Deutschland bringt keine Wissenschaft hervor

7. Mai 2012 3

Europäische Vorurteile gegenüber Deutschland und den Deutschen (V)

Können Deutsche ordentlich forschen? – Bild: matchka / pixelio.de

Im letzten Teil der Serie über die Vorurteile gegenüber Deutschen wird die vermeintliche Unwissenschaftlichkeit hierzulande beleuchtet und warum das unsere Wissenschaftler auf eine Stufe mit der Religion stellt.

Manuskripte von Deutschen ziehen oftmals ohne nennenswerte Forschung breit gefächerte Konklusionen. […] Deutsche begründen deduktiv, Briten und Amerikaner induktiv.“ 1

Die hier aufgeführten Aussagen beziehen sich auf die Wissenschaft bzw. auf den Mangel an selbiger in Deutschland. Mit anderen Worten: Forschungsberichte von Deutschen sind unwissenschaftlich und in ihrer Essenz wertlos. Das gesamte Wesen der modernen Wissenschaft besteht darin, dass sie auf umfangreicher Forschung basiert, in der sich daraufhin vorsichtig Muster entdecken lassen, die zur weiteren Analyse genauer untersucht werden müssen, usw.

Eine Voraussetzung um zu verstehen, weshalb Deutsche im Vergleich zu anderen westlichen Völkern als weniger wissenschaftlich angesehen werden, bedeutet zunächst einmal eine genaue Definition dessen zu haben, was Wissenschaft bedeutet. Wissenschaft verweist einerseits auf ein System von Wissensansammlung gemäß der wissenschaftlichen Methode und umfasst andererseits die Gesamtheit des Wissens, die hieraus hervorgeht. Was heute unter Wissenschaft verstanden wird, wurde erst vor gar nicht allzu langer Zeit erfunden. Wie die vorigen Abschnitte bereits verdeutlichten, war die Aufklärung ein ausschlaggebender Moment für die westliche Zivilisation, wobei das Dogma des Glaubens, der Offenheit und Unbefangenheit der Ratio wich. Die heutige Wissenschaft ist der direkte Erbe der Aufklärung und könnte ohne dieses neue Paradigma nicht bestehen.

Die Wissenschaft ist ein Erbe der Aufklärung, gleichzeitig aber auch aus der westlichen Philosophie entstanden. Diese philosophische Tradition blickt auf eine mehr als 2500-jährige Tradition zurück, die bis hin zu Plato und Sokrates reicht. Dennoch besteht ein großer Unterschied zwischen der Philosophie und der modernen Wissenschaft. Dieser Unterschied ging aus den neuen Erkenntnissen der Aufklärung hervor.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die moderne Wissenschaft geboren. Die neuen Erkenntnisse über das Verständnis der Welt entstammten stets mehr Forschungen auf der Grundlage der neuen wissenschaftlichen Methodik. Diese Methodik kennzeichnete sich durch empirische Forschung, auf deren Grundlage Wissenschaftler eine Hypothese als mögliche Erklärung des Wahrgenommenen destillieren. Diese Hypothesen werden daraufhin als Grundlage für experimentelle Studien verwendet, um so den Wahrheitsgehalt der Hypothesen zu überprüfen, etc. Auf diese Weise häuft die Wissenschaft in einem evolutionären Prozess stets mehr Wissen an. Dies bildet einen Gegensatz zu anderen theoretischen Forschungsmethoden, die nicht auf vorhergehenden Forschungsergebnissen basieren und/oder sich keinerlei Forschungsergebnisse bedienen, denen direkt wahrnehmbare Beobachtungen wie z.B. empirische Forschung zugrunde liegen.

Die Anschuldigung, dass deutsche Forschungsberichte publizieren, die nicht auf ausgiebiger Forschung basieren, daraus aber dennoch weit reichende Rückschlüsse ziehen, bedeutet auch, dass es für die Deutschen keinen Platz in der wissenschaftlichen Tradition gibt. Jegliche deutsche Forschung kann daher auch unmittelbar als minderwertig und überholt disqualifiziert werden. In der modernen Gesellschaft hat das selbstverständlich einschneidende Folgen, da wissenschaftliche Theorien die Basis sämtlicher moderner Technologien darstellen, von Autos, Computern und Fernsehmedien bis hin zur modernen Medizin. Ohne die moderne Wissenschaft wäre die heutige Welt nicht möglich, und den Vorurteilen der Europäer und Amerikaner zufolge hat Deutschland hierzu praktisch keinen Beitrag geleistet.

