Linker Rand, rechter Rand

4. Mai 2012 2

Rezension der Schriftenreihe zur Extremismus- und Terrorismusforschung herausgegeben von Armin Pfahl-Traughber

Aufkleber der linksextremen Antifa in Berlin – Bild: Felix Strüning

Noch ein Jahrbuch? So könnte man denken, denn das Jahrbuch Extremismus- und Terrorismusforschung (JET) steht in Konkurrenz zu gleich drei ähnlichen Publikationen: Dem Jahrbuch Extremismus & Demokratie (Jesse/Gallus/Backes), dem Jahrbuch Öffentliche Sicherheit (Möllers/van Ooyen) und dem Jahrbuch Antisemitismusforschung (Benz). Aber im Vergleich zeigt das JET einen Vorteil: Während die Jahrbücher der Konkurrenz bei knapp 50 Euro pro Band liegen – und damit selbst in vielen sozialwissenschaftlichen Bibliotheken nicht erhältlich sind –, steht das JET zum kostenlosen Download bereit (siehe Artikelende). Das Layout ist zudem druckerfreundlich ohne unnötige Farbspielereien gestaltet. Insgesamt dürften die Texte deswegen eine deutlich größere Breitenwirkung entfalten.

Aber auch inhaltlich hat das JET, das sich zu gleichen Teilen in die Themenbereiche Grundsatzfragen, Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus und Terrorismus unterteilt, einiges zu bieten:  Das Spektrum der Autoren reicht vom Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge (exponierter Gegner der Extremismusforschung) bis zu seinem Gegenspieler Eckhard Jesse (exponierter Befürworter der Extremismusforschung). Während Butterwegge im JET 2009/2010 einmal mehr die Gelegenheit nutzt, um den Extremismusbegriff insgesamt infrage zu stellen und dessen Funktion zur Diskreditierung der Linkspartei zu beklagen, untersucht Jesse die Vier-Säulen-Strategie der NPD („Kampf um die Köpfe, Kampf um die Straße, Kampf um die Wähler, Kampf um den organisierten Willen“), misst dieser im Ergebnis jedoch wenig Erfolgschancen bei. Gerade weil mit dem ehemaligen Vorsitzenden Udo Voigt eine deutliche Radikalisierung erfolgte, fehle der Partei die gesellschaftliche Akzeptanz, um zu Wahlerfolgen zu gelangen.

Einem ebenso spannenden Thema widmet sich Thomas Pfeiffer. Der Rechtsextremismus-Experte analysiert Berichte von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene, mit dem Ziel, das Einsteigen von Jugendlichen in die Szene verhindern. Der Schluss, den Pfeiffer aus seinen Ergebnissen zieht, ist überraschend: Die Handlungsmaxime gegen rechts greife zu kurz, da insbesondere Integrationserfahrungen von außen die Ablösung von der Szene begünstigten. Pfeiffer fordert daher ein stärkeres gesellschaftliches Wir-Gefühl, um den anfälligen Jugendlichen Halt bieten zu können. Notwendig ist also das Zugehen auf Rechtsextremisten – und zwar nicht so, wie es militante Linke zelebrieren. Nazis raus ist keine Lösung des Problems, sondern eine im Grunde sinnlose Parole.

Der aktuelle (vierte) Band der Schriftenreihe mit dem Untertitel Antisemitismus im Extremismus enthält nicht allein – wie der Titel vermuten lässt – Texte zum Thema Antisemitismus. Der Politikwissenschaftler Manfred Brocker etwa untersucht, ob religiöser Fundamentalismus mit den Grundprinzipien der liberalen Demokratie vereinbar ist und gelangt zu einem differenzierten Ergebnis. Einen äußerst kontroversen Beitrag leistet der Rechtswissenschaftler Horst Meier, daher weist der Herausgeber den Text ausdrücklich als Minderheitenposition aus. Unabhängig davon, wie man der Auffassung des Autors gegenübersteht, ist sein Text Sonderrecht für Neonazis? in jedem Fall mutig, denn er muss mit deutlichem Widerspruch rechnen. Meier hält die Rechtfertigung von Sonderrechten gegen Rechtsextremisten und damit die aktuelle Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts für den „Sündenfall schlechthin“ und prognostiziert „schwere Kollateralschäden für die Bürgerrechte“. Die derzeitige Gesetzgebung steht nach Meinung des Verfassers nicht im Einklang mit dem Grundgesetz.

Die Texte zum Thema Antisemitismus stammen allesamt von Herausgeber Armin Pfahl-Traughber. Das hat den Vorteil, dass rechtsextremistischer, linksextremistischer und islamistischer Antisemitismus einem einheitlichen Analyseraster unterworfen werden – allerdings wären auch andere Blickwinkel wünschenswert gewesen. Abgesehen von der Verwendung des vielgeschmähten Extremismus-Begriffs, dürfte die Auseinandersetzung mit antijüdischen Ressentiments im linken Spektrum auch von linken Gruppen als legitim angesehen werden. Denn obwohl dieses – im Grunde rechtsextreme – Ideologiefragment nicht mit linken Ideen kompatibel ist, kommt es immer wieder zu nicht tolerierbaren Vorgängen. So etwa im Herbst 2009 in Hamburg, als Aktivsten des antiimperialistischen Zentrums B5 die Aufführung eines proisraelischen Films im Szenekino B-Movie gewaltsam verhinderten.

Insgesamt zeichnet sich die Schriftenreihe E+T durch eine Vielzahl kontroverser Standpunkte aus, ohne sich dabei auf eine politische Richtung festzulegen. Sie ist kein politisches Mittel, sondern ein breit aufgestelltes Expertenforum. Der etwas unsystematische Aufbau könnte zu allerlei bibliographischer Verwirrung führen, denn der zweite Band des JET stellt gleichzeitig den dritten Band der Schriftenreihe dar. Eine Trennung hätte zu mehr Übersichtlichkeit verholfen. Dennoch stellen die Schriften zur Extremismus- und Terrorismusforschung ohne jeden Zweifel einen Gewinn für Wissenschaft und Gesellschaft dar.

Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung (JET) zum Download:

  1. Gerhard Hirscher/Armin Pfahl-Traughber (Hg.) (2008): Was wurde aus der DKP? Beiträge zu Geschichte und Gegenwart der extremen Linken in Deutschland. 184 Seiten. PDF
  2. Armin Pfahl-Traughber (Hg.) (2008): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2008. 562 Seiten. PDF
  3. Armin Pfahl-Traughber (Hg.) (2010): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010. 645 Seiten. PDF
  4. Helmut Fünfsinn/Armin Pfahl-Traughber (Hg.) (2011): Extremismus und Terrorismus als Herausforderung für Gesellschaft und Justiz. Antisemitismus im Extremismus. 202 Seiten. PDF

 

2 Comments »

  1. Sugel 17. Mai 2012 at 05:51 - Reply

    Rechtsextremismus wird in der Schweiz zumeist mit gewaltbereiten rechtsextremen Skinheads assoziiert; für andere Gruppierungen wird in der Schweiz häufig die Bezeichnung national- oder rechtskonservativ verwendet.

  2. Esra 28. März 2013 at 03:07 - Reply

    Die Links stimmen nicht mehr; die Dokumente sind aber weiterhin verfügbar und lassen sich durch eine Suche nach dem Stichwort „Extremismus“ leicht wiederfinden.

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