmatisiertes Buch aus dem Angebot nimmt, dann – so könnte man meinen – kann es sich nur um ganz heiße Ware handeln. Um ein echtes Enthüllungsbuch. Einen Augenöffner sozusagen. So jedenfalls dachte ich, als ich mir das vorliegende Buch Schwarzbuch WWF – Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda von Wilfried Huismann direkt beim Verlag bestellte. Ich wurde allerdings ziemlich enttäuscht.

Vielleicht hätte ich mir die Enttäuschung sparen können, hätte ich früher auf einen befreundeten Journalisten gehört, der lapidar zu Protokoll gab: „Huismann kritisiert den WWF von links, das ist ja schon mal ziemlich uninteressant.“ Mit diesem Satz traf er den Nagel auf den Kopf, was ich in den folgenden Zeilen etwas ausführen will. Zunächst hätte ich mir ein paar Informationen über den Autor anlesen können, dann hätte ich schon gewusst, wo der Hase im Pfeffer liegt. Ein Geistes- und Sozialwissenschaftler, der bei der ARD-Sendung Monitor tätig war, wirft so dunkle linksgrüne Schatten, dass das Lesen seiner Zeilen schon ein wenig anstrengend zu werden verspricht.

Und dann war da der Klappentext, in dem der Teilsatz: „…Netzwerk aus Industriebossen, Ölmagnaten, Bankiers und Großwildjägern.“ hervorsticht. Sozusagen die Versammlung aller Inkarnationen des Teufels oder wahlweise Hauptdarsteller der Bösewichtseite für die nächsten 20 Tatort– Folgen. Die sinistre Elite der globalen Ausbeuterklasse ist es denn auch, gegen die Huismann a priori zu schreiben trachtet. Und was er dem WWF übel nimmt, ist eigentlich der Umstand, dass ihn diese Ansammlung von Übelmännern so sehr korrumpiert hat, dass er nicht mehr genug für die Rettung des Planeten tun kann. Das nämlich, so schreit es einem aus jeder Seite des Buches entgegen, sei bitter nötig.

Und so kapriziert sich Huismann dann auch folgerichtig und wie zu erwarten auf den ethnischen, sozialen und ethischen Gegenentwurf zum finsteren kapitalistischen Ausbeuter: Den guten, ehrenhaften Ureinwohner, am liebsten im Regenwald. Der Autor führt Kapitel um Kapitel Klage darüber, dass böse Ölfirmen, internationale Großbanken und Agrarmultis nicht nur allerorten mutwillig und aus reiner Profitgier natürliche Ressourcen zerstören, um etwa Palmöl anzubauen, sondern auch quasi als permanenten und unvermeidlich eintretenden Kollateralschaden die indigene Bevölkerung der betroffenen Regionen und Länder verdrängen, vertreiben und ausrotten. Diese, so Huismann, wären aber die einzigen, die in ihren natürlichen Lebensräumen „im Einklang mit der Natur“ oder auch „wahrhaft nachhaltig“, „schonend“ und „rücksichtsvoll“ mit den verfügbaren Ressourcen umgehen würden – mehr noch: sie seien die einzigen, die das überhaupt könnten.

Dieser Schmonzes, der die Essenz des utopischen, grünlinken Ökonirwanas wiedergibt, ist so abgeschmackt wie falsch. Die Vorstellung, dass indigene Völker quasi per Naturgesetz schonend mit ihren natürlichen Ressourcen umgehen, ist in der wissenschaftlichen Literatur vielfach widerlegt worden. Als ein Beispiel unter vielen seien hier die Gambier-Inseln genannt, eine zu Französisch Polynesien gehörende Inselgruppe, deren indigene Bevölkerung es innerhalb weniger Jahrhunderte fertigbrachte, die Inseln fast komplett zu entwalden, was zu katastrophalen ökologischen und sozialen Umwälzungen führte, inklusive Kannibalismus. Der Leser mag sich weitere Beispiele aus dem Internet zusammensuchen oder entsprechende Literatur konsumieren. 1