Die zweite Aussage über die mangelnde Wissenschaftlichkeit von Deutschland betrifft die vermeintliche Methode des Denkens und Handelns von Deutschen. Es ist keineswegs überraschend wenn hier angemerkt wird, dass die Deutschen auch hier wieder negativ abschneiden. Um zu begreifen, warum dies so ist, folgt nun zunächst eine kurze Beschreibung der Bedeutung deduktiver und induktiver Schlussfolgerung und deren Zusammenhang mit (einem Mangel an) Wissenschaftlichkeit.

Gemäß der Enzyklopädie Wikipedia ist die Definition von Deduktion das „Anwenden einer allgemeinen Regel auf eine spezielle Situation.“ Induktion wird hier definiert als „das Ableiten allgemein möglicher Regeln aus einer Sammlung spezifischer Fälle.“

Die obigen Definitionen erscheinen bezüglich einer möglichen Bewertung der Verwendung von Deduktion oder Induktion in der Wissenschaft in erster Linie neutral. Dies ist leider nicht der Fall. Das Problem ist die Art und Weise der Schlussfolgerung. Bei deduktiver Argumentation geht man von der Tatsache aus, dass die Schlussfolgerung die notwendige Folge der vorausgehenden Annahme ist. Zur Verdeutlichung das folgende Beispiel: Wenn wir die Aussagen „Schwäne sind Vögel“ und „Alle Vögel können fliegen“ als wahr ansehen, können wir hieraus die Schlussfolgerung ziehen, dass Schwäne fliegen können.

Deduktive Schlussfolgerung wird häufig in der Mathematik zur Darstellung eines Systems absoluter Wahrheiten verwendet, welche die Wirklichkeit beschreiben. Deduktion hat einen großen Nachteil. Dieser Nachteil liegt in der Tatsache verborgen, dass die mithilfe der Deduktion erreichte Schlussfolgerung abhängig ist von der Richtigkeit der Annahme. Bei Deduktion führt eine verkehrte Annahme immer und unwiderruflich zu einer verkehrten Schlussfolgerung. Nehmen wir in unserem Beispiel nun an, dass wie zum ersten Mal einen Vogel Strauß sehen. Wir verfügen über die Annahme, dass „alle Vögel fliegen können“ und wir wissen, dass ein Vogel Strauß ein Vogel ist. Gemäß deduktiver Argumentation müsste ein Vogel Strauß demnach fliegen können.

Da die Deduktion von absoluten, unumstößlichen Wahrheiten ausgeht und da diese möglicherweise irrtümlichen Annahmen unvermeidbar zu verkehrten Schlussfolgerungen führen, wird Deduktion ausschließlich in eindeutig definierten Situationen wie in der theoretischen Mathematik verwendet.

Induktion unterscheidet sich fundamental von der Deduktion, da beim Einsatz induktiver Argumentation die Schlussfolgerung von den Annahmen unterstützt wird, ohne dass deren Verbindung absolut ist. Beim Einsatz der induktiven Argumentation mithilfe der wissenschaftlichen Methode werden unterschiedliche Beobachtungen gemacht, aus denen daraufhin eine allgemein gültige vorläufige Wahrheit destilliert wird. Auf diesen Schlussfolgerungen können andere später wieder aufbauen. Bei der Induktion wird von der Wahrheit der vorherigen Erfahrungen ausgegangen, beispielsweise dass man im Dezember eine dicke Jacke tragen muss, weil es kalt ist. Gemäß der Induktion kann man aus den Erfahrungen, dass es in den vorherigen Dezembermonaten kalt war schließen, dass es in den kommenden Dezembermonaten auch kalt werden wird. Gemäß deduktiver Argumentation ist dies nicht möglich, da es keine absolute Verbindung zwischen Dezember und Kälte gibt, schließlich könnte der Dezember durch die Klimaveränderungen plötzlich nicht mehr kalt sein.

