al-Qaida deeskalieren

16. Mai 2012 2

Rezension zu André M. Malick: Al-Qa’idas Interpunktion von Ereignisfolgen

Ground Zero in New York im April 2012 – Bild: Karsten Dustin Hoffmann

Nach der Aufdeckung der Neonazi-Mordserie Ende 2011 steht die Auseinandersetzung mit dem Extremismus von Rechts im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses – das ist nur verständlich. Aber: An der Bedrohungssituation durch den islamischen Terrorismus hat sich nichts geändert. Erst im Frühjahr 2011 ermordete ein islamistischer Attentäter am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer (beim fünften Opfer versagte die Schusswaffe). Offenbar ist dies bereits in Vergessenheit geraten.

Der Forschungsstand über den islamischen Extremismus ist infolge der Anschläge des 11. September 2001 stark angewachsen. Der Hamburger Kriminologe André M. Malick beklagt jedoch einen Mangel an kommunikationsanalytischen Ansätzen, denen er großes Potential zur Entschärfung von Konflikten beimisst. Im Rahmen einer Studie über die Interaktion der Terrororganisation al-Qaida und ihren westlichen Gegnern nimmt er einen Perspektivenwechsel vor und betrachtet die Entwicklungen, die zu den Anschlägen auf das World Trade Center führten, aus Sicht der Terrorgruppe.

Der Verfasser analysiert eine Reihe von Originaltexten Osama bin Ladens, seines Mentors Abdullah Azzams und seines Stellvertreters Ayman al-Zawahiris sowie die Reaktionen des Westens auf deren Forderungen. Dabei macht Malick gravierende Mängel in der Kommunikation zwischen den Parteien aus: Während die USA die Drohungen Bin Ladens ignorierten, habe der al-Qaida-Führer insbesondere die Nicht-Reaktion der Amerikaner als Provokation verstanden. Über das grundlegende Problem – die Präsenz der US-Streitkräfte auf muslimischem Territorium und in Bin Ladens Heimatland Saudi-Arabien – sei überhaupt nicht kommuniziert worden. Dieser Zustand dauere bis heute an, daher hält der Verfasser die Militäroperationen des Westens in Afghanistan und im Irak für sehr bedenklich. Sie begünstigten einen homegrown terrorism, wie ihn insbesondere die US-amerikanischen Altkonservativen um Patrick Buchanan befürchten.

Malick ist ein Schüler Sebastian Scheerers, Direktor des Instituts für Kriminologische Sozialforschung in Hamburg, der Terrorismus als askriptives Merkmal ansieht. Der Begriff ließe sich dazu benutzen, diejenigen zu kennzeichnen, mit denen ein Staat aus strategischen Gründen nicht zu Verhandlungen bereit sei. Eine Einschätzung, die Malick zumindest ansatzweise teilt: „Wenn man Terroristen nicht zuhören will, führt genau diese Etikettierung dazu, dass der Terrorist noch lauter werden muss – bis man ihn nicht mehr überhören kann.“ Diese Argumentation erinnert an die der Gegner des Extremismuskonzepts („Es gibt gar keinen Linksextremismus“), die ebenfalls auf die Gefahr des Missbrauchs von Begriffen abstellen. Deswegen sollten die Autoren bedenken: Kein wissenschaftliches Konzept ist davor gefeit, zu politischen Zwecken missbraucht zu werden – den Nutzen stellt dies aber nicht in Frage.

Malick versteht seine Arbeiten als Anregung, kommunikationstheoretische Erkenntnisse stärker als bisher in der wissenschaftlichen Diskussion über islamistischen Terror zu berücksichtigen. Er favorisiert die Methode Watzlawicks. Dessen drittes Axiom beschreibt die „Interpunktion von Ereignisfolgen“, nach der sich beide Kommunikationspartner durch das Verhalten des jeweils anderen zu einer Aktion veranlasst fühlen, die ihrerseits den Konflikt weiter vorantreibt. Da im Sinne Watzlawicks auch die Nicht-Reaktion eine Form der Kommunikation darstellt („Man kann nicht nicht kommunizieren“), sehen sich Terroristen durch die Gesprächsverweigerung von Staaten zu noch drastischerem Handeln gezwungen.