Man fragt sich nun zu Recht, was denn der WWF in diesem bösen Spiel für eine Rolle spielt. Nun, der Autor empört sich über die Tatsache, dass der WWF im Grunde gar keinen weltumspannenden radikalen Ökologismus verfolgt, sondern mit den bereits genannten Großkonzernen eine Symbiose eingegangen ist, die zum Ergebnis hat, dass sich global agierende Unternehmen bei ihren Aktivitäten (die mit allen positiven und negativen Folgen einhergehen, was hier gar nicht bestritten werden soll) einen zertifizierten Öko-Aufkleber auf die Windschutzscheiben ihrer Bulldozer kleben können, und dass der WWF massenhaft Geld einnimmt, um in erster Linie seine Funktionäre bezahlen und aberwitzige Summen für seine eigene Imagepflege ausgeben zu können. Ja – und?

Dem scheuklappenfreien Medienkonsumenten war doch eigentlich schon immer klar, dass so ziemlich jede sogenannte „Umweltschutzorganisation“ von Greenpeace über BUND bis eben zum WWF nur einen Zweck verfolgt: Kohle machen, um auf dem schlechten Gewissen des ahnungslosen Teils der industrialisierten Welt die eigene Gutmenschen-Weltverbesserungsmaschine am Laufen zu halten. Den Konnotationen bestimmter Misanthropen zufolge existieren grundsätzlich drei große Attraktoren, mit denen man, so die Legende, jeden Menschen korrumpieren könne: Geld, Macht und Sex. Betrachtet man die Effektivität der WWF-Geldmaschine (oder die anderer Umwelt-NGOs) und nimmt dazu das Maß des Einflusses, den solche Organisationen auf die Weltpolitik haben oder haben wollen, dann kann man feststellen, dass zumindest die ersten beiden großen Attraktoren beim WWF voll gewirkt haben. (Über den dritten wollen wir hier schweigen.) Two out of three ain’t bad.

Huismann begeht noch einen weiteren kapitalen journalistischen Schnitzer, indem er in seinem Buch zahllose „Augenzeugen“ des Geschehens zu Worte kommen lässt, die zu großen Teilen aus dem Kreis der kleinen, unermüdlichen und idealistischen Umweltaktivisten an der Basis kommen. Dass diese Menschen nicht besonders gut auf den WWF zu sprechen sind, ist logisch und zu erwarten. Da das Buch aber fast ausschließlich auf solchen Quellen beruht, kann der Leser keine einzige der Behauptungen dieser Gesprächspartner nachvollziehen. Letztendlich sind dies Anekdoten, die der Autor nacherzählt, nicht mehr und nicht weniger.

Dass es ihm entgegen des vollmundigen Klappentextes nicht gelungen ist, in das „Herz des WWF“ vorzudringen, merkt man auch daran, dass das einzige „Dokument“, das einen Rückschluss auf die hochrangigen Strippenzieher hinter den Kulissen des WWF geben soll (eine Einladung des Club der 1001 zum alljährlichen Panda-Ball) eine schlechte Kopie aus dem Jahr 1978(!) ist. Die Vorstellung übrigens, dass es höchstexklusive und geheime Kreise von Neue-Weltordnungs-Architekten gebe, die in solchen Klubs wie dem der 1001 die wahren Geschicke der Welt auswürfeln, ist zwar ein Lieblings- Sujet aller Verschwörungsfanatiker, dürfte aber seine Anziehungskraft unlängst vollends eingebüßt haben, seit bekannt wurde, dass Gestalten wie Jürgen „Dose“ Trittin von den Bilderbergern eingeladen wurde. Honi soit, qui mal y pense.

