Deutsche, Juden, Sündenstolz

9. Mai 2012 0

Rezension zu Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz

Die Deutschen und ihr schwieriges Verhältnis zu den Juden – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Die einen verstehen sich als schlechtes Gewissen der Nation und leiern ihr „Wehret den Anfängen“ bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit herunter. Er hingegen hält uns lieber den Spiegel vor und zeigt uns die schwarze Seele. „Vergesst Auschwitz“, ist seine polemische Antwort. Denn: „Die Deutschen sind dermaßen damit beschäftigt, den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, dass sie den nächsten billigend in Kauf nehmen.“

Doch was wie Satire klingt, ist bitterer Ernst – wie eigentlich immer bei Henryk M. Broder. Denn seine Persiflagen treffen immer die Probleme der Zeit und die Natur der Deutschen. So wie Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow alias Loriot uns jahrzehntelang den gesellschaftlichen Spiegel vorhielt, macht es Broder heutzutage politisch – und vielleicht etwas derber. Aber die Herausforderungen unserer Zeit sind ja neben dem immer noch währenden Geschlechterkrieg auch etwas schärfer geworden.

Beleidigen kann Broder jedenfalls sehr gut und auch mit Absicht, zeigt doch ein Beleidigter meist sein wahres Gesicht hinter der Maske, wie man bei jeder Veröffentlichung einer Karikatur des angeblichen Propheten Mohammeds sehen kann. Nach Hurra, wir kapitulieren und Kritik der reinen Toleranz hat sich Broder nun des deutschen Antisemitismus angenommen und kehrt damit zu seinem Hauptwerk von 1986 (Der ewige Antisemit) zurück. „Die toten Juden sind die Lieblingsjuden der Deutschen – allein schon deswegen, weil sie bei Gedenkritualen nicht stören“, hält er uns vor und stellt den gesamten Erinnerungswahn infrage, da er in der Gegenwart politisch lähme.

Vor allem aber demaskiert Broder den vermeintlichen Antizionismus und Rassismusvorwurf an die Israelis (nicht nur der Linkspartei) als uralte, aber verschleierte deutsche Judenfeindschaft. Denn die Empörung all der (linken) selbsternannten Menschenrechtler über die Selbstverteidigung der Israelis gegenüber Palästinensern und nun auch gegenüber dem Iran verliert jegliche Glaubwürdigkeit, wenn die gleichen Menschenrechtler bei Verbrechen wie etwa in Tibet fröhlich wegschauen. „So muss man vermuten, dass den Antizionisten auch die Palästinenser egal sind, dass sie nur als Alibi und Ausrede benutzt werden, um Israel auf der Anklagebank halten zu können.“ Zu Recht wundert sich Broder darüber, dass der angebliche Völkermord an den Palästinensern diese immer mehr anwachsen lässt – ein inverser Genozid mit guter Lobby.

Wie die Faust aufs Auge hat der ewige Gutmensch Günter Grass kurz nach Erscheinen des neuen Broder’schen Pamphlets alle Klischees mit seinem Gedicht Was gesagt werden muss bestätigt. Verwunderlich ist das für Broder freilich nicht, hält er doch nicht besonders viel von dem Mann, der das sozialistische Experiment hinter der Mauer gerne länger als 1989 beobachtet hätte: „Wahrscheinlich verdankt der Dichter seine Popularität eher der Begabung, auf der Klaviatur des Sündenstolzes so virtuos zu spielen, als seinem literarischen Œuvre.“

Dieser deutsche Sündenstolz, den die 1968er populär gemacht haben, führt jedoch direkt in einen neuen nationalen Sozialismus, so Broder. Dieser wolle zwar nicht mehr erobern, aber Gleichheit und Sicherheit für alle: „Freiheit und eigene Verantwortung erscheinen dagegen zweitrangig.“ Das Moralische hat in Deutschland den wahren Protest ersetzt und das schlechte Gewissen ist zum Motor der Gesellschaft geworden. In der postheroischen Gesellschaft (Herfried Münkler) ersetzen Mülltrennen und der Bioladen die echte Verantwortung und „die Freude, einen Castor-Transport ein paar Stunden aufgehalten zu haben, bringt die Aktivisten gefühlt in die Nähe der Geschwister Scholl.“

Und abschließend, treffender kann man es nicht ausdrücken: „Die größte deutsche Spezialität ist es, zu wissen, was anderen guttut und was für sie ‚kontraproduktiv‘ ist, ein Talent, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Holländer, die Dänen oder die Schweden sich bei den Wahlen nicht so entscheiden, wie es die deutschen Kommentatoren für richtig halten. Wir sind nicht nur die Weltmeister der Herzen, wir sind auch die Weltbesten im Erteilen von Ratschlägen.“

Henryk M. Broder (2012): Vergesst Auschwitz. Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage. München: Knaus, 176 Seiten, 16,99 Euro.

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