Diese Flexibilität der induktiven Argumentation ermöglicht, dass man auf früheren Erfahrungen aufbauen kann, dieses Wissen aber auch gleichzeitig anpassen kann, wenn diese Annahmen verkehrt bzw. nicht allgemeingültig sind. Es sollte deutlich sein, dass die Tatsache, dass Engländer und Amerikaner induktiv argumentieren, ihnen einen enormen Vorsprung im Bereich der Wissenschaft beschert. Dies gilt auch für praktisch alle Lebensbereiche, da die einzige Sicherheit ist, dass es keine Sicherheit gibt. Die Toleranz gegenüber Unsicherheit und die Offenheit der Briten und Amerikaner kommen hier wieder deutlich zum Vorschein. Die Deutschen sind im Vergleich hierzu also bürokratisch, engstirnig, kurzsichtig und weltfremd. Die Deutschen sind gefangen in ihrer eigenen Wahrheit, ohne die Möglichkeit ihre Annahmen über die Welt anpassen zu können, laufen also wie Blinde einer gefährlichen Zukunft entgegen. Dieser Weg hat die Deutschen bereits entlang des Nationalsozialismus an den Rand des Abgrunds gebracht, was gemäß der obigen Argumentation eine logische und unvermeidbare Folge einer kulturellen Denkweise war, welche die Deutschen dazu verdammt, ihre Fehler immer und immer wieder zu wiederholen.

Auch die Aussagen über den deutschen Mangel an Wissenschaftlichkeit stehen in dem Kontext, dass Deutschland die Aufklärung verpasst hat und somit kein integraler Bestandteil Europas und des Westens ist. Deutsche Wissenschaft ist keine echte Wissenschaft gemäß der Definition des 21. Jahrhunderts. Die deutsche Wissenschaft steht in der Tradition der Zeit vor der Aufklärung und steht auf dem gleichen Niveau wie die Wahrheitsfindung in prä-modernen Gesellschaften und großer Religionen, wie dem Christentum und dem Islam.

Wir behandeln nun zunächst den Vergleich, dass deutsche Wissenschaft und Argumentationsweise mit dem Weltbild in prä-modernen Gesellschaften vergleichbar ist. Wir können dies die philosophische Methode nennen.

Die Philosophie wird auch „der Große Dialog über die Jahrhunderte hinweg“ genannt. Durch diesen Dialog können Philosophen auf die Ideen anderer reagieren und die Philosophie auf diese Weise weiterbringen um eine bessere Einsicht in die Welt zu bekommen. Leider gelten in der Philosophie wesentlich weniger strikte Methoden um einen solchen Dialog zu führen, als in der modernen Wissenschaft mit ihrer wissenschaftlichen Methode. Der Mangel an deutlichen philosophischen Standards führt dazu, dass man nicht direkt auf neuen Einsichten aufbauen kann. Man kann es kommentieren und für nicht wahr ansehen, da es keine allgemein akzeptierte Methode gibt, welche gute philosophische Wissenschaft erfüllen muss. Dies führt dazu, dass der Fortschritt in der Philosophie nur sehr schleppend vorankommt, wobei das Paradigma sich häufig gänzlich verschiebt und man auf der Grundlage neuer Annahmen völlig neu beginnen muss. Das Bild, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker sei, weckt daher auch nicht wirklich positive Konnotationen, da damit zum Ausdruck gebracht wird, dass Deutsche zwar philosophisch, aber nicht wissenschaftlich sind. Die Errungenschaften, die auf diese Weise erworben wurden sind zwar ganz nett, haben jedoch keinen wirklichen Mehrwert.

Der zweite Vergleich wird zwischen Deutschland und dem Islam gezogen. Laut der Vorurteile haben beide ein vergleichbares Weltbild und eine vergleichbare Argumentationsweise. Diese kann man als die theologische Methode bezeichnen. Ein solche Art und Weise zu Argumentieren ist auch nicht-wissenschaftlich und führt unwiderruflich zu verkehrten Schlussfolgerungen.