Insgesamt liefert André Malick stichhaltige Argumente für seinen Ansatz. Kommunikationsanalysen können der Deeskalation von Konflikten dienlich sein. Die Anschläge auf das World Trade Center kamen nicht aus heiterem Himmel, wie dies Präsident George W. Bush Jr. gegenüber der Weltöffentlichkeit verkündete. Ob sie durch die Anwendung kommunikationsanalytischer Methoden zu verhindern gewesen wären, erscheint dagegen unwahrscheinlich. Einige Fragen bleiben offen: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um das Gespräch mit einer (potentiellen) Terrorgruppe zu suchen? Muss ein Staat auf alle zugehen, die mit Terror drohen? Wie viele Menschen müssen getötet werden, bis ein Staat sich auf Verhandlungen einlassen sollte?

André M. Malick (2011): Al-Qa’idas Interpunktion von Ereignisfolgen. Eine Konfliktanalyse unter kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten nach Watzlawick. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft, 147 Seiten, 19,80 Euro.

2 Comments »

  1. K.R. 19. Mai 2012 at 01:43 - Reply

    Ist es wirklich so, dass Malick den Terrorismus der al-Qaida auf ein Kommunikationsproblem reduzieren will? Ja wie hätte die Kommunikation denn aussehen sollen? Hätte man einen Abgesandten zu Bin Laden schicken sollen, der ihm ausrichtet: Ja wir erkennen, dass ihr wütend seid! Wir wissen auch, dass der Islam eigentlich die Religion des Friedens ist. Dass mit dem Begriff Terrorismus auch Diktatoren und autoritäre Regime Widerstandsgruppen mit legitimen Forderungen diskreditieren, ist auch bekannt. Aber mit welchen Begriff hätte man den islamistischen Terror, den al-Qaida mit der weltweiten operativen Vernetzung und dem tausendfachen Massenmord ja nur zum seinem schrecklichen Höhepunkt geführt hat, denn sonst bezeichenen sollen?

    Der Krieg in Afghanistan zeigt ja auch, dass der Versuch mit al-Quaida in Verhandlungen zu treten und sie dadurch in eine Lösung einzubinden, nicht funktioniert. Er wird als Zeichen der Schwäche gesehen. Dem Ungeheuer die Köpfe abzuschlagen, ist wahrscheinlich wirkungsvoller.

    Der fromme Wunsch zu verstehen und dies durch „Kommunikation zu signalisieren“, ist im Fall von Islamisten eine Sackgasse. Es ist besser, Stärke und den Glauben an die eigenen Werte zu demonstrieren.

    • R.S. 18. August 2012 at 19:19 - Reply

      Malick zeichnet den Kommunikationsverlauf zwischen al-Qa’ida und „dem Westen“ nach – die Anschläge des 11.09.2001 erscheinen dann als fast schon zwingend logische Konsequenz. In keiner Zeile schreibt er aber, mit Bin Laden hätte – so wie ich den obigen Kommentator verstehe – verhandelt werden müssen.
      Vielleicht wäre der Konflikt ganz anders verlaufen, wenn denn die Kommunikationsparteien – also auch der Westen – diese mit Weitblick verstanden und entsprechend reagiert hätten. Und das gilt – so Malick – für viele und eben auch terroristische Konflikte.
      Aber so, wie der vorherige Schreiber argumentiert, ist es natürlich einfach, klingt logisch – und eskaliert eben in aller Regel mit teilweise fatalen Konsequenzen (siehe 09/11). Nur der zugrunde liegende Konflikt wird dadurch eben nicht gelöst. Den Kopf abschlagen – ja, dann ist das eine Problem zunächst beseitigt, nur dass dann viele weitere auftauchen und dies kaum noch rational beherrschbar ist — siehe Bsp. Afghanistan-Krieg mit der Bitte, den Satz „Es ist besser, Stärke und den Glauben an die eigenen Werte zu demonstrieren“ vor diesem Hintergrund vielleicht noch einmal zu reflektieren. Ob das die Afghanen und Muslime insgesamt genauso sehen – oder vielleicht ganz schön anmaßend finden? Und welche Kosequenzen hat dies? Warum haben Bin Laden und Co. den so eine Sympathie erworben?? Und seit wann ist die al-Qa’ida im Afghanistan-Krieg in Lösungsverhandlungen eingebunden (gibt es da Quellen – ich höre das zum ersten Mal…)? Die Kommunikation nach Malick bzw. eigenlich Watzlawick ist viel weiter zu verstehen, als der Kommentator dies hier wiedergibt. Eine Reaktion oder auch Nichtreaktion an sich ist hier bereits ein kommunikativer Akt (also bsp. die Stationierung von Soldaten in Saudi-Arabien oder ein Terrorakt an sich).
      Vorschlag: Malick lesen und danach darüber schreiben.

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