MUT zum Verzeihen

11. Juni 2012 0

Der Wandel der Zeitschrift MUT von einem rechtsextremen Theorieorgan zu einem demokratischen Meinungsforum – und was man daraus lernen kann

Cover der Zeitschrift MUT – Bild: Karsten-Dustin Hoffmann

Die Geschichte von MUT ist schon oft erzählt worden: Gegründet 1965 von Bernhard C. Wintzek als Jugendzeitschrift, mit einer Auflage von gerade einmal 300 Exemplaren, etablierte sich das Blatt in den späten Siebzigern als eines der führenden rechtsextremistischen Periodika. Der moralische Tiefpunkt war mit dem Januarheft des Jahres 1979 erreicht: Anlässlich der Ausstrahlung des US-Fernsehfilms Holocaust stellte einer der Autoren die Frage, ob Auschwitz nicht bloß ein industrielles Arbeitslager und die Gaskammern in Dachau nicht von den Alliierten erbaut worden seien. Prompt folgte die Indizierung durch die zuständige Behörde. MUT klagte vor Gericht und verlor. Herausgeber Wintzek gab dreißig Jahre später in der Rückschau zu: „Ich wurde in jenem Jahr immerhin schon 36! Unfaßbar: mit 36 noch so unreif. Beschämend!“

In den Achtzigern setzte ein kontinuierlicher Wandel ein, bei dem Wintzek sich nicht scheute, persönliche Risiken einzugehen. MUT trennte sich von Autoren und Unterstützern – gewann jedoch neue hinzu, die eine Neuausrichtung mittrugen und sie schließlich zum Erfolg führten: Nicht jede Zeitschrift kann von sich behaupten, die drei letzten Bundespräsidenten in ihrer Autorenliste zu führen. Horst Köhler Schrieb über die positiven Effekte des Euro (12/95), Christian Wulff über Elemente erfolgreicher Reformpolitik (4/07) und Joachim Gauck verfasste einen Text mit dem vielversprechenden Titel Freiheit heißt Verantwortung (6/04) – als hätte er seine spätere Karriere schon erahnen können. Selbst Helmut Kohl (2/1996) und Oskar Lafontaine (3/95, 8/98) lieferten eigene Beiträge für die Zeitschrift.

Seit den neunziger Jahren ist viel über MUT geschrieben worden. Der Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber erkannte einen erfolgreichen politischen Wandlungsprozess. Die Politikwissenschaftlerin Katja Eddel ordnete die Zeitschrift in ihrer 500 Seiten starken Dissertation in der politischen Mitte ein – „mit einer Tendenz zum Konservatismus“. Diese Tendenz ist nicht zu leugnen, denn linke Autoren kommen in MUT kaum zu Wort. Aber das macht den Wandel glaubhaft. Genau wie ein langsamer, aber konsequenter Gesinnungswandel allemal glaubwürdiger erscheint als eine plötzliche 180-Grad-Wende.

Die Distanzierung von rechtsextremem Gedankengut ist nicht von allen Seiten gewürdigt worden. Obwohl sich in der Zeitschrift schon seit zwanzig Jahren keine Belege für rechtsextreme Tendenzen finden, stehen Autoren der Zeitschrift – zu Unrecht – unter einem erheblichen Rechtfertigungsdruck. Als etwa bekannt wurde, dass Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren würde, dauerte es nur wenige Stunden bis im Internet Vorwürfe auftauchten, er habe für die „extrem rechte“ Zeitschrift geschrieben. Dabei stammt sein Artikel aus dem Jahr 2004. Auch der Extremismusforscher Eckhard Jesse, der seit 1993 ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift ist, sieht sich immer wieder harscher Kritik ausgesetzt. Im November 2010 versuchte ein Zusammenschluss linker Hochschulgruppen einen Vortrag des Politikwissenschaftlers an der Uni Freiburg zu verhindern und begründete dies u. a. mit seinem MUT-Engagement.

Diese Verhaltensmuster offenbaren ein Manko im Umgang mit dem Phänomen Rechtsextremismus. In der taz vom 12. November 2011 bemerkte Sebastian Heiser passend: „Das Strafrecht kennt die Verjährung – doch wer eine Vergangenheit bei den Rechtsextremen hatte, muss ein Leben lang damit rechnen, sich Vorwürfe anzuhören und ausgegrenzt zu werden.“ Im Fall der Zeitschrift MUT wird der Vorwurf des Rechtsextremismus indirekt sogar auf Autoren ausgedehnt, die zu keinem Zeitpunkt rechtsextremistische Thesen vertreten haben. Nicht um ihre Aussagen geht es, sondern um eine angebliche Aufwertung einer vermeintlich rechtsextremen Zeitschrift.

Sich vom Rechtsextremismus loszusagen, ist kein Verdienst, sondern eine Selbstverständlichkeit. Aber: Wer sich vom Extremismus lossagt, dem ist die Gesellschaft zur Handreichung verpflichtet.

Vielleicht wäre es auch in ihrem Sinne hilfreich, sich unvoreingenommen mit der Zeitschrift MUT zu beschäftigen. Kann sie ein Beispiel für den Umgang mit heutigen rechtsextremen Publikationen sein? Dass Angela Merkel eines Tages in der Deutschen Stimme publiziert oder Guido Westerwelle in Hier & Jetzt, liegt fernab jeglicher Vorstellung. Dass das Unmögliche im Falle von MUT möglich wurde, lag nicht zuletzt an der Läuterung des Chefredakteurs. Was Dieter Stein für die Junge Freiheit und Alice Schwarzer für die Emma, das ist Bernhard C. Wintzek für MUT. Die Zeitschrift ist sein Lebenswerk. Sie erzählt seine Geschichte. Menschen können sich ändern.

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