Seit jeher hat der Mensch versucht, die Welt mithilfe eines religiösen Denkbildes zu erklären. Als Erstes gab es die Naturreligionen, bei denen die Welt über Naturgeister erklärt werden sollte, die sich in Naturphänomenen äußerten. Mit dem Aufkommen des monotheistischen Glaubens wurde die Erklärung des Funktionierens der Welt und des Lebens verschoben zu einem unsichtbaren, allmächtigen Gott. Gemäß der drei wichtigsten monotheistischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam ist Gott allmächtig und hat der Menschheit seinen Willen durch heilige Schriften, durch die Thora, die Bibel und den Koran offenbart. Diese Bücher stehen stellvertretend für das Wort Gottes und dienen als Grundlage zum Verständnis der Welt.

Die Aufklärung wird oftmals als der Wendepunkt zwischen irrationalen Denkmustern, wie von den Religionen vorgeschrieben, und der humanistischen Ratio angesehen. Dies wird gelegentlich in der Weise falsch interpretiert, dass Religion nicht rational sei. Das ist oftmals sehr wohl der Fall, allerdings in eingeschränktem Maße. Der Grund, dass die Religion gleichzeitig rational und irrational sein kann, entsteht durch die Annahme, dass die Heilige Schrift in ihrem Kern die Wahrheit repräsentiert. Diese Wahrheit lässt sich manchmal nicht eindeutig aus dem Text lesen, da die Heiligen Schriften von Menschen geschrieben wurden, letztlich enthalten Thora, Bibel und/oder der Koran jedoch die einzige Wahrheit. Aus dieser Annahme heraus wird die Welt betrachtet und dies bildet den Anfangspunkt aller Forschung. Ein zweiter entscheidender Fehler, den prä-moderne religiöse Wissenschaftler oftmals begehen bzw. begingen, war die Verwendung von Deduktion an Stelle von Induktion beim Betreiben von Forschung. Wie bereits erwähnt, folgt bei der Verwendung deduktiver Argumentation die Schlussfolgerung immer einem Absolutum der Annahme. Eine verkehrte Annahme führt daher auch immer zu einer falschen Schlussfolgerung, ohne dass dabei die Möglichkeit besteht, aus den Fehlern zu lernen.

Ein derartiger Tunnelblick verhindert die Erlangung neuer Erkenntnisse. Im Kontext des Islams ist es daher nicht möglich zu einem modernen Weltbild zu gelangen, ohne von der Annahme abzulassen, dass der Koran die Wahrheit wiedergibt. Eigentlich ist es für den Islam nur dann möglich, sich an die moderne Wissenschaft anzupassen, wenn er sich selbst verleugnet. Das Gleiche gilt den Vorurteilen der Europäer und Amerikaner zufolge auch für Deutschland und die deutsche Kultur. Nur durch die Auflösung oder das Abschaffen der deutschen Kultur können die Deutschen wirklich in die moderne Zeit eintreten. Bis zu diesem Zeitpunkt leben die Deutschen unter einem Schleier der Unwissenheit und sind sie Gefangene ihrer eigenen Wahrheit.

Notes:

  1. Geert Hofstede und Gert Jan Hofstede (1991, hier 21. Auflage von 2006): Allemaal andersdenkenden, omgaan met cultuurverschillen, Seite 204. Englisches Original: Cultures and Organizations – Software of the Mind: Intercultural Cooperation and Its Importance for Survival, auf Deutsch: Lokales Denken, globales Handeln: Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, München: dtv 2011.

3 Comments »

  1. jlh 22. Mai 2012 at 02:11 - Reply

    Sieht man die Titeln der Posts von Herrn Zandberg kurz an, bekommt man den Eindruck, dass er den Deutschen einfach nicht sehr grün ist, „Wissenschaftlich“ schreibt er allenfalls nicht.

    • Felix Strüning 22. Mai 2012 at 14:44 - Reply

      Im Gegenteil, Zandberg zerlegt die deutschenfeindliche Argumentation vom Kulturforscher Hofstede…

  2. Alexander 6. Oktober 2012 at 15:17 - Reply

    Der Autor bemüht sich ausgiebig, Behauptungen zu widerlegen, die so niemand vertreten hat; und die angesichts der überwältigenden Verdienste dieses Landes um die technisch-naturwissenschaftliche Zivilisation auch vollkommen absurd sind. Wer solch haarsträubenden Unsinns auch nur eines Arguments würdigt, setzt sich dem Verdacht aus, ihn unter dem Vorwand der Kritik erst verbreiten zu wollen.

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