Dies alles soll dazu herhalten, das Weltbild des Autors zu untermauern, und das geht so: Die Bösewichter dieser Erde (Banken, Big Oil, Pharma, Agrarmultis etc.) haben sich in einer gigantischen, verschwörerischen Allianz zusammengetan, um den Planeten möglichst rasch und profitabel auszubeuten. Die Zerstörung der Umwelt ist dabei ein nachrangiger Nebeneffekt, die Ausrottung indigener Bevölkerungen wird in Kauf genommen. Und der WWF verleiht diesen apokalyptischen Reitern gegen satte Mengen Bares die grüne Absolution.

Die für beide Seiten gütliche und gut funktionierende Allianz zwischen Industrie und Umweltschutzorganisationen ist gewiss eine interessante, teilweise kritikwürdige und zu hinterfragende Sache. Das platte Weltbild des Autors und seine nimmermüde Litanei darüber, dass technischer Fortschritt grundsätzlich böse und zerstörerisch ist, gehen einem bei der Lektüre aber rasch auf die Nerven. Und die Angelegenheit hat noch einen weiteren, ausgesprochen unschönen Nebenaspekt.

Was nämlich im Zusammenhang mit Huismanns Perspektive auf die indigenen Völker dieser Welt besonders unangenehm aufstößt, ist seine (in Kreisen der Öko-Gutmenschen weit verbreitete) kulturelle Arroganz gegenüber solchen Gesellschaften. Hier tritt klar zu Tage, wie sich der saturierte weiße Bürger der Industriestaaten seine indigenen Völker vorstellt: unterentwickelt, zurückgeblieben, mangelernährt und in der Steinzeit gefangen. So kann er sich „seine“ Eingeborenen stets als zu schützendes und zu gängelndes Subjekt halten, sozusagen das soziokulturelle Terrarium, weit weg von der eigenen Villa in Königstein, aber mit echten Lebewesen drin, die ja ohne die Fürsorge der Öko-NGOs womöglich auf die Idee kämen, solch verabscheuungswürdige Dinge wie etwa Kühlschränke, Heizungen, fließendes, sauberes Wasser, medizinische Versorgung, Bildung haben zu wollen – oder ganz einfach nur das Bedürfnis entwickeln könnten, nicht mehr auf dem Lehmboden im Kot ihres Viehs schlafen zu müssen. Man kann sich diese, Winnetou-Syndrom genannte, herablassende Attitüde jeden Tag auf den Plakatwänden der Republik anschauen, auf denen zahllose NGOs um Spenden betteln, in dem sie sich als die Retter von armen, kleinen Negerbabies gerieren, die mit feuchten Kulleraugen in die Kamera des (gut bezahlten) Journalisten gucken. Ich finde solches Gebaren absolut unerträglich.

Welche verachtenswerte und beschämende Rolle Organisationen wie der WWF in diesem Spiel haben, das wäre mal eine Recherche wert: Die Verweigerung auch nur des kleinsten Fortschritts für die unterentwickelten Völker dieser Erde zum Zwecke der eigenen Glorifizierung und Machtmaximierung. Aber es scheint wohlfeiler, sich über „die Multis“ aufzuregen. Das erhöht wohl die Nachfrage.

In diesen Zusammenhang passt abschließend die hier verlinkte Karikatur, die mir auf Facebook unlängst auf die Pinnwand flatterte, und die den Grundirrtum über „nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur“ einfach treffend wiedergibt.

Wilfried Huismann (2012): Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda. Gütersloh: Verlagsgruppe Random House, 256 Seiten, 19,99 Euro.

Themenseite des WWF zum Schwarzbuch

Notes:

  1. Jared Diamond (2004): Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed. Viking Adult (7. Auflage).

One Comment »

  1. Buchfanista 10. Juli 2012 at 11:13 - Reply

    schade, dass das buch bekämft wird… wo bleibt da die Rede-Freiheit? ich denke, dass es erlaubt sein sollte frei zu reden und schreiben und wenn einer das nicht richtig findet, dann sollte es wiederlegen statt es zu verbieten versuchen.

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