Schafft Deutschland sich ab?

19. Juni 2012 0

Wie steht es um unseren Wissenschaftsstandort? Eine Analyse der Habilitations- und Promotionszahlen

Wie steht es um Habilitationen und Promotionen hierzulande? – Bild: CT / All Silouhettes.com

Im Magazin liberal der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit verwies der österreichische Publizist Michael Hörl kürzlich darauf, dass Deutschland mehr bedeutsame Erfindungen hervorbringe, als die meisten anderen Nationen. Nur, dass hierzulande kaum etwas daraus gemacht würde, weswegen die meisten Erfinder in die USA oder nach Asien gehen würden. Grund dafür sei vor allem betriebswirtschaftliches Unvermögen der Deutschen: „Geht es um Technik, parlieren die Gäste einer Talkshow noch auf Weltniveau. Wechselt man jedoch zur Wirtschaft, sackt das Level gegen null.“

Über unser Bildungssystem ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden und es gibt wohl wenige Bereiche, die ideologisch so umkämpft sind und in denen derart politisch experimentiert wurde. Der Bologna-Prozess zur Internationalisierung der Studiengänge hat die deutschen Universitäten in ein Reformchaos gestürzt, das seinesgleichen sucht. Und von der Bildungsmisere an den allgemeinbildenden Schulen, insbesondere denen mit hohem Migrantenanteil aus dem islamischen Kulturraum, braucht man gar nicht erst anfangen.

Wie aber steht es um das obere Ende der Wissenschaft in Deutschland? Exzellenzinitiativen sollen Eliteunis schaffen und diese den Wissenschaftsstandort Deutschland stärken. Vor allem die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) stehen dabei immer im Fokus, sollen deren Entwicklungen doch unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten. Nun muss man Thilo Sarrazin keineswegs zustimmen, dass allein die Masse der jährlich auf den Arbeitsmarkt geworfenen MINT-Fachkräfte uns als Nation voranbringt, haben wir doch gegen Länder wie China oder Indien diesbezüglich sowieso keine Chance, einfach aufgrund der demografischen Entwicklung. Vor allem aber wird dabei unterschätzt, welche Rolle die Sozial- und Geisteswissenschaften für die Entwicklung unserer Gesellschaft spielen und spielten. Ohne die großen Philosophen der Aufklärung, die erst das Selbstbild des denkenden Menschen erarbeiteten, wären die Naturwissenschaften niemals über die von der Kirche vorgegebenen Grenzen hinausgekommen.

Abseits dieser Diskussion soll nun aber der Blick auf heute vom Statistischen Bundesamt (Destatis) veröffentlichte Zahlen über Habilitationen in Deutschland geworfen werden. Denn an der Menge dieses höchsten Bildungsabschlusses kann man auch ablesen, wie es um unseren Wissenschaftsstandort steht. Und diese Zahlen sind nicht wirklich ermutigend: Insgesamt 1.563 Wissenschaftler haben im Jahr 2011 ihre Habilitation an wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland erfolgreich abgeschlossen. Damit sank die Zahl der Habilitationen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent. Verglichen mit dem Höchststand im Jahr 2002 gab es 2011 fast ein Drittel weniger erfolgreich abgeschlossene Habilitationen.

Daten: Destatis, Darstellung: Citizen Times Grafik

Besonders deutlich ist der Abfall in Mathematik und Naturwissenschaften: Hier hat sich die Zahl der jährlichen Habilitationen in den letzten elf Jahren mehr als halbiert. Auch alle anderen Fächergruppen verzeichnen einen starken Schwund, lediglich die Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften variieren auf einem relativ hohen Niveau.

Tabelle 1: Habilitationen in Deutschland 2000 – 2011

Jahr Insgesamt Sprach- und Kultur- wissenschaften Rechts-, Wirtschafts- und Sozial- wissenschaften Mathematik, Natur- wissenchaften Human-medizin,  Gesundheits- wissenschaften Übrige Fächer
2000 2 128 410 253 587 700 178
2001 2 199 445 214 528 811 201
2002 2 302 467 225 557 849 204
2003 2 209 439 242 477 873 178
2004 2 283 466 241 478 910 188
2005 2 001 371 225 371 856 178
2006 1 993 374 195 377 894 153
2007 1 881 354 163 376 846 142
2008 1 800 343 176 330 811 140
2009 1 820 349 182 337 816 136
2010 1 755 318 139 295 867 136
2011 1 563 268 114 257 799 125

Das Statistische Bundesamt führt diese Entwicklungen teilweise auf die Einführung der Juniorprofessur zurück, die einen alternativen Qualifizierungsweg zum traditionellen Habilitationsverfahren darstelle: „Während es 2002 lediglich 102 Juniorprofessuren gab, waren es 2010 bereits 1.236 Juniorprofessuren. Die Gesamtzahl der hauptberuflichen Professorinnen und Professoren – einschließlich Juniorprofessuren –  stieg im gleichen Zeitraum um 10 Prozent von 37.861 auf 41.462.“

Beruhigen kann dieses Argument freilich nicht wirklich, streben doch viele Inhaber einer Juniorprofessur zusätzlich eine Habilitation an, weil ihr Status nach Ablauf der zeitlich befristeten Juniorprofessur gesetzlich nicht klar geregelt ist. Auch übernehmen zahlreiche Habilitanden in der Schlussphase ihrer Qualifizierungsarbeit eine Juniorprofessur als Übergang zur W2- bzw. W3-Professur. Es liegen also größere Schnittmengen vor, zumal einige Fachbereiche, insbesondere die Geistes- und Rechtswissenschaften, die Juniorprofessur sehr kritisch sehen oder gänzlich ablehnen.

Eine gewisse Erleichterung stellt sich jedoch ein, wenn man zum Vergleich die erfolgreich abgeschlossenen Promotionen in Deutschland heranzieht. In der Fachserie 11 hat Destatis hier die Zahlen bis zum Jahr 2010 veröffentlicht. Sie zeigen über die untersuchten Fächergruppen hinweg ein relativ stabiles Niveau. Während Mathematik und Naturwissenschaften hier sogar einen Höchststand vermelden können, haben die Promotionen im Bereich Humanmedizin deutlich abgenommen.

Daten: Destatis (Fachserie 11), Darstellung: Citizen Times Grafik

Tabelle 2: Abgeschlossene Promotionen in Deutschland 1999-2010

Jahr Sprach- und Kultur- wissenschaften Rechts-, Wirtschafts- und Sozial- wissenschaften Mathematik, Natur- wissenchaften Humanmedizin,  Gesundheits- wissenschaften
1999  2 252  3 076  7 401  7 911
2000  2 674  3 261  7 607  8 397
2001  2 539  3 403  7 095  8 088
2002  2 403  3 130  6 575  8 062
2003  2 512  3 342  6 412  7 193
2004  2 518  3 329  6 345  7 447
2005  2 852  3 811  7 068  8 224

 

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